Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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61 Die Gottlofenbewegung und wir von Gemeinderabbiner Dr. Neinholö Lewin Königsberg i. Pr.) Zahllos und mannigfach sind die Sorgen, ic uns deutsche Juden von heut bedrängen. Welche unter ihnen verdient den Vorrang, weil le am gefährlichsten uns bedroht, uns am tieften auswühlt? Ist es unser wirtschastl'D'er Niedergang, der Gedanke an unser Ausl'omn.tu, >as täglich knapper und knapper wird? Oder chreckt uns vornehmlich das politische Gespenst, >as Geschrei der Gasse von unserer Entrechtung, mserer Degradierung zu Staatsbürgern zweiter Klasse? Geht mau der Unsicherheit, die uns bewegt, schärfer nach, so trifft )nan wohl auf einen Gefahrenpunkt, der anl tiefsten hinabreicht. Unser Schwanken ist Folge und Auslaß davon, daß uns seit langem jene wnrzeljafte Selbstgewiszheit abhanden kam, die im Rntterschvße jüdischer Geistigkeit vertrauensvoll knd glaubensstark ruhte. So ist unser Schickal, ist unsere Stimmung bloß Teitausschuitt lus der gewaltigen Krise, die unsere Zeit überhaupt beherrscht. Deren Anlaß und Artung sind nicht minder mustritten, Kommt ihr Lvsungsversuch dein Staatsmann oder dem Wirtschaftler pi? Oder gilt nicht vielmehr beider Bemühung einem höheren und nächtigeder Erhaltung einer geistigen lieber!ieserungsfette, die, in den Anfängen der Vleuschheit geschmiedet, ihre Gnlwictlnug lind Austoärlsbeioegnng gliedweise znsannuenschlieszend. zu zerspringen und ins Bodenlose zu gleiten droht? Was hent allgemein nnd im besonderen auf dem Spiele steht, )vird durch die l!imaäl;nng deutlich gemacht, die von den Sowjets l)er gegen unsere Gesellschaftsordnung allrennt. Der Neugestaltung aller Dinge, aller Formen, aller ^Verhältnisse. )vie sie da im Namen des ,Uumninnismns erfolgt, wird keine politische nnd feine ökonomische Betrachtung gerecht. Vollkommen anders muß unser Blickpunkt sich einstellen, will er die Linie des Generalangriffs einfangein der von dort ans, bald ans diesem, bald ans jenem Terrain seine Truppe entsendend, gegen uns vorstößt. Seine fanatische Eindeutigkeit sah es auf nichts als aus unsere Seele ab, )vas immer unser gegebener Sprach- .gebrauch unter ihr versteht, ob er sie nur gegen Stoff und Aenßerlichkeit abgrenzt oder' ihre Werthastigkeit religiös bestimmt. Ueber diese eigentliche Zuspitzung jeden Zweifel benommen, jede Unklarheit zerstreut zu haben, ist das vielleicht unfreiwillige Verdienst der sogenannten Gottlosenbewegung, deren Vorpostengeplänkel seit längerem dazu überging, planmäßig aus Aer russischen Festung ausznschwärmen. Es ist ungemein aufschlußreich, je peinlicher die Sowjets Zensur imb Nachrichtensperre handhaben, je schwieriger das Material und -seine Beherrschung in der Ursprache zugüngig stst, in jenes Geisteszentrum des kämpferischen Kommunismus Einblick zu erhalten. Ein angesehener Verlag des katholischen Deutschland Hegt eine dankenswerte Veröffentlichung vor, Aie, übersichtlich gegliedert, mit reichen Belegen And Abbildungen ausgestattet, nur von gelegentlicher Erregtheit durchblitzt, den Eindruck höchster Sachlichkeit und Zuverlässigkeit macht'). Mit ihrer Hilfe Kenntnis nehmen von bem antireligiösen Terrorsystem, das von Moskau her auf allen Gebieten und mit allen 'Mitteln der „Verband der kämpfenden Gottlosen" organisierte, heißt zwauglüufig für den jüdischen Leser die Ueberzengnng gewinnen: hier geht es letztlich um unsere Sache, um die N e g i er u u g d e s j e u i g e u K u l t u r f a k t o r s, m i t d e m w i r Juden als Volk des G l a u - b e n s, als G e m e i n s ch a f t der O f f e n - b a r n 11 g g taub e u und b e a n s p r u ch e u, d i e Vt e u s ch h e i t s g e s ch i ch t e b e - r e i ch e r t z u h a b e n. Uns liegt gewiß jeder Undank fern, der den Soiojets vergißt, daß ihre Tatkraft den Pogromautisemitismus des Vorkriegsrußlaud beseitigt hat. Ebensowenig mag es angebracht sein, ihren Umschichtuugspläueu, die den jüdischen Luftmeuscheu aus dem Boden der Krim oder selbst im fernöstlichen Wetterwinkel von Biro-Bidschau ausiedelu möchten, mit ausschließlichem Mißtrauen, etwa mit der Verdächtigung entgegeuzutreten, hierdurch wolle mau nur ausländischen Kapitalisten Saud m die Augen streuen und Geld aus der Tasche locken. Teuuoel) und dennoch drängt sich unabweisbar die Erivägung auf, ivas ans die Dauer an den Kern jüdischen Wesens inniger rührt: Verfolgung nnd Drangsalierung des jüdischen Bl e n s ch e n, dereinst im Namen des rechlgläubigen Zaren geübt, oder Karikierung und Zersetzung des jüdischen G l a u b e u s, beivußt inspiriert und eingesegnet von Karl Marx. diesem „TvP des aus seiner jüdischen Stammes- und Religivnsgemeinschast l o s g e r i s s e n e n, e n t wu r z e l t e n N a d i k a l e n ". Wo ein konzentrischer Angriff gegen die Religivn an sich geführt, wo ihre Verächtlichmachung und Ausrottung, das allmähliche Berschiviuden ihrer Lehren und Gebote, ihrer Vertreter und Anhänger zum Prinzip der Taktik erhoben wird, wäre es vollendete Torheit, mit einer Ausuahmebehaudluug des Judentums zu rechnen. Unsere Bibel ist nicht besser als das heilige Schrifttum der übrigen Bekenntnisse. Wie zur höheren Ehre der Naturwissenschaft gleich die beiden Aufaugstäpitel der Genesis gegeneinander ausgespielt und überdies des Plagiats beschuldigt werden (die hebräischen Popen hätten den Schöpsungsbericht aus den babylonischen Büchern abgeschrieben), so wird allgemein die Neligiosität der Frau mit den Neinheitsbestimmungen des Levitieus ausgestachelt. Aus ihnen gehe hervor, daß die Bibel das weibliche Geschlecht für minderwertig und unrein erkläre. Entsprechend wandern Israels Festkalender und Brauchtum in den großen Orkus, dem jeder Ritus, jede Feierstunde irgendeiner religiösen Weltanschauung zum Opfer füllen. Sogenannte Subbotuiki, Opfertage zugunsten einer ^öffentlichen Sammlung, die sich aus freien Stücken die jüdischen Arbeiter auserlegen, um Alteisen *) Adolf Ziegler. „Die russische Gottlosenbervegung." Eine authentische Darstellung mit reichem, in Deutschland erstmals veröffentlichtem Bildermaterial. Verlag Jos. Kösel und Friedr. Pustet, München 1932. 248 Seiten, Preis geb. 4,50 Mark. s JmL Glasbilder zum Selbstanfertigen ^Aus Anti-Oetermimmer dor„Bust 1927". Zu dem obonötehenden Aufsatz: „Dio Gottlosenbewegung und wir" Zu suchen, den Fabrikhof zu kehren oder Feldarbeit zu verrichten, treten an die Stelle von Neujahr und Versöhmmgstag. Die Oktobrinen sind der gleichmäßige Ersatz der Taufe und Veschueiduug, und die ununterbrochene Arbeitswoche erledigt alle Ueberbleibsel religiösen Lebens. mögen sie nun Sonntag oder Sabbat heißen. Wenn deshalb Programme entworfen nnd Richtlinien ausgestellt iverden, um Organe der Oeffentlichkeit, beispielsweise Kindergarten' und Schule oder Filmindustrie, in die Front der Antireligionskampagne einznbeziehen, wird nirgends unterlassen, des jüdischen Gegners mit Erwähnung zu tun. Höchstens beim Kinowesen unterläuft dann dem staatlichen Berichterstatter die einstweilige Feststellung, daß gegen die Inden „leider noch kein" verwertbarer Film gedreht sei. Dafür ordnete aber schon der ursprüngliche Kinoersatz, ein Entlvnrs von Glasbildchen zur Selbstanfertigung der Diapositive, in die Mitte zwischen Gottvater und Allah den Jndengott — eine widerliche Fratze mit Einauge und Hakennase, vom Himmel den Segen he'rniedermanschelnd, auf Erden mit dem dickbäuchigen Bourgeois verbündet (vgl. die untenstehenden Abbildungen). Denn der Glaube an ihn ist ja nichts Hervorstechendes, nichts Einzigartiges: er ist Teilglied der reaktionären Phalanx, die kulturell die Verdummung, ökonomisch die Ausbeuterei und politisch die Gegenrevolution verficht. Wie der alte Jndengott in der Wüste sein Volk hinter sich herzerrte, einen Strick an Moses lange Nase gebunden, wie noch immer seine irdischen Stellvertreter, der schimpfende Rabbiner, der insgeheim am Sabbat raucht, und der unzüchtige Lehrer, der sich an der Schuljugend vergreift, charakteristische Beispiele psäfsischer Heuchelei nnd Lüsternheit sind, so ivird das Judentum zu den Mächten geworfen, die das junge Rnssenparadies mit dem Schreckgespenst der Intervention bedrohen. Es ist zur Stelle, wo das internationale Kapital die große Granate zur Explosion bereit macht, die in merkwürdiger Harmonie Hakenkreuz nnd Sozialismus mit einem Geldregen überschütet, während inmitten des Klerus aller Religionen auch der Rabbiner, mit Gebetmantel und Gebetriemen geschmückt, zur Glaubensweihe die Thorarolle entgegenstreckt"). Jedoch über diese Erledigung in Bausch und Bogen, über diese Erfassung innerhalb des großen Rahmens hinaus erscheint der jüdische Glaube in den Angen der Gottlosenbewegung wichtig oder hartnäckig genug, um noch besonders aufs Korn genommen zu werden. Bereits im Anfang, als die Zeitungspropaganda noch der Spezialisierung entbehrte, hielt man es für angebracht, eigene Spalten und ganze Seiten der Zeitung „Besboshnik" (Der Gottlose) für die Juden vorzumerken. Unter der Überschrift „Wie der Jndengott arbeitet" gab man weite. Partien der Bibel satirischer Verzerrung und wüster Verhöhnung preis. Später konnte man nicht umhin, für die antijüdischen. Belange einen Spezialzeichner zu beschäftigen, einen jüdischen Karikaturisten, vor dessen Schamlosigkeit jedes antisemitische Witzblatts neidvoll erblassen nnd verstummen muß. Seit dem Jahre 1931 gibt man in jiddischer Sprache als monatliches Organ des Zentralrates, dessen Auflageziffer 10 000 Stück umfaßt, den „Apikoires" (Der Ungläubige) heraus, , der in nichts hinter den anderen Gottlosenzeitungen znrückbleibt. Alle jüdische Besonderheit wird angeprangert und denunziert, nicht zuletzt der Zionismus, der für eine bürgerlich-politische Bewegung mit religiösem Untergrund .und chauvinistischem Einschlag, Schildknappe.. des englischen Imperialismus und Feind des Klassenkampfes, gllt. Eine zeitweilige.Zurückhaltung, die, hier wie überall zunächst/Mobachtet, wohl kaum „in der Zusammensetzung der Vorstandschaft des GottlosenveMrches ihren Grund" haben dürfte, ist längftpMdrMster Schärfe gewichen. Sie brandmarkr^alleZ - , * y 'THMUW' 2) S. 1 Hikferding, unter den