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Central-Verein-Zeitung · 1932-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1932) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 1-3 (Januar 1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Man müsste viele Seiten füllen, wenn man auch nur die häufigsten der antisemitischen Schlagwörter beleuchten wollte. Eines der wichtigsten ist das Märchen vom „jüdischen Reichtum" Wie steht es in Wahrheit damit? Heinrich Mann, Senatorssohn aus der stolzen Hansestadt Lübeck, schreibt in einein geistvollen Essay „Gntgeartete Menschen", das im „Tagebnch" (Hest 5 vom 30. Januar) erschienen ist: „Die geläufigste Klage der Antiseiniten ist, daß die ,J u den' alles Geld verdienen und die ,Deutschen' durch jüdische Schuld ein armes Volk sind. Viel mehr iiod), die Kapitalmacht der ganzen Welt sott im Interesse jüdischer Geld- und Machtgier organisiert sein. In Wirklichkeit ist sie natürlich gar nicht oder nur sehr schlecht organisiert, sonst könnte sie heute nicht zusammenbrechen. Mail verdient einzeln oder in Guppen, ohne sich um das Ganze der kapitalistischen Ordnung erheblich zu bekünnnern. Die jüdischen Geldverdiener sind offenkundig am wenigsten hinter der Macht über die ganze Ordnung her." Wir lesen soeben, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika beschlossen haben, einen neuen Botschafter nach London zu cntfcnbcn, also an den Platz, der für sie, ihre Wirtschaft und ihre Politik, von größter Bedeutung ist. Denn New Pork fühlt sich mit Recht als Nachfolger und Erbe Londons. In das Botschaftspalais in London zieht demnächst der bisherige Staatssekretär des amerikanischen Schatzamtes, A u - drew W. Mellon, ein. Dieser Siebenuudsiebzigjährige ist nicht nur einer der einflußreichsten amerikanischen Politiker und einer der Führer der amerikanischen Wirtschast als Beherrscher des Aluminiumkonzerns; er gilt vor allem als der d r i t t r e i ch st e Mann der Welt. In seinen: Reichtum wird er nur bun seinen Landsleuten Henry Ford und John D. Rockefeller übertroffen. Aber unter diesen m o d e r n e n Krösussen findet sich kein Jude. Es wäre müßig, eine Liste der reichsten Leute der Erde zusammenzustellen. Der Besitz nud) der wirtschaftlich mächtigstell Menschen ist in seiner Schätzung relativ. Wohl niemand verinag völlig in alle Winkel ihrer Portefeuille All schauen. Auch sie selbst fonn-en niemals sagen, wieviel sie eigentlich besitzen, es sei denn,'daß sie täglich Bilanz über die vielfachen Werte machen, -die sie ihr eigen neune::. Deshalb wird auch die Rangliste der Reichen mehrfache Veränderungen erfahren. Ob es sich rcun um John Pierpont Morgan, um deil Holländer Rhodius Königs, den Schweden Jvar Kreuger, beti Tschechen Thomas Bata, ben indischen Eisenkönig Tata oder die japallische Dynastie der Mitsouyi handelt, unter allen diesen Allmächtigen der Weltwirtschaft f i nd e t s i ch ke i n I u d e. Sieht es in Deutschland'anders aus? „Die Banken sind im ganzen keine jüdische Einrichtung, hingegen sitzt in der Industrie, wo sie am wichtigsten ist, nicht einmal der kleinste Jude. Die rheinisch-westfälische Industrie, und kein Jude, hat den größten, zuletzt entscheidenden Einfluß gehabt auf die Negierungen des Reiches, ob kaiserlich oder republikanisch." Heinrich Mann hat recht. Denn die Haniels, die Thysien, die Krupps, die Stinnes, die Klöckners, die Kirdorfs und wie sie alle heißen mögen, sie sind alles andere als Jude:,. An den: Aufstieg der deutschen Wirtschaft :m 19. Jahrhundert haben die Juden auch tatkräftigen Auteil genonnneu. Aber nur wenigen jüdischen Häusern war es vergönnt, den Durchschnitt zu überragen. Was ist aus den Trägern vieler stolzer Namen heute geworden? Der wirtschaftliche Einfluß der Rothschilds in Deutschland ist seit laugen: ausgeschaltet. Ihr Reichturn längst von anderen deutscher: Häusern überholt. Das Barrkharrs Bleichröder hat sich vor kurzem mit dorr: Bankhaus Aruhold zusammengeschlosserr, derrr modernen Zug der Rationalisierung folgend. Die Reihen der Reicher: sir:d in der letzten Zeit kaum schärfer gelichtet worden als unter beit deutschen Juden. Die Stürrrre der Krisenjahre haben unter ihnen furchtbar gehaust. Firmen vorr großer Traditior: und höchstem Ansehen sind unter ihnen zusarnmengebrochen. Männer, deren Namen in der ganzen Wirtschaft ben größter: Klang besaßen, wurden errtthront. Vor ben: Kriege ist vor: antisemitischer Seitc oft mit der Tatsache operiert worden, daß das Durchschnittscinkommer: der Juden in Deutschlar:d höher war als das der übrigen Bevölkerung. Schon im Jahre 1926 hat die „C. V.- Zeitung" Nr. 6 vorn 5. Februar ir: einen: Artikel „Wo ist der jüdische Wohlstand geblieben?" da raus .hingewiesen, wie stark sich r:ach dem Kriege die Verhältnisse in Berlin verändert haben. In einer Erhebung über die Steuerstatistik der Berliner Jüdischen Gemeinde konnte damals schon festgestellt werden, „daß die Zahl derer, die die großen Einkommen beziehen, und auf die hingewiesen wird, wenn von dem jüdischen Großkapital die Rede ist, außerordentlich gesunken ist". Die Bezieher eines Einkonunens von über 12 000 Mark hatten sich damals auf ein Drittel des Prozentsatzes der Vorkriegszeit verrii:gert, und die Zahl derer, die ganz große Einkommen aufmeisen konnten, war gegenüber den Jahren vor dem Kriege fast bis auf den Nullpunkt gesunken. Es fehlt leider vorläufig an einer Enquete über die heutigen Verhältnisse. Doch wird von den Kämmerern. der maßgebenden jüdischen Gemeinden immerwieder daraus hingewiesen, wie sich die Steuereingäuge von Jahr zu Jahr verschlechtert haben, weil die Einkommensverhältnisse der jüdischen Bevölkerung in Deutschland im allgemeinen immer trauriger werden. D e n n n i ch t vom j ü d i s ch e n R e i ch -- tum sollte n:a n reden, sondern von der jüdischen A r m u t. Eine große Wandlung. hat sich nach dem Weltkrieg in Deutschland vollzogen. Das Problem der Umgestaltung der deutschen Wirtschaft ist zugleich die Schicksalsfrage des deutschen Bürgertums. Denn diese Bedrohung des deutschen Bürgertums gefährdet gerade denjenigen Volksteil, der bisher mit seltener Geschlossenheit der Mittelschicht angehört hat: das deutsche Judentum. Jahrzehntelang haben sich die Juden stärker als in andern Ländern in Deutschland aus dem bürgerlichen Mittelstände rekrutiert. Die Proletarisiernng, die den Mittelstand zun: Teil vernichtet hat, nmßte selbstverständlich auch die deutschen Inden ergreifen. E i n e d r e i f a ch e Krisis bedroht das Judentum in Deutschland. Wie die meisten führenden Länder unter den Folgen der We'ltwirtjchaftskrisis seufzen, so auch Deutschland. Aber das Deutsche Reich rnacht unter den Nachwehen des Krieges mit seiner ungeheuren Arbeitslosigkeit, den erschreckend großen Zusanuuenbrücheu, de::: Rückgang der Produktion und der Schrumpfung des Konsums eine eigene Krisis von schärfstem Ausmaß durch. Die deutschen Juden, die lebhaft an dem Wirtschaftsleben in Deutschland beteiligt sind, müssen also wie die gesamte übrige Bevölkerung unter den Folgen dieser kritischen Situation leiden. Ihre Lage verschlinunert sich noch dadurch, daß die Positionen, die sie bisher innehntten, wanken. Noch die letzte Berufs- und Betriebszählung von 1925 zeigte, daß die Hälfte der deutschen Juden, die in: Erwerbsleben tätig war, als Folge der geschichtlichen Entwicklung der Berufsgruppe des Handels und Verkehrs angehörte. Den: großen Werk von Professor Dr. Heinrich Silbergleit über „Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutscher: Reich" verdanken wir eine genaue Kenntnis über die Anteilnahme der Juden am Wirtschaftsleben Preußens. Hieraus lassen sich leicht Schlüsse für die Verhältnisse in ganz Deutschland ziehen. Die Erschütterung, die der Großhandel in vielen Wirtschaftszweigen erfahren hat, mußte die Juden besonders hart treffen. Den Beweis hierfür können wir dem Buche von Alfred Marcus: „Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden" entnehmen. Aus diesen Veröffentlichungen läßt sich mit Ziemlicher Sicherheit feststellen, daß die Zahl der Betriebe, die Juden gehören, im Metallhandel, im Handel mit Schrott, in: Getreidehandel, in dem Handel mit Textilien, in der Konfektion und in den Branchen, in benen Juden noch vor dem Kriege führend tätig waren, in den letzten Jahren zun: Teil rapide zur ü ck g e g a n g e n i st, während sich der Anteil der Nichtjuden zum Teil in der gleichen Zeit verrnehrte. Besonders auffällig ist dieser Rückgang auf dem Gebiete des Bankwesens. Die Anzahl der Juden gehörenden Privatbanken hat sich von 1928 bis 1930 um 19,7 Prozent, die der übrigen nur um 8,6 Prozent verringert. Wie wenig die Behauptung, der Geldmarkt in Deutschland werde von. ben. Juden beherrscht, heute noch zutrifft, kann n:nn aus den Zahlen über die leitenden Stetten bei den Aktienbanken ersehen. Am 1. April 1928 gab es hier unter den Vorstandsmitgliedern 89,1 Prozent Nichtjnden' und 10,9 Prozent Juden, zwei Jahre später 92,9 Prozent bzw. 7,1 Prozent. Marcus behauptet also mit Recht, der Abbau der leitendeu Positionen in: Bankgewerbe habe sich ausschließlich auf Kosten der Juden vollzogen. Da so die Inden in Deutschland auch noch von den Veränderungen der Gewerbezweige,, die sie sich als ihr besonderes Feld erwählt hatte::, betroffen werden, leiden sie unter einer speziellen Krise. Auf den: deutschen Judentum tastet deshalb diese Krisis mit dreifacher Schwere. Wir brauchen nur einmal die amtlichen Berliner Konkurslisten zu studieren und werden mit Entsetzen wahr-

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