Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ptml l?rt{a ölätttt'für i>eulfchtum und Jiifenhtw, Nonatsausgabe Nai/^uni lSS2 'Hryan^es tenträlVereius öeutfeke^ vtaarsdüryerMölseken ölaubens e.V. /^NtzsmLins ^siiuntz ctss ^udsnturns Schluß mii -er Feindschaft / VonOr.Erich Kehr (Kaiserslautern) Seit mehr als zehn Jahren müfjen die deutschen Juden eine Judenhetze von unerträglichem Ausmaße über sich ergehen lassen. In Hunderten von Zeitungen, in Tausenden und aber Tausenden von Versammlungen ergießt sich eine Schlammflut der niedrigsten Beleidigungen in Wort und Bild über sie. Wieder einmal sind sie in schweren wirtschaftlichen und Politischen Kämpfen, in die ein Volk durch unglückselige Ereignisse geraten ist, zum Prügelknaben ausersehen. Da die Masse die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge nicht erkennt und die Schuld niemals in den Verhältnissen, sondern immer nur in Menschen sucht, die sie zur Verantwortung ziehen und an denen sie Rache nehmen kann, ist es ebenso bequem wie feig, ihr eine Minderheit als Opfer hinzuwerfen. Unter den Mitteln, mit denen der Rechtsradikalismus seit 1919 den Kampf um die Macht im Staate führt — ein durch Legalitätsbetenerungen schlecht getarnter, schleichender Bürgerkrieg , hat dieIudenhetze zeitlich und wirklich den ersten Platz eingenommen. Schon bei der Verurteilung der Rathen au -Mörder hat die Urteilsbegründung die Schuld dem hinter den verhetzten Jugendlichen stehenden Antisemitismus gegeben. Und in den inzwischen verflossenen Jahren ist von seiten der Rechtsradikalen alles geschehen, um sich der Judenhetze als beliebtes politisches Kampfnlittel zu bedienen. Goethe hat einmal gesagt, daß man dreitausend Jahre Geschichte in sich haben müsse, um den Tag richtig beurteilen zu können. Um die Judenhehe als das zu erkennen, was sie ist, nämlich als ein bewußt von Politischen Drahtziehern innner wieder und wieder benutztes Kampfmittel, braucht man nur die Geschichte des deutschen Volkes in den letzten tausend Jahren einigermaßen angesehen zu haben. Denn wenn auch das äußere Gewand sich int Laufe der Zeiten geändert hat, so sind doch Methode und System gleich geblieben. Immer hat es sich darum gedreht, an Instinkte der Massen 31t appellieren und ihren Blick von den Verhältnissen ab auf die Minderheit der Juden hinzulenken. Aeußerst schmerzlich, daß man mit im Mittelalter erprobten Methoden noch heute im deutschen Volke Propaganda mit großem Erfolge durchführen kann, eine Erkenntnis, die auf der einen Seite zwar zur Erforschung der Gründe und zum Versuch der Lösung der Probleme führen muß, die aber auf der anderen Seite nicht hindern kann, die Judenhetze als solche zu erkennen und mit schärfster Aktivität zu bekämpfen. Es muß in viel höherem Maße als bisher das Augenmerk der breitesten Dessentlichkeit auf diese Kulturschande gelenkt werden. Schlimm genug, daß eine jahrzehntelange, unermüdliche Arbeit des Centralvereins in Aufklärung und Abwehr zwar Schlimmeres verhüten, aber nicht noch größere Erfolge buchen konnte. Mit einer unverständlichen Zurückhaltung sind bisher nicht nur die Behörden, sondern auch die wohlmeinenden Teile des deutschen Volkes an diesen Erscheinungen vorbeigegangen7 Wenn auch Hitler in seinem Buch: „Mein' Kampf" nicht ausdrücklich gesagt hätte, daß der „Antisemitismus das granitene Fundament des Staates sei", war doch die seit Beginn der nationalsozialistischen Bewegung geübte Praxis für jeden Beurteiler als Kernstück seiner Propaganda zu erkennen. Allerdings kennt nur ein Teil der deutschen Menschen den ungeheuerlichen Umfang der täglichen Beschimpfungen, denen die jüdische Religion und der jüdische Mensch seit Jahren ausgeseht sind. Das teuflische System, zunächst ohne jeden Beweis Judentum und Judenheit als Was will diese Zeitung? Bon einer Reihe von Beziehern der Mvnatsausgabe der „C. V. - Zeitung" hören wir in letzter Zeit, daß sie über die Zusendung unseres Blattes erstaunt sind, weil sie weder dem israelitischen Glauben angehören, noch jüdischer Abkunft sind. Diese Bezieher meinen daher, daß die Zusendung an sie irrtümlicherweise erfolgt sei. Dies ist nicht der Fall. Die Monatsausgabe der „C. V. - Zeitung" hat es sich vielmehr zur Aufgabe gesetzt, unsere nichtjüdischen Mitbürger über die Gedankengänge zu unterrichten,, mit denen wir jüdischen Deutschen die Fragen der Gegenwart und insbesondere diejenigen Probleme, die durch die judenfeindliche Agitation des Nationalsozialismus aufgerollt worden sind, betrachten. Die Monatsausgabe der „C. V.-Zeitung" will auf diese Weise dazu beitragen, daß in dem verwirrenden Streit der Parteimeinungen die Stimme der ruhig abwägenden Sachlichkeit gehört wird. Jedem einzelnen unserer Leser sind wir dankbar, wenn er uns in diesem Bestreben dadurch unterstützt, daß er uns Wünsche nach Aufklärung auf einem besonderen, bisher noch nicht oder nicht genügend behandelten Gebiet übermittelt. Unsere Moncltsausgabe will den Lesern ein wahrheitsgemäßes Bild vom jüdischen Deutschen geben. Den Grundstock der Veröffentlichungen bilden deshalb Artikel aus der Wochenausgabe, die über den Tageskampf hinweg unsere Einstellung zu den großen Fragen und Problemen erkennen lassen. Unsere geschichtliche Berbundenheit mit der deutschen Heimat, unsere Stellung zn Volk und Vaterland, die Bewertung der Rassenfrage. der Anspruch auf Gleichberechtigung, unsere Antwort auf die Boykottbewegung, all dies findet seit nunmehr sieben Jahren allmonatlich seinen Niederschlag in diesen Blättern. Auch die Verdienste deutscher Juden im deutschen Leben durften zuweilen erwähnt werden; wir buchen sie zwar grundsätzlich nicht als Verdienst unserer Gemeinschaft, so wenig wie wir uns mit allen Verfehlungen von Mitjuden belasten lassen; aber wenn man Angriffen gegenübersteht, die dem Juden den inneren Wert absprechen wollen, so sind wir wohl berechtigt, in den Grenzen die Selbstachtung und Bescheidenheit ziehen, die Leistungen jüdischer Persönlichkeiten zu nennen, die einen deutschen Kulturfaktor bilden. Geht all dies schon über bloße Abwehr hinaus, so will die Monatsausgabe überdies auch aufklären über das, was das Judentum positiv sein will und ist. Wenn man vielfach im Judentum nur eine Gemeinschaft der Abstammung sieht — der „Rasse" mit dem herabdrückenden Nebenton des Wortes — und darauf hinweist, daß ein großer Teil der Juden der Gemeinschaft des „Glaubens" so ferne steht wie viele Christen der ihren, so muß dennoch und erst recht gesagt werden, daß im Judentum eine Weltanschauung lebt, die in der Bibel verankert ist und die von dieser Quelle aus Gemeingut der sittlichen Welt geworden ist. Biele Zuschriften aus dem Kreis der Empfänger zeigen uns, daß diese stetige Verbindung mit einem nichtjüdischen Leserkreis ihren Zweck erreicht. Es kann uns zur Genugtuung gereichen, daß in diesen Zuschriften vielfach der objektive, sachliche Ton der Zeitung gerühmt und damit unsere ehrliche Absicht anerkannt wird. Es ist kein Ton, der demagogisch auf die Massen wirkt, aber schließlich ist gerade in erregten Zeiten das wichtigste, sich an einen Kern wohlwollender, anständiger Menschen halten zu können. Wir rechnen auch mit künftigen Zeiten, in denen die gute deutsche Bildung und Tradition wieder stärkeren Einfluß im Volk gewinnen wird als jetzt. Gleitung.