Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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33 ‘Untere £eler ßhreiben Nur gerecht sein Es empört mein Gerechtigkeitsgefühl, wenn ich immer wieder die albernen und boshaften Ausstreuungen über die Juden vernehmen muss, die den Stempel der Unwahrheit an der Stirn tragen. Zu diesen immer wiederkehrenden Bosheiten gehört das Märchen von dem „betrügerischen jüdischen Kaufmann“, der nur darauf ausgeht, die Kunden zu „leimen“. Wie steht es aber damit? Ich Wohne in einer Mittelstadt von rund 24 000 Einwohnern, in der sich auch eine ganze Reihe Geschäfte mit jüdischen Inhabern befindet. Beim Fehlen jeden Durchgangsverkehrs sind diese wie alle anderen auf die Stammkundschaft aus der Stadt und ihrer Umgebung angewiesen. Wollten sie es Wagen, ihre Kundschaft „anzusehmieren“, wie der geflügelte Ausdruck lautet, dann könnten sie getrost ihren Laden schliessen; denn sie würden nicht bloss die bisherige Kundschaft verlieren, sondern sich auch vergeblich nach neuen Käufern umsehen, da sich in einer so kleinen Stadt und bei der Verbundenheit ihrer Einwohner derartiges schnell herumspricht. Nun ist es aber Tatsache, dass die hiesigen jüdischen Geschäftsinhaber, die zu einem erheblichen Teile zu den ältesten ani Platze gehören, trotz der allgemein üblen Wirtschaftslage recht befriedigende Umsätze erzielen, weil sie eben infolge ihrer reellen Geschäftsführung auf eine treue Stammkundschaft zählen können. Dagegen hat eine Reihe christlicher Geschäftsinhaber den Konkurs anmelden müssen, Weil sie keinen genügenden Absatz mehr hatten. Eine Weitere Anzahl hat den Zwangsvergleich abgeschlossen. In beiden Fällen sind natürlich die Gläubiger die Leidtragenden. Wenn es Juden gewesen wären, dam wäre natürlich das Urteil gewisser Leute über „jüdische Geschäftskniffe“ und „betrügerischen Bankerott“ fertig gewesen, so aber- Iti mehreren Fällen hier und in der Umgegend wurden Zwangsversteigerungen auf den Antrag eines hiesigen Bankhauses erzwungen. Wäre einer der Inhaber des Bankhauses ein Jude, ich hätte einmal die Entrüstung der Judenhasser hören mögen! So aber geht man darüber zur Tagesordnung über und nimmt man es als etwas Unvermeidliches hin. Es liegt mir fern, etwa einen Stein auf jene in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Kaufleute oder auf das erwähnte Bankhaus werfen zu wollen. Was ich verurteile, ist lediglich das Messen mit zweierlei Massf wie es jener engstirnige Antisemitismus tut, der den Blick verdunkelt und das sittliche Gefühl verwirrt, und der nicht begreifen will, dass das, Was dem christlichen Mitbürger recht ist, auch dem jüdischen billig sein muss. Also: Gerechtigkeit nach beiden Seiten. In einem Rechisstaate sollte das eigentlich selbstverständlich sein. Veritas. Reffen dürfen Sie, aber.. Im Aprilheft der „Mitteilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins“ veröffentlicht ein Mitglied der Sektion Austria in Wien einen „Oeffentliehen Dank für lobenswertes Verhalten“ an sechs Studierende der Bundeslehranstatt für Textilindustrie, die ihn nach einer Sturzverletzung „bei tiefstem Neuschnee unter grosser Mühe ms Tal beförderten und so rasche ärztliche Hilfe ermöglichten, die seine Heilung beschleunigte“. Mindestens zwei von den Genannten, Goldfarb und Jonas, sind Juden, sind also von den hakenkreuzeschmiickien Hütten det Sektion Austria, die bcanntlich die Wortführerin der antisemitischen Treibereien im Alpenverein War, ausgeschlossen. Ob die „löbliche Kameradschaftlichkeit“, die ihr eigenes Mitglied hier jüdischen Bergsteigern dankend bestätigt, den Vorstand der Sektion Austria zu einer Aenderung seinet Haltung veranlassen wird? W. L. Der Wahrheit die Ehre! Als Deutscher, der sich zu keiner Partei bekennt und darum unabhängig urteilt, möchte ich hier einmal kurz zu dem mir unverständlichen blinden Hass andersgesinnter Kreise gegen unsere jüdischen Staatsbürger Stellung nehmen. Dieser Tage unterhielten sich auf der Bahn zwei mir im Wagenabteil gegenübersitzende Männer — bj ationalsozialisten — von der vermeintlichen IJ erzlosigkeit der Juden. Mein Gerechtigkeitsgefühl liess mich in die Rede der zwei Fremden eingreifen. Ich fragte sie, ob sie das Gesagte denn auch bezeugen könnten. Nein, keineswegs; sie kannten das Vorgebrachte nur vom Hörensagen. Aber, meinten sie, selbstverständlich ist es wahr, ein Beweis sei gar picht nötig* Ich erzählte ihnen nun einen von mir erlebten Fall, an den ich nur mit dankbarem Herzen zurückdenken kann. Ich war vor einigen Jahren in Griechenland unterwegs„ und durch verschiedene Umstände erhielt ich von der Heimat die erwarteten Briefe beträchtlich verspätet. Ich war ohne jede Mittel, nichts aber ist im fremden Lande unangenehmer, als Hilfe zu benötigen. Als Mitglied einer christlichen Verbindung, die in Saloniki, wo ich mich gerade aufhielt, ein Generalsekretariat hatte, Wandte ich mich dorthin, mir wurde aber eine Hilfe versagt, man kam mir in einem Ton entgegen, der es mir verbat, weitere Bitten vorzubringen. Mein Stolz Hess mich gehen, und ich irrte am Meer entlang. Nach einer schlaflosen Nacht begann das traumhafte Wandern von neuem. Auf einer Bank am Hafen, nahe des Türkenturms, nahm ich Platz. Da gesellte sich ein älterer Herr zu mir, der es mir wohl angesehen haben mag, dass ich Deutscher war. Kurz und gut, nach einigen Fragen nach meinem Woher und Wohin erfuhr er von meinem Geschick, stand wortlos auf und ging fort. Nach einigen Augenblicken kam er wieder, in der Hand em Brot und eine Melone, die er mir reichte. Meine Freude und Dankbarkeit war unbeschreiblich, hatte ich doch schon zwei Tage gehungert. Der freundliche Helfer war ein deutscher Jude, der in Saloniki als Ingenieur tätig gewesen und arbeitslos geworden war. Er wollte nach Deutschland zu seiner dort lebenden Familie zurück, doch hatte er noch nicht das nötige Geld für seine Reise zusammen. Um so grösser ist sein Mitgefühl emzuschäizen; und er half mir noch drei Tage, bis ich die erwartete Sendung aus der Heimat erhielt. Ich fragte nun meine zwei Reisegenossen, ob es denn einen besseren Beweis für edles Menschentum gäbe? Da kam ich aber schlecht an. Das wäre ja nur ein Einzelfall, nicht massgebend für die ganze „Rasse“. Ausserdem hatte der Mann nur so gehandelt, um für seine „Rasse“ zu werben. Ich hatte da nichts mehr zu sagen, als dass man sich doch sonst für die Persönlichkeit und nicht für die Masse einstelle. Aber da ist jedes Reden vergeblich gewesen. H. W., A. sucht er den Inhalt der von Moses zerbrochenen ersten Gesetzestafeln zu rekonstruieren (2. Moses 32, 20), im Zweiten will er Nachweisen, daß der Wüstenzug der Kinder Israel nicht 40 Jahre, sondern nur zwei Jahre gewährt hat, nnb es liegt ihm vor allem daran, die Gestalt des Moses in ihrer erhabenen Großartigkeit darzustellen. lieber den Verlauf der Entstehung dieses Merkchens gibt der Briefwechsel mit Schiller ausführliche Auskunft. Goethe dachte sogar daran, eine Karte dieser Wüstenwandernng an der Hand der im 2. Buch Moses genannten Stationen Herstellen zu lassen. Die Sache zerschlug sich jedoch. Bekannt ist ja aud) seine Vorliebe für das Hohelied, das er in seinen Jngendjahren übersetzte, und dem er zeit seines Lebens sein Interesse zuwandte, ebenso wie dein Buche Hiob, dessen Eingang ja der Prolog des Gvetheschen „Faust" nachgedichtet ist, wie denn dieses Lebenswerk Goethes auch sonst noch eine Fülle von Anspielungen auf den Hiob enthält. Goethe hatte indessen für das Alte Testament nicht nur ästhetisches und geschichtliches, sondern u. a. auch pädagogisches Interesse. Hierfür charakteristisch ist das Kapitel II, 2 der „Wanderjahre", das die Schilderung der „pädagogischell Provinz" enthält. Hier will Wilhelm Meister seinen Sohn Felix im Internat ullterbrillgen und erziehen lassen. Nun führt der „Aelteste" der Anstalt Wilhelnl Meister in eine Galerie, deren Wände mit Fresken bedeckt sind, rmd zwar hatten „die heiligen Bücher der Israeliten den Stofs zu diesen Bildern geliefert". Doch sind in den Sockeln nnb Friesen nicht sowohl shnchrollistische als shmphonistische Handlungen und Begebenheiten aufgesührt, in dem^— wie Goethe sortführt — „unter allen Völkern gleichbedeutende und Gleiches bedeutende Nachrichten Vorkommen". So wird etwa im Hauptbilde dargestellt, wie „Abrahanl von seinen Göttern in der Gestalt Miner Jünglinge besucht wird", während oben im Friese „Apoll unter den Hirten Admets" dargestellt wird. Wilhelm antwortet hierauf mit der Frage, warum man die israelitische Geschichte vor allen anderen gewählt, und der Aelteste antwortet: „Unter allen heidnischen Religionen (denn eine solche ist die israelitische gleichfalls) hat diese große Vorzüge, wovon ich nur einige erwähnen will. Vor dem ethnischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Völker, wird nicht gefragt, ob es die beste, die. vortrefflichste Nation sei, sondern nur, ob sie dauere, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworsen haben, es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehleranderer Völker; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht inehr gilt, an Zähigkeit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild ausgestellt, als Hauptbild, den: die anderen nur zürn Rahmen dienen." Und nun versetzt Wilhelm, der nicht nach dein Aeltesten rechten will, jener möge ihm noch die „übrigen Vorteile dieses Volks oder vielmehr seiner Geschichte, feiner Religion eröffnen". Der Aelteste antwortet: ,„Ein Hauptvorteil ist die treffliche Sammlung ihrer (— der Israeliten —) heiligen Bücher. Sie stehen so glücklich beisammen, daß aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganzes entgegen tritt. Sie sind vollständig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch genug, um anzureizen, hinlänglich. barbarisch, um aufzusordern, hinlänglich zart, um zu besänftigen. Und wie manche andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an diesen Büchern, an diesen: Buche zu rühmen." Als Wilhelm darauf m stumme und tiefnachdenkliche Betrachtung der Bilder versinkt, fährt der Aelteste fort: „Noch einen Vorteil der israelitischen Religion muß ich hier erwähnen, daß sie ihren Gott in keiner Gestalt verkörpert, und uns also die Freiheit läßt, ihm eine würdige Nrenschengestalt zu igebdu, auch in: Gegensatz die schlechte Abgötterei durch Tier und Untiergestalten zu bezeichnen." Wilhelm durchwandelt bann die Galerie, die zur Bildung der Schüler der pädagogischen Provinz dienen soll und die die Geschichte des jüdischen Volkes bis „zu den traurigen, ver"worrenen Zeiten und endlich zu den: Untergänge der Stadt und