Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 8-9 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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49 anshob ans bcm ßvmtcit Alltag itnb ihn in eine Welt des Geistes mtb des Friedens trug! So wnrde der Talmud bcfttmmcnb für den Charakter nnd die Meltaus ch a n n it n des Inden. Recht vieles, was man hellt in tiefgründigen Untersuchungen als Kennzeichen der jüdischen Nasse seststellen will, ist im lvesentliche?i eine Folge des Talmuds. Das alldallernde, tief schürfende. Studium seiller Gesetze war eine S ch il l e des G e i st e s, wie das Judentum sic nicht besser lvünschen kollnte. Ferller mitvbe das Talmlldstndimn mtcfj eine Schule des (5 h n r alte r s , des energischen Willens, der Zähigkeit! Da arm nnd reich, hoch nnd niedrig in feine Folianten sich versenkte, gab er jede m Gliede der Geilieinschaft den Sinn für geistige Jnteressen, liest jeden Inden cvfenncn, welchell Wert die geistigen Güter gegenüber ixnt vorübergehenden Genüssen der Welt hatten. Das Talmudstudium wurde so 31t einem Quell des Idealismus! Ueberdies stärkte der Ulllstaild, dast jeder im Bolke die Entwicklung der Gesetzesvorschriften kritisch verfolgen nnd in allen strittigen Pnnkten sich eine Meinlmg bilden kollllte, die individualistische Anschauungslveise, die stumpfe geistige ttnterlverflnlg von Dolkslllassell mrd bliilden Autoritätsglauben rlicht kennt. Es ist llicht Aufgabe dieser BetrachtlNlg, die Folgen zu bekellchtell, die das Aufgeben des Talmudstudiums für das deutsche Judentum mil sich gebracht hat, oder die Mittel All besprechen, die lms dem Xntmnb ersetzen föttnen, damit wir jene soebeil gerühnlten Eigellschaftell allch uns mld fomnteitbcn Geschlechtern erhalten. Nur eins lvvltell diese Ausführungen erreichell. Wir silld den Wirkilllgen des Talllmds bis ill nilsere Zeit nachgegangen. Seine Einflüsse silld nirgends schlechte geloesen; sie lagen stets ill der Nichtllllg der Kultur, mtb darum ist es ilicht llllr die llatürliche Ehrfllrcht vor dem Werke der Vorfahren, das nilser Urteil bestilllmt, sondern die Gelvistheit, dast der Talilllld als Ganzes für den Fortschritt der Menschheit ilicht geringe Bedelltmlg hat. Er wird viel geschnläht ilild ist lvenig gekanilt. Zn einenr lvirklich tiefgehendeil Verständnis seiner Sprache, seiller Anschauungsweise, seines Inhalts, feiner Literatur gehört das Studium eines Menschenlebells. Aber loer sich mit ihm ohlle Vorurteil, welln allch llllr indirekt, beschäftigt, wird ein Doppeltes empfilldell. Staunend wird er vor einem tnomnnentnlcn Geisteswerke stehen, aus denl llicht die Gedanken einzeliler Gelehrten sprechen^ sonderil die geistige Arbeit, die ein ganzes Volk in vielen Jahrhunderten geleistet hat! B e lv ll il d e r n d tu i r b er den sittliche n Ern st a ll e r k e ll n e il, nt i t d e m d a 8 Klei ll st e u ll d P r 0 f a n st e geheiligt w n r d e. Und jeder Jude, Nlag er ivelcher religiösen llnd politischen NichUmg allch imlner angehöreil, nlag er mit Einzelheiten dieses einzig dastehenden Erzelkgilisses menschlicher Denkarbeit lloch so unzufrieden sein, nlust stolz daraus sein, dast jene Heroen des Geistes und der Sittlichkeit seine Vorfahren sind. Verächtlich spricht die Welt vom „T almud - g e i st", aber alle Anklagen, die sie erhoben hat nnd erhebt, verfliegen ill den Wind, sobald die Sonne scharfer wissenschaftlicher Kritik sie beleuchtet. Der H a st der Judenfeillde, ihre mastlvsen lmd unbegründeten Angriffe charakterisieren sie selber, aber llicht den Talmud. Deiln der wahre T a l m u d g e i st ist der Geist des Fortschrittes n n d der Kultur, der Geist der N ä ch st e n l i e b e, des V 0 r - w ä r t s st r e b e n s u u d des F r i e d e n s. II. Des Talmuds Wesen und Inhalt Leben und Lehre Wie im ersten Teile bereits kurz angedeutet wurde, ist der Inhalt des Talmuds im wesentlich von dem Um fange des Begriffes des Religiösen bestimmt. Der Sinn des Gesetzlichkeitsprinzips ist die V e r w i r k l i ch u n g, die Unlsetzung .des ethischeil Prinzips in die kleine Tat des Alltagslebens! Dem Judentum ist damit eine Scheidmlg zwischen Heilige m und Profanem vollständig fremd. Beides bedingt sich und lvird zu einer unauflösbaren Einheit. Das Heilige durchdriilgt alle Erscheimlilgen des Lebens und adelt sie. Auch der Frohsinn des Alltags trägt den Schein des Ewigen ebenso wie sein tiefster Ernst. Und besonders charakteristisch sind die Segenssprüche, die der Fronrme bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit spricht. Nicht nur, wenn nach moderneil Anschauungen die Ehrfurcht vor dem Göttlichen ihn beseelt, wenn er die Gewalt des Gewitters verspürt, die Erhabenheit des Meeres und der Wüste auf sich wirken lästt, sondern auch lvenn er ein neues Gewand anlegt, wenn er sich die Hände wäscht, ja lvenn er die primitivsten körperlicheil Bedürfnisse verrichtet. Religionsgeschichtlich rührt diese zunächst seltsam amnutende Stellung aus dem für das Judentum eigentümlichen Ei n h e i t s st r e b e n her: Dem einen Gotte und der einen Menschheit entspricht auch die Einheit aller L e b e n s ä u st e r u n g e n! Mögen sie auch an sich indifferent sein, so ist es Aufgabe des Juden, sie alle — und seien sie anscheinend noch so geringfügig, nebensächlich und profan — mit dem Geiste dieser Einheit Gottes zu erfüllen. Das gilt auch zeitlich! Die heilte auch beim modernen Jllden geübte Teilung zwischen Alltag lmd Feiertag entspricht denr jüdischen Denken und Empfinden an sich nicht. Sie geht auf den Einflust der voll anderen geistigen und religiösen Mächten ausgehenden Säkularisierung des Lebens zurück. Der Festtag ist nur einem anderen Gebiete der Heilignilg gewidmet als der Alltag, beffett Arbeit an sich von nicht geringerer Bedeutung ist. Heilig ist nicht die Ruhe und Sammlung, die Erhebung zil Gott allein, sondern heilig ist auch der Alltag, heilig ist die Arbeit! So ist denn letzten Endes Verwirkl i ch u n g nllr eine Auswirkung der Einheit des Lebens. Ebensowenig wie zwischen Heiligem und Profanem gibt es einen Zwiespalt zlvischen Theorie und Praxis. Die Lehre lebt sinnv0ll nur in der Tat! Alle Lehre ist von Nebel, wenn sie so verstiegen ist, dast sie nicht verwirklicht werdell kailll. Nnd alle Tat ist verderblich, die nicht Lehre erfüllt. So erklärt sich der reale Sinn des Juden, in bem keineswegs Verachtung des Idealen liegt, sondern nur die Gleichstellllng des Realen, der Drallg, die Erscheinungen des Alltagslebens als Träger religiöser Theorie zu lvürdigen und zu ehren. So ist b en it der Inhalt des Tal - m u d s das Leben! Und er steht auf denl festen Boden des Tatsächlichen! Es ist nicht zu bestreiten, dast seille kasltistische Methode häufig den Keiln der Entfernung hont Möglichen enthält. Wenn man eben alle nur denkbaren Fülle konstruiert, lvird man leicht dazu verleitet, sich allch mit unmöglich vorkommendeu Situationen zll beschäftigen. Die Grenzen des tatsächlich Denkbaren verleiten oft zu einer Ueberschreitllllg. Aber gesunder Wirklichkeitssinnn findet immer wieder den rechten Weg, so sehr man sich in das Kleine und Kleinliche versenkte. Als ein besonderes Zeichen für die reale E i n st e l l u n g der Talmudlehren ist bereits inl ersten Teile kurz angedelltet worden, dast der babylonische mtb der palästinensische Talmud nicht dieselben Materien behandeln. Es gibt eine klnlnenge von Gesetzen, lvelche lediglich für P a l ü st i n a gelten. Dahin gehören vor allenl die Vorschriften für die Landwirtschaft und über rituelle Verunreinigung. Wer allch mir ein lvenig von der Entstehung' des Ehristelltllms kennt, lveist, lvie entscheidend für das Volksleben zur Zeit Jesu diese Gebote waren. Geht doch der Gegensatz zwischen Pharisäern und dem Am H a a r e z, bem Landvolk, im wesentlichen darallf zllrück. dast jene die Reinigkeitsgesetze strenger hielten und demnach in den Verdacht kamen, dast sie das „Landvolk" verachteten! Für Babylon 'hatten diese Vorschriften fast alle keinen Sinn, nnd so wurden sie denn dort kalnn oder nur flüchtig behandelt und nicht ausgeschrieben. In Palästina aber, wo trotz der Röknerherrschaft die Hoffnung auf den Wiederaufbau des Tempels und die Rückkehr der alten Verhältnisse lebendiger war, sind sie alle genauer durchgenommen worden, wenn sie auch nicht alle überliefert sind. Der Umstand, dast es nur eine Wahrheit geben könne., und dast demnach im göttlichen Gesetze und den aus ihm abgeleiteten späteren Vorschriften Widersprüche nicht zu dulden sind, ist gleichfalls für die Gestaltung des Inhalts des Talmuds maßgebend. Es ist klar, dast Widersprüche vorhanden sein mußten! Weist ja doch schon das biblische Gesetz Unstimmigkeiten auf, die auszugleichen waren! Dem Außenstehenden mag dann die Diskussion über solche Widersprüche als unnütz erscheinen, als ein bloßes Scheingefecht, das der Disputierkunst dyr rabbinischen Kämpen Ehre macht. In Wahrheit aber galten sie doch dem höheren Ziele der Harmonisierung des Rechts. Gegen wirkliche lebensfremde .Dialektik machten die Geseheslehrer des Talnmds selber Front. Der Vorwurf des Neuen Testaments, dast die Pharisäer die Kunst versuchten, ein „Kamel durch ein Nadelöhr zu ziehen", findet sich im babylonischen Talmud auch, wo man den Lehrern der Talmudhochschule von Pumbadita tadelnd vorwirft, dast sie es verstünden, einen Elefanten durch ein Nadelöhr zu ziehen! Haggada und Midrasch Aus den im ersten Teile bereits erwähnten Gründen erschöpft sich nun der Inhalt des Talmuds keineswegs in der Feststellung des Rechts allein. Er enthält auch Erzählungen, die sogenannte Haggada, die freilich allesamt dem höheren Zwecke einer sittlichen Wahrheit dienen. So manche von diesen Geschichten hat weitere Verbreitung auch über den engen jüdischen Kreis hinaus gefunden, und die Sage beispielsweise von Alexander dem Großen, der die weise Entscheidung eines Richters in fernen Landen bewundert, ist sogar in die Schullesebücher übergegangen. Auch von dem lehrhaften Gleich-