Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1932) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1932
Issue
Heft 1-3 (Januar 1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2571117-2571190-2571191--615-2571962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4 Der Judenhass gleicht dem Deutschenhass „. . . Der Krieg scheinl bewiesen zii haben, dass, als Ganzes genommen, die Deutschen -infolge der Perversität ihrer Rasseninstinkte zum Bösen neigen: materielle Genussgier, angeborene Bosheit und Grausamkeit; Instinkte des Raubes, der Plünderung und des Mordes, Undankbarkeit gegen die edelmütigste Gastfreundschaft, Vergessen der empfangenen Dienste, übertriebener und erbitterter Chauvinismus aus eifersüchtigem Hass gegen das Ausland, erblicher und geisteskranker Ehrgeiz, die Weltherrschaft auszuüben, völliger Mangel an Grossmut; Unfähigkeit, den Heroismus und die Selbstlosigkeit des Gegners zu verstehen. Sie haben schlagend bewiesen, dass die Heuchelei, Verschlagenheit und Servilität ihre Rasse sehr charakterisieren; dass die Grausamkeit und Bosheit bei ihnen angeborene und ununterdrückbare Instinkte sind; dass sie kein Menschlichkeitsgefühl, keinen. Begriff von Recht und Gerechtigkeit, kein. Verständnis für Ehre, keinen Sinn für das Lächerliche haben . . .“ Beispiel von National- und Rassenhass in französischen und belgischen Schulbüchern, veröffentlicht in der von der Carnegie-Stiftung, herausgegebenen ,,Enquete sur tes Uwes scolaires d'äpres guerre“ 1V23. Bericht 'des Dr. Prudhommcaux, beobachten. Es bedeutet eine seelische Erleichterung, einen Sündenbock für seine Mißerfolge zu finden. Das Kind itt der Schule macht sich nur selten selbst für seine mangelhaften Klassenleistungen verantwortlich, es heißt dann sehr oft: „nur der Lehrer ist schuld". Sehr gern läßt man sich davon überzeugen, das; irgendein Dritter der Schuldige ist. Die Massenpsychologie hat.festgestellt, das; Gruppen uud ganze Völker sich in schwierigen Lagen genau so verhalten wie der einzelne; auch hier werden mit Vorliebe andere zu „Sündenböcken" gemacht. Besonders den Minderheiten wird diese Nolle leicht zugeschoben. Sie sind für die Majorität für diesen Zweck zur Hand. So waren die Katholiken in England lange Zeit hindurch das Objekt des Hasses und der Abneigung von se'ten der Mehrheit; alles Schlechte und Unangenehme wurde ihrem verderblichen Einfluß zugeschrieben. Es kommt gar nicht darauf mt, was für Eigenschaften die Minderheit hat und was sie wirklich tut; stets ist es durch geschickte Propaganda ein leichtes, die Mehrheit zu dein Glauben 31t bringen, daß die Minderheit die Ursache aller Mißlichkeiten ist. Dann wird die Minorität zum Gegenstand der Verachtung und des Hasses; das wahre Motiv dieser Einstellung, nämlich das massenpsychologisch bedingte Bestreben, die eigene Gruppe zu entlasten, wird natürlich von. der Mehrheit nicht erkannt; man versucht, den Haß zu rechtfertigen. Da diese Rechtfertigungsversuche also nicht die wahre Ursache darstellen, so werden sie durch immer andere Begründungen ersetzt, wenn die alten Gründe im Verlauf der Geschichte ihre Kraft verlieren. Dieser Tabestand enthüllt die Ursache des Judenhasses. Die Juden haben das besondere Schicksal, daß sie seit fast 2000 Jahren überall die religiöse Minderheit sind, während etwa die Katholiken in vielen Länder;; über die Mehrheit verfügen. Daher wirkt sich das Psychologische Gesetz der Minderheit überall gegen die Inden ans; es entsteht der Anschein, daß die Anklagen gegen die Inden objektiv berechtigt sind, weil sie seit langem und in vielen Ländern erhoben werden. Daß aber nicht ein gleichlautendes Urteil über die Inden vorliegt, daß vielmehr die Tatsache der Minderheit das auslösende Moment ist, geht eindeutig aus dem Umstand hervor, daß man in Polen den Juden Deutschsreundlichkeit und Zähes Festhalten am Deutschtum vorwirst, während man in Deutschland gerade den entgegengesetzten Vorwurf erhebt. Die Nolle der zum Sündenbock gemachten Minderheit fällt den Inden um so leichter zu, weil in nichtjüdisehen Kreisen nur geringe Kenntnisse über die jüdische Religion verbreitet sind: was man nicht kennt, erscheint leicht als etwas Geheimnisvolles und Mysteriöses und wird gern als etwas Gefährliches angesehen. Wer diese Zusammenhänge einmal durchschaut hat, der erkennt das Unrecht des Judenhasses. (Tertullian, der tiltesto lateinische Kirchenvater, im Jahre 198 über die Christenvcrfolgungon unter Kaiser Septimius Severus:) „Zur Rechtfertigung ihres Hasses gebrauchen sie den unsinnigen Vorwand, dass sie glauben, von jeder öffentlichen Kalamität, von jedem das Volk treffenden Ungemach seien die Christen die Ursache. Wenn der Tiber bis in die Stadtmauern steigt, wenn der Nil nicht die Feldfluren überschwemmt, wenn die Witterung nicht Umschlagen will, wenn die Erde bebt, wenn es eine Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt, sofort heisst es: „Die Christen vor die Löwen!“ („Apolögetikum“, Kap. 40.) Während des Krieges wurde von England und Frankreich aus ein großer Verleumdungsseldzug gegen Deutschland und gegen alles Deutsche eröffnet. Deutschland war in der Minderheit, es wurde zum Alleinschuldigen an allem Uebel gemacht. Sogar die neutralen Länder verfielen dieser Suggestion. Der Haß gegen Deutsche ging so weit, daß deutsche Gelehrte von wissenschaftlichen Kongressen ausgeschlossen wurden, daß „deutsch" (boche) eine Bezeichnung für alles Unschöne und das deutsche Wort „Kultur" zu einem Schimpfwort wurde. Trotz allem, was Deutschland für die Kultur und den Fortschritt in der Welt geleistet hatte, traten diese Wirkungen ein, die natürlich keineswegs wirklich auf Minderwertigkeit der Deutschen beruhten. Der Deutschenhaß während des Krieges gleicht Punkt für Punkt dem Judenhaß. Beide Erscheinungen haben die gleichen Ursachen. Das wesentlichste Mittel für die Hetze gegen eine Minderheit ist die ungerechtfertigte Verallgemeinern;; g. Wenn ein Angehöriger der Minorität ein Verbrechen begeht, so heißt es gleich, alle Mitglieder der Gruppe sind Verbrecher. In jedem großen Heere kommen in Kriegszeiten Grausamkeiten vor. Wenn eine einzelne Grausamkeit eines einzelnen deutschen Soldaten bekannt wurde, so hieß es gleich in der gesamten Presse des früheren Feindbundes: „alle deutschen Soldaten sind grausam, sie schneiden den Frauen die Brüste ab". Diese Verallgemeinerung wurde so oft wiederholt, in vielen Variationen der Masse eingehämmert, bis und „grausam" denselben Sinn bekamen. Genau schließlich für die verhetzten Menschen „deutsch" die gleiche Methode wird gegen die Juden angewandt. Wenn ein Jude betrügt, dann soll er bestraft und verachtet werden, weil er ein Betrüger ist, nicht weil es sich um einen Juden handelt. Die antisemitische Propaganda macht aber — genau nach dem Verfahren der Verleumder des Deutschtums während des Krieges ~~ alle Juden für die Tat eines einzelnen verantwortlich, alle Juden werden für Betrügererklärt. Es wäre hirnverbrannt, den „Devaheimskandal" zum Anlaß zu nehmen, um die Protestanten in ihrer Gesamtheit für eine Gruppe von Betrügern zu erklären. Genau das gleiche geschieht aber den Juden gegenüber, wenn in eine Skandalassäre ein Jude verwickelt ist. Durch dauernde Wiederholung wird auf dem Wege dieser Verhetzung das Wort „Jude" in Verbindung mit Betrug gebracht. Damit soll keineswegs gesagt werden, daß die jüdische Gemeinschaft nur aus Engeln bestünde; es sind auch niemals von jüdischer. Seite Bemühungen unternommen worden, Betrüger einer Strafe zu entziehen, weil sie Juden waren. Esgibt bei den Jude;; e b e n s 0 w enig eine Gesa m t v e r a n t w 0 r t u n g für den einzelnen wie bei den C h r; st e n. Jeder noch so offensichtliche lliu sinn kann auf diesem Wege verbreitet werden; wenn er oft genug wiederholt ist, wird ihm schließlich geglaubt. „Etwas muß doch dran sein", sagt schließlich die Menge. Um die Juden auch körperlich verächtlich zu machen, wird von den Antisemiten immer wieder die Behauptung anfgestellt, den Juden hafte ein übler Körpergeruch an; Chamberlain erzählt in seinen „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" die Geschichte eines kleinen Kindes, dessen unverbildeter Rasseninstinkt jeden Juden am Geruch erkenne. Man ist erstaunt, wenn man liest, daß während des Krieges genau der gleiche Vorwurf gegen Deutsche erhoben wurde. Der französische Gelehrte Dr. V e r i l l 0 n schreibt in der „Pariser medizinischen Zeitung" („Gazette . niediente de Paris“, Nr. 267, vom 24. Juni 1915), daß französische Aerzte bei der Behandlung deutscher Verwundeter einen höchst unangenehmen, charakteristischen Geruch bemerkten, der ihnen in solchem Maße nnhafte, daß er sich geltend mache, wenn nur ein einziger Deutscher in einem Lazarett liege. Dann heißt es weiter: „Französische Flieger merkten es in sehr großer Höhe am Geruch, wenn sie die deutschen Stellungen überflogen. Die Kasernen, in denen 1871 die deutschen Okkupationstrnppen untergebracht waren, waren über zwei Jahre unbrauchbar wegen des Geruchs, der durch keine Desinfektionsmittel zu vertreiben war." (!!) So läßt sich schließlich das Wahnsinnigste und Ekelhafteste von der Gruppe, die man bekämpfen will, behaupten und als wirksame demagogische Waffe benutzen. Wenn irgendwo ein Kind verschwindet, dann taucht in judenfeindlichen Blättern das Märchen vom jüdischen „Ritualmord" auf; Nachforschungen ergeben selbstverständlich immer die Haltlosigkeit solcher Ausstreuungen. Daß es sich bei der Vlutbeschuldigung um ein Märchen handelt, geht auch schon daraus hervor, daß die Römer dem Christentum Ritualmorde vorwarfen. Eine ganze Reihe von Kirchenvätern mußte sich gegen diese Verleumdung zur Wehr setzen. Im Jahre 1930 wurden gegen antisemitische Zeitungen und Agitatoren drei Prozesse, in Koburg, Köln und Nürnberg, wegen der „Nitualmord"-Beschuldigung geführt. Die Gerichte kamen übereinstimmend zn der Ueberzeugung, daß alle derartigen Behauptungen der sachlichen Grundlage entbehren. Ein Gutachten des christlichen Theologen Geheimrats Professor Goettsb e r g e r (München) stellt fest, daß in keinem Gesetzbuch, der Juden eine Stelle enthalten ist, die dahin zu deuten sei, daß den Juden ein Mord erlaubt wäre. Dennoch wird mit diesem, absurden Märchen weitergearbeitet; die Tatsache

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.