Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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28 M befreie» toic ßie Wie voi« iMKMNt M MWlral Mnilmr Werlin-LilblerselM Durch die von dem Neichsiunenumnster Groener kürzlich veranlaßte Konferenz ist die Frage der E n t p o l; t i s i e r u n g der S ch n l e wieder besonders aktuell , geworden. Es ist nun im folgenden nicht beabsichtigt, den ganzen Komplex' der hierher gehörenden Probleme wieder einmal ausznrollen, sondern es soll lediglich die eine Tatsache des Antisem;- tis'mus herausgegrissen und unter dem Gesichtspunkte der Entpolitisierung der Schule beleuchtet werden. Zwar werden manche Anhänger und Freunde des Antisemitismus diese Absicht von vornherein beanstanden; sie werden sagen, das sei eben der Grundirrtum, im Antisemitismus eine politische Angelegenheit zu sehen, während er doch in Wirklichkeit ein Gegenstand der auf „raffemüßigen" Grundlagen beruhenden Glaubensüberzeugung sei. Das ist jedoch in Wahrheit kein Gegensatz, denn jedenfalls in Deutschland liegt die Sache so, das; die politischen Ansichten fast durchweg zu Glaubensüberzeugungen werden oder aus solche zurückgehen; das kann man bedauern, aber man muß mit dieser Tatsache rechnen. Und gerade der Anti- . semitismus ist so sehr in die politischen Kämpfe der Gegenwart hineinverflochren, daß eine Erörterung der Entpolitisierung^ der Schule gar nicht möglich ist, wenn man nicht auch zu ihnr grundsätzlich Stellung nimmt. Im Gegensatz zu manchen Kritikern der heutigen Schule bin ich der Ansicht, daß die Entpolitisierung weniger eine Lehrerals eine Schülerfrage lst. Selbstverständlich kommen auch von seiten der Lehrer Uebergriffe und Taktlosigkeiten aller Art vor, aber sie sind doch keineswegs so zahlreich, wie man vielfach annimmt. Fast rn allen Fällen, in denen Beschwerden dieser Art amtlich oder persönlich an mich gelangt sind, habe ich feststellen können, daß das, was dem betreffenden Lehrer zur Last gelegt wurde, entweder sich in Nichts auflöste oder doch jedenfalls längst nicht so schlimm war, wie es zunächst schien. Fast hoffnungslos dagegen erscheint die Sachlage, wenn man sein Augenmerk auf die innere Struktur unserer Schulklassen, namentlich der an höheren Lehranstalten, richtet; und zwar sind die Knabenschulen hier im allgenteinen noch übler dran als die Anstalten für die weibliche Jugend. In unzähligen Klassen ist es heute einfach so, daß die wenigen jüdischen oder des Judentums „verdächtigen" Schüler in der Gemeinschaft ihrer Klassengenossen geradezu ein Martyrium durchmachen müssen, sei es, daß man sie offen befehdet, oder sei es — was fast noch schlimmer ist —, daß man sie verfemt und in eine fürchterliche und für einen jungen Menschen kaum zu ertragende Isolation und Vereinsamung hineindrängt. Bezeichnend dafür ist folgender Vorfall. Als vor einiger Zeit der Direktor eines kleinstädtischen Gymnasiums int östlichen Preußen sich infolge politischer Anfeindungen erschossen hatte, kam für die Wiederbesetzung seiner Stelle auch ein Studienrat in Frage, der, wenn auch schon in zweiter Generation evangelischer Christ, doch von Haus aus dem Judentum angehört. Aus die Aufforderung der Behörde hin erklärte er, die ihm zugedachte Beförderung nicht annehmen zu können. Nicht mu seiner selbst willen, denn er werde sich schon durchsetzen; aoer er sehe voraus, daß seine Söhne nach alledem, was an dem in Frage kommenden Orte vor sich gegangen war, in der Schule derartig zu leiden haben würden und das Bild ihres Vaters in ihrer Seele so getrübt und beschmutzt werden würde, daß er im Interesse seiner Kinder dieses Risiko nicht aus sich nehmen könne. Was diese ganze Lage so besonders hoffnungslos macht, ist die Tatsache, daß die von der Anfeindung betroffenen Kinder itiib Jugendlichen ja keine Möglichkeit haben, irgendwie der Gegnerschaft zu entrinnen. Mißliebige Ueberzeugungen kann man schließlich im Notfälle ändern oder jedenfalls verschweigen; die wirkliche oder vermeintliche Zugehörigkeit zu einer „Rasse" aber läßt sich weder ändern noch verschweigen und stürzt daher die von einer auf thr begründeten Anfeindung betroffenen Jugendlichen in eine verzweifelte Lage, aus der es schlechterdings kein Entrinnen gibt. In einer Polemik gegen mich behauptete neulich die bekannte rechtsstehende Zeitung „Der Reichsbote", offenbar seien die jüdischer; Schüler viel empfirrdsamer und leichter verletzlich als ihre nichtjüdischer; Kameraden, dem; vor; seelischer Mißhandlung aus Politischen Gründen sei bei dieser; letzterer; doch viel seltener die Rede. Das;st nun ir; der Tat ein wunderlicher Einwarrd, der die einfache Tatsache übersieht, daß die Inder; — vor; ganz seltenen Ausrrahrner; abgesehen — doch eben tu einer verschwindenden Minorität zrr fein Pfleger; und daher aller; Angriffen rrrrd Anfeindungen ungleich stärker ausgesetzt sind. Mar; karu; tatsächlich die Lage vieler jüdischer Kinder gar nicht schwarz germg malen; sie ist zum großer; Teil einfach furchtbar, nr;d wer;n sie nicht öfter zu eklatar;ten Katastrophen führt, so beweist das im Gegensatz zu der von; „Reichsbote;;" ausgesprochenen Meinung nur, daß die seelische Widerstandskraft gerade hier verhältnismäßig groß sein muß. Was ist nun dageger; zu tun? Ich sehe drei Wege, von dener; jeder für sich allein nicht ausreicht, sondern die alle drei gleichzeitig beschrrtten werden müssen. Der erste Weg ist der der rücksichtslosen S t r e r; g e ir; allen Fällen, in denen sich arrsgesprocherre arrtiserrritische Rüpelei, Rohheit und Vergewaltigung bemerkbar machen. Natürlich rveiß ich, daß strenge Strafen nur ein sehr fragwürdiges pädagogisches Mittel sind; aber bei der Zugespitztheit der ganzen Lage konunt man ohne sie nicht aus. Freilich sind sie nur danr; wirksam, wenn sie jedesmal und rechtzeitig entsetzen, was wieder zur Voraussetzung hat, daß die verantwortlichen Lehrer urrd Direktoren unverzüglich und schonungslos vor; jedem vorkommenden Fall in Kenntnis gesetzt Werder;. Daran rnangelt es leider noch sehr häufig; es gibt viele jüdische Eltern, die aus begreiflicher oder auch unbegreiflicher Scheu viel zu lange w arten, ehe sie denKlassenlehrer oder Direktor ihrer Kinder über die w i r k l i ch e S i t u a t i o n auf - kläre;;. H i er kan n n u r irnme r wieder dieBitte ausgesprochen iverd e n, d ie se Scheu endl; ch einmal zu überwinden und mit Offenheit und Vertrauen der Schule gegenüberz u t r e t e n; nranche notwendige Strafe ist nur deswegen nicht erfolgt, weil die Lehrer von der garrzen Sache nichts wußten und auch tatsächlich nichts wissen konnten. So entstehen dann Vorwürfe gegen die Schule, die berechtigt erscheinen, aber es im Grunde doch nicht sind, weil sie eigentlich auf die betreffenden Eltern selbst zurücksallen. Aber natürlich ist mit solchen Bestrafungen selbst nur wenig nusgerichtet, ja nmnchmal können sie sogar das Gegenteil des gelvünschten Erfolges erzielen. Notwendig ist darum zweitens, daß der g e s a m t e Unterricht der Schule zwar von parteipolitischer Agitation freigehalten wird, wohl aber die Politik immer mehr als ein ganz w i ch t i g e r. G e g e n st a n d seiner Arbeit erkannt wird. Wenn es die Aufgabe der Schule ist, vor allein drrrch das Mittel des Unterrichts zu erziehen und auf das Leben vorzrrbereiten, so kann er an solchen Fragen, wie der des Antisemitismus, die Kopf und Herz unzähliger Jugendlicher erfüllen, nicht vorübergehen. Gewiß harrdelt es sich hier um ein heißes Eisen, aber dieses Eisen anzufassen ist Ausgabe und Pflicht des Lehrers, der er sich nicht entziehen darf. Bor alle;;; der Unterricht ir; Religion, Deutsch, Geschichte und Erdkurrde wird jede sich bieterrde Gelegenheit benutzer; muffen, um den hier vorliegenden Problemen grürrdlich zu Leibe zrr gehen. Nicht in der Form vor; Mahn reden oder Predigten, sondern in der Fvrrr;, die derr; Unterricht allein gemäß ist, das heißt ir; der Form sachlicher, nüchterner, alle Kräfte des jungen Menschen in Anspruch nehmender Denkarbeit. In diesem Sinne darf es nicht heißen: „Politik gehört nicht in die Schule", sondern gerade urrrgekehrt: „Die Politik rn die Schule!" Soll aber solcher Unterricht seine gar;ze Wirksanckeit entfalten, so ist noch etrvas Drittes nötig. Alle Frager; des Tageskaurpfes urrd der Tagespolitik lassen sich nur danr; wirklich sachlich und wirklich fördernd und befreiend beharrdelu, rveun sie betrachtet rverden vor; einen; Standpurckt, der über all dieser; Tagesereignissen liegt. Und daran mangelt es freilich auch in der heutigen Schule noch sehr oft. Um es noch eirnnal zu fiigar. Den häufig zu hörenden Vorwurf, daß d;e Lehrer selber sich direkt .ar; der Verhetzung und Aufreizung ihrer Schüler beteiligten, halte ich ir; der; meistert Faller; für unberechtigt; aber dem heute so allgemein herrscherrden Relativismus ist natiirlich arrch die Lehrerschaft weithir; zürn Opfer gefallen. Mit bloßen Relativismen aber vermag mau Krankheiten wie die der Politischer; Verhetzung in; allgemeiner; und des Antisemitismus im besonderen nicht zu heilen. Es gilt auch hier das Wort des alten griechischen Weisen: „Gib mir einen festen Standpunkt außerhalb der Erde, dann werde ich die Welt aus den Angeln heben." Mar; muß über einer Sache stehen, wenn u;an die Sache selbst richtig beurteilen will. Wer die Ansichten einer politischen Partei oder die Glaubenssatze der Rassentheoretiker für absolute Nortnen hält, der wird auch beiu; bester; Willen niemals ir; der Lage sein, feine Schüler aus den; Zank und Streit der gegenwärtigen Lage herauszuführen. Wo nun dieser überlegene Standpunkt zu suchen ist, das kann und soll verschieden beantwortet werden. Dem einen wird die I d e e d e r Menschheit in der Art Lessings und Goethes die überragende Größe sein, angesichts derer alle Nassen-, Klaffenurrd Parteiunterschiede gewiß nicht unwichtig werden, aber doch zu bloß relativer Bedeutung herabsinken. Dem andern wird der Glaube an das Reich Gottes, das höher ist als alle Vernunft und höher als alle Reiche der Erde, diesen Dienst tun und diese Ueberlegenheit gewähren. Das mag jeder mit seinem Gewisser; ausmachen. Aber ganz stark muß betont rverden: Ehe nicht in der gesamten Lehrerschaft urrd darüber hirraus in dem gesamten Volke Gläubigkeit wieder lebendig und allgerneir; , eher wird man in dem Kampfe gegen politische Verhetzung aller Art auch keinen wirklich Sieg erringen. Der Antisemit ist notwendig ein Klein- oder Ungläubiger; wer wahrhaft gläubig ist, der wird allein imstande sein, sich und seine Schüler vor ihm zu bewahren und der Entwicklung eines freien, frohen und stolzen Menschentums auch in unseren Schulen den Weg zu bereiten. politischer Ueberfall auf einen jüdischen ^rzt Eine Tat von unerhörter Rohheit wurde gegen einen jüdischen Arzt Dr. Auerbach in Halberstadt verübt. Ein etwa 30 Jahre alter Mann loskte Dr. Auerbach nachts unter dem Borwande, seine Mutter sei erkrankt, aus dem Hanse, um ihn unterwegs zu überfallen und blutig zu schlagen. In der gleichen Nacht wurden in der Wohnung eines anderen jüdischen Arztes, Dr. Crohn, Fensterscheiben eingeschlagen. Der feige Ueberfall auf Dr. Auerbach hat in Halberstadt allgemeine Entrüstung hervorgerufen. In Kriegszeiten pflegten Aerzte sogar von feindlicher Seite, als unter dem Schutz der Genfer Konvention stehend, verschont zu bleiben.. Mit Grauen ermißt man an diesem Vergleich, lvelchen Grad die Verhetzung innerhalb des deutschen Volkes angenommen hat. Umfangreiche Ermittlungen nach dem Täter sind angestellt. Es ist zu hoffen, daß sie zum Ziele führen.