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Central-Verein-Zeitung · 1932-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1932) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 5-6 (Mai 1932)
Date
1932-05-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2b Verkörperung alles Schlechten hillzustellen lind dallil alles, was man bekämpfen will, einfach als „jüdisch" zu bezeichnen, hat in der von Not und Verzweiflung erfüllten Masse seine Wirkung nicht verfehlt: „Die Judell finb unser Unglück." Und da man alles, was irgendwie int Staate schlecht, faul oder bekämpfellswert erschien tiitb erscheint, mit „jüdisch" bezeichnet hat und bezeichnet, hat mall deil Eindruck erweckt, daß die Jllden überall ihre Hände im Spiel haben, daß sie eine Macht von Riesenausmaß darstellten. So wird die E r r e g u ll g der Massen mit dem System der Jlldenfeilldschaft geschürt liild geschürt. Nicht, weil die Drahtzieher selbst all alles glalrbell, sondern weil man einer Minderheit gegenüber dieses freveiltliche Spiel treibeil zu können meint. Wenn mall täglich in den nationalsozialistischeil Zeitungell die Beschimpfungell der Juden liest, lvenn Ulan die Spottgedichte und Schmählieder kennt, wenn Ulan an die Universitätskrawalle unb daran denkt, daß dabei von den zukünftigen Geistigen des deutschen Volkes Lieder gesullgen lvurden wie: „Wenn das Judenblut üom Messer spritzt, dann geht's noch lilal so gut", wenn man schließlich die loeit mehr als hundert Friedhofsschändimgen erschüttert betrachtet — steht nmn vor eineiu Abgrund menschlicher Entartung: So weit hat es die I u d e n h e tz e in Deutschland gebracht. Jnnocenz IV. hat in einer Bulle volu 25. Dezember 1253 geschrieben: „Ferner verfügen wir, llnl der Verderbtheit und der Habsucht böser Menschen zu begegnen, daß niemand es wage, einen Friedhof der Juden zuverloüsten oder zu schände n , oder in der Absicht, Geld zu suchen, es wage, die Leiche auszugraben, und daß niemand ihllen Vorwürfe, daß sie bei ihrem Ritus M e n s ch e n b l u t gebrauchen,, weil ihnen ja im Alten Testamellt vorgeschrieben ist, daß sie sich, von Mellschenblut ganz zu schweigen, jeglichen Blutes ganz enthalten sollten." Wir schreiben heute 1932. Das war vor 700 Jahren. Und wir hätten es nicht für möglich gehalten, daß es einer Bewegung nochmals gelingen würde, mit solchen Propagandamitteln derartige Erfolge zu erzielen. Ititb hinter allem der lvirtschaftliche Wilhelm Kahl Deutschland hat einen großen Mann verloren. Der Nechtslehrer und Politiker Professor Wilhelm Kahl, ist gestorben. Das Volk, das in unserer angeblich so persönlichkeitsarmen Zeit den Ruf nach starken Männern erhebt, geht häufig an den wahren Führernaturen vorüber, ohne sie zu erkennen. Wilhelm Kahl, der „alte Kahl", war trotz seiner 83 Jahre ein Führer. Jünger und dem Fortschritt aufgeschlossener als viele, die weniger Lebensjahre zählten, wog er Dutzende der jugendlichen Schreier auf, die sich neben ihm im Reichstag als Führer des Volkes gebärdeten. Generationen von Juristen trauern um den Universitätslehrer. Der Deutsche Juristen tag beklagt den Tod seines langjährigen Seniors. Die Abgeordneten des Reichstags verlieren den über die Parteigrenzen hinweg verehrten Kollegen, den Vorsitzenden des Ausschusses für die Strafrechtsreform, die zu vollenden Kahls sehnlichster Wunsch war. Während seiner Wirksamkeit für die Strafrechtsreform haben wir oft mit dem Verstorbenen verhandelt. Wir kannten seinen unbestechlichen Gerechtigkeitssinn aus der Zeit, als W i l h e l m Kahl öffentlich seine Stimme gegen die Verunglimpfung der jüdischen K r i e g s l e i st u n g erhob. Immer, wenn wir zu ihm kamen, um ihm unsere Anregungen und Sorgen vvrzutragen, fanden wir bei ihm Verständnis, unb Kampf: „Kauft nicht bei Inden, meidet jüdische Aerzte, jüdische Rechtsanwälte." Wir hätten es allerdings auch nicht für möglich gehalten, daß im deutschen Volke mehr als zehn Jahre lang eine Jndenhetze mit solchen Mitteln der Unbildung und Knltnrlosigkeit hätte entfaltet werden können, ohne daß die staatlichen Organe und die Front der anständigen Leute, „das deutsche Gewissen" mit Empörung und Entrüstung sich dagegen gewandt hätte. Es handelt sich nicht nur um die Ehre, um die Existenz und das Leben der deutschen Juden, sondern um die Seele des deutschen Bolkes, die g e r a d e i n i h r e n j u g endlich e n Trägern in ungeheuerlicher Weise durch die Jndenhetze vergiftet wird. Man komme uns nicht mit der „minderwertigen Rasse", mit dem „zersetzenden jüdischen Geist", mit Barmat, Kntisker und Sklarek und derlei Dingen — immer haben sich Pseudowissenschaftliche und demagogische Begründungen. für die hohle und nichtswürdige Judenhetze gefunden. Was dagegen zu sagen ist, haben wir tausend- und Hunderttausendmal gesagt. Wer die Wahrheit hören und sehen w ick l, kann sie hören und sehen! Es gibt keinen unter uns, dem nicht täglich von nichtjüdischer Seite beliebig oft bestätigt wird: „S i e meinen wir nicht, ja, wenn alle so wären lute Sie!" Man kennt also den jüdischen Menschen, den deutschen Juden. Nur das von der Jndenhetze künstlich geschaffene Phantom des Juden kennt man nicht. Es gibt auch kaum einen nationalsozialistischen Frontsoldaten, der nicht in Privatunterhaltuugen von irgendeinem schneidigen Juden erzählt, den er an der Front getroffen und gekannt hat. Wir wissen das und die anderen wissen es. Das liegt alles ganz einfach und primitiv. Aber die Juden Hetze muß als politisches Kampfmittel herhalten. Es ist höchste, allerhöchste Zeit, daß hier Schluß gemacht wird und daß Behörden und Einzelpersonen, die mit die deutsche Gefahr dieser judenfeindlichen Propaganda erkennen, sich offen an unsere Seite stellen. Wir müssen es tausendfach hinausschreien: Schlußmitder Judenh e tz e! wir bewunderten die Leistung dieses Mannes, an dein die Last der Jahre vorübergegangen zu sein schien. - Wenn er im Reichstag Konferenzen führte oder dem Ausschuß für die Strafrechtsreform präsidierte, war er schlagfertig und jung wie ein Vierzigjähriger. Wir baten ihn einmal, unsere Stellungnahme zu den Reformvorschlügen für den Schutz gegen Religionsbeschimpfungen anzuhören. Als wir ihn im Reichstag sprachen, kannte er unser gesamtes Material; er hatte ein eintägiges Krankenlager dazu benutzt, die einschlägigen Artikel der „C. B.-Zeitung" und unsere Denkschriften bis in die letzte Einzelheit zu studieren. In einer Zeit, in der Parteistandpunkt und Parteiprestige entscheiden, bewahrte Wilhelm Kahl die selbständige, nur vom Rechtsempfinden bestimmte Entscheidung der Persönlichkeit. Deshalb trat er, der alte liberale Vorkämpfer, in Gegensatz zu seiner Partei, als diese die Einbeziehung der Nationalsozialisten in die Neichsregiernng mit ihren Mißtrauensanlrägen gegen das Kabinett Brüning zu fördern suchte. Und gerade in den letzten Wochen setzte sich Kahl für das Opfer eines politischen Prozesses, einen Mann, ein, der, von fast allen Parteien verlassen, bis jetzt vergeblich um seine Rehabilitierung kämpfte. Kahl glaubte ein Unrecht gutmachen zu können und warf deshalb das Gewicht seines Namens in die politische Debatte. Ein unabhängiger Manu, ein unerschrockener Kämpfer, ein weiser und gütiger Mensch ist gestorben. Deutschland ist ärmer geworden. II. U. Schwarz-Rot-Sol- 8ur Erinnerung an -ns Sambacher Fest Vor hundert Jahren wurden zürn erstenmal die Farben Schwarz-Rot-Gold als Symbol der Freiheit und des Vaterlandes proklamiert; heute sind fie Gegenstand heftigster politischer Bekämpfung und als „Jndenfahne" diffamiert. Die hundertste Wiederkehr des Hambacher Festes, das Pfingsten 1832 die freiheitlichen Elemente in Deutschland zu neuem Aufschwung begeisterte, gibt zu nachstehender geschichtlicher Erinnerung Anlaß: Der Begriff Vaterland umfaßt eine Summe von Kräften: den Boden, der uns ernährt, auf dem unsere Eltern und Großeltern gewohnt und sich gemüht haben; die Berge, Täler, Wälder, Flüsse, die uns umgeben; die Dichterwerke, die unsere Gefühle und Gedanken in poetischer Form aussprechen; die Menschen, in deren Mitte wir leben, mit denen wir zusammen unserer Heimat Wohl und Wehe durchlebt haben. „Vaterland" ist unabhängig von Staatssormen und Verfassungsparagraphen. Wenn es aber einen Wesensausdruck in der Verfassung gefunden hat, dann muß. diese zum Maßstab der Einstellung zum Vaterlande werden. Symbol dieser Einstellung ist die Achtung vor den Farben des Reiches. Nach Artikel 3 der Neichsverfassung sind die Reichssarben Schwarz-Rot-Gold; mit diesem Artikel hat die Neichsverfassung nicht irgendeine willkürliche Fahne geschaffen, sondern sie hat sich damit an die alte deutsche Geschichtsentwicklung angelehnt. Das im Jahre 962 von Otto dem Großen geschaffene alte heilige „Römische Reich deutscher Nation" stand seit 1438 (vorher schon unter vereinzelten Herrschern wie Rudolf von Habsburg, seinem Sohn Albrecht I. und seinem Enkel Friedrich von Oesterreich) dauernd unter der Führung Habsburg-OesterreicP, dessen Fahnenfarben Gelb-Schwarz (schwarzer Reichsadler in goldenem oder gelbem Felde) in gewissem Sinne auch die Farben Deutschlands darstellten. (Nebenbei gesagt waren dreifarbige Jahnen und Wappen bis in die neueste Zeit unbekannt. Erst die französische Revolution von 1789 setzte zum erstenmal zwischen die Pariser Stadlfarben Blau-Rot das Weiß des königlichen Lilienbanners.) Das blieb so, bis Deutschland im Jahre 1806 Zusammenstürzte. Jetzt löste sich das Reich in seine einzelnen Teile auf. Deutschland war, wie man zu sagen pflegt, kein politischer Begriff mehr, sondern nur noch ein geographischer. Es gab einzelne Landesfarben, aber keine Reichssarben mehr. Bald nach dem Zusammenbruch kamen die Befreiungskriege 1813/14, die dem Siegeslauf Vonapartes ein jähes Ende bereiteten. Eine vorher noch nie erlebte vaterländische Welle durchflutete damals alle deutschen Herzen. Unter den Känrpfern zeichnete sich besonders das Freikorps von Lützow aus, das durch Theodor- Körners Gedicht „Das war Lützows wilde, verwegene Jagd" unsterblich geworden ist. Seine Feldzeichen waren Schwarz-Rot-Gold. 'Und da dieses Korps die Bewunderung aller erregte, wurden seine Farben beliebt und nachgeahmt. Nach Napoleons Sturz schlossen sich zur Förderung der neuzeitlichen Gedanken von Reichseinheit und persönlicher Freiheit, die die große französische Revolution kurz vorher verkündet hatte, die fortschrittlich gesinnten Studenten zusammen und bildeten in Jena im Jahre 1815 die Deutsche Burschenschaft. Diese wählte die Farben des Lützowschen Korps, zumal viele ihrer Kommilitonen darin gedient hatten, und so sind heute noch die Farben der ans allen deutschen Universitäten vertretenen Burschenschaften Schwarz-Rot-Gold. Und auch der Turnvater Jahn wählte damals Schwarz- Rot-Gold zu den Fgrben seiner Turnerscharen.

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