Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3 Ernste Tatsachen In den letzten neun Jahren wurden in Deutschland 113 jüdische Friedhöfe geschändet; Grabsteine wurden umgeworseu, zerstört, beschmutzt, mehrfach haben die Täter unflätige Ausdrücke in die Gedenksteine der Toten eingekratzt. In der gleichen Zeit wurden eiuundvierzig Schändungen, Beschmutzungen und Verwüstungen an Synagogen verübt. Im August 1924 legte der Reichsbuud jüdischer Frontsoldaten zur Ehrung der deutschen Kriegshelden einen Kranz mit Gefallenendenkmal in Güttingen nieder. Der Kranz wird gestohlen; inan findet ihn später vollkommen beschinutzt und besudelt an einer nicht näher zu bezeichnenden Stelle. Am 12. September 1931 wurden auf dem Kursürstendamm in Berlin jüdische und jüdisch aussehende Bürger, die friedlich ihres Weges gingen, überfallen, in roher Weise beschimpft und zum Teil erheblich verletzt. Aus Anlaß der Gerichtsverhandlung gegen die Rohlinge schreibt einer der Täter in einer Berliner Zeitung: „Ein paar kräftige Backpfeifen und Kinnhaken, mit denen einige Isidore und Ignatze bedacht worden sind, bemühen viele Behörden." Am 22. Januar 1932 iverden in der Vorhalle der Berliner Universität jüdische Studenten und Studentinnen ohne jeden Anlasz von einer Zwanzigfachen Uebermacht uichtjüdischer Konunilitonen beschimpft und geschlagen. Dabei wird eine Studentin verletzt und au den Haaren gezogen. In den Räumen der Universität ertönt der Chorgesang: „Wenn Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's noch mal so gut." Am 4. Februar 1932 wiederholen sich die Vorgänge an der gleichen Stelle. Das Voxheimer Dokument will die deutschen Juden außerhalb des Rechts stellen. Im Wartezimmer eines Arztes hängt ein Schild: „Juden iverden bei mir nicht behandelt!" In Broschüren, Zeitungen und Versammlungen wird zum Boykott gegen jüdische Geschäfte, Aerzte und Anwälte, zu Beschimpfungen und Gewalttätigkeiten aufgerufen. Die Flut von Verleuindungen, die sich täglich über die deutschen Juden ergießt, erzeugt Pogromstimmung. Wen geht es an? Deutschland lebt in einer furchtbaren Notzeit: sechs Millionen sind arbeitslos, die Wirtschaft schrumpft in einem erschreckenden Maße, Löhne und Gehälter sind gesenkt, trotz schwerer Steuerlasten sind die öffentlichen Kassen leer. Die Regelung der Auslandsschulden, die Befreiung von den ungerechten Reparationen, die Sprengung der Ketten des verderblichen Versailler Vertrags — das sind die dringenden Leidienhalle int Trebnitz nach der Schändung 1930 Sorgen der deutschen Gegenwart. Ist die Hetze gegen die Juden nicht eine unwichtige Angelegenheit im Vergleich mit diesen brennenden Lebensfragen? Mancher wird, die beschämenden Vorgänge, von denen oben einige erwähnt wurden, als Auswüchse einer bösen Zeit zwar bedauern, aber er wird' meinen, der Antisemitismus gehe nur die Juden an; der Unbeteiligte könne sich mit dieser Frage nicht beschäftigen. Diese Ausfassuug ist falsch! Die Hetze gegen die Juden schädigt das ganze deutsche Volk. Niemals ivar Zusammensteheu aller Deutschen nötiger als heute. Der Haß, den der Antisemitismus erzeugt, verschärft die Gegensätze im Innern, er zersplittert die Kräfte, die für den deutschen Aufbau notwendig sind; er führt zu einem Kampf aller gegen alle, zu einem furchtbaren Chaos.. Die Verhetzung ist eine gefährliche Sache: man kennt ihren Anfang, aber niemand weiß das Ende. Zuerst wird eine Gruppe der Volksgenossen als Ausbund des Schlechten hiugestellt, aber mit Notwendigkeit greift das Feuer um sich; schon wird in einer geivisseu Presse gegen den katholischen Volksteil gehetzt. Das Verfahren ist ansteckend: wenn Antisemiten unter sich in Streit geraten, dann werfen sie sich gegenseitig die schlimmsten Verbrechen vor; kein Ausdruck ist daun scharf genug, um den bisherigen Parteifreund herabzusetzen. Jeder, der eine ablveicheude Meinung hat, wird zum uichtswürdigen Schweinehund erklärt. So ergibt sich eine gefährliches Gegeneinander der einzelnen Gruppen; — die Feinde Deutschlands sind die lachenden Dritten. In diesen Tagen kämpft Deutschl a n d u m sein R e ch t im Kreise der Völker. Die Kriegsschuldlüge, die Reparationen iverden als Ungerechtigkeiten erklärt. Dieser Kampf ums Recht wird behindert, wenn im I n u e r u Ungerechtigkeiten zugelassen werden. Wie soll inan das Recht Deutschlands anderen Staaten gegenüber verteidigen, wenn zugleich einem Teil der deutschen Staatsbürger bitteres Unrecht von seiten ihrer eigenen Volksgenossen geschieht? Deutschland wird in der Welt verleumdet (Rüstungsmärchen!): wenn nian dagegen kämpfen will, dann darf man auch nicht die Verleumdungen von Deutschen gegen Deutsche Anlassen. Friedhofsschändung inGeorgensgcmünd bei Nürnberg 1930 vv;-V? .'•‘i Die judenfeindlichen Ausschreitungen, die Friedhofsschändungen, die Ueberfälle auf friedliche Passanten schädigen das A n sehen Deutschlands. Wenn im zaristischen Rußland solche Exzesse stattsanden, dann setzte man sie auf das Konto eines halbbarbarischen Staates. Soll Deutschland in den Augen der ganzen Welt durch den unwürdigen Kamps gegen Gräber herabgesetzt werden? Die Gerechtigkeit ist ein hoher sittlicher Wert; es ist für einen Staat eine Entwürdigung, wenn dieses Prinzip einem Teil seiner Bürger gegenüber verletzt wird. Die judenfeindliche Verhetzung wird bereits in die Schulen hineingetragen. Das Kind sollte zu R i t te rl i chke i t und Hilfsb e r e i t s ch a f t e r zöge n w e r d e n , aber e s lernt, einen M 1 t s ch ü l e r hass e n, nur weil er Jude ist. Der leicht zu beeinflussende Jugendliche lvird an der Entwicklung seiner guten Eigenschaften gehindert; er betrachtet alles durch die Brille der ihm eingeimpften Vorurteile, er ist bald auch gegen nichtjüdische Schüler lieblos. Die viel beklagte Verrohung der Jugend ist die Folge. Der Antisemitismus bedroht die kommende Generation. Die beschämenden Vorgänge auf den jüdischen Friedhöfen und an den deutschen Universitäten gehen daher jeden Deutschen an. Die hochgehenden Wellen des Judenhasses schädigen das ganze deutsche Volk. Von den Ursachen des Judenhasses Wie ist es zu erklären, daß der Antisemitismus gerade gegenwärtig in Deutschland so weit verbreitet ist? Sind die Gründe stichhaltig, die von den Gegnern der Juden zur Begründung ihrer haßerfüllten Einstellung angegeben werden? Daß dies nicht der Fall sein kann, geht schon aus den ganz widersprechenden Vorwürfen hervor, die mau gegen die Juden erhebt: Geiz und üppige Verschlvendung, starres Festhalten an der Tradition, also konservative Gesinnung, und revolutionäre, traditionslose Neuerungssucht, Vorherrschaft des berechnenden Verstandes und Ueberwiegen „orientalischer" Sinnlichkeit und Leidenschaft, Hochmut und Kriecherei — also lauter Wide rsprechende Eigenschaften werden ihnen zu gleicher Zeit zur Last gelegt. Auch die Vielheit und der häufige Wechsel in den Begründungen läßt vermuten, daß die jeweiligen Recht-' fertigungsversuche für den Judenhaß nicht die wahren Ursachen sind, daß man vielmehr nachträglich eine Begründung für eine Erscheinung sucht, die aus ganz anderen Quellen stammt. Was i st die w a h r e Ursache d e s Antisemitismus? Der einzelne Mensch, der auf Schwierigkeiten stößt, neigt dazu, die Schuld an seiner mißlichen Lage auf andere zu schieben. Dies kann man im Leben tausendfach Friedhof In Trebnitz nach der Schändung 1930