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Central-Verein-Zeitung · 1932-11-01 · Heft 11 (November 1932) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 11 (November 1932)
Date
1932-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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auf wirtschaftlichem Gebiet vorwärist reiben. Ter K a p i t a l i s in u s wird it enge b o r e n : der Industrie- und Verkehrskapitalismus entsteht. Ist es nicht wie ein Symbol der neuen Zeit, das; Fichte gerade im Jahre 1800 als das Ziel seiner Philosophie erklärt: „Vaterlandsliebe ist meine Tat, Weltbürgersinn ist mein Gedanke." In diese neue Zeit werden die Inden in Deutschland gestellt. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sollen endlich auch für sie gelten. Die deutschen Klassiker ebnen den Weg. Lessing sagt: „Es hat mich oft geärgert, hat mir Tränen genug gekostet, wenn Christen gar so sehr vergessen fonnteit, das; unser Herr ja selbst ein Jude war." Nathan der Weise, die Glorifizierung Moses Ai e n d e l s s o h n s, verherrlicht den Geist, der die deutschen Juden zu deutschen Bürgern erziehen lvill. Starke Persönlichkeiten führen sie hinauf in die erste Reihe der deutschen Gesellschaft. Ihre Häuser, bisher gemieden, werden in Berlin zum Mittelpunkt des deutschen Geisteslebens. Die Emanzipatio n von 1812 seht nur den Schlußstein unter diese Aera. Sie bildete zugleich den Auftakt für eine völlig neue Epoche. Denn jetzt können in Preußen wenigstens die Inden g l e i chb e r e cht i g t an der Entwicklung der deutschen Wirtschaft teilnehnren. Was vorher durch Privilegien nur einigen Bevorzugten 31t* stand, ist nun das Recht aller geworden. Aber die jahrhundertelange Ghettozeit und die Gewöhnung an ganz bestimmte Erwerbszweige mußten nachwirken. Der Jude war geradezu zum Geldleiher und zum Händler gezüchtet worden. Wo hätten also jetzt landwirtschaftliche Kenntnisse Herkommen sollen oder bergmännische Erfahrungen? Da ehedem aud) viele Handelszweige geschützt waren, hatte man die Juden gezwungen, neue zu erfinden. So wurden sie, wie Sombart mit Recht sagt, die Väter des Surrogats. Der Handel mit Altstoffen bleibt auch im 19. Jahrhundert eine ihrer Domänen. Aber es öffnen sich jetzt neue Erwerbsmöglichkeiten. Die von den Schranken befreite Wirtschaft erlaubt es jeden:, jebeii Berns zu ergreifen. Durch das Edikt vom 11. März 1812 wird es den Juden gestattet, „alle erlaubten Gewerbe mit Beachtung der allgemeinen gesetzlichen Vorschriften zu treiben". Sie können also Neuland betreten. Landwirte werden, Handwerker und Fabrikanten. Aber selbst in Preußen bleiben noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Iin Jahre 1815 gibt es hier für sie noch 20 verschiedene Gesetze. Nicht in jeder Provinz erkennt man sie als Staatsbürger an. Von Salomon Herz, dein Vater des „Oelherz", den Wilhelm II. als den ersten Kaufmann Berlins zur Exzellenz ernannt hatte, wissen wir, daß ihn sein Heimatland Anhalt noch im Jahre 1820 zwingt, das Judenschutzgeld zu erneuern. Als er sich dann 1823 in Berlin niedergelassen hat und im gleichen Jahr in Wittenberg a. d. Elbe, das erst 1815 preußisch geworden war, eine Oelmühle errichten will, wird ihm von der Negierung in Magdeburg bedeutet, „daß das Edikt vom 11. März 1812, die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate betreffend, hinsichts der Juden in. den neu akquirierten und wieder eroberten Provinzen noch nicht zur Anwendung gebracht werden sott". Man inöchte ihn deshalb als Ausländer betrachten. Der alte Ballin, der Vater des großen Reeders, der auch nicht die übliche Straße des Handelsmannes gehen will, unterhält in Billwärder bei Hamburg eine Dekatierwerkstatt. Er hat aber mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen, weil er damit alte Zunftrechte verletzt. Auch ein Haus, das er sich 1836 kauft, kann er nicht aus seinen Namen erwerben. Den Hamburger Juden ist um diese Zeit der Kauf von Grundstücken noch nicht gestattet. So [teilen sich der vollen Einordnung der deutschen Juden in die neue deutsche Wirtschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts inuner neue.Hindernisse eittgegen. Aber jetzt wollen sie nicht mehr Dulder sein. Sie haben mtf den Schlachtfeldern um die Befreiung des Vaterlandes mitgekämpft und verlangen ihr Recht. In Gabriel R i e s s e r ersteht ihnen der rechte Wortführer. „Die kräftigen Klänge deutscher Sprache,'die Gesänge deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Feuer der Freiheit entzündet und genährt. Der Hauch der Freiheit, der über die deutschen Gaue zog, hat lmsere schlummernden Freiheitshosfnungen geweckt ... Wir wollen dein deutschen Vaterlande angehören. Es kann und darf und mag von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir ihm alles opfern, nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht: denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird." So schreibt er 1831 in der „Verteidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden gegen die Einwirkung des Herrn Dr. H. E. G. Paulus". Nur ganz allmählich erreichen die Juden die volle Einbürgerung. 1847, 1848 und schließlich 1869 werden weitere Fortschritte erzielt. Erst ein Jahr vor dem Deutsch- Französischen Krieg fallen alle Beschränkungen „aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses". Fallen sie wirklich? Ausschließlich das Gebiet der Wirts ch a f t steht den deutschen Juden unbeschränkt offen. In dein Streben nach wirtschaftlichem Einfluß schaffen sie sich deshalb die Gleichberechtigung, die man ihnen sonst versagt. Ihr Geltungstrieb wird vielfach in wirtschaftlichen: Machtbewußtsein überkompensiert. So sind sie vollbeteiligt an der Entwicklung des modernen Kapitalismus. Mit seiner Entfaltung steigen sie hoch. „Es entsteht der Begriff des .Wirlschaftssührers', der denselben Klang hat wie vordem der Titel Herzog, Marquis oder Graf, ein moderner Adelsbrief, der geheimrätlich, professoral oder mit dem Ehrendoktor dekoriert ist, und der im Volksmund als Kohlenbaron, Jndustrieherzog oder Stahlkönig gekennzeichnet ist" (Ferdinand Fried: „Das Ende des Kapitalismus"). Nach einer Statistik, die der Direktor des Kgl. Preußischen Statistischen Büros, Professor Dr. I. G. Hoffmann, veröffentlichte, leben 1813, also unmittelbar nach der Emanzipation, ungefähr 32 000 Juden im damaligen Preußen. Von ihnen gehören 92 Prozent zum Handel und zur Gastwirtschaft, 4,6 Prozent zum Handwerk, 3,1 Prozent zu wissenschaftlichen und künstlerischen Berufen und 0,5 Prozent zur Landwirtschaft. In einer Erhebung, die Hofsmann 1834 anstellt, zeigt er, daß sich von 1000 Judenfamilien in den alten preußischen Landesteilen 493 vom Einzelhandel, Kommissionsgeschäft und der Gastwirtschaft ernähren, in der Provinz Posen 'dagegen 348, von Handwerkerarbeit 100 bzw. 237. Dort aber, wo es keine Zunftbeschränkungen gab, betrieb nach dem Zeugnis Hoffmanns schon vor 1793 „eine nicht ganz unbeträchtliche Zahl von Juden wirklich schon mannigfaltige Handwerke, und zwar nicht nur Kürschner-, Posamentier-, Schneider-, Schuhmacher- und Niemerarbeiten, sondern auch selbst das Schlosser-, Schmiede-, Maurerlmd Zimmermannshandwerl". Alle weiteren Zählungen beweisen, wir stark der Anteil des Handwerks (LanbcobüMiotljßW VT Speyec a.W)*/ unter den Berufen ist, denen sich die deutschen Juden im Laufe des 19: Jahrhunderts zuweuden. (Vgl. Heinrich. Silbergleit: „Die Bcvölkerungs- und Berufsverhültuisse der Juden im Deutsche!: Reich", l. Band.) Der Geldleiher wird jetzt zu u: Bankier. Das Haus Rothschild gibt das Beispiel für eine ganze Epoche an. Wie hundert andere kounnt auch Meyer Amschel R 0 t h s ch i l d von: Geldleihgeschäft her. Aber was er und seine fünf Söhne aus ihm gestalten, wird richtunggebend für die moderne Zeit. Die Rothschilds werden die StaatHbankiers par exeellenee. Sie errichten das erste Emissionshaus von Weltgeltung. Ihr Wappenspruch „Coneordia, Integritas, Industria“ ist nicht nur das Sylnbol ihres Fleißes und ihrer Zuverlässigkeit, sondern auch das Aushängeschild für den ersten internationale!: Finanzkonzern. Denn sie stellen den öffentlichen Kredit auf eine neue Grundlage, sie interessieren die breiten Massen an dem finanzielle:: Geschick ihrer Staaten, und sie werden schließlich auch die Finanziers der neuen industriellen Unternehmungen. Die Mendelssohns und die Bleichröders in Berlin, die Oppenheims in Köln, die Speyers und Wertheimers in Frankfurt a. M., die Wassermanns in Ban:berg, die Marons in Dresden, die Marburgs in Hamburg und viele andere jüdische Bankhäuser folgen ihren Spuren. Ohne ihre Mithilfe, vor allem ohne das Kapital, das sie zur Verfügung stellen, wäre die Entwicklung der neuen Maschinenwirtschaft und des Verkehrswesens undenkbar. Von der Manufaktur führt der Weg z u r F a b r i k a t i 0 n. Der Parfümeur Gerson Bleichröder, der Großvater seines gleichnamigen Enkels, gehört in Berlin zu den ersten Erzeugern chemischer Produkte. 1826 errichtet der Heereslieferant S. H. Kunheim in der preußischen Hauptstadt seine Holzsäurefabrik. Aus den: Geschäft, das 1908 David Löb Cassel aus Friedberg in Frankfurt begründet, entsteht später die Firma Leopold Cassella & Co., die zu den Stammhäusern des deutschen Farbentrusts gehört. 1820 gründet Aron Hirsch einen Kupferhammer bei Werne am Südharz. Drei Jahre später ruft er die Kupferhammer- Vetriebsgesellschaft in Jlsenburg ins Leben. 1863 entsteht das Hirschsche Messingwerk in Heegermühle bei Eberswalde. Zahlreich sind die jüdischen Fabrikbetriebe auf dem Gebiete der Textilwirtschaft. Hier können sie an eine alte Tradition anknüpfen. Wie einst 1730 Hirsch David in Potsdam die erste Sammetmanufaktur und Seidenplüschfabrik mit königlichem Privileg errichtete, so wird jetzt um die Mitte des 19. Jahrhunderts Martin Mengers in Linden zum Begründer der deutschen Velvetindustrie. Der Großvater Max Liebermanns und Emil Rathenaus, der schlesische Fabrikant Liebermann, stellt sich dem König Friedrich Wilhelm IV. mit den Worten vor: „Ich bin der Liebermann, der die Engländer vom Kontinent verjagt hat." Denn er hatte als erster in Preußen die mechanische Bedruckung von Kattunstyffen eingeführt. Daneben gründet er die Wilhelmshütte bei Sprottau, eine Maschinenfabrik und einen Hochofen. Die deutsche Schwerindustrie am Rhein und an der Ruhr ist ohne jüdische Mitwirkung entstanden. Aber stehen den Krupp und Kirdorf, den Stumm und Stinnes Männer wie die Carvs, die Hulöschinskys, die Friedländers nach, die aus Oberschlesien das zweite deutsche Ruhrrevier geschaffen haben? Muß nicht neben dem. Unternehmen August Borsigs das Werk L u d - w i g L 0 e w e s genannt werden, der als erster in Deutschland die amerikanische Präzisionsmechanik eingeführt hat? Neben den Henschels

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