Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 11 (November 1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nonatsausgabe Hooember 1^32 [Sntrol Imin ölirtter für öeutfrktum un» jiifeatmn, 'Hr-avöes fcntral-Vcreins^eutfchßrF Etaatsdüryel'Müifeken ölaubens e.V. ANtzsmslne 2siiunH clss Uuclsnturns Deutsche Süden in der deutschen Wirtschaft Bon Sr. Mt Mlrnrigrr In dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lebten noch um die Zeit, bevor es ein rühmloses Ende fand. Tausende und aber Tausende, die nur Lebewesen waren. Weder als Deutsche galten noch als Staatsbürger. Auch nicht als Fremde, die einem ausländischen Oberhaupt untertan waren und das Gastrecht in Deutschland genossen. In vielen Städten wohnten sie in bestimmten Straßen, nein hausten sie in winkligen, dunklen, enggebauten Gassen. Hinter ihnen schlossen sich die Tore, die sie von der Umwelt trennten. Und auch dort, wo ihnen gestattet war, unbehindert einherzugehen, wo sie sich in allen Gegenden der Stadt niederlassen konnten, waren sie minderen Ranges als alle die, in deren Bereich sie wohnten. Sie waren Einwohner,, nicht Bürger, nicht einmal Untertanen. Zahlen, nicht Seelen. Bildeten eine eigene Gemeinschast in der Gemeinde. Stets der Gefahr ausgesetzt, auch das Minimum an Recht, das sie hatten, wieder zu verlieren. Obwohl sie am Rhein seit den Tagen der Römer saßen, am Main und an der Donau seit dein Reich Karls des Großen, obwohl man sie in viele der unzähligen deutschen Länder und Städte geholt hatte, war es so durch die Jahrhunderte geblieben. Inmitten des deutschen Volkes lebten Menschen, die man nicht als Mengen achtete. Mit denen man sich nicht an einen Z\\d) setzte, deren Haus man nicht betrat. Abgeschieden sollten sie bleiben wie im kastenreichen Indien die Parias. Das waren die Jude n. Was waren sie also? Ein Volk im Volk? Nachdem sie ihren Staat vor fast 2000 Jahren verloren hatten? Deutsche Bürger? Da man sie nicht teilnehmen ließ an der Entwicklung der deutschen Kultur, an der deutschen Staatsgestaltung und der Entfaltung der deutschen Wirtschaft? Durch Jahrhunderte mußten sie eigene Wege gehen. Wo Ovaren die jüdischen Bauern in deutschen Landen geblieben? Vom Ackerbau, vom Weinbau, den sie einst noch bei Mainz und bei Würzburg getrieben hatten, hielt man sie fern. Längst war in ihren Reihen das Wort des Rabbi Eleasar vergessen: „Wer keinen Boden besitzt, ist kein Mensch." Auch eine andere Lehre des Talmuds, die da lautete: „Wer seinen Sohn kein Handwerk lernen läßt, lehrt ihn das Näuberhandwerk" mußte ihre Geltung in einem Zeitalter verlieren, das Juden zu den Zünften nicht zuließ. In der Epoche des Merkantilismus hatten die Fürsten die Juden vielfach in ihr Land gerufen. Als Spezialisten. Als Förderer des Gewerbefleißes. Als finanzielle Berater. Sie entwickeln in Brandenburg-Preußen die Seidenmanufaktur, die Goldschmiedekunst und den Tabakbau. Finanzieren die zahlreichen kriegerische!: Unternehrnnngen. Aber man holt sie zunächst nur auf Zeit. Selbst der Große Kurfürst läßt sie in Berlin ursprünglich nur auf 20 Jahre zu. Es bleibt vor ihnen eine Schranke. Die Arme des Landesvaters umfangen huldreich die Franzosen und Böhmen. Sie werden Brandenburger, Preußen, Deutsche. Die fürstliche Huld beschert ihnen Schulen und Kirche::. Obwohl sie jahrzehnte-, ja jahrhundertelang an ihren Sitten und Gebräuchen festhaHßn und mit Stolz auf ihre Abstammung Amweisen. Die Juden aber stehen vordem Tor der Gemeinschast. Denn sie Herden nicht eingedeutscht. Sie schweigen Meben. Sie dulden ihr Schicksal trotz ihrer Mjstungen für die neue Heimat. Trotzdem können auch die Juden nicht völlig isoliert bleiben. Man kann sie ja nicht in einen luftleeren Raum setzen. So nehmen sie indirekt an allem teil, was in den deutschen Landen vor sich geht. Eine Feuersbrunst zerstört auch ihre Häuser. Ein Krieg, eine Pestepidemie bedrückt auch sie. Ihnen vielfach unbewußt wird Deutschlands Schicksal selbst in dieser Zeit ihr Geschick. Auch dann noch, wenn sie sich selbst völlig abschließen wollen. Wenn sie jeden aus ihren Reihen stoßen, der es wagt, deutsch lesen und schreiben zu lernen. Noch die fünf Brüder lllllllllllllllllllllllllllW AUS DEM INHALT: Ein Denkmal für die gefallenen deutschen Juden« Brief an die „C. V. - Zeitung“ von Reichswehrminister a. D. Groener S.eite 67 Fälschungen aus letzter Zeit Seite 69 ff. Die Religion Spinozas. Von Dozent Dr. Albert Lewkowitz (Breslau), . . . . Seite 71 Rothschild stehen mit der deutschen Sprache auf dem Kriegsfüße. So sind schon damals die deutschen Juden wider Willen der Obrigkeit und ihrer Umgebung Deutsche geworden. Denn welche Bindungen hatten sie noch mit den Glaubensgenossen jenseits der Grenze? Was hatten sie etwa gemein mit den Juden in Frankreich und England außer der Religion und der Abstammung? Hatte der Große Kurfürst nicht ganz bewußt Juden aus Wien in seine Hauptstadt berufen, aus der Metropole der deutschen Kultur? Waren denn die Deutsche «schon in jenen Tagen deutsch? Fühlten sie sich als Träger einer Staatsidee? Noch im merkan- Mistisch>-absolutistischen Staat war es nur die Leitung des Staates, die den nationalen Willen besaß. Der Fürst verkörperte das ^ationalbewußtsein, das den Untertanen im allgemeinen fehlte. „Es ist also kein Zufall, daß der Aera des modernen Nationalgedankens eine Aera individualistischer Freiheitsregungen unmittelbar voranging. Die Nation trank gleichsam das Blut der freien Persönlichkeiten, um sich selbst zur Persönlichkeit zu erheben." Erst mußten „die Gemeinschaftsgefühle und Energien des einzelnen Bürgers in den Staat hineingetragen werden und ihn zum Nationalstaat umwandeln". (Friedrich Meinecke in „Weltbürgertum und Nationalstaat".) In.der Zeit, als dieses Nationalbewußtsein in Deutschland erwacht, gibt man den Juden das Entreebillett für die deutsche Kultur. Man macht sie zu Staatsbürgern. Mit dem Beginn der großen klassischen liberalen Epoche wird auch im I u d e n <d e r Mensch entdeckt. „Als die Glocken den Beginn des 19. Jahrhunderts verkündeten, läuteten sie ein neues Zeitalter der Befreiung e:n." (Dies die ersten Sätze meines Buches „Juden in der deutschen Wirtschaft".) Eine neue Renaissance bricht an. Noch einmal weitet sich die Welt. Wie um die Wende des 15. Jahrhunderts die Entdeckungen und Erfindungen den Europäer über die Grenzen seines Erdteils führen, so wird der eben erst zu nationaler Gesinnung Erzogene zum Weltbürger. Abermals beherrscht der H u m a n i s m u s die Geister. Der Mensch durchbricht die Schranken, die ihm gezogen waren. Wieder sind es die technischen Umwälzungen und Veränderungen des Verkehrs, die die geistige und politische Revolution auch