Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 7 (Juli 1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Auch bei anderen Zwischenfällen waren Juden weder direkt noch indirekt beteiligt. Der Landesverband Pfalz des Centralvereins beantwortete die Verdächtigungen, die von Jagow gegen die Juden ausgesprochen hatte, mit folgender, in der gesamten Presse veröffentlichten „Erklärung! Im Zusammenhang mit den Vorfällen bei der Kundgebung der NSDAP, am 10. Jnli 1932 in Neustadt/Haardt ist ohne jeden Anhaltspunkt fttr die direkte oder indirekte Beteilignng eines Inden eine matzlose I n d e n h e tz e entfacht worden. Wir legen vor aller Oeffentlichkeit gegen diesen Versuch, die Inden, wie i nr m e r, für alles verantwortlich machen zu wollen, und gegen die unerhörten Verleumdungen und Beschimpfungen schärfste Verwahrung ein." Zu der vom Centralverein veröffentlichten „Erklärung" behauptete die „NSZ. Rhein- Front" vom 14. Juli: „Am Sonntag, den 10. Juli 1932, abends, fragte der Jude Dreyfutz, Besitzer des Schuh- Hauses Adolf Drehsuß Söhne, Landau, Filiale Neustadt, Hauptstraße 48, in einem Neustadter Lokal, was es in Neustadt gegeben habe. Auf die Antwort: ,Es war eine Schießerei', fragte Drehfuß: ,Hat es Tote gegeben?' Antwort des Gefragten: ,Ja, einen.' Antwort des Juden Drehfuß: ,Vloß einen? Es hätten siebzig sein müssen.' An der gleichen Stelle wurde die Behauptung aufgestellt: „Und ist der Neichsbannerführer Weil in Neustadt, der am Vortage des Mordübersalles an der geheimen Sitzung im Nebenzimmer des Gasthauses Münzer teilnahm, nicht Jude?" Diese „geheime Sitzung" ist eine freie Erfindung, ebenso wie die Behauptungen über Viktor Drehfuß. Dieser hat in der Presse eine „Erklärung" veröffentlicht, in der er die in Nr. 159 der „NSZ." vom 14. Juli gebrachte Mitteilung über seine Person als „eine schamlose Verleumdung und von Anfang bis Ende frei erfanden" bezeichnet. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt am 14. Juli in Landau eine Versammlung ab, die sich gegen die Judenhetze der NSDAP, und insbesondere gegen die Angriffe der „NSZ." wandte. Die Versammlung nahm folgende Entschließung einstimmig an: „Die heute, am 14. Jnli 1932, in Landau versammelten Pfälzer Inden erheben lauten Protest gegen die matzlose Judenhetze, die von der NSDAP, in immer zunehmendem Matze als Propagandamittel des Wahlkampfes betrieben wird. Sie weisen entschieden und voller Empörung die ungeheuerlichen Verleumdungen zurück, mit denen den deutschen Juden die Schuld an allem Unglück und nun auch an den politischen Znsammenstötzen der letzten Wochen aufgebürdet werden sott. Sie legen feierlichst Verwahrung ein gegen den immer wiederholten Versuch, die Erregung der Massen ans die kleine Minderheit der Juden abzulenken. Sie vertrauen auf den Sieg des Rechts und der Wahrheit!!" Die Entschließung ist von einer großen Reihe Pfälzer Zeitungen veröffentlicht worden. Dev Lude in dev ckwnfi Von Jakob Wassermann Als ich vor mehr als zehn Jahren die Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude" veröffentlichte, glaubte ich etwas Wesentliches zur Klärung des Problems „deutscher Antisemitismus" getan zu haben, auch zur gerechteren Beurteilung und besseren Kenntnis der seelischen Situation jüdischer Künstler und Dichter. Das Echo, das das Buch fand, ließ mich auf Wandlung hoffen, obgleich darin nur ein einzelner von seiner persönlichen Erfahrung berichtete. Die Stimmen, die nur unmittelbar antworteten in vielen Briefen, konnten die Illusion in mir erwecken, ich hätte der Wahrheit einen Dienst geleistet; es war ein Augenblick damals, da man noch von einem Durchbruch der Menschlichkeit und der Vernunft träumen konnte. Ich spreche natürlich nicht von der Zustimmung der Juden, die war nicht weiter überraschend; ich meine die vom anderen Lager, die sich als Belehrte, als Bekehrte, als Bereuende bekannten, Leute aus den verschiedensten Berufen und Ständen, Männer und Frauen, Studenten und junge Mädchen, Lehrer, Offiziere, Schriftsteller, Politiker. Sie sagten: daß es so steht, haben wir nicht gewußt; es tut uns leid, sagten sie, wir möchten gern, daß du um unserer schmerzlichen Einsicht willen vergißt) was Roheit und Borniertheit gesündigt haben; schlage uns vor, was geschehen soll, schrieben andere, wir sind zu allem bereit; deine Erlebnisse haben uns erschreckt, wir schämen uns, wir möchten, daß es anders wird. Diese Briefe habe ich ihrer charakteristischen Haltung wegen aufbewahrt; wenn einmal diese Epoche der Geistesverfinsterung und der Gesinnungsfeigheit Geschichte sein wird, werden sie ihren Wert als Dokumente haben. Es erwies sich, daß mein Beginnen ein Schlag ins Wasser war. Die Redaktion dieser Zeitung forderte mich auf, in der Sache der jüdischen Künstler und des ihnen allgedrohten Boykotts „Stellung zu nehmen", wie der Fachausdruck lautet. Ich will gleich von vornherein bekennen, daß ich Nlich ^>azu nur mit äußerstem Widerstreben entschloß. Ich hatte das Gefühl, solche „Stellungllahuie" sei meiner nicht recht würdig, sei überhaupt eines Mannes nicht lvürdig, der nie ein anderes Ziel gehabt und keine andere Tätigkeit gekanilt hat, als sich mit seinen Mitmenschen in einer Sprache zu verständigen, bei der es eben il i ch t unl „Stellungnahme" ging, sondern um Schauen, Empfindell, Begreifen und Urteilen. Soll ich „Stellung nehmen", wenn man mir erzählt, ein Dirigent habe beschlossell, die Baßgeigen aus feinem Orchester zu entfernen, weil diese Instrumente die unverschämte Neigung besitzen, die anderen zu übertönen?. Dergleichen könnte freilich geschehen; da nichts absurder ist als die Tatsachen, sehen wir uns . ständig, wenn auch widerwillig, genötigt, unsere reineren geistigeil Erfahrungen an den gemeinen physischen zll korrigieren. Allmählich wird nlan des Unsinns rnüde; die Korrekturen lohnen sich nicht lllehr. Aber wenn man mich ruft, muß ich mich stellen, obgleich es die geforderte Stellungnahme nicht sein kann, die ja nur auf fruchtlose Argumente und die verzloeifelte Behauptung eines unter unermeßlichen Opfern eroberten Postens hinausläilft. Wozu aber kämpfen? Wozu die Künste der Kasuistik? Mit welchen Mitteln, wenn ich ein guter Sohn bin, soll ich beweisen, daß ich ein guter Sohn bin? Dies, meine ich, ist unter der Würde. Und unter der Würde finde ich es, daß sich die Juden immerfort bei aller Welt um ein Wohlverhaltungszeugnis bemühen, so als ob sie fürchteten, nicht treu und fleißig genug gedient zu haben. Nein, ich will nrich weder mit nleinen Gaben, noch mit meinen Leiden brüsten, als Jude nämlich; kein Vorrang komme mir zu als der, den mir meine Leistung und meine Führung einräumen, und das Forum, vor dem ich mich zu beugen habe, ist mein sittliches Bewußtsein und der Geist, der aus der Zeit in die Ueberzeit ragt. Ein Blutmärchen hat das Herzland und das Herzvolk Europas behext; liebedienerische Wissenschaft schreibt die Gebrauchsanweisung und den neuen NalleuZ malekloarum dazu. Politische Leidenschaft schürt das Scheiterhaufenfeuer: die Geschichte ist ewige Wiederholung des Gleichen. Was soll ich nun dawider unternehmen? Was kann ich anderes beginnen als mit offener Brust auf den Schauplatz treten und sagen: da bin ich, ich fürchte mich nicht, ich stelle mein Sein gegen euer Tun. Aber ich will klare Scheidung haben. Speien wir die Lauen aus unserem Munde. Trennen wir unsere Sache von der der Macher, der Leugner, der Nutznießer, der geheimen und offenen Ueberläufer, der Mimikryleute, der Verneiner aus Traditionslosigkeit, der Gottlosen aus Jntellektualitüt, der gefälligen Paktierer, der Ach-und-we'h-Schreier, der Schäflein-ins-Trockne- Bringer und derer, die „Haltet den Dieb!" rufen, mährend sie mit ihrem Raub einen Schlupfwinkel suchen. Wenn von jüdischer Kunst und jüdischen Künstlern gesprochen wird, rate ich vor allem einmal zur Bescheidenheit. Die letzten zwei Jahrtausende haben die Juden allzu schwer mißhandelt, als daß ihnen Zeit und Freudigkeit genug geblieben wären, sich aus der mörderischen Wirklichkeit in Form und Bild und Gestalt zu retten, wie es alle anderen Völker tun konnten; religiöse Ueberlieferung, der Väterglanbe allein vermochte sie vor der Verzweiflung zu schützen; ihre Mythen- und genienschaffende Kraft war nach der Hervorbringung Christi für viele Jahrhunderte erschöpft. Kein Michelangelo, kein Rembrandt, kein Dante, kein Bach, kein Shakespeare, kein Mozart, kein Beethoven, kein Schubert ist uns erstanden, und wenn wir dem gegenüber unsere Herrlichkeiten aufzählen wollen, genügen die zehn Finger beider Hände, und wir haben noch immer keinen vom Ausmaß eines einzigen jener Halbgötter. Aber daraus den Mangel ursprünglich schaffender Kräfte überhaupt zu folgern, ist eine bequeme Fälschung und heißt das Wesen des Produktiven verkennen, das, indem es in der Gemeinschaft als solcher wirkt, bei einem Schicksal wie dem jüdischen zu jahrhundertelanger Anonymität verurteilt sein kann, llamentlich, wenn es dabei nur um das Leiden'geht, die produktivste Macht der Welt. Dies ist gerade in unserer Epoche augenscheinlich geworden. Es sind Schaffende dagewesen und sind noch am Werk, die mir, wenn ich die Gesetze der Entwicklung nur einigermaßen verstehe, in einem hohen Sinn Verkündiger und Vorläufer zu sein scheinen. Aber es handelt sich dabei um einen langwierigen Prozeß, der nicht ohne tiefste Konzentration der hieran beteiligten Gesamtheit vor sich gehen kann, nicht ohne seelische Auflocke-' rung (die durch das beständige angstvolle Starren auf das Moment der Existenzbedrohung