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Central-Verein-Zeitung · 1932-11-01 · Heft 11 (November 1932) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 11 (November 1932)
Date
1932-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6$ Dr. Kurt Zielenziger i nDeutsche Juden in der deutschen Wirt~ Schaft** für die neue Generation. Der reiche Enkel ist genau so Bürger wie der Großvater, der mit geringen Mitteln das Unternehmen begründet hat. In allen Wirtschaftszweigen sind Inden tätig. Aber noch ist ihnen der Antritt zu den höchsten Stufen des Staates verwehrt. Vielen Inden erscheint der Reserveoffizier als das Ideal. Vielleicht mag der Kampf um die Zulassung zu dieser Kaste uns heute lächerlich dünken. Aber sie bildete damals das Idol der Zeit, als jeder Minister mindestens Leutnant der Reserve sein mußte. Der Staat von einst setzte Prämien auf die Charakterlosigkeit. Denn der getaufte Jude war plötzlich geeignet, Offizier zu werden oder die höchsten Staatsstellen zu erklimmen. Als endlich von den Inden die v 0 l l st Ü n d i g e Gleichberechtigung auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges erfochten wird, als die jüdische Jugend die gleichen Opfer bringt wie alle anderen, setzt die Peripetie in dem Drama des deutschen Inden ein. Die Objektivierung der wirtschaftlichen Beziehungen, wie Sombart es nennt, die zu einer Entpersönlichung der wirtschaftlichen Vorgänge führt und die kapitalistische Unternehmung gegenüber dem kapitalistischen Unternehmer in den Vordergrund stellt, drängt die deutschen Juden aus Positionen zurück, in denen sie im ersten Verlauf der neuen Aera einen starken Einfluß besaßen. Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts gehört schon den Aktiengesellschaften. Das letzte Jahrzehnt läßt Kartelle und Konzerne entstehen. Der Kapitalismus schafft sich selbst Bindungen. Er verliert an Beweglichkeit. Ein Günstling James Rothschilds, der portugiesische Jude Emil Pereire, hatte 1852 den Credit mobilier gegründet. Er wird zum Vorbild der Aktienbanken. Die Mission der Rothschilds ist vorbei, als das aristokratische vom demokratischen Prinzip abgelöst wird. In Deutschland sind Juden an ddr Gründung der ersten Banken nicht beteiligt, wenn sie auch später an ihrer Entwicklung starken Anteil nehmen. Dieser Entwicklungsprozeß wird durch den Weltkrieg beschleunigt. Er bedeutet eine Cäsur in der Weltgeschichte. Die Wirtschaft hat eine völlige Wandlung vollzogen. Hiermit ändert sich die Stellung des deutschen Juden in der deutschen Volkswirtschaft. Die Umwälzungen treffen die Schicht des Bürgertums mit besonderer Stärke. Die Proletarisierung des Mittelstandes ergreift mit Naturnotwendigkeit auch die Juden in einem bisher ungeahnten Maße. Der Nationalisierungsprozeß vollendet den Ausbau der Herrschaft von Trusten und Syndikaten. Ueberall türmen sich Riesenorganisationen in die Höhe. Jnnner stärker greift die öffentliche Hand in die Wirtschaft. Der Staat als Unternehmer wird zum selbstverständlichen Begriff. Dem Wagemut des einzelnen sind überall Schranken gezogen. Das Risiko scheint beseitigt. Denn für alle Sphären wirtschaftlicher Betätigung sollen Garantien geschaffen werden. Das Gebiet des Großhandels wird immer stärker eingeengt. So vollzieht sich eine Verdrängung der Juden auf den verschiedensten Gebieten. Nachdem der deutsche Jude endlich seine volle Emanzipation erreicht hat, nachdem es ihm gelungen ist, mi3 seinen Reihen dem deutschen Volke Staatsmänner zu stellen und höchste Negierungsäncker zu besehen, scheint man sich vom Juden zu emanzipieren. Seine Mission ist erfüllt. Dort, wo er Lehrer war, hat man ihn nicht mehr notig. Wenn man die Statistik zu Rate zieht, erhält man kein genaues Abbild der heutigen Situation. Nach der Berufs- und Betriebszählung war 1925, wie Silbergleit feststellt, ungefähr die Hälfte aller berufstätigen Juden in Preußen im Handel wwb Verkehr sowie in der Gast- und Schankwirtschaft beschäftigt. Dieser Prozentsatz übertrifft den Anteil, den alle preußischen Erwerbstätigen damals mit Handel hatten, um das Dreifache. Aber Silbergleit sagt mit Recht: „Daß diese Verteilung von derjenigen der Gesamtbevölkerung in denkbar weitestem Umsange abweicht, ist nur die natürliche Folge der geschichtlichen Entwicklung." Bon 1907 bis 1925 war diese Zahl um mehr als 6 Prozent zurückgegangen. Diese starke Anteilnahme der Inden am Handel und der Industrie läßt sie die Erschütterungen der Wirtschaft mit besonderer Schioere empfinden. Einen besseren Ueberblick über die Lage von heute gewinnen wir aus dem Buch von Alfred Marcus „Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden". Hier zeigt sich deutlich die starke Schwächung der jüdischen Positionen. Denn aus all den Wirtschaftszweigen, die bisher als spezifisch jüdisch galten, werden sie all m ä h l i ch verdrängt. Aus den Zahlen, die Marcus veröffentlicht, ergibt sich, daß sich zwar die Gesamtzahl der Betriebe im deutschen Metallhandel von 1913 bis 1930 um 6,5 Prozent vergrößert, aber die derjenigen, die Inden gehören, um 13,3 Prozent verringert hat. Dasselbe gilt für die Unternehmungen des Eisen- und Schrotthandels wie des Getreidehandels. Die Privatbanken in nichtjüdischen Händen haben sich von 1923 bis 19&0 um 1,6 Prozent vermehrt, die den Juden gehörenden im gleichen Zeitraum um 5 Prozent vermindert. Der Abbau in den gehobenen Positionen der Aktienbanken scheint sich in letzter Zeit nach diesen Erhebungen vor allem aus Kosten der Juden vollzogen zu haben. Auch heute noch ist der Anteil jüdischer Menschen in Deutschland an der Textil« Wirtschaft sehr stark. ' Aber diese Stellung besonders im Textilhandel und in der allen Ein», flössen der Mode unterworfenen Konfektion birgt alle Gefahren der zukünftigen Entwicklung in sich. Bestehen noch gewisse Differenzierungen zwischen den Juden und der übrigen Bevölkerung, soweit es sich um ihre Betätigung handelt, so gibt es doch heute keinen e i n zi ge n Peru f s z w e i g, in dem keine Juden beschäftigt sind. Als ein erstes Ergebnis unserer Berufsstatistik ist hervorzuheben, so betont Silbergleit, daß die Juden im preußischen Staate an jedem der 166 Felder beteiligt sind, in die das gesamte Arbeitsleben der Nation durch die angewandte Systematik zerlegt wird, daß es nicht einen Wirtschaftszweig gibt, in dem Juden nicht vertreten wären. So ist der Weg zu einer A n g l e i ch u n g der deutschen Juden an ihre Umwelt beschritten. Vollzogen ist sie f a st auf sozialem Gebiet. Die Verufsstatistik von 1925 zeigt zwar, daß noch 48,3 Prozent aller erwerbstätigen preußischen Juden sich als Selbständige bezeichnet hatten gegenüber nur 16,2 Prozent der übrigen Bevölkerung. Gewiß ist dieser Prozentsatz der Juden im Verhältnis zu der Gesamtzahl außerordentlich hoch. Aber er ist 1925 schon wesentlich geringer als 1907, und er hat sich in den letzten sieben Jahren sehr erheblich verringert. Was verbirgt sich nicht alles hinter dieser Selbständigkeit? Oft der kleinste Agent, der als einziges Requisit ein Telephon und eine Negistriermappe besitzt. Weit bedeutender für die Beurteilung der sozialen Verhältnisse der deutschen Juden sind die Angaben über die Angestellten. Denn während nur 17.1 Prozent aller preußischen Berufstätigen zu den Angestellten rechnen, sind es bei den Juden 33,8 Prozent. Die Anteilziffer der Juden ist also doppelt so groß wie die der Gesamtbevölkerung. Sie hat sich seit 1907 verdoppelt. Ein jüdisches A r b e i t n e h m e r h e e r ist e n t st a n d e n , das alle Schicksale der übrigen Arbeitnehmer teilt. Sombart hat für die Vorkriegszeit berechnet, daß im Jahre 1907 die Juden in Berlin 30,8 Prozent der Gesamteinkommensteuer aufgebracht haben. Damals hat das durchschnittliche Einkommen der Juden das der übrigen Bevölkerung um das Zwei- bis Dreifache übertroffen. Denn in jenen Jahren gab es in der Reichshauptstadt nur ein geringes jüdisches Prv^ letariat. Aus einer Erhebung von A. Menes läßt sich ersehen, daß 1928 das durchschnittliche Einkommen der jüdischen Bevölkerung Berlins zwischen 2660 bis 2910 Mark lag, gegenüber einem Gesamtdurchschnitt von etwa 1550 Mark pro Kopf. - Wer die amtlichen Berliner Konkurslisten liest und aus ihnen oft-nur jüdische Namen findet, weiß, daß die letzten vier Jahre den Einkommensunterschied ebensalls beseitigt haben. Was die Inflation begonnen, hat die Deflation vollendet. Die Kapitalien sind verschwunden. Die Ersparnisse längst ausgezehrt. Reserven^ nicht vorhanden. Unaufhaltsam schreit" et die P r o l e t a r i s i e r u n g der deutschen Juden fort. Sie müssen in Reih und Glied mitmarschieren. Tenn der Zwang, nicht aussteigen zu können, kennzeichnet das wahre Schicksal des Proletariats. Hinter einer künstlich ausrechterhaltenen Fassade birgt sich oft bitterste Not. Ist es nicht so. wie es Jakob Wassermann im „Etzel Andergast" schildert: „Bürgerliche Wohnungen sind eigentlich noch trister, wenn sie sich krampfhaft bemühen, das Gesicht zu wahren. Die abgebauten Beamten, zugrunde gegangenen Kaufleute, kleinen Adligen, die sie innehaben, sind wie die Nachzügler einer geschlagenen Armee, die mit schlotternden Knien noch ein bißchen Parademarsch markieren." Bilden nicht dieJuden heute in Deutschland eine geschlagene Armee? Das Heer der Entthronten wird noch vermehrt durch jene, die. durch Boykott oder Verhetzung vertrieben, gezwungen sind sich ein neues Leben zu zimmern. Aus den Dörfern, .aus den kleinen Städten läßt man sie ziehen, nur weil sie Juden sind. Mit. ihrer ganzen Kraft haben die deutschen Juden am Bau der deutschen Wirtschaft milgewirkt, haben Deutschland in harter Arbeit zu seiner Blüte mitemporgeführt. Tenn sie haben dieses Land mit ganzer Inbrunst geliebt, auch wenn es sie als Stiefkinder behandelte. Sie lieben es auch heute in seinem Unglück mit heißem Herzen und mit all der Hingebung und der Begeisterungsfühigkeit, die immer jüdisches Erbteil war. So sind sie nationaler als viele, denen das Wort Vaterland zur. Phrase geworden ist. Bisweilen sieht es so aus, als ob ein neues Mittelalter herauszieht, das die Juden abermals in Knechtschaft und. Rechtlosigkeit hinabstoßen will. Gegen diese falschen Propheten des Deutschtums werden die Juden ihre Rechte zu wahren wissen. Tenn sie glauben, daß es für Deutschland kein Zurück, sondern nur ein Auswärts gibt! * Dieser Aufsatz ist mit Erlaubnis des Verlages und des Verfassers dem Buche ,,Der Jud ist schuld . . Diskussionsbuch über die Judenfrage, Zinnen-Verlagt Basel, Berlin, Leipzig, Wien, 1932, entnommen.

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