Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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10 Seit mehr als 1600 Jahren auf deutscher Erde . . . wünscht". Nach dieser Theorie wären -40 Mitlivnen Deutsche minderwertig; H i n d e n b n r g, der ja it i cl) t z u m nordischen Typ gehört, wäre n a ch G ü n t h e r „ttt inder - c r tv it n s ch t". Die ostische alpine) Nasse, zu der vor allem die Süddeutschen gehören, ist nach Günther „engherzig", „ohtte (Sinn für das Edle" und ohne „seelischen Aufschwung". Ostisch ist neben vielen andern: Beethoven (!). Nach der Nassentheorie ist die. Schädelforttt fiir deit Wert eines Menschen maßgebend; nur der Lattgschädel ist Zeichen des hochstehettden Menschelt. L u t h e r, Bismarck, H a y d n, Schubert h a t t e tt ausgesprochene Breitschädel. Wohin die Argumente der Nassentheorie führen, zeigen Vorfälle währettd der Separatistenzeit im Rheinland. Es lrntrde damals von den Separatisten ausgesührt, die Preußen seien eigentlich Slawen mit geringem germanischen Einschlag, daher seien die Rheinländer, als Frankelt, berechtigt, sich von deit rninderwertigen, stennmesfremden Preußen zu trennen (!). Nach dem Zusammenbruch 4018 haben sich die Wendett das Argument der völkischen Nassentheorie zunutze gentacht; sie wiesen auf ihre slawische Stammesgenteiltschaft hin und wollten deshalb aus dem Neichsverband ausscheiden. Ter Wendenführer Barth hatte ntit den Franzosen Berhandlttttgen geführt und lvurde deshalb gerichtlich verttrteilt. Die völkische Behauptltng, daß ntan nttr deutsch seilt köntte, lvenu man germanischer Abstammung sei, führt also 511 Widersinnigkeiten. Die Masuren, Kassuben ultd Litauer in Ost- und Westpreußen sind slawischen Blutes, alter sie sind gute Deittsche, Habelt für Detttschland gestimmt. Wie wäre die Abstimmung ausgefallen, wenn jene nach der völkischett Theorie „fremdstämmigen" Menschen „der Stimme des Blutes" gefolgt wären? Die Nassentheorie hat glücklicherweise im Osten ihre Unfruchtbarkeit erwiesen. Eine Bevölkerung, die ntehrere Generationen an der deutschen Geschichte teilgenomnten hat, die in dent deutschen Kulturverbande verwurzelt ist und die deutsch sein loill, ist deutsch, welches auch ihre Abstammung seilt lltag. Eine Nation beruht auf der Gemeinschaft des Bodens, der Geschichte, der Sprache, der Kultur und des Willens; es würde zur Auflösung Deutschlands führen, wenn man die Abstammung zum nationalen Kriterium machen wollte. Die Nassentheorie treibt also auch eilten gefährlichen Mißbrauch mit dem Worte „national". Mit Recht fragt der Dozent M e r ck ettschla - ger: „Was soll aus Deutschland werden, m e n n d i e N a s s e n i tt ft i n f 10 gelveckt werde n?" Die antisemitische Propaganda lltacht lticht den Unterschied zwischen gutelt und schlechtett Menschen, sie teilt vielmehr eilt in „Jude" und „Nichtjude", wobei der Jude mit „minderwertig" identisch gesetzt wird. Nach dieser Formel wird dann alles Abzulehnende als „jüdisch" bezeichnet, sogar wenn es gar nichts mit den Jltden ztt tim hat. So werfen sich, wie bereits erwähnt, verfeindete Antisemitenführer gegenseitig Berjudltltg vor. Umgekehrt wird alles, was den Antisemitelt loertvoll erscheint, einfach für die Arier reklamiert. So gibt es Schriften, die beweisen wollett, daß Abraham, Moses, David ttttd Jesus reine Arier Ware n. Auch hierzu gibt es interessante Parallelen: belgische Nassenforscher nehmett B e e t h 0 v e tt, die Briten Kant für sich in Anspruch: die Tschechett reklmnieren für ihren Stanntt Männer lvie L e s s i n g, Schiller, Goethe, N i e tz s ch e, C a p r i v i tntb Zeppelin! Auf diesem Wege gelingt es dann deit jelveiligen Demagogen ztt „beweisen", daß vott den Jttdett bzw. den Dettischen nttr Schlechtes komnten köttne. Währettd des gattzett Berlattfs der deutschett Geschichte haben Jttdett in Deutschland gewohnt. In der Rheingegend leben sie scholl vor der Zeit der Völkerwanderttng, also vor der Niederlassung der gertttattischen (Stämme in den römischen Provinzen des Westens. Siltd die Jttdett „Zugewnnderte", Fremde attf deutscher Erde? In allen Perioden der detttschen Geschichte hat es Jndeit in Detttschland gegeben. Wem fiele es ein, die Deutschett Ostdeutschlands als „Zngelvattderte" ztt bezeichnett? Unb doch leben sie in diesen Gebieten bei lveitem lticht so lange als die Jttdett in Detltschlattd; die Kolottisierung des detttschen Ostens ist ja erst in verhältnistttäßig später Zeit erfolgt. Gewiß, die Allpolen machen Anspruch attf diese Gebiete, weil sie slawisch tntb die Deutschen Fremdlinge seien. Aber mit gutem Recht weisen wir diese lächerlichen Konstruktionen zttrück. Ostttnd Westpreußen ist deutsches Land; die dort lebendenDetttschen sind nicht eingewandert, svlldern eiltgeboren. Also ist es eine demagogische Berhetzttng ttttd eine Ungerechtigkeit, wentt matt beit deutschen Juden das Heintatsrecht in Deutschland abspricht. Will inan alle als zugewattdert ablehtten, derett Vorfahren sich vor tnehr als 1600 Jahren in Deutschland niederließen, dantt tltüßtett nahezu alle heute lebendett Mettschen auswattdern. Die älteste erhaltene Urtunbc über die deutschen Jttdett ist eilt Erlaß des r ö tn i s ch e tt Kaisers K 0 n st a n t i n an die jüdische Gemeinde in Köln aus dem Jahre 321. Diese Verordnung bestimntt, daß die Kölner Juden zur Uebernahme städtischer Aemter herangezogen lverden sollten. Daraus ist ztt schließen, daß es unter den Jttdett angesehene Grundbesitzer gab; denn nttr diese mußten die städtischen Ehrenämter bekleiden und die damit verbttndenen Lastett tragen. In einer z lv e i t e n kaiserlichen V e r 0 r d n u n g, die vor 331 erlassen ist, werdet! die Vorsteher der Syltagogen, die jüdischett Geistlichett und die Gemeindebeatnten von dieser Verpflichtttng befreit. Die Notwendigkeit eitles besonderen Erlasses für die Gemeindebeatnten beweist, daß derett Zahl nicht gering gewesett fein kann. Das ist aber wiederttm nur möglich, wenn bereits damals eine große jüdische Gemeinde mit tttttfangreichen Gemeindeeinrichtungen in Köln bestanden hat. Die Entstehung dieser jüdischen Siedlttng muß also in einer noch früheren Zeit erfolgt sein. Alte Legenden erzählen sogar von Juden in Detttschland zu biblischer Zeit; unter den deutschen Juden war in beit ältesten Zeiten die Ueberlieserung verbreitet, daß ihre Vorfahren bereits seit Jahrhunderten in Deutschland heimisch waren. Diese Legenden, wenn sich auch ihr historischer Kern noch nicht herausschälen läßt, dürfen als ein lvertvolles Zettgnis des jüdischen Heimatgefühls betrachtet werden. Auf jeden Fall ist für das Jahr 321 die Anwesenheit der Judett in Deutschlattd durch einwandfreie Qttellen bezeugt. Ihr Heimatsrecht ist für länger als ein und ein halbes Jahrtausend in Detttschland geschichtlich verbürgt. In der R ö ttt erzeit wohnten wahrscheinlich I tt d e tt attch in A achen , A n d e r tt a ch, Augsburg, B0ppard, Mainz, Rege n 8b urg, Straßburg, Trier ttttd W 0 r tu s. Sehr alte jüdische Friedhöfe betveisett das Bestehen der jüdischen Gemeinden. Um 900, also vor tnehr als einem Jahrtattsend, warett Jttdett ttt alle tt Gegenden Dentschlands ansässig. In der rötttischen Zeit waren die Jttdett in Deutschlattd ttttd Galliett wie zur selben Zeit in Palästina ttttd Babylon G r tt tt d b e s i tz e r ttnd A ck e r b a tt e r. Sie betätigten sich besonders int Weinbatt. Vott Kreuzfahrern wurden drei Juden bei der Weittlese erschlagen. Daß der Ackerttnd Weinbatt bis zum 12. Jahrhundert das Hauptgewerbe der deutschen Juden gewesen ist, geht atts ben Worten des Elieser b e n Nathatt aus Mainz hervor: „Hettte, wo die Jttden k e i tt e Aecker ttttd Weittberge ttt e h r h a b e tt d t"t r f e n , ttttt davott zu leben, ist das Geldverleihen für ihrett Lebensttnterhalt nottvendig geworden." Im Mittelalter waren die Juden also an der Landwirtschaft stark beteiligt, Qenait wie an den verschiedensten Hattdwerken. Vom 14. Jahrhundert ab erfolgte die sich langfam steigernde A u s s ch l i e ß u n g d e r I u d e tt v 0 ttt Grundbesitz und den Z ü tt f t e tt, die später vollständig wurde. Handel ttnd Geldgeschäfte blieben ihre einzigen Erwerbsmöglichkeiten; sie wurden von den Fürsten g e z tv tt tt g e n, h 0 h e Z i n s e tt z u tt e h m e tt, damit man sie nachher schröpfen tonnte. S 0 - lattge sie Freiheit der Berufswahl h a t t e tt, h a b e tt die I tt d e n als 0 keinesw e g s Berufe g e s ch e tt t, d i e mit s ch tv e r e r körperlicher Arbeit verb u tt b c tt s i n d. Juden als Weingärtner werden 1146 in Mainz, 1184 und 1206 in Würzburg, 1312 in Frankfurt a. M., 1332 am Bodensee, 1354 in der Gegend von W i e tt, 1381 in Weinhei ttt genannt. Aber auch für andere Teile Deutschlands, zum Beispiel für Schlesien, ist die ttrsprüngliche ackerbauliche Tätigkeit der Juden urkundlich nachweisbar. So wird am 12. Mürz 1126 den Juden „wo immer sie in der Kastellanei in Beuthen den Pflug führen", die Zahluttg des Zehnten geboten. Int 11. Jahrhundert finb die Juden in Köln als S ch miede und Schlosser, als Bauer rt und in der Schiffahrt tätig. 1338 treffen tvir jüdische S t e i n h a tt e r und S ch m i e d e in N ü r n b e r g. Bis zum 14. Jahrhundert unterschieden sich Juden und Christen in Deutschland tticht in der Attsübmtg der Gewerbe. Die Judett können also nicht als „eingewanderte Händler" betrachtet werden; Deutschland i st die H e i m a t d erde u t s ch e n.J tt d e tt: hier sind sie seit mehr als 1600 Jahren ansässig. Dichter des deutschen Volksliedes Das jedem Studenten bekanttte „Allgemeine Deutsche Kommersbuch" von Schauenburg weist eine Reihe von Kommersliedern auf, deren Text oder Melodien von Juden stammelt — ein Beweis, wie diese im Scherz und Ernst des Stttdentenlebens den deutschen Volksliederton zu finden wußten. Besonders beliebt sind: „Sittd wir nicht zur Herrlichkeit geboren . . ." vott A. M 0 l l h e i ttt, „Der Graf von Rüdesheitn" von Bloch und Ben da, „Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium" von Elias Salomon. Die bekannten Volkslieder „Es ist bestimmt in Gottes Rat" und „Wer hat dich, du schöner Wald" sind von Felix Mendelssohn- B a r t h 0 l d h vertont, und die unsterbliche „Loreley" ist von dent so viel verlästerten Judett H e i tt r i ch H eine gedichtet.