Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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62 und jedes, ob die Versteigerung synagogaler Ehrensunktionen, die man zur Segnung des Neichen, zur Verfluchung des Armen stempelt, ob das rituelle Tauchbad, das man als Ouelle der Ansteckung und des Profits verschreit, ob die herkömmliche Wohlfahrtspflege, die man als gefügiges Mittel in der Hand der Wohlhabenden ausgibt, den sozialen Gegensatz beguem zu verschleiern. So werden endlich die vielgerühmten Siege errungen, die Schließung der Synagogen und ihre Umwandlung in Arbeiterklubs, die Aufspürung der verborgenen Rcligionsschulen und die Unterbindung der Beschneidung, gegen die man Gottlosenbrigaden und Jungpioniere mobilisiert, vor allem jedoch die Aechtung der Rabbiner, die nächst dem russisch-orthodoxen Priester zur bestgehaßten, giftigst verspotteten Persönlichkeit werden. Ihr klassisches Bild verbrüdert sie in Scheiuheiligkeit und Raffgier mit dem kapitalistischen Ausbeuter, der sein jüdisches Opfer plündert, nachdem sein rabbinischer Helfershelfer diesem eine Thorarolle zur Ablenkung in die Arme gepreßt und überdies die Hände mit den Gebetriemen zusammengeschnürt hat. „Reinige dein Herz!" — „Damit ich deine Taschen reinigen kann", so flüstert ihr einträchtiger Dialog, eine geschmackvolle, geistreiche Unterschrift der Abbildung, die sich selbst ihr Urteil spricht. Wer bedenkt, daß hier nicht mehr als eine Auswahl geboten wurde, eine Auswahl aus einer Darstellung, die ihrerseits ein ungeheures Material nur beispielhaft und stichwortartig verarbeiten konnte, für den wird kein Zusatz Der Geistliche im Auf meinem Schreibtisch liegen drei Dokumente, über die einmal, weil sie symptomatisch sind, ein Wort gesagt werden muß. Es handelt sich dabei um folgende Druckerzeugnisse: 1. Amtlicher Sitzungsbericht des Preußischen Landtages, 12. Sitzung vom 24. Juni 1932. — Der Abgeordnete Pastor Peperkorn (NSDAP.) hält im Nahmen einer Debatte über Kulturfragen eine längere Rede, in deren Verlauf er auf mancherlei bedauerliche schwere Mißstände kultureller Art im öffentlichen Leben Deutschlands hinweist.- Er kommt dabei (Spalte 937) voll berechtigter Entrüstung auch auf eine gemeine Parodie des bekannten Weihnachtsliedes „Morgen, Kinder, wird's was geben" von dem Kommunisten Erich Kästner zu sprechen, von der in der Presse geschrieben war, daß sie als Schullektüre sür das Einheitslesebuch der deutschen Schüler und Schülerinnen angekauft sei. Der Redner fährt dann wörtlich fort: „Wir wissen: hinter diesem Namen Kästner, und wie sie heißen mögen — wir könnten noch hunderte hinzufügen —, stehen Menschen, Männer und Weiber, die nicht unser Blut in ihren Adern rollen haben, da stehen Männer und Weiber, welche zu einem Volk gehören, das uns fremd, das uns feindselig, das uns darum in dieser Zeit bis in die tiefste Seele hinein verhaßt ist als Zersetzer, als die freiwilligen, als die besoldeten, als die bestellten Zersetzer des deutschen Volksempfindens. Da finden wir, sehen wir Juden, Juden und immer wieder Juden. Und das kann kein Zufall sein." Danach gibt der Redner, bevor er zu anderen Kulturfragen fortschreitet, eine Lösung der Judensrage in nationalsozialistischem Sinne und das Versprechen eines Neubaues des deutschen Kulturlebens ohne Juden. 2. „S o n n t a g s g r u ß". Evangelische Wochenzeritung und Kirchlicher Anzeiger für Frankfurt a. Main und Umgebung, verbreitet in 44 Gemeinden und Anstalten. Nr.31, XXXVIII, vom Sonntag, 31. Juli 1932. Geschäftsstelle: Verein für Innere Mission, Frankfurt a. M. — In diesem Blatte schreibt der verantwortliche Schriftleiter Pfarrer Probst einen Leitartikel unter der Ueberschrift: „Der Karnpf gegen Jerusalem". Da . werden die im Lukas- Evangelium 19, 43/44 aus Jesu Munde übernötig sein, was die Gottlvsenbewegung allgemein und int besonderen uns an geht. Ohne pathetische Beschwörung, die von so viel Niedrigkeit, Schmutz und Lästerung sich herausgefordert oder angewidert fühlt, ruft die rücksichtslose Kriegserklärung wider Glaube und Sitte einen jeden auf den Plan. Ungeachtet der zahllosen und mannigfachen Sorgen, die uns deutsche Juden Vvrl heut bedrängen, tritt hier eine neue Gefahr in unseren Gesichtskreis, die nicht Verkleinerung noch Vernachlässigung duldet. Unseren Lebensnerv tastet ihre vergiftende, ätzende Wirkung an, planmäßig verspritzt, rings um uns her oder gar unter uns selbst verbreitet. Aus Israels Leidensgeschichte lernten wir gewiß Verständnis und Duldsamkeit, die jeden nach seiner Fasson selig machen. Hier aber handelt es sich um erzwungene Abwehr, um aufgedrängte Verteidigung der Seelenhaltung, die unsere Gemeinschaft seit je geprägt, der Geistes- und Herzensbildung, die alles Heilige, alles Ehrfurchtsvolle unseres Lebens erschaffen und geadelt hat. Glaube gegen Unglaube und Geist gegen Ungeist setzend könnte hier zudem eine Einheitsfront erwachsen, die uns mit den Besten unserer Mitbürger zusammenschließt, mit den wirklich ausbaufähigen Elementen unserer Umwelt. Sollte die Veröffentlichung, die von uns zugrundegelegt wurde, zufällig oder umsonst, auf ihrem Titelblatt den Toren geißelnd, der in seinem Herzen spricht: Es gibt keinen Gott — sollte sie zufällig oder umsonst einen Spruch unserer Psalmen zum Motto haben? politischen Kampf lieferten Worte der Weissagungen gegen Jerusalem: „Deine Feinde werden dich an allen Orten ängsten und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen . . ." zum Ausgangspunkt genommen, um nötigenfalls schon durch sie allein die Göttlichkeit Jesu zu erweisen, weil sich die spätere Geschichte jener Stadt und der Juden als eine Erfüllung der Weissagung bewährt habe. Gegenwärtig bricht, so heißt es weiter, wieder .einmal das Verhängnis des alten Gottessluches in Deutschland über die Juden herein. Mit alten Nägeln, lumpigen Abfällen und dem widerlichsten Trödelkram haben die Vorfahren einst gehandelt, schmutzig und darbend, um dann mit dem so verdienten Gelde die Leute zu bewuchern. Schließlich war das Geld in der Hauptsache in den Händen der Juden, und mit Hilfe der durch Reichtum erworbenen Bildung gewannen sie dann die Zeitungen, die Theater, die Gewerkschaften, machten sie Revolution und gründeten sie Warenhäuser. Endlich aber muß wieder die Befreiung kommen, wozu der damals gerade bevorstehende Neichstagswahltag Gelegenheit gibt. Gott helfe zur neuen Zerstörung Jerusalems! 3. Kasseler Sonntagsblatt „Der Sonntagsfreund", Nr. 36, vom 4. September 1932. — In der Wochenschau werden die Beuthener Todesurteile gegen fünf Nationalsozialisten besprochen. Nachdem die in dieser Sache erlassene Kundgebung der Negierung gegen Hitler freiwillig abgedruckt ist, weil sonst die Negierung - ihre Veröffentlichung zwangsweise verlangen könnte, schildert der nur durch einen Kennbuchstaben angedeutete Verfasser die Volksstimmung, führt die Meinung des Verteidigers Dr. Luetgebrune an, der das Urteil für einen Justizirrtum des Sondergerichts hält, und fährt dann fort: „Bezeichnend ist es wieder emmal, daß Leute und Zeitungen, die sonst immer die Todesstrafe abgeschasft und selbst Lustmörder und Eisenbahnattentäter begnadigt wissen wollen, in diesem Falle die Vollstreckung des Todesurteils verlangen. Hierzu gehört wieder einmal das „Berliner Tageblatt", das seinerzeit die Begnadigung des Eisenbahnattentäters Schlesinger, der über zwanzig Menschenleben auf dem Gewissen hat, gefordert und auch erreicht hat. Schlesinger war allerdings Jude, während es sich bei den in Beuchen Verurteilten um einen 'Jj'W unbI m nationalsozialistischen Gastwirt und vieW nalsozialistische Bergarbeiter handelt .$L, muß anerkennen, daß wenigstens die^'ÄM furter Zeitung" eine andere Haltung einnim^ Diese Auslassungen sind nicht etwa desh8 symptomatisch, weil sie überhaupt in der'W tung stehen, denn so etwas kann man täN als Ausdruck einer weitverbreiteten GesinmK immer wieder lesen. Sie sind es vielmehr M halb, weil f t c von christlichen © eff* I i chen Herr üh r en oder in ckir1 l i eh e n So n n ta g s b l ä t te r n veriv fontlicht wurden. Das läßt den m fangeuen Beobachter aufmerken und auf^ geradezii tödliche Gefahr Hinweisen, die derartigen Erscheinungen kundgibt. DM Ehristentnm will als Religion, indem es Bekenner vor Gott stellt, ans Liebe und Wahr^ heit auf die Welt wirken. Wenn diesem Ideal von der großen Masse nicht immer in der wünschenswerten Weise nachgelebt wird, so mag' man es der allgemeinen menschlichen Schwäche und Sündhaftigkeit entschuldigend zuschreiben die Gott verzeihen wird. Was aber soll werden/ wenn ein Mann, der durch sein Pfarramt zum^ christlichen Lehrer und Führer bestellt, unb durch die Wahl zum Landtagsnbgeordneten noch zu besonderer Prominenz erhoben wurde, sich auf die Tribüne des Parlamentes stellt’ und von dort ans sozusagen dem ganzen Volke mit der heiseren Stimme des blinden Hasses predigt? Denn es ist blinder Haß in Reinkultur, mag nun der genannte Kouun-unist Kästner Jude sein oder nicht (Kästner ist n i ch t Jude, auch nicht jüdischer Abstannnung. Tie Red.), wenn man in der Art, wie es in der Peperkornschen Rede geschieht, den Einzelfall verallgemeinert. Nur völlig Verblendete können die Behauptung wageu, daß, weil einzelne Deutsche Rechenfehler machen, das ganze deutsche Volk nicht rechnen könne. Es liegt doch einfach klar am Tage für jeden, der sehen null, das die Juden in unserem Vaterlande, von einzelne:: Individuen abgesehen, gerade so unter dein .kulturellen Verfall leiden und Roheiten, wie die Kästnerschen gerade so empört ablehnen wie jeder anständige Nichtjude. Im vorliegenden Falle wirkt das Bild des haßerfüllten Predigers noch um so peinlicher, als im Zusauuueuhaug der Rede gar kein Anlaß zu dem Haßausbruch vorlag. Sie hätte viel überzeugender, nachdrücklicher gewirkt, wenn er fehlen würde. Oder svll man sagen dürfen, daß ein Pastor auf die niederen Instinkte der Masse aus politischen Gründen spekuliert? Damit wäre der politischen Sache^ kein guter und der höheren Sache Gottes ein; schlechter Dienst erwiesen. Man sage auch nicht,'' daß es sich hier um einen Einzelsall handele, über den viel Worte zu machen sich nicht verlohne. Der Jahrgang 1931 des „Deutschen Pfarrerblattes" hat die Gefahr einer bedenkt lichen Politisierung der Pastoren im Laufe einer durch mehrere Nummern laufenden Diskussion nur allzu, deutlich werden lassen. Ein noch abstoßenderes Gepräge zeigt der Haß in dem „Frankfurter Sonntags^ grüß", da er sich geradezu bis zum Sakrileg; steigert. Oder ist es kein Sakrileg, wenn man das Drohwort Jesu, welches der Stadt Jerusa-' lem im Anfangunserer Zeitrechnung galt, zunr Erweise seiner Gottheit ausdehnt auf die spätere Geschichte, an die der Sprecher selbst gewiß nich im geringsten gedacht hat? Und dann diese Abriß der Geschichte der deutschen Judenheis welcher hier den bedauernswerten Lesern eine Sonntagsblattes vorgesetzt wird! Es war bishe ein mit Recht eifervoll gehüteter Stolz der evW gelischen Geistlichen, daß sie akademische BildW' besitzen. Das aber heißt nichts andere^M. nach der Wahrheit, in unserem Falle nach JgL historischen Wahrheit, zu forschen gelernt hadM um ihr Geltung zu verschaffen. Es muß W seltsames Wahrheitssuchen sein, aus dem W dieses blöde Bild harmloser Unwissenheit vW Judentum ergibt. Wer als Akademiker M veh antwortlicher Stellung über btefe§ und stW Angehörigen einen derartigen .Artikel m M Hände zahlreicher Menschen gelängen läßt,.W denen es der Mehrzahl nicht oder wenff nicht leicht möglich ist, die Dinge nachzw die das auch gar nicht tun werden, wen.'/,,..