Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 8-9 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2571117-2571190-2571195--669-2572020- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
54 der Jude von Neligions wegen verpfttchtet, sich Den Staatsgesetzen zu unterwerfen. Alle Gesetz» über den Fund, über Gerichtsbarkeit und Zeugenschast, die eine jüdische Autonomie voraussehen, sind dort nicht anwendbar, wo die Materie durch Staatsgesetz für alle Bürger geregelt ist. Wenn es beispielsweise im Schulchan aruch heißt, daß es verboten ist, einen Prozeß der Juden unter sich vor den Richtern der Heiden zu führen, sondern daß man ihn vor bm jüdischen Gerichtshof austragen solle, so ist an sich der Grundsatz verständlich. Auch die Kirche hatte in- Mittelalter ihre Sondergerichtsbarkeit. Heute aber gilt in einem Kulturstaate dieses Gesetz nicht mehr. Ein weiterer Grundsatz dieser Art gebietet tu e T) r z u tun, a l s das nt enschliche Gesetz es b e f i e h l t w e g e n der Heiligung des G o t t e s n a m e n s (Kiddusch haschenr). Dies pflegt der Talmud dort zu betauen, wo das buchstäbliche Recht das sittliche Empfinden nicht voll befriedigt, wo aber wegen des Fehlens der Gegenseitigkeit die beanstandete Rechtsvorschrift nicht abgeschnfst lverden kann. Das beste Beispiel ist das schon öfters erwähnte Fuudrecht. Rach dem Gesetz soll der Jllde den Fund des Heiden, behalten. Der Talmud bringt aber Beispiele, nach denen Rückgabe erfolgte wegen der „Heilung des Gottesnamens". Sie gilt als ein Ansporn zu besonders sorgfältiger Erfüllung ethischer Gebote. In derTosefta, einer der Mischnah ähnlichen frühtalmudischen Quelle, heißt es inr Traktat Baba Kama 10, 15: „S ch w e r e r i st der Raub a it eine m Heiden als der Raub an eine m Israeliten w e g e n der Entweihung des G o t t e s n a m e n s." Abschaffungen und Mildertmgen des Gesetzes erfolgten auch „wegen der Wege des Friedens" (mipne darke haschalom). An und für sich sind beispielsweise weder Juden noch Anhänger anderer Religionen verpflichtet, die besonderen aus der religiösen Brüderschaft resultierenden. Pflichten auch den Fremden gegenüber zu erfüllen. Im Interesse des Friedens wird aber das Gebot ausgedehnt, und es heißt im Talmud: „Man ernähre die Armen der N ich tj u d e n uit b d i e Armen Israels. Man besuche die Kranken der N i ch t j u d e n und die Kranken Israels. Man begrabe die Toten der Nichtjuden unddie Toten Israels. Man berge die Geräte der Nichtjuden und die Geräte Israels wegen der Wege des Friedens." Der Ausdruck ist nicht etwa, lvie manche Feinde des Talmuds meinen, in dem Sinne aufzusassen, daß man lediglich „um des lieben Friedens willen" sich nachgiebig erweisen und sich einen guten Namen in den Augen der Welt schaffen solle. Die Anschauung will ausdrücklich Frieden und Einigkeit unter den Menschen verbreiten. Die späteren Gesetzesbucher, insbesondere der Schulchan aruch, stellen sich auf den gleichen Standpunkt. k) Die ethischen Anschauungen haben sich fortentwickelt. Die Ethik ist göttliches Gesetz! Ihre Grundzüge stehen fest. Sie können nicht geändert werden und können sich nicht fortentwickeln. Wohl aber, kann es bei der Umsetzung der erhabenen göttlichen Grundsätze in die Praxis des Lebens Vorkommen, daß die Ausdeutung einzelner Lehren nicht einheitlich erfolgt, und daß sie mit der Größe der sittlichen Idee nicht in Einklang steht. Unbeschadet der hohen Wertfchützitng des menschlichen Lebens, die das Alte Testament anszeichnet, ist die Todesstrafe in ihr in einem Ausmaße angedroht, die spätere milder denkende Zeiten 31t überwinden trachteten. Und manche Vorschriften des Talmuds haben sich durch die fortgeschrittenen Anschauungen späterer Zeiten eine Korrektur gefallen lassen müssen. Das ist keine Eigentümlichkeit des jüdischen Gesetzes, denn allch andere Religionen entwickeln sich Innerlich. Allch die christlichen Kirchen haben ihre mittelalterlichen Meinungen über Ketzer und Hexen nebst vielen anderen stark geändert. Man macht dent jüdischen Gesetz zum Vorwurf, daß es den Irrtum eines Nichtjuden auszunützen erlaube, wenn dieser sich von selber zu seinem Nachteil irrt. „W e n n d e r Nichtjude eine Rechnung macht und sich irrt, so sage der Jude zu ihnt: Ich verlasse mich ans deine Rechnung. Ich weiß nicht, ob es sich so verhält, aber ich gebe dir, w as du f0 rbei* ft" (Seser Mizwot 132b). Daß jeder Betrug, jede Täuschung, Raub und Diebstahl einem Nichtjuden gegenüber unter allen Umständen verboten sind, ist unbestritten. Den Irrt u nt jedoch haben die Alten leichter beurteilt, und sie haben ihn nach den Vorschriften f ü r F u ndrecht behandelt. Das ist keineswegs eilte für das Judentum charakteristische Bewertung, sondern die katholischen Moraltheologen dachten genau so. Noch im 18. Jahrhundert entscheidet Alfons Maria de L i g u 0 r i, daß ein Käufer, dem ein silberner Gegenstand zu billigem Preise angeboten wird, weil der Verkäufer meint, er sei vott Zinn, nicht verpflichtet ist, den zu seinem eignen Schadert sich Irrenden aufzuklären. Er weist darauf hin, daß er ihn weder positiv täuscht noch auch zum Verkauf zwingt. Die spätere Entwicklung hat diese "Anschauung überwunden. Eilt wichtiges Moralwerk, das „B u ch der F r 0 m m e n" von Rabbi Jehuda ben Samwel aus Regensburg, verfaßt gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts, sagt von Nichtjuden ausdrücklich, daß „sein Irrtum verboten i st". Und die späteren Kommentatoren des Schulchan aruch stützen sich auf seine Meinung und beurteilen die Ausnützung eines Irrtums lvie einen Betrug 2. Der Talmud muss aus seinem eignen Geiste verstanden werden a) Die Sprache des Talmuds bietet große Schwierigkeiten. Der Talmud ist, wie schon erwähnt wurde, tu einem sehr schwierigen aramäischen Idiom abgefaßt, seine Ausdrucksweise ist nur schwer verständlich, und es bedarf eines besonderen eingehenden Studiunts, tvenn man bei der Uebersetzung dent Geiste seiner Sprache gerecht lverden will. Bloße Kenntnisse der hebräischen und aramäischen Sprache allein genügen nicht. Mehr als bei jeder anderen Sprache will berücksichtigt sein, daß in der Sprache eines Volkes Seele lebt, itnb daß wörtliche Uebersetzung darum nicht immer dem Sinne gerecht werden kann. Es dürfen also Begriffe der talmudischen Sprache denen der deutschen nicht ohne weiteres gleichgesetzt werden. Bon altersher wirft man der Sittlichkeit des Talmuds die nachfolgende Stelle vor: „Ihr I u d e n tv e r d e t M e n s ch e n genannt, die Völker der Welt w e r d e n aber nicht M e lt s ch e lt genannt, s 0 lt d e r n Vieh." (Talmud babli, Traktat Baba Mezta, Blatt 144b.) Hierzu ist zunächst zu betnerteu, daß die Worte „sondern Vieh", die in den ganzell Zusammenhang nicht passen, eine Fälschung sind. Es.würde zwar nicht aus dem Stile und der Denkweise der alten Zeit herausfallen, wenn dieser Zttsatz sich tatsächlich fände, denn das Nette Testament vergleicht die Heiden ohne jedes Bedenken mit Hunden und Schweinen (Ev. Matth. 7, 6), und die Kirchenväter drücken sich über Jtldett und Ketzer so drastisch aus, daß man es nicht gertt niederschrelbl. Aber die Worte stehen gar nicht im Urtext des Talmuds, sie sind willkürlich von feindlichett Abschreibern oder Setzern hittzugefügt wordett. Int Talmud selbst heißt der Satz — er erklärt den Bibel- Vers Ezechiel 34, 31 wörtlich: „I h r w e r d e t ,A d a ttt‘ genannt, d i e Völker d e r W e l t w e r d e n n i ch t ,A d a nt* g e - n a n n t." Oberflächlich übersetzt heißt nun „Adam" wohl „Mertsch". Sein Sinn ist aber „vont jüdisch rituellen Standpunkte als tut Vollbesitz aller Eigenschaften zu bezeichnender Mann". Damit verliert der ganze Satz jede Spur von Verletzendem oder Verächtlichmachung. Denn mit dem Namen „Adam" werden auch nicht einmal alle Juden bezeichttet. Der Talmud sagt: „Wer keine Frau hat, wird nicht Adam* genannt!" Und weiter: „Wer keinen Grundbesitz hat, wird nicht ,A d a nt* g e n a n n t." Familie und Grundbesitz stempelten eben zum vollwertigen Gliede der jüdischen Gemeinschaft. Aus diesen Zitaten ergibt es sich klar, daß eine wörtliche Uebersetzung des Wortes „Adam" mit „M e n s ch" einen Gegensatz herstellt, der wohl in der deutschen Sprache vorhanden ist, der aber dem talmudischen Sprachgeist vollständig fern liegt. b) Ist der Talmud dogmatisch? Es ist bereits im ersten Teile auseinandergesetzt worden, daß der Talmud lediglich die fast stenographisch getreue Wiedergabe von Verhattdlungett darstellt, und daß nicht jedes Wort dogmatische Geltung haben kann. Während des Weltkrieges warf man den Juden vor, ihr Talmud gebiete Drückebergerei und führte als Grundlage das Wort des babylonischen Talmuds Traktat Pessachim (Blatt 113a) an: „Wenn du in den Krieg ziehst, so ziehe nicht vorttean, sondern ziehezulehtaus, damit du zuerst heim kehrst." Dieser Satz wird angeführt als ein Spruch der „Jerusalemischen Leute". Diese aber werden int Talmud selber als frivole, den Sinnesgenüssen ergebene, reiche Leute geschildert, denen nichts heilig war. Ihre Aussprüche können also gewiß nicht als Ausdruck des jüdischett Volksgeistes gewertet werden. Diese reichen Schlemmer standen gewiß in einem schneidenden Gegensatz zu der Masse des Volkes, die den gegen Jerusalem anstürmenden Römern so tapferen Widerstand geleistet hat wie kaum je zuvor ein von diesen bekriegter Stamm. Um die Moral der Talmudlehrer zu beleuchten, führt man einen Satz aus dem babylonischen Talmud Traktat Sara 17a an. „Von Rabbi Eleazarwird erzählt, daß keine Hure auf der Welt gewesen fei, die er nicht gebraucht habe."'' Es handelt sich aber um keinen Talmudgelehrten, denn im ganzen Schrifttum ist dieser Eleazar ben Duradja nicht wieder erwähnt, sondern um eilten Wüstling, der Reue empfand und während des Werkes der Buße starb. Die jüdische Literatur ist außerordentlich reichhaltig. Verpflichtende Kraft haben lediglich die gesetzlichen Bücher, von denen in nachtalmudischer Zeit nur der M i s ch n e Tora des Maimonid'es und der S ch tt l ch a n a r u ch des Josef Karo in Betracht kommen. Auch ihre absolute Autorität ist heftig tunstritten worden. Zitate aus anderen Büchern -geben aber lediglich die Meinung der