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Central-Verein-Zeitung · 1932-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1932) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 5-6 (Mai 1932)
Date
1932-05-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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34 des Tempels, zttm Morde, zur Verbannung, zur Sklaverei ganzer Massen dieser behatrlichen Natiott fortführt". ltnb nun freut Wichelttt sich int Hütblick auf seinen Sohn Felix, der hier ausgebildei werden soll, daß „dieser durch eine so würdige, sinnliche Darstellung sich jene großen, bedeutenden, musterhaften Ereignisse für fein ganzes Leben als wirklich und als wenn sie neben ihm lebendig getvesen tvärett, ztteigttett sollte. Er betrachtete diese Bilder zuletzt nur atls dein Augen des Kindes, und in diesem Sinne war er vollkontmett damit zufrieden". Wie man sieht, erkennt Goethe hier den Pädagogischen Wert des Alten Testaments ausdrücklich att, und hier offenbart sich, daß auch Goethe selbst einen unendlichen Teil feiner Bildung eben dem Alten Testament verdankte. Zu nteüter besondeten Genugtuung erkettnt auch der Antisemit M a u r e n b r e ch e r („Goethe und die Juden") den pädagogischen Wert des Alten Testaments ausdrücklich an. Er sagt im Hinblick auf das 4. Buch vou „Wahrheit und Dichtung", die „Worte Goethes über das unbedingte Gottvertrauen der Erzväter schlagen alle die Bedenken nieder, die gegen oie Verwendung alt testamen tlicher Stoffe in unserem Jugendunterricht erholen worden seien". „Der Lehrer ist durchaus nicht gebunden, Jakobs Vetrügermen und Uebervorteilungen als Tugenden erscheinen lassen zu müssen. Er kann sie durchaus bezeichnen als das, was sie sind, tvemt er nur gleichzeitig schildert, was ja oie Erziehung selbst auch als das Wesentliche betrachtet, daß er durch Schuld und Leid geläutert wird. Ein wirklicher Religionsunterricht kann in betr Anerkennung der Schwächen seiner Helden sehr viel ehrlicher sein als ein blasser „Moralunterricht", der nur blutleere Tugendvorbilder kennt . . . Achtung vor der Bibel und klare Erkenntnis des Unangenehmen int jüdischen Volks tum können nebeneinander nicht nur bestehen, sondern auch im Jugendunterricht vertreten werden." Doch sicherlich hatte das Alte Testament für Goethe auch religiöses Interesse, er, der Schüler Spinozas, der sich seiner ganzen Naturanlage nach mehr an den Gott des ersten Artikels gehalten hat, wie er ihm ja schon als Kind in seiner Tumpheit einen Altar errichtet hat. Es war jener Gott, der, wie es Luther übersetzt, von sich bekennt: „Ich tverde sein, der ich sein werde" (2. Mosis 3, 14), er, der Ewige, der da war, der da ist und der da fetr^ wird. Ihm hat er sich allzeit in Ehrfurcht und Vertrauen gebeugt. Und so ist ihm auf seinem Lebensweg bis ins höchste Alter hinein das Alte Testament ein freundlicher, ja innerlich aufrichtiger und wegweisender Begleiter gewesen. Gewiß hat Goethe hin und wieder über das Alte Testament oder doch einige Teile desselben (insbesondere das zweite bis fünfte Buch Mosis) einmal seine Glossen gemacht, aber die goldenen Aepfel in silbernen Schalen, die ihm hier, namentlich im ersten Buch Mosis, in den Psalmen, den Propheten, dem Hiob und dem hohen Liede erreicht wurden, hat er stets geliebt, bewundert und verehrt, toie ich dies in einem demnächst erscheinenden größeren Werke „Goethe und das alte Testament" ausführlich nachgewiesen habe. Und so mag Goethe uns Heutigen denn — und zwar Christen und Juden —, die wir vielfach den Zugang zum Alten Testament verloren haben, ein Wegweiser zur Nettentdeckung des Alten Testamettts sein, das Zusammen mit dem Neuen Testament, tvie Goethe an Zelter schrieb, ein „Weltspiegel" ist, in dent wir uns, unsere Zeit und unser Schicksal beuten können. Israels Propheten soziale Sendboten an die Gegenwart') Viblische Skizzen von Theoöor Rnppffem XII. Dev Prophet Jona. Warum lächeln wir über das uns einfältig erscheinende Volksmärchen von Jonas und dem Walfisch, der den Ungehorsamen einschluckt und ansspeit? Weil wir den bis zu unserer Gegenwart reichenden Zartsinn dieser barocken Erzählung tticht verstehen! Der Prophet Jona, dessen literarische Niederschrift namhafte Forscher, wie z. B. Carl Heinrich Cornill, in das Jahrhundert zwischen Esra und Alexander dem Großen ansetzen (andere wollten die älteste israelitische Prophetenschrift in ihm sehen), ist eine spezifisch jüdische Gestalt. Der jüdische Mann hört in seinem Geist Gottes Auftrag, in die ferne, einstweilen mit Israel itt keinem Zusammenhang stehende Weltstadt Ninive zu gehen, also zum Propheten der „Heiden" zu werden. Ist ihre Bosheit vor Gottes Dhron gedrungen, so soll, so wetterleuchtet es in ihnt, der Weltrichter mit seinen Donnerblitzen dreinfahren und die Lasterstätte zerstören! Jotta hat sich in Jaffa eingeschisft gen Tarsis oder Tartessus; er entflieht westwärts nach der phönizischen Handelskolonie in Spanien, jenseits der Meerenge, etwa an der Stelle des heutigen Cadiz. Glaubte der widerspenstige Mattn, so schimmert es durch das Lehrgedicht in Prosa, von Tarsis aus könne ihn Gott doch nicht so leicht ttach Ninive dirigieren wie von Jerusalem her?! Sturmwind auf dem Meere, der Schuldige an dem Gotteszorn wird von der nichtjüdischen Besatzung ausgelost — Jona bekennt und ergibt sich drein, daß er über Bord geschleudert lvird zur Rettung der andern, er wird der Rache des Meergottes ausgeliefert. Die Heiden sind die Gottfürchtigen, der Israelit ist der Gottlose .. . Den in die Wellen Sinkenden schnappt der große Fisch, in dessen Riesenleib er rutscht, also wohl ein gewaltiger Hai, der den wunderlichen Gast drei Tage in seinem Bauch beherbergt. Das aufgeregte Meer wurde still, die Schiffsleute opfern ihrem Gotte Dank. Doch Jotta, der weiter atmet, ohne zu ersticken, betet gleichfalls Dankpsalmen in seiner dunklen Kapelle. Dann schleudert ihn die enge Zelle ans Land. Triefend, durchgeschüttelt, neu geboren kommt der Gehorsame nach Ninive. Er lebt, er sagt der „Millionenstadt" Ninive Gottes Gericht an. Ninive, Assurs (Assyriens) Hauptstadt, ist uns durch die Grabungen erschlossen; es lag gegenüber dem heutigen Mossul auf dem linken Ufer des Tigris, der älteste Staatenkern ttächst Babel, der fruchtbare Mittelpunkt der Zivilisation für Vorderasien. Bis nach Britannien und in die Ostsee drangen die phönizischett Kausfahrer mit ihren Schätzen. Doch uns ist wichtiger, daß Jonas^ Bußruf in dem weltüppigen Ninive, unterstützt durch ihn selber als wandelndes Zeichen seiner Sendung, Glauben fand. Vom König bis zu der geringsten Kreatur, so wird das Bild farbig durchgemalt, lassen sich die Niniviten vom jüdischen Propheten bekehren! Schön, tvie die gesamte Schöpfung von den biblischen Erzählern im Guten und im Bösen als Einheit empfunden wird: von den Paradiesschlangen zu den Raben des Elia, zu Elisas Bären, Bileams Esel (der redett konnte tvie die deutschen Tiere in den zwölf heiligen Nächten um Weihnachten), bis ztl Gottes Mitleid mit den unschuldigen Tieren in Ninive, die er schützt tvie die Kinder. Dies Erbarmen Gottes mit Ninive ärgert den Jona. Unmutig baut er sich vor der Stadt, die sich auf seine Botschaft hin besserte, eine Hütte. Und die rasch wachsende Nizinusstaude, die ihn vor der Sonnenglut birgt, ist ihm angenehm. Als sie ebenso schnell wieder dorrt und ihm der heiße Strahl auf den Schädel brennt, kollert er von neuem. Gott beschämt seine Ungeduld: was liegt schon an dem Rizinus, ob er »lebt oder stirbt? Doch tvas liegt an Ninive, ob es lebt oder stirbt mit seinen Männern und Frauen, Kindern und Tieren!? Bin i ch n i ch t ihrer aller Schöpfer undBater? Sieghaft entwindet der lächelnde Humot^der frommen Entrüstung ihre sozusagen heiligen Waffen. Dieser unter Tränen lachende Humor, mit dem Israels Propheten sich der Weltreligion des über ihren religiösen Nationalismus weltweit hinanswachsenden Gottesbildes ihres genialsten Propheten blindlings, ohne solche Unbedingtheit verstehen zu können, in die Arme warfen; er fehlt uns itt der Gegenwart. Wir laufen dieser Weltmission davon tvie Jona dem Gottesbefehl; wir pochen auf den deutschen Bundesgott, der im Krieg und Frieden allein für „unsere Belange" vorhanden ist. Mit diesent Patent und Monopol verludendorffen wir heillos in der Weltanschauung und verhittlern in der Politik zu Rasse und Masse. Der Einsatz einer redlichen Persönlichkeit, die zu ihrer Aufgabe heranreift, wirkt in Ninive das Wunder der Umkehr der Frevler und der Leichtfertigen — warum n i ch t a u ch i n D e u t s ch l a n d? Vom sichern Schiff unserer Weltgeltung in die Losenden Wasser des Weltkrieges, eingeschluckt vom übermächtigen Feind, ans Land des Friedens gespien: Haben wir aus den schlimmen Schicksalen nichts gelernt und nichts vergessen?! Der herztiefe Humor, dessen Vater der Schmerz und dessen Mutter die Freude ist, befreit von Furcht und Hoffnung; er steht den Rizinus wuchern und sieht ihn abwelken, als Schattenspende und als Sonnenbrand. Wichtig bleibt, daß niemand seiner Pflicht entflieht und daß Ninive gerettet wird. XIII. Das Buch Daniel. Wir reden, unsere Betrachtungen abschließend, die uns über Jahresfrist in diesen Blättern verbunden gehalten haben, von dem Prophetenbuche, das den uns vertrauten Namen des Daniel trägt. Er rangiert unter den vier großen Propheten neben Jesaia, Jeremia, Ezechiel. Die Löwengrube für den mutigen Bekenner, die drei Gotteszeugen im Feuerofen, Belsazars Gastmahl mit dem drohenden Menetekel an der Palastwand (Heines erschütternde Ballade!), das Gottesgericht an dem Koloß mit den tönernden Füßen: alle diese Bilder und Symbole kennen nnd bekennen wir mit dem Propheten Israels, der in Babel seine Fenster offenhielt gen Jerusalem mit dem Zionshügel. Nun hat der jüdische Kanon das Daniel-Buch selber nicht zu dem prophetischen Literaturschatz der Bibel gezählt, erst die griechische Bibel eroberte es zum bleibenden Besitz unter den heiligen Schriften der Welt. (Die Synagoge brachte den Daniel im dritten *) Theodor Kappstein hat in einer Artikelreihe in den Jahrgängen 1930/31 dieser Zeitschrift die soziale Sendung der Propheten bargelegt. Die nachstehende Betrachtung über Jona und Daniel schließt die Artikelreihe, die wir zu unserem Bedauern durch die Herausgabe zweier Sondernummern unterbrechen mußten, ab. Die Schriftleitung.

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