Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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11 ... in deutscher Sprache und deutscher Kultur Die Juden leben nicht nur seit den ältesten Zeiten auf deutschem Boden, sie sind seit mehr als einem Jahrtausend mit der deutschen Kultur verwachsen: sie haben nicht nur ein geschichtliches, sondern a u ch ein kulturelles Heimatsrecht in Deutschland. Ein wesentliches Merkmal der nationalen und kulturellen Gemeinschaft ist die Sprache. Die Sprache wirkt zwingend mtf die Gedanken- und Gefühlswelt des Sprechenden. Sprachgemeinschaft bedeutet Denkgemeinschaft. Mit der sprachlichen Einordnung in eine Volksgemeinschaft ist die seelische Einfügung verbunden. Der Deutsche in den Vereinigten Staaten, der seine Muttersprache ablegt und die englische Sprache annimmt, wird unmerklich Engländer. Der Franzose, der in der deutschen Sprachgemeinschaft lebt, verliert mit der Muttersprache unwillkürlich seine Heimat; er ist nur so lange Franzose, als er das Französische als Muttersprache enlpfindet. Die Hugenotten, die der Grosze Kurfürst in Brandenburg aufnahm, sind längst gute Deutsche geworden, aus ihren Reihen sind deutsche Generäle (von Francois) und Dichter (Fontane) hervorgegangen. Die Hugenotten leben erst seit 1686, also seit noch nicht ganz 250 Jahren, in der deutschen Sprachgemeinschaft; seit mehr als einem Jahrtausend ist Deutsch die Muttersprache der deutschen Juden. Wahrend des ganzen Mittelalters haben die Juden das Deutsche als ihre Muttersprache gesprochen. Schon frühzeitig ist ein vielgestaltiges volkstümliches Schrifttum der Juden in deutscher Sprache entstanden, welche das innigste Verwachsensein' mit deutscher Art und Sprache offenbart. Fast alle Stoffkreise der deutschen Volksbücher haben Bearbeitungen durch Juden erfahren. Die Heldensagen ans . d e m Kreiseder Nibelungen, die D i ch t u n - gen und S ch w ä u f e d e r d e u t s ch e n Volksliteratur, wie „König Artus Hof", „Herzog Ernst", „Sigenot", „Titrich von Bern", „Meister Hildebrant", „Tristan und Isolde", „Die Liebschaft von Floris und Blancheflenr", „Till Eulenspiegel", „Die Schildbürger" erscheinen oft in eigenartiger Umdichtung. Das geschichtliche Volks- und Gesellschastslied wird daneben in jüdischen Kreisen eifrig gepflegt. Nicht wellige dieser Gedichte sind nur in jüdischen Niederschriften erhalten geblieben. Eine Reihe von Liedersammlungen ist von Juden angelegt: Wolfl e i n von L o ch a m e n sammelt um 1460 die 36 Lieder des Locheimer Liederbuches; Erik W a l l i ch (um 1600) hat zwölf deutsche Volkslieder jüdischer Verfasser der Vergessenheit entrissell. In den Sammlungen ist bei jedem Liede die Melodie verzeichnet; es sind ausnahmslos deutsche Volksweisen. Schon frühzeitig erscheinen Wolt ir herrschaft hye betagcn Groß eben teuer wil ich euch sagen. Von starckcn stürmen hertte Die der Berner um hiltprat leyt Vil manige stürme er do streyt. Byss das ,sy got ernerte Es mocht im anders nit ergan Er'reyt alleyn aus Bern Durch mannigen wilden finstern tan Das mugt ir hören gcren. Groß lieb und leyd im do gcschach., Von cynem starcken ryssen Kam" er in Ungemach. Hebräische Werke in volkstümlichen delltschell Uebertragungen. Uebertragungen der Bibel kommen dem religiösen Lesebedürsnis entgegen. Seit dem 15. Jahrhundert beginnen Umdichtungen biblischer Stoffe in der Nibelungenstrophe, sie stehen Ulnnittelbar unter dem Einflusz der deutschen Heldendichtung des 14. und 15. Jahrhunderts. Die Lieder des jüdischen Minnesängers S ü sz k i ll d voll T r i m b e r g nehlnen etneu bedeutenden Platz in der deutschen Dichtung des beginnenden 13. Jahrhunderts ein. Diese reiche Literatur der Juden in deutscher Sprache, deren Geschichte noch nicht geschrieben ist, zeigt die innige Anteilnahnte der Juden am Leben der deutschen Sprache seit ben ältesten Zeiten. Die Juden haben auch außerhalb Deutschlands an der deutschen Muttersprache mit großer Zähigkeit festgehalten. Das „I i d d i s ch e", d i e Sprache der O st j u d e n, i st Mittelhochdeutsch, wie es vor 600 Jahren in Schwaben und Franken gesprochen lvurde. Bei der Vertreibung aus Deutschland in beit Jahreil 1348 bis 1351 haben die Juden ihre bcutfiTje Sprache mitgenommen und seitdem bewahrt. Während die nichtjüdischen Deutschen die Deutschsprachigkeit abgelegt und bald vergessen haben, sobald sie die Grenzen ihres Vaterlandes verließen, haben die Juden sie überall beibehalten und ihren Nachkommen vererbt. Hütten die nichtjüdischen Deutschen im englisch und spanisch sprechenden Ausland ihrer Muttersprache dieselbe Treue bewahrt, so wäre sie Verstäudiguugsmittel der gesamten Kulturmenschheit gelvorden. Noch heute ist das Delltsche für elf Millionen Juden, also für zwei Drittel aller Juden der Erde, die Muttersprache, obwohl nur '600 000 Jmden in Deutschland leben. Die „Deutsche Akadelnie" in München hat in ihren Veröffentkichllllgen vor einigeil Jahren darauf hingewiesen, daß das „Jiddische" ein wichtiger Aktivposten für das Deutschtunl im Ausland ist. Für die Einstettullg der Juden im Ausland zur deutschen Sprache ist ein Rechtsgntachten des Rabbiilers Meier Katz in Mohilew aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts charakteristisch; Katz bedauert, daß sich mlter beit litauischen Juden die Sitte einbürgert, rutheuisch zu sprechen: „Gebe Gott, daß sich das Land Litauen mit Weisheit erfülle, daß alle Juden iu ihm deutsch reden." Ein deutliches Zeichen für die Verwurzelung der Juden in deutscher Kultur ist ihre N a ul e n - gebung. Ihre Namen sind entweder denl delltschen Sprachschatz entnommen oder, falls sie biblische Eigennamen sind, haben sie die deutsche Sprachforrn angenommen. Schon seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts sind die Namen deutsch: Achinl, Adolf, Falke, Gerhard, Heinrich, pn-wa wn öDNBnjm vn vwv ’enn 'jin p-nütf pv v"'? oroiH din an ni ny py\w p:yo 'v-»y^y ü'ü pN n od wrn v'i cn-UN D'N ÜD1D py pya ff'iN pH d*-» ny |n!?d pH pjyo pn nyj pyn vn. vaiv pn*» Jtn l'pIDtf OJ"N pv Töi'ßn )'N iy ONp Liebetraut, Mechthilde, Adelheid, Gertrud und viele andere deutsche Raulen ftttb schon für das Mittelalter als Namen von Juden historisch belegt. Die deutschen F a st n a ch t s s P i e l d i ch t e r setzen bei ihren christlichen Zllhörern eine genaue Kemltnis der jüdischen Bräuche voraus; diese Anspielungen in den Dichtungen beweisen, daß zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung keineswegs eine unüberbrückbare Kluft bestanden hat. Bischöfe beschweren sich darüber, daß Christen Synagogen besuchen, weil dort die Predigten besser seien als in den Kirchen. Schon im 9. Jahrhundert müssen, wie aus diesen Beschwerden hervorgeht, die Rabbiner deutsch gepredigt haben. Die enge Verbundenheit der Juden mit der deutschen Kultur besteht also nicht erst seit der Verleihung der bürgerlichen Gleichberechtigung an die Juden. Sie ist eine historischeTats a ch e, die bis in den Anfang des Mittelalters zurückreicht. iIllIIIIIIIlI>,lII>IIIIIIIIIIIIllIIIIIIlIIIIIIlIIlIIlIllIIl»lIlIIIlIIIIIlIlII!IlIIIlIIIIIII»IIIIII»IIIIIIIIII Deutschland —! lind liehst du Deutschland? Frage ohne Sinn! Kann ich mein Haar, mein Blut, mich selber lieben? Ist Liebe nicht noch Wagnis und Gewinn?! Viel wahllos tiefer bin ich mir verschrieben und diesem Land, das ich, ich selber bin. Du, Boden, bist’s, auf dessen Brot ich wuchs — du, armer Boden, furchtbar nun durchschüttert. Du, Stadt, ihr Städte, die ihr irren Flugs erschreckt an dieser Tage Küste zittert, ihr bleibt mein Sichres in der Welt des Trugs. Ihr Menschen, die auf Strassen wild geschrien, verstört, verhetzt, in Elend und Verbrechen, die man bespien hat, die sich selbst bespien — ich kann mit Gott nur eure Sprache sprechen! Ich kann vor keinem andern Gotte knien! Ihr, die ihr wahnsinnkreischend um euch 1 schlagt, ich weiss von jener stummen grossen Güte, die ihr geduldig wirkend in euch tragt — so klug, so kühn, so gotteins im Gemüte, dass meine Ehrfurcht kaum zu folgen wagt. Der Böse, dem sie alle heut gehörten, hat euch aus allzu tiefem Traum geschrien, zu blutigen Schrecken folget ihr Verstörten, nun tragt ihr Schuld der ganzen Welt für ihn —: und bleibt mir besser als die Hochempörten. Du Kreideküste, Heide, Kiefernwald, Schwarztannensee, geliebter Ackerboden, du Lied, das über Wanderstrassen hallt, du Dorf, bedeckt von süssem Lindenodem, du Stadt, in Münsterschatten hingeballt. Du Sang durch Herden über grüne Weiden, du Buch, das um der Dinge Anfang ringt, du gütiges Lachen, du verstandenes Leiden, Gebet, das um die breite Erde schwingt — mein Geist, mein Leib! wie wollten wir uns scheiden?! Du, meine Heimat — hohes Gut der Welt! Heut doppelt mein, vom Unglücjc ausgespien. Von Leid und Laster heute noch entstellt — neu reine Kraft wirst du aus Krankheit ziehen und stehn — den Völkern köstlich zugesellt: Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen! Julius Bab. Die Dietrich-Sage in gotischen und hebräischen Lettern