Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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(Das „rflte (Testament“ in theS nSDevk / <Z?ors Raimund Cbethard Jahrhundertelang hat unter der Christenheit der religiöse Wert des Mell Testaments wenigstens im grasten und ganzen unallgefachten dagestanden. Das Alte Testament war mben bcm Neuen Testanleilt ein Volksbuch, aus dem das Volk Bildung und Gesittlrilg entnahm. So sagt etwa- Goethe in der „Geschichte der Farbenlehre", Band 2: „Jene groste Verehrung, welche der Bibel non vielen Völkern ltnb Geschlechtern gewidmet worden, verdankt sie ihrem inncrcit Werte. Sie ist nicht etwa nur ein Volksbuch, solldern das Buch der Volker, weil sie die Schicksale eines Volkes zum Syrnbol aller übrigen aufstellt, die Geschichte desselben an die Entstehung der Welt anknüpft und durch eine Stufenreihe irdischer ulld geistiger Entwicklungen, notwendiger und zufälliger Ereignisse bis in die entferntesten Regionen der äußersten Ewigkeit hinausführt. Wer das menschliche Herz, deil Bildungsgang der einzelnen kennt, lvird nicht in Abrede fein, dast man einen tüchtigen Menschen herausbilden ' könnte, ohne ein anderes Buch zu brauchen, als etwa Tschudis schweizerische Ulld Aventills bayerische Chronik. Wieviel lllehr lllust also die Bibel zu diesem Zwecke genügen, da das Volk, als dessen Chronik sie sich darstellt, auf die Weltbegebenheiten so großen Einfluß ausgeübt hat und noch ausübt. Es ist uns nicht erlaubt, hier ins einzelne zu gehen, doch liegt einem jeden vor Augen, wie in beiden Abteilungen dieses mächtigen Werks der geschichtliche Vortrag mit dem Lehrvortrage derart innig verknüpft ist, daß einer dem anderen auf- und' nachhilft wie vielleicht in kein.em anderen Buche." Wie man sieht, zieht Goethe bei Hervorhebung des Bildungswertes der Bibel das Alte Testament ausdrücklich mit, ja ganz vorzugsweise heran. Indessen in neuester Zeit ist in weiten Kreisen unseres Volkes der religiöse und Bildungswert des Alten Testaments stark angezweifelt worden. Ja, es macht sich vielfach sogar ein fanatischer Haß gegen das Alte Testament bemerkbar, so daß man es am liebsten aus Kirche und Schule verbannen möchte. Ursache hierzu ist vor allem der grassierende Antisemitismus, dessen fanatische Vertreter mit ihren völkischen Verstiegenheiten das Alte Testament in Grund und Boden verdammen, und zwar größtenteils, ohne es gründlich zu kennen. Da ist denn Goethe uns ein Helfer und Rufer im Streite für den Menschheitswert des Alten Testaments, er, der Zeit seines Lebens von frühester Jugend bis zum spätesten Alter dem Alten Testament sein Interesse Zugewandt hat, und in dem er, „der Bibelfeste", wie er sich selber nennt, in ganz erstaunlicher Weise zu Hause war, dergestalt, daß es sich bei ihm nicht nur um einige abgeblaßte Jugenderinnerungen und gelegentliche Zitate handelte, sondern daß die Kenntnis des Alten Testaments ihm ein „Besitz für immer" und eine der Konstituanten seines Geistes war. Ja, wie es H. Henkel, „Goethe und die Bibel" (Leipzig 1890), bemerkt: „Die Bibel ist ein lebendiger Besitz unseres Dichters, von der Genesis bis zur Apokalypse, ist ihm ihr Inhalt zu augenblicklichem Gebrauch bereit und gegenwärtig. Jnnner voll neuem sieht er in den ErfahrlUlgen der Gegelüoart die alte Kernlveisheit derselben sich belvähren, die Vorgänge ulld Szenell, lvelche sie schildert, sich lviederholen und erlleuern, tit allen Perioden seilles Lebens verwelldet er sie, bald in gehoben ernsterenl, bald irr treuherzig ilaivem, geistreich heiterem, ja, hllnloristischeln Sinne. Namentlich in gelliütlich belvegten Lebensillonienten drängell sich ihlll Sprüche ilnd Gleichnisse der Bibel fast unwillkürlich auf die Lippen." Dies gilt vor alleni vom Alten Testament. So sagt er n. a. in den Noten zum „Westöstlichen Dilvan" inl Abschllitt „Alttestamentliches": „Wie alle unsere Wanderungen im Orient durch die heiligen Schriften veranlaßt werden, so kehren wir immer zu denselben zurück, als dem erquicklichsten, obgleich hier imd da getrübten, in die Erde sich verbergenden, sodann aber rein nnb frisch wieder hervorspringenden Qnellwasser." Und eberlda int Abschnitt „Hebräer": „Ein großer Teil des Alten Testanlents ist mit erhöhter Gesinnung, ist enthusiastisch geschrieben und gehört dem Felde der Dichtkunst an. Erinnern wir itn§ nun lebhaft der Zeit, wo Herder und Eichhorn uns persönlich hierüber aufklärten, so gedenken wir eines hohen Genusses, dem reinen orientalischen Sonnenaufgang zu vergleichen." IIII!IIIIIIIIIIIIIIIIlIIIlI»lIIlIIIlIIIIIII»IlIIIIIIIIIIIIIIlIII»»IIIIIIIIIIIIIIIIII,IIIIlIIIIIIIIIIIIIIIIII GOETHE Erhabenes Licht, im grossen Kreis gedreht, vom Rot des Morgens bis ins Abendgold! Du hast die Stunden alle ganz gewollt und jeder Tagzeit innerstes Gebet. In Morgennebeln brannten andere dumpf und bleichten dann im fahlen Mitteltag — Du fuhrst empor in zügelndem Triumph, heiss überm Land, das feucht und treibend lag. Und sicher rollte auf erhöhter Flucht Dein Rad zu alles Reinen Wiederkehrf und fiely zu süssem Tod gereifte Fruchty aus tief erschöpf lern Tag ins grosse Meer. Julius B ab. Illlllllllllll!llll!l!lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllll!llllllllllllllllll Ja, allerdings, Herder mit seiner Begeisterung für ursprüngliche, für Volkspoesie, hatte den jugendlichen Goethe aus den Poetischen Wert des Alten Testaments hingewiesen und mit seinen diesbezüglichen Schriften, wie „Vom Geist der ebrüischen Poesie" u. a. m. Goethe zur leidenschaftlichstell Liebe für das Alte Testament elltflammt. Aber der Grund zu dieser Liebe war schon früher gelegt. Es war die Mutter, die, wie ihre Briefe dartun, ganz im Geiste des Alten Testaments lebte und deren „alttestamentliche Frönlllligkeit" Goethe u. a. in einem Briefe all Zelter rühnlte. So hat sie benn ja auch in ihrer Herzensnot bei der Erkrankullg ihres Sohnes ill Leipzig sich Trost durch ein Bibelvrakel geholt, inbent sie mit der Nadel in den Jeremias (31. 4.) stach. Und so hat „Frau Aja" sicherlich den Geist der Liebe für das Alte Testalneilt auch auf den Sohn übertragen, wie denn ja das erste größere Jugendlverk Goethes die Josephs-Dichtung ist, lvie er sich als Student in Leipzig mit Dichtungen alttestalnentlichell Inhalts beschäftigte: Belsazar, Jsabael, Ruth, Pharao und die Erschlagung der Erstgeburt, und wie das Schauspiel, das er anf dem von der Großmutter Textor geschenkten Puppentheater spielte, eben allch ein alttestamentliches lvar: „Saul, David nnb Goliath". Aber auch der Vater, der den Unterricht der Killder leitete, führte ihn ins Alte Testament ein. So enthalten denn die „Morgengrüße" des Sohnes an den Vater manchen vorn Knaben Goethe selbst ausgelvählten Spruch aus dem Alteil Testament, und so wimmeln die sogenannten „Stechschriftten", d. h. Konkurrenzen im Schönschreiben nach Vorlagen, an denen sich auch der jugendliche Goethe auf Veranlassung des Vaters beteiligte, von Stellen aus dem Alten Testament, vor allem aus dem Buch des Jeslls Sirach. Und so stößt mau denn beim Durchlesen der Goetheschen Werke immer wieder auf Zitate aus dem Alten Testament oder Hinweise darauf, mag es sich um Dichtungen oder wissenschaftliche Werke, wie etlva die Geschichte der Farbenlehre u. a. m., handelil, und dasselbe gilt von seinen Briefen und Gesprächen. Blättert man etwa die Inhaltsverzeichnisse zu den verschiedenen Abteilungen der Weimarer großen Ausgabe von Goethes Werken durch, so staunt man immer wieder über die Fülle der Anspielungen auf das Alte Testament. Goethe offenbart hier eine geradezu verblüffende Kenntnis, wie sie nur eine intensive Beschäftigung mit dem Alten Testament verschaffen konnte. So zeigen denn auch die Eintragungen in Goethes spätere Tagebücher, wie er sich fortgesetzt mit dem Alten Testament lind der alttestamentlichen Wissenschaft beschäftigt hat, und lvie er ja ailch in „Wahrheit und Dichtung" bei Schilderung seiner Jugendperiode auf die Vertreter der dalnaligen alttestamentlichen Wissenschaft 31t sprechen kommt. Ja, man muß sagen, daß Goethe das Alte T e st a m e n t k 0 n - genialer war als das Neue Testament. So bekennt er auch in seiner Selbstbiographie I, 1 in bezug auf seine jugendliche. Entwicklung, daß ihm „das allzu sanfte und durch Predigten und Religionsunterricht trivial gewordene Neue Testament kein Interesse habe geben können". Und so ist ihm denn Christus immer „ein höchst bedeutendes, aber problematisches Wesen" geblieben, lvie er dies am -8. Juli 1830 gegenüber dem Kanzler von Müller bekannt hat. Charakteristischerweise widmet er in „Wahrheit und Dichtung" ein langes, ausführliches Kapitel (I, 4) den Patriarchen-Erzählungen der Bibel, aus dem seine innige- Liebe für diese alttestamentlichen Grstalten der Urzeit hervorgeht. Ja, er, der ein wenig Hebräisch kannte, trieb — vom Standpunkt der damaligen Wissenschaft aus — alttestarnentliche Studien, die er in seiner -Jugendschrift „Was stand auf den Tafeln des Bundes?" und in seiner späteren Abhandlung „Israel in der Wüste", die den Noten zum „Diwan" eingesügt ist, niedergelegt hat. In dem ersten Aufsatz