Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 8-9 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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53 Gegenseitigkeit zu einem Quell des Fremdenrechts, in loelchern des Ethische zugunsten des Praktischen immer mehr zurücltritt. Ilnd von den ältesten Zeiten bis aus den heutigen Tag zeigt sich im Fremdenrecht die Abweichung von der übernationalen sittlichen Gleichheit und Gerechtigkeit. Selbst im Deutschland von heilte finden sich, so in der Verweigerung der Niederlassungserlaubnis, Spuren einer solchen Gesehgebllilg, die fraglos viel umfangreicher lväre, wenn es irach den Wk'mscheu mancher radikalen Partei ginge. Es ist mm eine Eigentümlichkeit des alten Judentums, daß es bei seinem Doppelch a r a t t e r als N e l i g i o n s st a a t nnb S t a a t s r e l i g i o n soivohl deil Forderungen der r e inen R e l i g i v ll wie bcucn des Staate s gerecht werden muhte. Ilnd dabei konnte es naturgemäß an den oben angedeuleten Prinzipien, insbesondere dem der Gegenseitigkeit, nicht vorübergehen, wollte es nicht seine eigenen Anhänger ernsten 'Schädigungen aussetzen. Dian mußte es der alten biblischeil Staatsidee, von der auch der Talmud nicht abweicht, nachrühmen, daß sie den erhabensten Grundsatz, der denkbar ist, geprägt hat. „Ihr sollt den Fremden lieben, denn Fremdlinge w a r t ihr i m Lande Aeghpte n." Aus dein Wissen unl das Weh und das seelische Leid des Fremdlings sollte der Jude die Kraft gewinnen, gütig und gerecht gegen ihn zu sein. So ist das alte F n n d r e ch t des Tabnuds zu erklären. Man macht ihm den Vorwurf, daß er die Rückgabe eines voll einem Juden verlorenen Gegenstandes zur Pflicht mache, sie d a g e g e n bei jedem einem Nichtj u d e n g e h ö r i g e ll Funde verbiete. Hier handelt es sich aber einfach um ein Gegenseitigkeitsrecht. Denn nach dem Rechtsempfinden der alten Völker gehörte jeder verlorene Gegenstand dem Finder. Und da der Nichtjude dem Juden grundsätzlich nach seinem Rechte einen Fund nicht herausgab, wäre es unbillig gewesen, vom Juden zu verlangen, daß er ihn an diesem Vorteil des jüdischen Rechts teilnehmen ließ. Trotz dieses klaren und unanfechtbaren Nechtsstandpunktes, der übrigens wenigstens in bezug auf das angeschwemmte Strandgut („Segne unfern Strand") bis in die Neuzeit hinein auch bei europäischen Kulturvölkern galt, hat aber der Talmud dieses an sich gewiß harte, der damaligen Epoche selbstverständliche Gesetz dadurch gemildert, daß er eine Rückgabe eines Fundes an einen Nichtjuden wegen der H e i l i g u n g des Gottesnamens empfiehlt. Etwas ähnliches ist es, wenn dem Talmud vorgeworfeu wird, er gebiete dem Nichtjuden gegenüber den Wucher, während inan vom Juden nicht einmal Zinsen nehmen dürfe. Zunächst ist, worauf noch später eingegangen .oird, vom Wucher im modernen Sinne, also Ausbeutung der Unwissenheit, der Unerfahrenheit oder der Notlage eines anderen, gar keine Rede. Der Talmud weiß nur vom Z i n s - n e h m e n. Das Gesetz geht ans das Alte Testament zurück, auf eine Zeit, in der es keinen oder nur geringfügigen Handelsverkehr gab und das Leihen mehr eine Sache der Freundschaft oder der Wohltat als des Geschäftes war. Dein Volksgenossen war die Gegenseitigkeit verbürgt, dem Allsländer aber, der ja lediglich in geschäftlichen Beziehungen zum Juden stand, diese Wohltat zuzuwenden, lag an sich kein Anlaß vor. Bemerkenswert ist jedoch, daß der Talmud das Bestreben zeigt, das Zinsverbot auch auf die Nichtjuden auszudehnen. 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Gedruckt 1520 in Venedig; Anordnung in allen folgenden Ausgaben beibehalten d) Auf wen erstreckte fich die talmndische Gesetzgebung? Einer der süchtigsten Vorwürfe gegen den Talmud besteht darin, daß er v o n Feindseligkeit gegen das C h r i st e n t u m erfüllt sei. Von allen Aussprüchen, welche sich gegen die „Völker" (Gojim), die Nichtjuden im allgemeinen,'oder die „Götzenanbeter" (Obde kochabirn urnassnlot, Diener der Sterne und der Planeten, abgekürzt „Akum") im besonderen richten, wird behauptet, daß sie sich auch gegen das Christentum wenden. Wie steht es damit? Daß der Talmud Jesus kaum und das Paulinische Christentum überhaupt nicht kannte, ist bereits im zweiten Teile auseinandergesetzt worden. Wichtig ist es aber zu wissen, daß der Talmud keineswegs etlva alle Heiden in einen Topf wirst und gleichmäßig behandelt. Er scheidet genau zwischen jenen, die keine Kultur, keine Moral und kein allgemeingültiges Recht kennen, und den anderen, die Rechtsordnung und sittliches Empfinden besitzen. Diese letzteren behandelt er — abgesehen von rein religiösen Dingen — als fast gleichberechtigt. Und daß von den n'achtalmudischen späteren Gelehrten, die das Christentum genauer kannten, die Bekenner dieses Glaubens zu jenen Nichtjuden gerechnet werden, welche den Anforderungen einer allgemeingültigen Moral gerecht werden, ist selbstverständlich. Man betrachtete das Christentum als eine monotheistische Religion, welche lediglich der Verehrung des einig-einzigen Gottes ettvas anderes, nämlich die Dreieinigkeit beigesellt hatte, und nannte sie demnach „S ch i t t u f" (Beigesellung). Daß tatsächlich der Talmud nicht etwa auf die Abstammung, sondern nur auf das sittliche Werk und die Gesinnung schaute, gleichviel zu welchem Glauben sich einer bekannte, ergibt sich aus seinem gewaltigen Worte: „Die Frommen der Völker der Welt haben Anteil am künftigen Leben". Es ist demgegenüber besonders bemerkenswert, daß das zeitgenössische Christentum nur jenen die ewige Seligkeit verhieß, die die Taufe empfangen hatten. Daß der Talnmd den Heiden seiner Zeit nicht volles und gleiches Recht gewähren wollte, ist begreiflich. Tenn sie ergaben sich der Unsittlichfeit, erkannten die Grundlagen dcw Familien sowie des Rechts nicht an, und jeden Tag hatten die Juden unter ihrer Geioalttätigkeit, die bis zum Morde führte, zu leiden. Als gleichb e r e ch t i g t w u r d e n a b e r j e n e H e i -> d e n b e t r a ch t e t, bic man bic „S ö h n e Noahs" nannte, weil sie sich zur Beobachtung der sogenannten sieben „noachidischen" Gebote verpflichtet hatten. Diese untersagten: 1. das Fehlen einer Gerichtsbarkeit; 2. Gotteslästerung; 3. Götzendienst; 4. Blutschande und Ehebruch; 5. Blutvergießen (Mord); 6. Raub; 7. ein Glied von einem lebenden Tiere zu essen. Aus dieser Zusammenstellung ersieht man, daß der Talmud nicht etwa aus nationalem Hochmut sich gegen das Heidentum im ganzen k instellt, sondern daß er lediglich jene verurteilt und ablehnt, die nicht auf sittlicher Grundlage fußen. Soweit der talmudischen und der von ihr später abgeleiteten Gesetzgebung Feindseligkeit gegen Fremde vorgeworfen werden kann, wendet sie sich keineslvegs gegen jene Heiden, die die sieben noachidischen Gebote beachten, und gegen die Christen schon gewiß nicht. e) Gilt das talmttdische Gesetz noch heute? Tie Eigentümlichkeit der jüdischen Gesetzlichkeit, uüe sie im ersten Teil geschildert wurde, bringt es mit sich, daß die Frage, ob ein einzelnes Gesetz noch Geltung habe, erst dann beantlvortet werden kann, wenn man die spätere Entwicklung, die Kommentare und Entscheidungen der Gesetzeslehrer kennt. Obwohjl die Bibel Gottes Wort ist, kann nicht jedes ihrer Gesetze Gehorsanr verlangen, ohne daß die rabbinische Interpretation Beachtung findet. Würde heute ein jüdischer religiöser Staat errichtet, in welchem religiöses Recht eingesührt wird, so würde trotzdem entgegen der Vorschrift der Thora für den Sabbat h schände r und den widerspenstigen Sohn die Todesstrafe nicht mehr verhängt werden, und das von Rechts wegen, weil eben die spätere Entwicklung über sie hinweggegangen ist. Es ist soeben das Beispiel des F u n d r e ch t s angeführt loorden, bei welchem die Heiden benachteiligt waren. Noch im Schulchan aruch findet sich dem Sinne nach der Satz: „Wer einen gefundenen G e g e n st a n d einem Götzendiener z ur ü ck g i b t,begeht eine U e b e r t r e t u n g, weil er damit S ü n d e r u n t e r st ü tz t." Schon der älteste Kommentar des Schulchan aruch, Moses R i b k e s (schrieb etwa um 1670 einen Quellennachweis zum Schulchan aruch), führt aber aus, daß es nunmehr Pflicht ist, einen gefundenen Gegenstand jedem zurückzuerstatten, auch jedem Nichtjuden. Und dabei ist es auch geblieben. Das gesamte Fremdenrecht wird zwar in den Gesetzbüchern, insbesondere dem Schulchan aruch, immer wieder abgedruckt. Es ist aber in Wirklichkeit durch die Erklärer außer Kraft gesetzt, ganz abgesehen davon, lvovon sofort die Rede sein wird, daß in solchen Fragen das Staatsgesetz für den I u d e n m a ß g e b e n d i st. Es gibt eben auch allgemeine Prinzipien, die für die Kulturländer das ab w eichen de jüdische Recht außer Kraft setzen. Hauptsächlich kommt der im Talmud öfters vorkommende Grundsatz in Frage: „Dine Demalchuta Dine" (Das Gesetz des Staates ist geltendes Gesetz). Selbstverständlich bezieht sich das nicht auf rein religiöse Dinge, und es lväre unmöglich, mit Rücksicht auf ihn etwa den Sabbath abzuschasfen oder zu verlegen, lleberall. wo es sich aber um rein rechtliche Dinge handelt, um die Beziehungen von Mensch zu Mensch, wie Strafrecht und Zivilrecht, ist