Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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HO die Fleischer, die Bäcker, bic_ Klempner, die Schlosser, die Schmiede, die Schriftgießer, die Buchdrucker, die Photographen und die Friseure. Die ausgezeichnete Organisation der jüdischen Handwerker sorgt dafür, daß das j ü d i s ch e Handwerk technisch u it b kauf m ä n - n i s ch e s m i t d e m n i ch t j ü d i s ch e n auf* n e h in e n k a n n. In den Kidduschim des Talmuds findet sich der Spruch: ,,Wer seinen Sohn kein Handwerk lernen läßt, lehrt ihn sozusagen das Näuberhandwerk." Von jeher hat das Handwerk im Judenhrm die höchste Achtung genossen. War es verwunderlich, daß die Talmudisten ihln eine so hohe Würdigung schenkten, da sie selbst neben ihrem geistigen Beruf dem Handwerk nachgingen? Jene Tage, in denen man unter den deutschen Juden glaubte, auf den jüdischen Handwerksmeister l)erabsehen zu dürfen, sind hoffentlich endgültig vorder. In einer Zeit, in der die deutschjüd'ische Jugend gezwungen ist, sich völlig neue Wege zu bahnen, in der mit den Lebeusgewohuheiten früherer Zeiten völlig gebrochen werden muß, wird.sich auch unter b e ii Jude n das H a n d w e r k wieder seinen alten G l a n z e r w e r - b e n. Denn in keinem anderen Wirtschaftszweige ist dem Persönlichkeitsstreben größere Freiheit gegeben als hier im Handwerk. Nur dem Handwerker ist es gleich dem Künstler möglich, seinen Willen dem Werke einzuhauchen. Juden im Kunsthandwerk Eine kunsfgesdiichfliche Befrachtung Von Dr. Hermann Gundersheimer, Kunstgewerbemuseum Frankfurt a. Main Daß zu allen Zeiten der Geschichte und überall, wo Juden wohnen, jüdische Handwerker zu finden sind, bedarf keiner ausführlichen Darlegung. Die literarische Ileberlieferung, die Namen der Juden, die soziale Schichtung, besonders bei den Juden des Ostens, beweisen es eindeutig. Nicht ebenso klar festzustellen ist die Nolle der Juden im K u n st h a n d w e r k, also in jenen Zweigen gewerblicher Betätigung, die, aus der Sphäre des reinen Gebrauches hinausragend, Anspruch auf künstlerische Wertung erheben. Wie der Anteil der Juden an der Entwicklung der freien Künste, das heißt der Malerei und Plastik, zu eiueur Teil von den Bildnisverboten der Heiligen Schrift, zum anderen von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gegenkräften bestimmt wurde, so ist auch die Tätigkeit des Juden aus dem Gebiete des Kunsthandwerkes ein bewundernswertes Sichdurchsetzen gegen die stärksten Widerstände. Eine Geschichte der jüdischen Kunsthandwerker — sie zu schreiben wird erst möglich sein, wenn die Sammeltätigkeit der Museen jüdischer Altertümer weiter und systematischer ansgebaut sein wird — würde zugleich ein Bericht steter Zurücksetzungen, Ausschließungen und Boykottierungen sein, denen die Juden bis in das 19. Jahrhundert, ja beinahe bis in unsere Tage, ausgesetzt waren. Es spricht für die den Juden innewohnende Gestaltungskraft, daß sie, allen Schwierigkeiten entgegen, auch hier mit beachtlichen Beitrügen zur kulturellen und künstlerischen Entwicklung der Volker hervorgetreten sind. Aus biblischen und geschichtlichen Quellen sind wir in der Lage, ein in Umrissen zutreffendes Bild von dem Leben und der Tätigkeit jüdischer Kunsthandwerker im Altertum zu machen. Wir wissen, daß, um nur wenige Beispiele zu nennen, die Goldblechbelege im salomonischen Tempel aus den Werkstätten jüdischer Handwerker stammten. Neben römischer .Einfuhrware hat der palästinensische Boden Erzeugnisse der Kleinkunst bewahrt, wie Siegel, deren jüdische Herkunft nicht umstritten ist. — In einem talmudischen Bericht über die große, im Jahre 117 zerstörte Synagoge in Alexandrien wird erzählt, daß die Plätze für die Goldschmiede, Silberschmiede, Erzgräber, Weber usw. voneinander geschieden waren.' Es scheint also eine zunftmäßige Gliederung der Gemeinde bestanden zu haben, die eine große Zahl jüdischer Handwerker, darunter auch kunstgewerblich tätiger, voraussetzt. — Von den Schöpfungen der jüdischen Kunsthandwerker des Altertums ist nur sehr wenig auf uns gekommen. Dre erhaltenen Gegenstände berechtigen nicht, auf eine national-gebundene, besonders jüdische Ueberlieserung zu schließen. Schon damals bestand eine weitgehende Angleichung an die Formen- und Vorstellungswelt der Umgebung. Im Mittel a l t e r war den Juden in vielen Ländern die Ausübung von Handwerken, besonders jener Zweige, die wir Kunsthandwerk nennen, außerordentlich erschwert, wenn nicht verboten oder durch Not unmöglich gemacht. In Deutschland war den Juden jedes zünftige Handwerk streng verboten; den christlichen Meistern war es untersagt, Juden in ihre Werkstätten aufzunehemu. Daß trotzdem eine sehr große Anzahl jüdischer Kunsthandwerker auch im mittelalterlichen Deutschland wirkte, ist zugleich ein denkwürdiges Beispiel für den immer wachen Eifer, zum Schmucke des Gottesdienstes in Synagoge und Haus beizutragen, und eine Bestätigung unserer Ueberzeugung von der nicht zu unterdrückeuden künstlerischen Begabung der Juden. Von den Bedürfnissen des jüdischen Kultus ging die stärkste Anregung auf die Kunsthandwerker aus. Der Schmuck der Synagoge, der Thorarolle, des Sabbattisches verlangten Arbeiten der Goldschmiede, Ziseleure, Brokatsticker, Kupferschmiede, Graveure; die Ausmalung der Synagogen und der Schmuck der Haggada beschäftigte Dekorationsmaler und Miniaturisten, die Verbreitung der heiligen und gelehrten Bücher machte ihre frühe Drucklegung erforderlich. So wird das jüdische Kunst- Handwerk durchaus vom Religiösen und Kultischen her bestimmt; die F 0 r m aber, die den besonderen jüdischen Gehalten diente, ist häufig eine L e h n f 0 r m. Die Nimvnien, silberne oder silbervergoldete Aufsätze für die beiden Stangen der Thorarolle (Ez-chajim), sind meist gotischen Stadt- oder Kirchtürmen nachgebildet, die Bessomim-Büchse, der Gewürzbehälter für den Sabbatausgang, bildet zeitgenössische Architekturen mit leichten Variierungen um. In der Formung der Kidduschbecher werden die verschiedenen Entwicklungsstufen der Goldschmiedekunst deutlich; häufig ist es nur die hebräische Inschrift, die den Zweck verrät. Obwohl es den Juden nicht gestattet war, Meistermarken auf ihren Erzeugnissen anzubringen, ist die Tätigkeit jüdischer Kunsthandwerker gesichert. So gab es um 1540 mehr als 10 000 jüdische Handwerker in Polen; unter ihnen stehen die des täglichen Bedarfs, die Tuchmacher und Kürschner, an vorderster Stelle. Dann folgen die Goldschmiede. Noch im Jahre 1857, also bereits nach Beginn der Auswanderung nach den westlichen Ländern, wurden in Polen, ohne Warschau, fast 550 Goldschmiede gezählt. Mit den vertriebenen spanischen und portugiesischen Juden kamen Goldschmiede nach H a m bürg und in die Niederlande. Bis zum heutigen Tage ist das Dia mantschleisen noch vorwiegend ein Tätigkeitsfeld jüdischer Handwerker. Es würde den Nahmen dieses Ueberblickes sprengen, wenn im einzelnen die Mitwirkung der Juden an kunsthandwerklichen Leistungen im Ablauf der Geschichte aufgeführt würde. Nur wenige Beispiele sollen verdeutlichend angeführt werden: Was der F ü r t h e r Kantor E l k 0 n e an prächtigen Parochet (Thoraschreinvorhüngen) schuf, reiht sich den besten Textilien der Zeit arJioKtä Mantua und Ferrara fertiate versW ten ihm höchsten N„h„, bei den^ZeitaenÄ Unter feinem Taufnamen Ercvle de FedettÄ er in die KunstA-schichte eingegangen. W A b r a h a m b e n Salomo C 0 n at' 1475 bis 1477 in M a 111 u a wirkte, aebör/s,. ersten Meistern der Buchdruckkunst; im wirkte die Familie S 0 n c i u 0. Ihr ist bje pjS bewunderte Veredelung des Schriftbildes k hohe Qualität der Drucke zu danken' U I a k 0 b v v u G u n z e u h a u s e n jy' " erinnert, der in N e a p e l druckte, und nichts letzt an C h a j i m S ch w a r z , der gemeinsam mit G e r s 0 u - St 0 h e 11 in P r a g mit Nan8 leisten und Illustrationen versehene hebräisch Werke edierte. ' Die Aufgaben, die von Kultus und dem Lebenau den jüdischen Kunsthandwerker gestellt wur» den, hat er verschieden gelost. Er hat beif gleichbleibenden jüdischen Gehalt in die sich wandelnden Formen gefaßt. Seine AuZZ schließung von den organisch sich entwickelndes Zünften und Handwerken hat bewirkt, daß eH die einmal anfgenommenen Formen länge« konservierte. So kommt es, daß Gegenstände des 18. Jahrhunderts aus den Werkstätten jüdi4 scher Handwerker häufig noch Erinnerungen an frühere, etwa gotische Motive wecken. Der den Juden eigene traditionelle ^inu verstärkte konservative Tendenz besonders. Die Ketüba lEheverträgeh die besonders lange mittetaltcr4 liehe Schmuckformen benutzen, die Grabmälerj die nur ganz allmählich in den Umrissen sich« wandeln, sind in besonderem Vtaße Zeugenz dieser konservativen Eigenart. Die gemein-s samen Eigenschaften alter jüdischer kunsthand-! merklicher Erzeugnisse genügen jedoch nicht, ums aus ihnen die Vorstellung eines jüdischem K 11 11 st l) a n d )v erke s zu gewinnen, soferm man unter jüdisch mehr als Herkunft und Zwecks der Gegenstände versteht. In dem Sinne, wie man etwa von italiem'-i schein uiid deutschem Kunsthandiverk spricht,r gibt es kein jüdisches. Eigenschaften der Form! und Farbe, AusdruckLwerte, die bei allen Er-! zeugnifsen jüdischer Kunsthandwerker in gleicher! Weise anzntreffen sein müßten, imd die nur am der jüdischen Wesensart ihrer Schöpfer erklär» werden könnten, sind nicht aufzudecken. Es iftj im Kunst Handwerk wie in der Malerei Bildnerkunst: klar und eindeutig scheiden sich die! Stile nach der Ausbildung, Herkunft und! lokalen Tradition der Meister. Ein polnischer! Thoraschmuck hat — nicht im Zweck, denn dieser! ist unveränderlich — in seinen Stilformen mehr!! Verwandtschaft mit Polnischem Kunstgewerbeu als mit Frankfurter oder Nürnberger Thora-i schmuck. So erweisen sich die Kräfte der urn-l gebenden künstlerischen Kultur stärker al% wesenseigene jüdische. Zu allen Zeiten gab jüdische Kunsthandwerker von sehr hohem Rang. Ihre Erzeugnisse nehmen den Vergleich mit den Werken nichtjüdischer Meister auf. Ein jüdisches Kunsthandwerk von einheitlichem Charakter und einmaliger Prägung hat es nW gegeben. f Auch unsere Gegenwart, ganz besonders das deutsche Judentum, darf auf eine Reihe schöpf^ rischer Persönlichkeiten Hinweisen, die die Ent4 Wicklung des modernen Kunsthandwerks mW gebildet, zum Teil sogar entscheidend beeinfluW haben. Der Tätigkeitsradius dieser Meister M umfassender geworden. Auch alle Gebiete des profanen Lebens werden von ihrem Gestaltung^ trieb ersaßt. Was beispielsweise auf dem ®CJ biete der Innendekoration und auf dem dey Kleinkunst in den letzten Jahren in jüdip a Werkstätten entstanden ist, hat vielfach weites befruchtend gewirkt. Der jüdische Kunsthanoß werker unserer Zeit verbindet nunmehr ml« einem besonderen Verständnis für speziellen Ausgaben die letzte und völlige herrschung der technischen Mittel. Seine m deutung und Leistung wird in Zukunft, nog stärker als bisher, von den Kräften abhän" sein, die aus der jüdischen Gemeinschaft e strömen.