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Central-Verein-Zeitung · 1932-08-01 · Heft 8-9 (August 1932) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 8-9 (August 1932)
Date
1932-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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51 Weisen Iaht, wo die Judevheit einen noch eigenen Gesetzen sich verwaltenden Teil des Staates darstellte, haben die strafrechtlichen Anschauungen des Talmuds Verbindung mit den: Leben, und ihre Ideen verdienen Beachtung. Da ist es bemerkenswert, daß die talmndische Straf- Prozeßordnung das G e st ä n d n i 8 als V v r - aussetzung für die Verurteilung nicht kennt. Der jüdische Richter jener Zeit konnte alle Beweismittel frei würdigen. Er war gewiß an formelle Beweismethoden gebunden. Diese wirkten aber lediglich zugu n st e n des Angeklagten, der beispielsweise ans Grund der Aussage eines einzeln en Zeugen nicht verurteilt werden konnte. Daß aber ein übcrführter Verbrecher auch bestraft werden konnte, wenn er leugnete — was nach deutschem Rechte unmöglich war —, hielt dem talmudischen Rechtssystem die Schmach der Folter fern. Diese .Kulturschande, die ja im letzten Grunde die Rechtsfindung zu einer Frage der Widerstandskraft des Körpers und der Nerven machte, hat das Judentum nie gekannt. Ebensowenig war die Einrichtung der Gottesurteile bekannt, und den einzigen in der Bibel gebotenen Nest dieser Anschauung — die des Ehebruchs verdächtige Frau mußte das Fluchwasser trinken, - das, falls sie schuldig war, ihren Leib stark auftreiben sollte —, hat der Talmud auf dem üblichen Wege der Interpretation abgeschafft. Auch in der Strafrechtstheorie huldigt der Talmud bereits den Anschauungen, die sich heilte durchgesetzt haben. Für ihn ist die Strafe im wesentlichen Mittel zur Besserung, und Todesstrafe kailn nur dann verhängt werden, wenn cs sich um einen Unverbesserlichen handelt. So wurde — soweit überhaupt den Juden das Recht dazu zustand —die Todesstrafe sehr selten und nur nach genauester Prüfung des verbrecherischen Vorsatzes ausgesprochen. Die Abschreckungstheorie, die im biblischen Rechte auch angcdeutet ist, hat der Talmud nicht mehr betont, und so ist seine Rechtsgeschichte nirgends durch qualifizierte Todesstrafen, wie Nädern, Vierteilen, vorheriges Stäupen und Zwicken mit glühenden Zangen, befleckt. ' Interessant ist auch für die Prozeßführung, daß bei der Zeugenvernehmung Suggestivfragen strengstens verboten waren. Auch aus dem Zivilrecht seien einige Ideen des Talmuds angeführt. Wenn auch das Bodenrecht der Bibel längst außer Kraft gesetzt war und es sogar zweifelhaft ist, ob das Gesetz vom Jobeljahre, nach welchem int fünfzigsten; Jahre der verkaufte Boden wieder an den ursprünglichen Eigentümer zurückkehrt, jemals angewendet worden ist, so bekennt sich der Talmud in der Theorie aufs neue zu dieser Idee und stellt damit zum erstenmal in der Geschichte das System einer B o d e n r e f o r m p o l i t i k auf. Er geht dabei von der auch dem Alten Testamente und den Propheten bekannten Tatsache aus, daß der Großgrundbesitz und die Proletarisierung des Volkes in einer engen Wechselwirkung stehen. Von der Wertschätzung des Grundbesitzes zeugt der talmndische Satz: „Wer keinen Grundbesitz hat, wird nicht als vollgültiger Mensch betrachtet." Das mit dem Jobeljahr organisch in Verbindung stehende Siebentjahr, in welchem der Äcker nicht bebaut wurde und alle Schulden verfielen, hat gleichfalls eine wichtige juristische Bedeutung, indem cs in Wahrheit den für die Stetigkeit des Rechtslebens erforderlichen Begriff der V e r j ä h r u n g darstellt. Die unvollkommene und unpraktische Art, die Verjährung an die Zeit zu knüpfen und sie bei allen Schulden, ob sie nun ein oder sechs Jahre alt waren, im siebenten Jahre eintreten Ln lassen, führte zu schweren Schädigungen des Kreditwesens so daß das Gesetz durch den sogenannten Pr ösbo l des Hillel praktisch äußer Kraft gesetzt wurde. Aber der Gedanke war gut, und erst in späterer Zeit wurde er im allgemeinen Rechtsleben Praktisch verwertbar gemacht und verwirklicht, indem die Verjährungszeit von der Entstehung der einzelnen Schuld ab gerechnet wurde. Schon nach talmudischem Rechte haben im Zivilverfahreu die H a n d e l s b ü cher Beweiskraft. Der T e r m i n h a n d e l mit Getreide ist als verschleierter Wucher verboten. Im Geschäftsverkehr ist das Z u g a b e w e s e ii, die Anlockung insbesondere von Kindern durch kleine Geschenke nicht erlaubt. Es gibt int Talmud ein durchgebildetes G e w e r b e r e ch t, das insbesondere die Anlage voll Betrieben gesundheitsschädlicher Art, also beispielsweise von Gerbereien, behandelt. Ueberhaupt ist die gewerbliche Hygiene, ebenso wie die persönliche, Gegeilstand gesetzlicher Behandlung. Es sei noch einenl Gebiete ein kurzes Wort gewidmet, das ilnnler int Talmud gesucht wird, das aber zu feinem Inhalt nicht gehört: I e s u s ll n d d e m Christent u m! Wer ein klein wenig geschichtlich denkt, wird einsehen, daß der Talmud nichts Systematisches über das Christentum enthalten kann! Sowohl der babylonische wie der Palästinensische Talnlud sind in Ländern geschrieben, die bis auf den heutigen Tag ein allgemeines christliches Volksleben nicht haben, so daß eine eigentliche Berührmlg mit Christeil bei den Talmudlehrern der alten Zeit nicht zu verzeichnen ist. Sie lebten in heidnischer Umgebung, und ihre ganze Anschauung von ben „Völkern der Welt" ist auf Heidelltunl und Götzendienst zugeschnitten. Zudenl sind beide Talmude in einer Zeit abgeschlossen worden, als das Christentum auch in den westlichen Ländern längst noch nicht die beherrschende MaA--war. Es ist allgemein bekannt, daß jtflluch die zeitgenössischen römischen Historiker — Tacitus, Josephus usf. — von: Christcntuul nichts oder nur ganz Unwesentliches wissen. Die Evangelien und das Neue Testament hat gewiß kaunl ein Talmudlehrer gekannt. Und so beruhen die Nachrichten über Jesus lediglich auf vagen Gerüchten. Mall hielt ihn für einen Sektierer, der wegen seines Abfalls mit dem Angriffe und ihre Widerlegung Man übertreibt nicht, wenil Ulan den Talmuds als das Buch bezeichnet, das in der Weltgeschichte am häufigstell lind am heftigstell angeseilldet worden ist. Die Ursachen hierfür liegen aber nicht in ihm selber begründet. Wenn man ihll mit der religiösen Literatur anderer Glaubensbekenntnisse vergleicht, etlva mit ben katholischen Kirchenvätern oder der Traditionsliteratur des Islam, so weist er an sich die gleichen Vorzüge lind Nachteile auf, imb sein ethischer Gehalt kaml jede Prüfung bestehen. Er ist aber der Ausdruck der L e h r e d e s I u d e ntttms, und der Haß, bent diese Gemeinschaft int Mittelalter und der Neuzeit begegnet ist, hat sich allf den Talmlld übertragen. Es ist wichtig, Zll wissen, daß diese Abneigung gegen den Tallnud nicht primär ist, lveil so von vornherein die Wahrscheinlichkeit besteht, daß eine Feindseligkeit, die aus gailz anderen soziologischen oder i) Die nachfolgenden Ausführungen beschränken sich nicht auf den. Talmud als solchen, sondern sie beschäftigen -sich auch mit Anschuldigungen/ die sich gegen die Kodifikationen des Talmuds, insbesondere den Schulchan'aruch wenden. Tode bcstrast worden ist. Die einzige Stelle, welche deutlich auf ihll hinweist und ihll llenllt, findet sich im Traktate Sanhedrill auf Blatt 43a. Sie lautet: „Es ist überliefert: Alu Nüsttage des Passahfestes hat man Jefchn voll Nazareth gehängt. Eill Ausrufer ging vierzig Tage vor ihul her lind rief aus: Er soll'gesteinigt werden, lveil er gezaubert ttnb verführt und Israel ablvendig gelllacht hat. Jeder, der für ihll eitle Rechtfertigmlg lvciß, komule und begründe sie für ihll. Aber man fand |ür ihn keine Rechtfertigung, und so hnngte mall ihn am Nüsttage des Passahfestes." Zu biefent aus alter Zeit staulmenden Zitate macht nun ein Lehrer, der im Anfänge des vierten Jahrhunderts gelebt hat, folgende Bemerkung: „Ulla sagte: Meinst dir denn, daß er wert war, daß man für ihn Rechtfertigung zu finden suchte? Er lvar ja ein Verführer, und der Allbarmherzige hat gesagt (Deuteronomium 13, Vers 9): „Dll sollst dich nicht erbarmen und seine Schuld nicht bedecken". Aber es war etwas anderes mit Jeschu von Nazareth, welcher der NegierlUlg llahestand." Das Kreuzigen, eine römische Todesstrafe, ist dem Judentunl so fremd, daß es nicht einmal ein hebräisches Wort dafür gibt. Uebrigens ist auch das Hängen int jüdischen Strafshstem keine eigentliche Hinrichtungsart. Es wird lediglich an dem Leichnanl dessen vollzogell, der vorher gesteinigt worden ist. Man steht daraus, wie unbestimmt sonst alle Angaben sind. An dieser Stelle wird wenigstens Jesus mit seinem vollen Namen genannt. Ob aber unter dem „Jesus, Sohn des Pantern", der sonst zuweilen inl talmudischen Schrifttum erwähnt wird, wirklich Jesus Christus zu verstehen ist, muß stark bezweifelt werden. Die einzige wirkliche Bedeutung der oben zitierten Stelle liegt darin, daß sie ein überzeugendes und unverdächtiges Zeugnis für die voll mancher Seite heute bezweifelte Geschichtlichkeit der Person Jesil ist. Mit dieser Feststellung fallen alle jene Beschuldigungen in sich zusannnen, daß der Talmud die Person Jesu und das Christentum mit Schmähungen überhäufe. Was man nicht kennt, kann man nicht schlnäheu! politischen Gründen entstanden ist, lediglich eine gefestigtere Grundlage in religiösen Urkunden sucht. Und da das Ergebnis von vornhereill seststeht, wird ilnmer die Neigung vorauszusetzen sein, harmlosen Meinungsäußerungen im Sinne der feindseligen Wünsche eine schlimme Deutung zu geben. Man nluß zwischen Verdächtigungen allgemeiner Art lind Angriffe allf einzelne Stellen unterscheiden. Die erste Gruppe läßt sich unter dem Vorwurf zusammenfassen, daß der Talmud eine unsittliche Geheimlehre ist, die nur Kundigen zugänglich sei und die in einem geheimen Nebensinn eine besondere Mo r a l für d a s V e rh alten d er Juden gegc n N i ch t j ll d e ll lehre! Es ist zuzugebcn, daß der Talmud sehr schwer zu verstehen ist. Seine Sprache-ist ein besonderes aramäisches Idiom, kllrz und knapp, seine Verhandlungen setzen eine ziemlich genaue Kenntnis der Bibel und ihrer Vorschriften voraus, lind es ist hellte nicht leicht,' die Beziehungen zwischen einzelnen Sätzen zu-rekonstruieren, die den Gelehrten jener Zeit selbstverständlich waren. Wer den Talmud verstehen will, muß also seine Sprache und seine Diktion eingehend studieren. Wer es- , aber tut, iw-sei »I. »er Talmuds Wert

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