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Central-Verein-Zeitung · 1932-08-01 · Heft 8-9 (August 1932) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 8-9 (August 1932)
Date
1932-08-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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52 Jude oder Christ, kann in seinen Sinn bis in die letzte Tiefe Eindringen. Es gab itttb g i b t keine Nt ö g l i ch k e i t, irgend etwas t tu % a I m itbmici m jÜdis ch e n S ch r i f tt tt ttt ü b e r h a u p t o c r b or § e n z u h a l - t e n , s e l b st w e n n d e r W ille d a z u v v r- Händen tv ä r e. Tatsächlich haben anch jederzeit christliche Gelehrte in nicht geringer Zahl sich mit dem Talmud beschäftigt. Ans neuerer Zeit seien Fra nz ,D e l i tz s ch, H e r m n n it L. Strack, Hei n r i ch Laible, Gustaf Dnlman, Erich Bischofs, W i n d f n h r und Patll Fiebig genannt. Strack sagt im Borwort seiner „Einleitung zum Talmud itnd Midrasch" wörtlich: „Ter Talntud, der Schnlchan arnch und andere jüdische Schriftwerke sind Geheimbücher nur für diejenigen — Inden nicht ntinder als Christen —, welche weder die zum Lesen der Grnndtexte erforderlichen Kenntnisse sich erworben haben, noch von den vorhandenen Uebersetzungen usw. tutffeu. Für solche * ist allch Casars ,Bellum Gallieuull ein Geheinlbllch." Ans zwei weitere Punkte weist Strack hiermit hin. Es gibt eine ganze Reihe von U e b ersetz u n g e n einzelner Teile und des Ganzen, in denen auch Laien Nachlesen können, so daß die von judenfeindlicher, unwissender Seite oft genug erhobene Forderung, der Talmud müsse von Amts wegen übersetzt werden, längst erfüllt ist. Die neueste Uebersetzung von LazarusGoldschmidt findet sich in jeder größeren Bibliothek. Dann aber irrt man meist, wenn man die Juden allesamt als T a l nt tt b kenner hinzustellen beliebt. In Deutschland, ist er, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nur den Rabbinern bekannt, die ihn — ähnlich wie die katholischen Geistlichen die Kirchenväter — lediglich als Fachstudium betreiben. Die zweite Gruppe, die Angriffe auf einzelne Lehren des Talmuds, füllen Bücher. Es ist ganz unmöglich, cur dieser Stelle alle Beschuldigungen aufzuzühlen und zu widerlegen. Es soll hier ein anderer Weg gewählt werden. Gewisse a l l g e m e i n e Grundsätze der Abwehr sollen aufgestellt und durch einzelne Beispiele belegt werden. Die erste und wichtigste dieser Regeln ist, daß der Talmud ein Produkt b e st i ur ur t e r h i st o r i s ch e r u n d soziologischer Verhältnisse ist. Bildet auch die offenbarte Lehre der Thora, der nach jüdischer Auffassung ewiger und unveränderlicher Wert zukommt, seinen Kern, so ist er doch Menschenwerk. Er ist von Gelehrten geschrieben worden, die Kinder ihrer Zeit waren, die, von den Meinungen und Hoffnungen ihrer llmgebung beeinflußt, in ihren Werken ein Bild von ihrer Epoche geben. Als erster und wichtigster Grundsatz für die ttntersuchllng der Vorwürfe muß daher der Satz gelten: 1. Der Talmud muss aus seiner Zeit erklärt und verstanden werden a) Die historischen Verhältnisse sind zn berücksichtigen. Jüdische Geschichte ist Leidensgeschichte! Seit der Zerstörung des Tempels seines staatlichen Zusammenhanges und seines ursprünglichen Heimatbvdens beraubt, hat das Judentum in der Zerstreuung den Kelch des Unglücks bis zur Neige ausgekostet. Es ist daher nicht wunderbar, wenn Worte des Zornes und der Verbitterung über die Verfolger sich auf die Lippen Drängten; Insbesondere muß der Groll der jüdischen Seele den Römern gegolten haben, die den Staat vernichtet, den Tempel Zerstört, viele Tausende von Juden als Sklaven verkauft oder arausam getötet hatten und die noch dazu zur Zeit Hadrians mtcl) die jüdische Lehre auSznrvtten trachteten. „De n beste n unter de n He i de n s ch läge m an t o t." Wenn in einem der Zeit des Talmuds augehörigen und im Geiste des Talmuds verfaßteil Werke, der Mechilta (Kap. 14, 4), sich dieser Satz findet, der gewöhnlich von judeuseindlicher Seite noch dadurch verschärft loird, daß ohne jede Begrüllduug „Heiden" durch „Christen" ersetzt loird, so ist zci bedeilkeu, daß er von einem Gesetzeslehrer (Simon ben Jochai) stammt, der durch die Religioilsverfolgllllgen des Hadricm entsetzlich zu leiden hatte. In ursprünglicher Gestalt, die au ailderer Stelle überliefert loird, lautet der Allsspruch: „T e n besten ll n ter ben Heiden töte w ä h r e ll d des Kriege s." Dadurch wird seill ttrsprllng deutlicher! Es ist ein Allfschrei, der der Brllst eines Verfolgten sich entringt, ein Ausdruck der Verzweiflung, der mit dem Rechtsleben oder der Gesinnung eines normalen Menschen nichts zu tun hat. Jhll als typisch für das jüdische Elnpfinden hinzustellen, ist genau so falsch, wie wenn man als Beweis für den Charakter des deutschen Geistes das in der Erregung des Boxeranfstandes zu den Truppeir der China-Expedition gesprochene Wort Wikhelills II. betrachten lvollte: „Pardon loird llicht gegebell, Gefangelle werden nicht gemacht." In der Zeit der Freiheitskriege dichtete auch E r n st M o r i tz A r n d t : „Schlagt sie tot! Das Weltgericht fragt nach euren Grüllden nicht!" b) Die Anschauungen dev Zeitgenossen müssen berücksichtigt werden. Alles im Leben ist relativ. Und wenn man für die sittlichen und sonstigen Anschauungen von Menschen einen.Maßstab sucht, muß rnan bei denen nachforschell, die zeitlich unb räumlich mit ihnen zllsaulmelllebell. Die Hygiene eines Engländers des zwanzigsten Jahrhullderts kann nicht verglichell werden mit der eines polllischell Ballern, der fünfhundert Jahre früher lebte. Bei den A n g r i f f e n gegen den Talmud schließt man aber oft so. Mall vergißt ganz, daß die Literatur der Zeitgenössischen Christenheit — nicht nur die Kirchellväter, sondern auch das Nelke Testament — oft Anschauungen verrät, die vom Standpunkt mlserer heutigen Empfindlingen mis sehr anfechtbar finb. Nach dem Schnlchan aruch, der Kodifikation des talmudischen Rechts, ist es ausdrücklich einem Inden verboten, einen Proze ß m i t eine m Juden v o r ei n e nl n i ch t j ü d i - scheu Gerichtshof zu führen (Choschen hamischpat 26,1). Wenn aber daralls der antisemitische Vorwurf eine Verachtung des Staates konstrllieren lvitt, so sei daran erinnert, daß ja allch Pallllls den Christen verbot e n hat, vor e i n e m heidnischen Gerichtshof z ll prozessieren (Kor. 6, 1). Der psychologische Grund ist klar, er hat auch Arllaß zllr fogenannten Konsulargerichtsbarkeit der rnodernen Zeit gegeben. Mau macht dem Talmud den Vorwurf, daß er den Juden gebiete, die christliche- Kirche u ll d ihre G ö tz e u b i l d e r zu v e r b r e n n e n, z ll g r u n d e z u r i ch t e n , sie a ll s z u r o t t e n u ll d ihnen S ch i ul p f n a m eit z ll gebe n. Ein solcher Satz findet sich allerdings nicht, er ist in feiner Betonung des C h r i st e n t u m s eine Fälfchullg! Wohl aber steht im babylonischen Talnlud (Traktat Aboda sara 45 d), daß lnan Götzenbilder, die man findet, vernichteil ulüsse, indenl man sie in Staub verwandelt und ins Meer lvirst, ihnen allch Schimpfnamen geben solle. Man muß hier allch wohl bedenken, daß es sich um wirklichen unsittlichen Götzendienst halldelte, der auch voul a l l g e m e t n c n ethi sehe n S ta ll d Pll ll k t e aus als verdaulmellswert galt. Weselltkich ist aber, daß die christlichen Lehrer der Zeit, die Kirchenväter, nicht lMl eilten Deut anders dachten. Ihre Wertullg der heidilischen Götter und ihres Kults — übrigen« auch des jüdischen — ist voll einer Maßlosigkeit in der Sache mtb der Ausdrucksweise, daß die wenigelt jüdischelt Aeußerungen über den Götzendieltst bagegen zahm erscheinen. Die Kirchenväter itemtcu oft die Heiden Hullde itnb Schweine. Wenn man ferner beispielsweise den Jllden den Vorwurf macht, daß sie in der sogenannten Haggada, dem Ritllal für die ersten Abende des Passahfestes, durch das Rezitieren des Psalmverses 79, 6—7 („Gieße beinen Zorn aus über die Völker, welche dich nicht erkennen" llsw.) sich gegen die Nichtjuden wenden, so ist darall 31t erinnern, daß auch das katholische Gebetbuch, das Breviarium Romanum, viermal im Jahre das gleiche Gebet vor schreibt. e) Recht imd Moral sind nicht immer in Uebeveittstintmnttg' Es wäre ein Jdealzustand, lvenn überall und immer das kodifizierte Recht einer Gemeinschaft lediglich eine Umsetzung der Ethik ihres Glaubensbekenntnisses wäre. Bei den verschiedenen Allfgaben aber, die dent Staate und der Religion gesetzt sind, ist es klar, daß nicht nur viele Gesetze ethisch indifferent sind, sondern daß zuweilen aus Gründen der Staatsnotwendigkeiten Widersprüche zttr ethischen Grtlndgesinnung auftreten könnetl. Die Religion will nur auf die G e s i n - n u n g schauen, sie wertet die Tat lediglich nach ihren Motiven. Der Staat muß aber die O r d - n u ll g aufrechterhalten. Er schafft zunächst eilte Fülle von sittlich nicht bedingten Gebotett, deren Uebertretung aber bestraft wird. Er bestraft aber auch die sittlich einwandfreie Tat, die die Ordnung mtb das Zusammenleben der Bürger praktisch stört. Wer unabsichtlich mtb wieder seinen Willen einen anderen Menschen verletzt, wird Vota Staate verfolgt. Trotz des Grundsatzes von der Feindesliebe kennt allch der christliche Staat das Delikt der Beleidigung. Tie Moral in ihrer Bezogenheit auf Gott gleicht ihre Uebertrettmg seelisch aus, während das verletzte Recht ein gestörtes Gleichgetvicht im Gemeinschaftsleben bedeutet, das demnach sichtbar gesühnt werden ntuß. Besottders fühlbar loird dieses Auseinandergehelt von Recht und Moral, sobald es sich um die Behandllmg dessen handelt, der nicht zur Gemeinschaft gehört. Für die Religion und ihre Ethik ist schon der Begriff eines besonderen F r e tu denrechts ein Widerspruch in sich. Denn die Kulturreligioiten gehen an sich von der Gleichheit aller Menschen aus. Es gibt gewiß auch religiöse Anschauungen, die dies beschränken. So bedeutet die christliche Lehre, daß mtr die Taufe den Anspruch auf Seligkeit gibt, allch für die mittelalterliche Gesetzgebung des christlichen Staates die Grundlage der Entrechtung von Heiden und Juden, aber für rein sittliche Dinge ist die Gleichheit ' festgelegt, da vor Gott alle Menschen gleich sind. Der Staat dagegen muß die Glieder des engeren Bllndes bevorzugen. Die Vorteile, die er zti vergeben hat, gelten nur für die ihm Angehörenden. Auch relative Gründe beeinflussen das Entstehen eines Fremdenrechts. Nicht alle Staaten haben die gleiche sittliche Grundlage, nicht alle erkennen theoretisch die Gleichheit aller Menscheil an. Der Staat ist gezwungen, darauf zu achten, wie ein fremder Staat Ausländer behandelt. So wird das Prinzip det

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