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Central-Verein-Zeitung · 1932-07-01 · Heft 7 (Juli 1932) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 7 (Juli 1932)
Date
1932-07-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leben der Nation. Wir müssen deshalb dafür Sorge tragen, das; das Absinken dessen, zeitgebunden war am Liberalismus, nicht 311 einem Verblassen der Liberalität führt, zu einer Preisgabe jenes geistigen Reichs der Tolerauz, in dem allein wir leben können. Aber wir dürfen das, was all beit neuen und vielfach so alten Strömungen fruchtbar für mls werden kann, nicht abweisen. Es ist von lllls verlangt, das; wir wieder ein Gesicht als Gesanltheit erhalten, einen schärferen Umriß unserer jüdischen Eigenart; daß lvir unsere Individualisten, die haltlos sind und Haltlosigkeit lun sich verbreiten müssen, zurückrufen zu den elvigeil Wertell unserer Gemeinschaft. Wir brauchell darlull nicht in den Irrtum zu verfallen, als könnten die Ideen des staatsgläubigen Nationalismus oder Kommunismus, wie sie da lind dort Teile lillserer jüdischeil Jugend ergriffen haben, religiös-metaphysische Billdungell ersehen. Aber lvir lverden, lvernl wir uns selbst finden, festhakterl kölllleu au dein, was als Heiiuatgefühl lllld Kulturbewußtsein uns mit deutscher Erde und deutscher Geschichte verbindet; wenn „Einheit in der Mannigfaltigkeit", von der Gottfried Keller int „Fähnlein der sieben Ausrechten" ebellso spricht lvie Ricarda Huch und andere Schriftsteller unserer Zeit, wirklich ein Wesenszllg der delltschen Geschichte ist, muß auch die deutsche Judeuheit in sie eingegliedert werden köiluell, ohne daß mau ihr zumutet, sich selbst aufzugebeu. Daun wird die Gerechtigkeit des lvahren Reichs der Deutschen auf unserer Seite sein. „Irrlehren der Rassenforscher" — „Antisemitismus existiert nicht in Italien" — Italienisch-jüdische Generale unter Mussolini — „Aha, der Sündenbockl" Soeben ist im Verlage von Paul Z s o l n a y (Wien—Berlin) eine interessante Sammlung „Mussolinis Gespräche mit Emil Ludwig" erschienen. Uns interessiert besonders eine Unterhaltung, die Ludwig mit Mussolini über die Judenfrage geführt hat. Unsere Nationalsozialisten blicken voll Bewunderung auf den Führer des italienischen Faschismus; sie sehen im Duce, seiner Staatsform und seiner Staatsführung Vorbild und Hinweis. In der Stellung zu den Juden aber richten sie sich leider wenig nach Mussolini. Seme vom gesunden Menschenverstand diktierte Stellungnahme ist nicht neu. Mussolini hat sich schon früher als Gegner des Antisemitismus bekannt und auch durch gesetzgeberische Maßnahmen den jüdischen Gemeinden die ihnen zustehenden Rechte innerhalb des italienischen Staates eingeräumt. Das wird auch der anerkennen müssen, dessen politischer Weltanschauung die faschistische Staatssorm nicht entspricht. Um wieviel mehr sollten die sich an Mussolinis Vorurteilslosigkeit den Juden gegenüber ein Vorbild nehmen, die sich sonst bemühen, ihn — in deutscher Abwandlung — zu imitieren. Das wichtige Gespräch über den Rassenhaß und Antisemitismus verlief folgendermaßen: „Glauben Sie wirklich, fragte Emil L u d - wig,.daß es noch reine Nassen in Europa.gibt, wie gewisse Forscher verbreiten? Daß wirklich die Einheit der Nasse stärkere nationale Kräfte verbürgt? Und sind Sie nicht in Gefahr, daß die Apologeten des Faschismus, wie es Professor 1 getan hat, denselben Unsinn über das Lateinische verbreiten wie die nordischen über die blonde Edelrasse und dadurch die Kriegsgefühle steigern? Mussolini wurde lebhaft, denn in diesem Punkt fühlt er sich, vielleicht durch die Uebertreibung gewisser Faschisten, leicht mißverstanden. Schon früher hatte er mir seinen Standpunkt zwischen bestimmten Grenzen abgesteckt. ,Natürlich gibt es keine reine Nasse mehr, nicht einmal die Inden sind nnvermischt geblieben. Gerade aus glücklichen Mischungen hat sich oft Kraft und Schönheit einer Nation ergeben. Nasse, das ist ein Gefühl, keine Realität, 96 Prozent sind Gefühl. Ich werde nie glauben, daß sich die mehr oder weniger.reine Nasse biologisch beweisen läßt. , Die Berkttnder der germanischen Edelrasse find komischerweise alle keine Germanen: Gobineau Franzose, Chainberlain Engländer, Woltmann Jude, Lapouge wieder Franzose. Chnmberlain hat sich sogar dazu verstiegen, Rom die Hauptstadt des Chaos zu nennen. Entsprechendes wird bei uns nie Vorkommen. Der Professor, auf den Sie anspielten, war kein Dichter. Der Nationalstolz braucht durchaus keine Delirien der Nasse — — Der beste Beweis gegen den' Antisemitismus, sagte ich. ,Antisemitismus existiert nicht in Italien, sagte Mussolini. ,Die jüdischen Italiener haben sich als Bürger stets bewährt und als Soldaten tapfer geschlagen. Sie sitzen in hervorragenden Stellungen an Universitäten, in der Armee, in den Banken. Eine ganze Reihe sind Generäle: der Kommandant von Sardinien, General Modena, ein General bei der Artillerie' — — Und doch, sagte ich, arbeiten die Emigranten in Paris öffentlich gegen Sie mit dem Argument, Sie hätten den Eintritt der Juden in die Akademie verboten. ,Absurd', sagte er. ,Bisher hat sich nur keiner dafür gestruden. Jetzt hat Della Seta kandidiert, einer unserer größten Gelehrten, der die Vorgeschichte Italiens geschrieben hat' — — Sie begegnen sich, sagte ich, in dieser Haltung mit allen großen Männern der Geschichte. Denn auch die in Deutschland verbreitete Version von Bismarcks oder gar Goethes Antisemitismus ist eine Fabel. Die Franzosen haben eine gewisse Anomalie ganz zu Unrecht le vice aliemand genannt. Man sollte so den Antisemitismus nennen. ,Wie erklären Sie ihn?' fragte Mussolini. — Immer, wenn es den Deutschen schlecht geht, sollen die Juden schuld sein. Und jetzt geht es ihnen besonders schlecht. — Er sagte: ,Aha! Der Sündenbock!' Ich kehrte zum vorigen zurück: . — Wenn also weder Rasse noch Staatssorm den Nationalismus entscheiden, ist es vielleicht die gemeinsame Sprache? Aber das alte Rom hatte wie alle Imperien eine Menge Sprachen, und auch in der jüngsten Geschichte konnte ich die Vielheit der Sprache nirgends als Quelle der Ohnmacht erkennen. Habsburg ist zwar geschlagen worden, aber die Schweiz blüht. ,Auch die Einheit der Sprache entscheidet nicht', sagte Mussolini. ,Oesterreich ist nicht an der Vielsprachigkeit zugrunde gegangen, sondern an dem Zwang, der so viele eroberte oder ererbte Völker unter einem Szepter sesthielt, während sich in der Schweiz drei Teile mit drei Sprachen freiwillig und spontan zusammengeschlossen haben. Da dort der dritte Teil an Zahl so gering ist, könnte man auch von zweien reden. Die Schweiz hat sogar die Neutralität gerade deshalb aushalten können, weil diese beiden Elemente nach den zwei kriegführenden Parteien tendierten und sich deshalb die Waage hielten. Ich halte die Schweiz für ein sehr wichtiges Glied in der Staatenkette Eurovas, den»! eben durch ihre Mischung kann sie manche Reibung zwischen den beiden großen Rivalen an ihren Grenzen abschwächen.' Das Gespräch drehte sich dann noch eine Weile um die Bedeutung der Sprache für die Bildung der Nation und schloß mit der Bemerkung: Also liegt auch in Sprache und Nasse kein unüberwindliches Fatum, das die Völker gegeneinander führt? — ,Fatum!' sagte Mussolini spöttisch. ,Von Fajum reden die Staatsmänner immer nur, wenn sie was falsch gemacht haben.'" tzilfe den Schwachen... Aus Glaubensrücksichten zogen vor zweihundert Jahren Salzburger Protestanten in die preußischen Lande, wo ihnen eine vom religiösen Fanatismus ungestörte Wirksamkeit zugesagt wurde. Der Zug ist durch zwei Dichtungen berühmt geworden. Durch Goethes „Hermann und Dorothea" und durch Karl Schönherrs „Glaube und Heimat". Uns interessiert besonders ein kurzer Tatsachenbericht, den die ostpreußische Presse gegenwärtig ausgrübt. Der Berliner Hofprediger Goecking hat 1737 eine „Emigratsgeschichte" verfaßt. In ihr heißt es im II. Teil, Seite 212: „Allenthalben, wo Juden wohnten, erwiesen sie diesen Flüchtlingen alle Liebe. Zu Berlin bat sich ein Jude von diesen Leuten zwölsf Köpffe zur Verpflegung aus. Und als ihm seine Bitte gewähret wurde, speisete und trünckte er sie nicht nur nach seinem besten Vermögen, sondern er beschenkte auch einen jeden besonders mit etwas Gelde. Zu Frankfurt an der Oder baten einige Juden den Herrn Bürgermeister Thering inständig, daß er ihnen doch auch einige von diesen Flüchtlingen zur Verpflegung überließe. Und ob gleich wegen der gar zu großen Begierde der Frankfurtschen Christen, diese Glaubens-Brüder selbst zu verpflegen, hierinn ihre Bitten nicht konnten gewähret werden, so suchten sie dennoch ihr Mitleiden gegen sie auf eine andere Art an den Tag zu legen. Sie sammelten nemlich zu zwey unterschiedenen mahlen unter sich eine Collecte vor diese Pilgrim. Das erste mahl überlieferten sie - zwantzig Reichsthaler. Und zum anderen mahl brachten sie zchen Reichsthaler, mit der Bitte, daß man solches von ihren Händen annehmen möchte. Auch in Dantzig beschenkten die Juden unsere Emigranten mit Geld und auch anderen Sachen. In Königsberg legten sie auch Proben ihres Mitleidens gegen die Saltzburger ab. Unter andern schenkte ihnen der Jude Moses Levin zwey Oxthofft Wein, damit sich die Abgemagerten auf der Neyse dadurch wiederum erquicken fönnten . . ." Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger Mischen Glaubens e. V., Berlin W 15, Lmser Str. 42. Tel.» Adr.: „Centralglauben Berlin". Postscheck: Berlin 30472. Hauptschriftleiter: Dr. Ludwig Holländer. Verantwortlich fUr die Schriftleitung: Dr. Margarete Edel hei m. Beide Berlin W15. — Druck: Rudolf Mosse, Berlin.

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