Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 7 (Juli 1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2571117-2571190-2571194--657-2572007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
43 Deutsche Tradition Von Or. Werner Cahnmann (München) Das bedrohliche Anwachsen jndcnfeindlicher Ströinnngen im öffentlichen Leben, Anfeindung und Beschimpfung unserer Gemeinschaft, Boykott und Schulantisemitismus, die tut Gefolge der nationalsozialistischen Bewegung aufgetreten sind und zur wirtschaftlichen Gesährdung die staatsbürgerliche Aechtung hinznsügen wollen: dies alles hat unter den Juden Deutschlands ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit hervorgernsen. Man weis; nicht, wie und wo mau den Nationalsozialismus einreihen und welchen Standpunkt man ihn; gegenüber entnehmen soll. Während die einen glauben, das; er nichts weiter sei als ein aus wirtschaftlicher Not geborenes Aufflackern eines sich selbst rasch verzehrender; Strvhseuers, sehen die anderen ein neues Zeitalter unbedingter Gebundenheit heraufkommen, in dem, wie hinter einem dunkler; Tor, die Souveränität des freien Menschen für lange Zeit eingeschlossen wird. In diesem Augenblick ist es an der Zeit, dem spinozistischen Grundsatz nachzuleben, daß man über die Dinge dieser Welt weder Schmerz noch Freude empfinden soll, sondern daß rnan. sich bernühen rnüsse, sie zu erkennen. Wenn wir erkannt haben, aus welchen Quellen der Strour der deutschen Geschichte sich gebildet hat, werden rvir mit größerer Sicherheit als vorher die Mode des Tages abzutrennen wissen von dern ewigen Bestand, aus den; sich das Leben von Land und Volk in Deutschland erneuert. Nicarda Huch beginnt einen Vortrag, den sie im vergangenen Jahr über „Deutsche Tradition" (Erich Lichtenstein Verlag, Weimar) gehalten hat, mit der Feststellung, daß. eine einheitliche Ueberlieferung, die allen Schichten und Teilen Deutschlands gemeinsam wäre, nur in der Idee des „Reichs" schlechthin gefunden werden könne. Diese Idee war, wenn man Ricarda Huch und anderen neueren Schriftstellern folgen will, niemals in ihrer Fülle verwirklicht, aber sie hat ihr Vorbild gefunden in jenen; heiligen Reich des hohen Mittelalters, in welchem der Kaiser deutscher Nation als oberster Herr der Christenheit Frieden und Freiheit zu schützen berufen war. Freiheit.in diesem Sinne war und ist entgegengesetzt den; fürstlichen Absolutismus, der späterhin alle selbständigen Regungen der Bürger und ihrer Korporationen zu seinen eigenen Gunsten unterdrückt hat; ebensosehr aber auch entgegengesetzt jener „Freiheit und Gleichheit", die anschließend an.die Ideen der großen französischen Revolution von 1789 ein zentralisiertes System der Staatsallmacht, wenn auch begründet auf die Volkssouveränität, überall in Europa aufgerichtet hat. Deshalb haben der Freiherr vom Stein und die d e u t s ch e N o m a n t i k der Aufklärungsphilosophie des Westens und den; imperialistischen Nationalismus des Napoleonischen Frankreich die aus der Anschauung des Mittelalters geschöpfte Vorstellung einer „Freiheit in der Vielgestaltigkeit" entgegengesetzt. Das Volk,'meint Ricarda Huch, habe ein „Gedächtnis, in dem sich das Wesentliche erhält, wie sehr es auch im Laufe der Jahrhunderte umgebildet wird. Klassenloser Staat, Despotismus, Diktatur, sei es Diktatur des Kapitals oder des Proletariats, Zentralisation, das ist dem Gedächtnis des deutschen Bürgertnms fremd. Nicht aber Freiheit als freiwillige Vindnn.g an ein' höheres Ganze, Genossenschaftswesen, Ausgleichu;;g der Gegensätze, Mannigfaltigkeit anstatt System und Reichsbewußtsein. Das Reichsbewußtsein, das sowohl von den; Kosmopvlitismus des 18. Jahrhunderts wie von den; nwdernel; europäische!; Geist sehr verschieden ist, könnte vielleicht noch einmal aufleber;, nachden; es von; Nativnalismns des vorigen Jahrhunderts verdrängt wurde." Nimmt man diese Worte als einen Leitstab für die Betrachtung der politischen Erscheinungcn der Gegenwart, so erkennt man, daß in; heutigen Deutschland jenen; von Nicarda Huch abgewiesenen Nationalisn;us westlich-imperialistischer und wilhelminischer Prägung ein neues Gefühl der volksmäßigen Verbundenheit entgegengesetzt wird, das zu einem Auferstehen des großdeutschen Gedankens geführt hat. Dieser neue Nationalismus mag seine Kraft aus der wirtschaftlichen Not, in die alle Schichten gerate;; sind, gewonnen haben, er bleibt trotzden;, was er ist: das Wiederaufleben seelischer Regun-' gen in; Leben des Volkes, die niemals tot gewesen sind und die nur geschlafen haben, so wie die Sage der; alten Barbarossa im Kyfshäuser schlafen und zu seiner Zeit aufstehen läßt. Der Ruf nach den; „Dritten Reich" und daß Deutschland zu ihn; „erwachen" soll, hat so an die Saiten in; Erinnerungsvermögen des Volkes gerührt, die den; bloßen „Verstand der Verständigen" niemals recht faßbar sein werden. Aber niemand, der den Gang der Dinge überblicken will, wird sich deshalb davon überzeugen können, daß Adolf Hitler zum heimlichen oder öffentlichen Kaiser dieses Reichs ausersehen ist. Keine oberflächlich wirksame Wortzusammenfügung kann darüber hinwegsehen lassen, daß der Nationalsozialismus mehr, als er selbst meint, die zeitgebundenen Züge des 19. Jahrhunderts aufweist, die heute in die Masse dringen, so wie man Möbel und Schmuckgegenstände einer ehemaligen Oberschicht einige Jahrzehnte später in den Zimmern der Portiers und der Kanzleisekretäre ausfinden kann. Der An; 24. Juni jährt sich zum zehnten Male der Tag, an dem Walther Rathenau, deutscher Außenminister, von Kugeln judenseindlicher, völkisch verhetzter Menschen niedergestreckt wurde. Diese Kugeln trafen einen Mann, der sich für Deutschtun; und deutsche Kultur im Kriege und nach Kriegszeiten mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit einsetzte, dessen „höchstes G l ü ck" es gewesen wäre, „d i e Zeit zu erleben, wo Deutschland seinen inneren Hader vergißt und als wahrhafte Volksgemeinschaft zusammenhält". Man wagte es, ihm als I u den inuner wieder seine Liebe zu Deutschland abznsprechen. Wie selbstverständlich und eingeboren ihm diese Deutschlandliede war, legte er in einem Brief*) an Wilhelm *) Aus „Walther Nathenaus Briefe", I. Band. Carl Neißner Verlag, Dresden 1926. Nationalsozialismus will der ökonomischen Geschichtsdeutung des Marxisnnrs ein anderes, znkunftweisendes Prinzip entgegensetzen und glaubt es in; Aufruf der volkstümlichen Kräfte gesunden zu habe;;. Aber die Begrüildung dieser Idee des Volkstums auf die Rassentheorien vor; Gobineau und Chamberlain zeigt, daß er selbst der; Gedankengängen des weltanschauliche;; Materialismus von damals verfallen bleibt. Weil ein inneres Gefühl, das geistige Deutschland nicht überzeugen zu können, die rauhen Kän;pfer des Hakenkreuzes und alles, was mit ihnen verbündet ist, niemals verläßt, haben sie ihre Zuflucht zu den Staatsgedanken des Despotismus und der Diktatur nehmen inüssen, die man aus asiatischem oder lateinischen; Vorbild herleiten kann, für die aber die deutsche Geschichte kein Beispiel gibt. Was können wir als deutsche Juden aus solchen Ueberlegungen lernen? Vor allen; anderen die Sicherheit, daß Lärm und Gewalt auch in unseren Tagen wirkliche Kraft nicht ist, sondern nur sein will, und daß es deshalb kein verlorener Posten sein kann, auf dem man heute wie zu allen Zeiten den Geist der Dinge, auf denen man steht, und die Liebe zu ihnen verteidigt. Diese Empfindung darf aber nicht dazu führen, daß in den; kän;pferischen Geklirr, in das wir uns notwendigerweise hineinbegeben müssen, das Gehör für das verloren geht, was fein und still inzwischen heranwächst. Das geistige Wesen des 19. Jahrhunderts, das der menschlichen Individualität, aber auch dem menschlichen Egoismus und der ungebundenen Kritik so viel Raum gelassen hat, ist heute schon kaum anders als in der Erinnerung lebendig. Es kann nicht verwundern, wenn inmitten der allgemeinen Umwälzung, in der wir stehen, auch die Geltung der Juden als Staatsbürger in Frage gestellt wird. In diesem Zusammenhang erinnern wir uns, daß die Politische Emanzipation der Juden den Ideen der Aufklärung und der französischen Revolution zu verdanken ist: Wenn alles eine Vernunft war, mußte jeder einzelne Jude als Mensch und Bürger in sie eingeschlossen sein. Wenn man heute demgegenüber Gliederungen sieht und Unterscheidungen setzt,'die in ihrer Zusammenfassung erst das Ganze der geschichtlichen Welt ausmachen sollen, so befürchten wir, daß solche Gedankengänge uns abschließen könnten von; Schwaner vom 23. Januar 1916 nieder. Er schrieb: „Ich habe und kenne kein anderes Blut als deutsches, keinen anderen Stamm, kein anderes Volk als deutsches. Vertreibt man mich von ineinem deutschen Boden, so bleibe ich deutsch, und es ändert sich nichts. Du sprichst von meinem Blut. und Stamm, selbst einmal von meinem Volk, und meinst die Juden. Mit ihnen verbindet mich das, was jeden Deutschen mit ihnen verbindet, die Bibel, die Erinnerung und die Gestalten des Alten und Neuen Testaments. Meine Vorfahren und ich selbst haben sich von deutschem Boden und deutschem Geist genährt und unserem, dem deutschen Volk erstattet, loas in imseren Kräften stand. Mein Vater und ich haben keinen Gedanken gehabt, der nicht für Deutschland und deutsch war; soweit ich meinen Stammbaum verfolgen kann, war es das gleiche." 24. Juni 1922 Zum zehnten Todestage Walther Rathenaus