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Central-Verein-Zeitung · 1931-11-01 · Heft 11 (November 1931) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 11 (November 1931)
Date
1931-11-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Mer nicht nur iw literarischen und sprachlichen Dingen, sondern cuttf) ans dem Gebiete der Politik und in mancher: Fragen des öffentlicher: Wohls war Engel irnrrrer ein beachtenswerter Anreger. Hierbei kam ihm zustatten, daß er als Lener des Stenographischen Büros des Reichstags vorurteilsfreier Zeuge urrd aufnahrnefreudiger Beobachter eirres bedeutender: Zeitabschnittes deutscher Geschichte geweser: ist. In dem vor Jahresfrist herausgekonnnenen Buche „Menscher: u r: d D i r: g e" hält Engel Rückschau aufsein Leben, das ihn mit vielen bedeutenden Menschen, Dichtern und Denkern, Fürsten und Staatsmännern — zusammengeftthrt hat; gleichzeitig nimmt er Stellung zu den Geschehnissen der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart. Als ich Professor Engel an seinem 79. Geburtstage in Bornim bei Pvtsdanr, rvohir: er sich vor Jahren aus der Großstadt geflüchtet hat, besuchte, zeigte er rnir auch seinen Garten, der rnanche Munderblnrne aufrveist, so Prachtexemplare von selterrsten Staudengewächserr. Ich habe immer wieder staunen rnüsser: über Engels Vielseitigkeit, besonders aber über die unbeirrbare Selbständigkeit seines Urteils. Wenn man sich das Leberiswerk Engels an seinem Geburtstag vergegenwärtigt, so kann nun: ihn: und uns nur wünschen, daß ihm noch viele Jahre seiner Schaffensfreude beschieden sein mögen, zumal er von der beschaulichen Ruhe des Alters gewiß nichts wissen will, Israels Propheten Soziale Sendboten an öie Hegenwart Siblische Skizzen von Theodor Nappstein XI. Hiob, Haggai, Aacharja,Maleachi Israels nationale Zertrümmerung in den Katastrophen der Weltgeschichte vertiefte den Eingottglauben des Bundesvolkes. Der eine, einzige Gott schuf die Welt und erhält sie, die Völker und die Könige regiert seine n:ächtige Hand; er ruft die Sterne, daß keiner ausbleibt. Der Herr der sittlichen Welt, ihres Ethos und Pathos, ist auch Gebieter des Kosmos. Ihm entstammen die Satzungen des Lebens. Doch sie verinnerlichten sich. Noch der Prophet Haggai schloß aus der Tatsache einer Mißernte aus Gottes Zorn über eine schwere Verfehlung der neuen Gemeinde, die den Tempelbau unterlassen habe. So müssen sich also das Verhalten des Menschen und Gottes Antwort darauf schon im Diesseits genau entsprechen, weil der Jenseitsglaube damals noch nicht durchbrach. Gottes Gerechtigkeit im Weltlaus wankte nicht. Ezechiel führt diese göttliche Lohnskala noch genau durch: vom Augenblick seines Abfalls von Gottes Gesetz an sucht den Frommen das Unglück heim; der Sünder wird augenblicks mit Heil beschenkt, wenn er sich bessert. Das im babylonischen Exil in seinen poetischen Mittelstücken entstandene Buch Hiob gewinnt daran eine unmittelbare moderne Mission, daß den drei Freunden des duldenden Gottesknechts Hiob als leidigen Tröstern der Protest des Verfassers als eines prophetischen Poeten sich entgegenwirst: die Priestertheologie über Lohn und Strafe, über die Theodicee in der Geschichte wird überwunden durch den Doppelgedanken.- 1. Gott wird Hiobs sittliche Persönlichkeit nach seinem Untergang einst rechtfertigen und seine Unschuld über seinen: Grabe aufleuchten lassen. 2. Der Mensch ist weder die Krone der Schöpfung noch der Sinn des Alls; er lauscht andächtig in den Kosmos, dessen Wunder er nicht erklären kann. Das ist geradezu ein Brevier des Monismus, soziales Oel aus die wilden Zeitwogen. Ein Böser muß täglich Qual leiden, rechnet Eliphoe dem Hiob selbstgerecht vor; also sei Frömmigkeit kluge Weisheit, die ihren Vorteil kennt. „Jst's Gottes Vorteil, daß du redlich bist? Nein, nur sich selber nützt der fronnne Mann" (22, 2 ff.). Hiob, der einst Gottgesegnete, Reiche, Geehrte, der jetzt aus dem Aschenhaufen feines Glücks sitzt, will bis zu Gottes Thron Vordringen, sein Zeugnis aufzurnsen, daß er gerecht gelebt hat, des Blinden Auge und des Lahmen Fuß, der Witwen und Waisen Vater, ein antiker Sozialpolitiker. Das hartnäckige Einreden der pharisäischen Freunde auf ihn, der Verstockte solle sein Gewissen entlasten und die geheime Missetat eingestehon, weist er als Unwahrhaftigkeit entschieden ab. Er wird die Schicksalswende nicht :nehr schauen, er ist entwurzelt, sein siecher Leib zerfällt. Doch sein hoher Anwalt (Goel) wird auf seinem Staube stehen: Der Dulder war kein Sünder, das Leiden ist nicht als Schuld nachzurechnen — habt Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens; es ist kein Rechenexempel oder ein Fußball für die Parteien! Quält keinen Hiob oder Oedipus! Als das Geheimnis Gottes über seiner Hütte zeltete, da er mit ihm als seinem Freunde vertraulich redete, da war Hiob glücklich. Nun kann er den: Allherrn auf seine tausend Fragen nach den Naturgesetzen von Tag und Nacht, von Erde und Stern, von Eis und Berg, von Sommer und Winter, von Tier, und Pflanze nicht eine einzige Antwort der Einsicht geben. Er schweigt, er ist erhaben über sein Schicksal, Hiob ringt sich frei. Zeitgeschichtlich jünger als das unausgeschöpfte BuchHiob wollen die Propheten Haggai und Sacharja gewertet sein. Spricht das Büchlein des ehrwürdig-greisen Haggai, der noch den alten Tempel in Jerusalem kannte, von: Tempelneubau und vom messianischen Königtum Serubabels, so schaut Sacharja Visionen, die ihm ein Engel deutet. Die Prophetie löst sich von der Wirklichkeit und steigt auf zu einen: literarischen Produkt. Also: ein Mann steht zwischen Myrten, vier Reiter aus verschiedenfarbigen Nossen sprengen heran — sie durchstreifen die Erde und bringen Kunde; Israel wartet im Schatten von seines Gottes Ungnade auf die Aufrichtung des Gottesreiches. Die in Babylon zurückgebliebenen Juden schickten eine Goldkrone gen Jerusalen:, die" Serubabel als künftiger Messiaskönig tragen sollte. Doch Darms hielt das Perserreich fest. Der Tempelbau wurde mit Staatshilfe vollendet. Wo blieben die überschwänglichen Zusagen von Gottes mächtigem Eingreifen? Die Gegenwart blickte gar dürftig darein. Das Prophetenbüchlein M a l e a ch i schildert diese an dem Vundesgott irre werdende religiöse Indifferenz, die in frivolem Spott das Elend der Zeit abzustreifen versucht. Wieder trifft Israels Prophet unsere Gegenwart. Am kranken Kultus, der Gott zu betrügen wähnt, erweist er, daß Frön:migke:t und Gottesfurcht kein leerer Wahn seien, daß. die ernsthaften Gottesfreunde ihren frommen Eifer verdoppeln, um das Schicksal zugunsten des Volkes zu lenken. So entstand der jüdische Fromme als Gesetzeseiferer. Die Propheten, sagt Joh. Meinhold, sind das Wort Gottes an den Staat, an die Nation. Als der israelitische Staat zur Gemeinde sank, als Persien, Aegypten, Svr:en die Macht lnnehatten, da erstanden die Westen, die sich und die Suchenden an der Heiligen Schrift (seit 400 etwa) zu klären suchten. Doch die „Chokma", die vor Gottes Thron schon vor Weltschöpsung spielende Weisheit, ist älter. 75 Trotz atzem - Toleranz Noch ist cs nicht allzu lange her, daß mit Tolerailz lediglich das G e w ä h r e n l a s s e n eines von einer größeren oder kleineren Mmderheit vertretenen Grundsatzes durch die herrschende Mehrheit bezeichnet wurde. In diesem Sinne erscheint die Toleranz als eine bloße Gnadenbezeigung seitens derer, die int Bewußtsein eigener unbegrenzter Machtfülle glauben, ohne Gefahr für sich selbst und innerhalb einer bestimmten Grenze Andersdenkenden die freie Ausübung beschränkter Rechte gewahren zu können. In diesen: Sinne auch finden wir in der Geschichte eine Reihe von Akten, die man Tol-eranzedikte nannte und die insbesondere in religiöser Beziehung eine freiere Bewegung der Minderheit gewährten. Jnnner aber setzte diese Auffassung der Toleranz eine herrschende Partei in: Staate oder in der Kirche voraus, die der beherrschten Parte: die Grenze ihres Tuns und Handelns vorzeichnete. In unserer Zeit, die sich seilbst so gern die humane nennt, ist mein, im allgemeinen' von einer so beschränkten Auffassung der Toleranz, wenigstens t h e o r e t i s ch, zurückzukommen. Der moderne Begriff saßt die Toleranz als ein notwendiges Produkt oes Nebelteinanderstehens, als die Anerkennung des Rechts der Ueberzeugung aller, welcher keine Grenze gezogen ist, als durch die öffentliche Moral und das Staatsgesetz. Diesem Recht der freien Ueberzeugung wird es demnach auch gestattet sein müssen, auf allen Gebieten des Lebens, in religiöser wie in politischer, in wissenschaftlicher wie in geselliger Beziehung diejenige Geltung zu gewinnen, die ihr nach dem Grade ihres moralischen und intellektuellen Wertes., zukonnnt. Die persönliche Ueberzeugung kann bei allen Menschen, mögen sie zusammen einen Staat, eine Korporation oder eine Familie bilden, nie und nimmer die gleiche sein, sondern geht vielmehr aus den wohlbegründeLsten Ursachen sehr weit auseinander, auch wenn Staat, Korporation oder Familie auf gewisser: gemeinsamen Gesamtvoraussetzungen beruhen. Denn verschieden sind die Charakter- und Geistesanlagen, welche die Natur den: Menschen, wie er aus der Hand der Schöpfung kommt, in die Wiege legt. Und auf diesem Grunde baut sich die Erziehung auf, nicht nur in dem engen Sinne der Einwirkung einzelner auf Verstand und Gemüt, sondern' auch in dem weiteren Sinne des Einflusses von Zeit, Ort und Klima, von Haus, Gesellschaft und Welt und eben aller jener tausend unscheinbaren Verhältnisse, die, ohne daß wir uns immer dessen klar bewußt werden, doch mit unwiderstehlicher Gewalt in unser Denken und Fühlen eingreifen. So reift der Mensch zur' Einzelpersönlichkeit heran, die sich von allen anderen Einzel- Persönlichkeiten nach Anlage und Entwicklung unterscheidet. Aus der Erkenntnis dieses Tatbestandes ergibt sich ganz von selbst die Forderung der Toleranz, und zwar auf der Grundlage der Gegenseitigkeit. Diese Duldsamkeit ist eine Forderung der Menschenliebe, und ohne sie ist das Wort Humanität ein tönendes Erz und eine klingende Schelle; sie ist aber auch eine Forderung der Gerechtigkeit, die überall die Messung mit gleichem Maße vorschreibt und den verwirft, der in eitler Selbstverblendung anderen e:n Recht bestreitet, das er für sich selber in Anspruch nimmt. Ein schönes Wort von Goethe lautet etwa so, daß die Menschheit zusammen erst der wahre Mensch sei, und daß der einzelne nur froh und glücklich sein könne, wenn er den Mut habe, sich im Ganzen zu fühlen. Ist ein so Preiswürdiger Zustand möglich ohne Geltung einer auf Menschenliebe und Gerechtigkeit begründeten Duldung? Nein, das Ganze, wenn es bestehen soll, bedarf der rechten Toleranz, bedarf ihrer um so mehr, in je breiterem Rahmen sich das öffentliche Leben bewegt! Aber auch der einzelne bedarf ihrer, wenn er nicht tut Drange der widerstreitenden Meinungen verbittern und sich von den Menschen., seinen Brüdern, abwenden soll.

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