Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Vom jüdischen Handwerk um zehnjährigen Bestehen des Zenfralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands Audi die Neuzeit >rauchtda$ Handwerk Von Dr. Kurt Zieienziger '• „Sieben Jahre währet die Hungersnot, aber an die Türe des Handwerkers kam sie nicht." Die Hauptstraßen unserer Großstädte sind eugen unserer wirtschaftlichen Epoche. Kauf- Zuser reihen sich an Jndustriepalüste. Spezialrschüfte von Weltruf ziehen die Käufer nicht ur aus der Stadt selbst, sondern von weither n. Me Mittel der modernen Technik, die Lichtsekte, die Schaven der Tausende, die sich tagjglich durch die Straßen drängen, das Tempo, l dem sich dieser Verkehr ab spielt, dies alles ist rr lebendige Beweis für das Zeitalter des Hochipitalismus, in dem wir leben. Aber schon in m Nebenstraßen, auch in denen der Weltstadt, heinen nur in einer anderen Epoche zu weilen. >ier fließt das Leben gemächlicher dahin. Hier raubet kein Verkehr. Die elektrische Dogenunpe ist der Gaslaterne gewichen. Auch in ,nen treffen wir bisweilen Kauflüden, deren chaufeuster jedem Vorübergehenden ein „Halt" »bieten. Aber hier wirkt der Bäcker neben dem bischer, der Uhrmacher neben dem Schuster.;ic alle gehen ihrem Gewerbe nach, fast in der 'eichen Weise um» in den Zeiten, da noch die ünste die Politik der Städte bestimmten. Die l i t t e l a l t e r l i ch e Wirtschaft der Berrfsdecknng ist also keineswegs durch i e Wirtschaft des freien Marktes e r d r ä ng t worden. Als um die Jahrhundertwende .»r Verein für Sozialpolitik eine ntersuchung über das Handwerk durchführte, un er zu dem Ergebnis, „daß der Verfall des undwerks wahrscheinlich noch größer sei, als ach der Berufsstatistik angenommen werden lüsse. Wenn sich auch noch nicht mit Sichereit sagen lasse, „in welchem Tempo sich der eitere N ü ck g a n g des Handwerks vollehe, in welcher zahlenmäßigen Stärke, und in elchen Teilen seines ehemaligen Produktionsebietes es sich schließlich behaupten werde, so ehe doch fest, daß es als Betriebsform l der großen Mehrzahl der Gewerbe überu n d e n sei, und daß es auch seine alte Berutung für die soziale Klassenbildung größtenils verloren habe". Als dann dreißig Jahre läter der Enquete-Ausschuß sich ebenllls mit dem Handwerk beschäftigte, konnte er i seinem Generalbericht feststellen, daß „seit rr Jahrhundertwende die Umstellung nd Anpassung des Handwerks an je kapitalistische Volkswirtschaft fiter der Führung besonderer Wirtschaftsverietungen erfolgte, die dem Handwerk auch die »Utschaftspolitischen Grundlagen für seine Eraltung und weitere Entfaltung zu sichern ersuchten". Der Zeitpunkt also, von dem er Untergang des Handwerks beginnen Ate, brachte seinen Wiederaufstieg, wenn auch Rer stark veränderten Voraussetzungen. ^Auch der Handwerker hat der modernen Zeit ine Konzession machen müssen. Indem er 'W Werkstatt mechanisierte und Ie Vetriebsführung an die neuzeitliche >e d i t w i r t s ch a s t anpaßte, hat er sich, e selbst immer Kapitalist zu werden, im statistischen Zeitalter erhalten. „Im Zusamlwirken wirtschaftlicher und außerwirtschaftrr Kräfte wurde das Handwerk fähig, so st es in dem Generalbericht der Enquetemission (Berlin 1930), „die ihm verblie-!u und die hinzukommenden Möglichkeiten er Erhaltung wahrzunehmen und in der nimmer rastenden Wandlung da und dort auch die Grenzen vorzuschieben oder stärkeren Gegnern auf ein neues Gelände hin auszuweichen. Freilich war es kein Aufschwung, der mit dem der anderen -Berussstünde zu vergleichen war, aber das Handwerk behauptete sich doch, indem es für die im Strom der industriellen Entwicklung fortgeschwemmten Zweige immer neue Triebe ansetzte." Der Krieg hatte auch für das Handwerk eine Belebung mit sich gebracht. Vielen Betrieben war es aber schwierig, sich zu behaupten, weil die Meister und die Gesellen den Handwerkstitel mit dem Waffenrock vertauscht hatten. Nach dem Krieg zeigte sich für das Handwerk zunächst eine Belebung der verschiedenen Nahrungsmittelgewerbe, erklärlich nach einer Zeit, in der das deutsche Volk unter den furchtbarsten Entbehrungen gelitten hatte. Eine wirkliche Konsolidierung des Handwerks konnte aber erst nach der Befestigung der Währung erfolgen. Der Aufstieg, den die deutsche Wirtschaft in diesen Jahren nahm, kam auch dein Handwerk zugute. Besonders hoben sich alle diejenigen Gelverbe, die von der wachsenden Beschästigung des Baugewerbes Nutzen zogen. Neben den Niese n o r g a n i sa t i o n e n , die sich jetzt in der deutschen Wirtschaft bilden, neben den Trusten und Shndikaten, den Konzernen und Kartellen, jenen Gebilden höchstentwickelter kapitalistischer Wirtschaft, b l e i b t d e r k l e i n e G e^v e r betreibende bestehen. Auch die Schöpfungen der neuesten Zeit, die Unternehmungen eines kapitalistischen Sozialismus oder eines sozialen Kapitalismus, vielleicht die Vorläufer der kommenden Wirtschaftsepoche, haben den Handwerker und den Einzelhändler. nicht beseitigt und werden ihn nicht verdrängen, weil er als Mittler zwischen der Produktion und dem Konsuln einen unentbehrlichen Faktor in jeder Wirtschaft darstellt. Das Handwerk hat der Entwicklung seinen Tribut gezollt. Viele feiner Gewerbe sind a u s g e st o r b e n. Wo sind heute die Messerschmiede, die Seifensieder, die Wachszieher, die Siebmacher und die Gürtler geblieben, die einst mit anderen Gewerben in den Städten reiche Nahrung fanden? Andere Handwerkstütigkeiten sind an ihre Stelle getreten, und alte Gewerbe haben s i ch g e w a n d e l t. Aus dem Klempner wurde der Elektrotechniker, aus dem Schlosser der Chauffeur. Der Installateur, der Nadiosachmann, der Photograph, sie alle sind Zeugen der ständigen Wandelbarkeit des Handwerks. Die Massenerzeugung der Industrie hat ebenfalls dazu veigetragen, dem Handwerk neue Wege vorzuschreiben. Viele Erzeugnisse werden heute in den Fabriken serienlveise hergestellt. Aber zu ihrer Fabrikation bedarf es vielfach der Qualitätsarbeiter, die ohne eine handwerkliche Ausbildung ihren Beruf nicht ausüben können. Wenn also bestimmte Zweige des Handwerks in die Industrie abgewandert sind, so sind andere als N e p a r a t u r h a n d w e r k e r selbständig geblieben. Das Schuhgeschäft hat den Schuhmacher verdrängt. Ter fertige Schuh wird im Laden gekauft, ausgebessert aber wird er in der Werkstatt des Handwerkers. Aber nirgends gibt es unübersteigbare Grenzen. Der Flickschuster, der in den verschiedensten Stadtgegenden Annahmestellen errichtet,t in denen seine Gesellen an den Maschinen die Reparaturen vornehmen, wird ebenso zum kapitalistischen Unternehmer wie der Fleischer oder Bäcker, die in zahlreichen Lüden die Waren ihres Betriebes feilbieten. Erst durch diese A n - Passung an den kapitalistischen G e i st hat sich das Handwerk lebensfähig erwiesen. Durch Zusammenschlüsse zu Kreditgenossenschaften, durch die Gründung eigener Bankunternehmungen, durch die Ausbildung handwerklicher Organisationen, durch die verschiedensten Einrichtungen zur Pflege und zur Förderung des Handwerks hat das Handwerk selbst aus eigenen Mitteln oder mit der Unter- Bng des Staates es unternommen, die inzgrundlagen dieses unentbehrlichen Wirtschaftszweiges zu untermauern. Wenn auch das Handwerk selbstverständlich von den Nöten der Zeit, von der schwindenden Kaufkraft, dem Mangel an Krediten genau so berührt worden ist wie alle anderen Zweige der deutschen Volkswirtschaft, sein Kern ist gesund geblieben. Da es keineswegs den Ehrgeiz besessen hat, wie die Niesenorganisationen einen himmelanstürmenden Bau aufzutürmen, sondern stets sich seiner Grenzen bewußt war, konnte es auch niemals diese Zusammenbrüche erleben, die viele jener allzu aufgeblähten Unternehmungen zu Fall gebracht haben. Die Weisheit des Talmudisten, die wir als Motto diesem Aufsatz voranstellten, hat sich auch in unseren Tagen bewahrheitet. Es ist erstaunlich, daß man besonders in den Großstädten so wenig vondenjüdis ch e n H a n d w e r k e r n weiß. Unsere nichtjüdischen Mitbürger sind im allgemeinen aufs äußerste überrascht, wenn man ihnen von den zahlreichen jüdischen Handwerkern, die in Deutschland leben, erzählt. Aber es gibt auch viele Juden, die sich bis heute über die Bedeutung des Handwerks unter den Juden noch nicht völlig klar geworden sind. Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Aus den Ermittlungen, die S e g a l l vor kurzein in der Zeitschrift „Der jüdische Handwerker" über das jüdische Handwerk in Groß-Berlin auf Grund der Forschungen von Silbergleit angestellt hat, ergibt sich, daß im Jahre 1925 in der Reichshauptstadt 6115 jüdische Handwerksmeister lebten, daneben 4900 Gesellen und Arbeiter. So wird Segalls Annahme zutrefsen, daß mit den Familienangehörigen in Berlin allein m i n d e st e n s 3 0 0 0 0 Juden vom Handwerk leben. Der Prozentsatz ist in anderen Städten noch höher als in Berlin. Unter den jüdischen Handwerkern findet man die verschiedensten Erwerbszweige: die Schneider, die Hutmacher und Kürschner, ebenso wie Ein Sindenburg-Wort Der ReichsbundjüdischerFronts o l d a t e n hatte dem Reichspräsidenten zu dessen 85. Geburtstage Glückwünsche übersandt und ihm das erste Exemplar des Gedenkbuchs übermittelt, das die gefallenen deutschjüdischen Soldaten namentlich aufzäh lt. Der Reichspräsident hat dem Reichsbunde jüdischer Frontsoldaten daraufhin das folgende Schreiben übersandt: „Dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten spreche ich für seine Glückwünsche zu meinem 85. Geburtstage sowie für die schöne Blumenspende und bas Gedenkbuch meinen herzlichen Dank aus. In ehrfurchtsvoller Erinnerung' an die auch aus Ihren Reiher» siir das Vaterland gefallenen Kameraden nehme ich das Buch entgegen und werde es meiner Kriegsdncherei einverleiben. Mit kameradschaftlichem Gruß! r von Hindmburg." '