Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 11 (November 1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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7ö Wohlverstanden: Toleranz schlicht nicht den Kampf der Geister aus, denn es liegt in der Menschennatnr, das für recht und wahr Erkannte hinauszurufen in alle Welt, es auch denen zuzurusen, die anderen Glaubens und anderer Meinung sind. Und der Fortschritt der Menschheit wird durch Kampf der Geister bezeichnet. Allein zu dem Charakter des ehrlichen Kampfes gehört es, daß er mit keinen anderen Massen, als denen der sittlichen Ueberzeugüng geführt werde, daß er das Gebiet der sachlichen Erörterung nicht überschreite; und eS darf dabei das Bewußtsein nie verloren gehen, daß wir allzuma-l irren, so lange wir streben! In diesem Sinne ist der Kamps ein berechtigtes Moment'des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens, und an sich eine sittliche Tat, die auch gegründet erscheint auf dem heiligen Recht der freien Ueberzeugung aller. Und die Pflicht der aus Liebe nnd Gerühtigkeit geborenen Duldung kann dabei bestehen. Die Wahrheit — wer wollte behaupten, . daß er sie besitzt? Die Wahrhaftigkeit aber einer reinen, sittlichen, lauteren Ueberzeugung braucht sich, um. Geltung zu erringen, nicht in maßlose Form zu kleiden; sie bedarf nicht der Unduldsamkeit und ist. eben nicht wahrhaftig, wenn sie ihre höchste Wirkung nicht in sich selber trägt. Oharles Mnerderg. Osthilfe tut not Der schwere wirtschaftliche Druck, der über Deutschland lastet, macht sich in den vorwiegend agrarischen Gebieten östlich der Oder ganz besonders bemerkbar. Auch der jüdische M i t t e l st a n d in den größeren und kleineren Städten der Provinzen Ostpreußen, Posen-West- Preußen, Schlesien und Pommern, dessen Hauptkündschaft die Landbevölkerung bildete, verarmt mehr und mehr. Denn zu dem wirtschaftlichen Druck, der über allen Teilen der Bevölkerung lastet, kommt die gewissenlose Hetze jener Politiker, die die Not des Volkes durch Agitation gegen die jüdischen Kaufleute, Handwerker und Akademiker betreiben. Die Fälle sind immer häufiger, in denen wirtschaftliche und gesellschaftliche Aechtung Existenzen vernichtete. Die Osthilse, die die Negierungen vor Monaten schon begonnen haben, kommt in erster Lime der Landwirtschaft und den Jndustrieunternehmungen zugute; ihre Auswirkung auf andere Bevölkerungsschichten, zumal auf den gewerblichen Mittelstand, ist noch nicht spürbar. Die Not der jüdischen Kaufmannschaft im Osten steigt ständig. Insolvenzen und Konkurse mehren sich in erschreckender Zahl. Wer heute in einer Zeitung Ostdeutschlands die traurige Liste der Zahlungseinstellungen liest, erkennt mit Entsetzen den unverhältnismäßig hohen Anteil jüdischer. Namen. Dieser Niedergang des jüdischen Mittelstandes ist aber weit über die Grenzen'der Ostprovinzen einer besonderen Betrachtung wert, weil durch die schlechte Vermögenslage des einzelnen die j ü d r s ch e n G e m e i n - den des.Ostens in schwere Bedrängnis geraten. Die Institutionen und Vereine in den größeren und kleineren Gemeinden des Ostens vermögen heute nur mit größter Mühe die notwendigen Mittel für die wichtigsten Ausgaben zu erhalten. . Auf diese besonderen Verhältnisse im Osten sollte man auch in jüdischen Kreisen seine ganz besondere Aufmerksamkeit richten, damit nicht aus der wirtschaftlichen Not ein kultureller Niedergang des Judentums in diesen Teilen Deutschlands fvlgt. Der C e n t r a l v e r e i n hat imnier in ' vorbildlicher? -Weise die Interessen der deutschen Juden in den Grenzgebieten und tu den abgetretenen Gebieten gefördert. Und dies mit Recht, denn stets haben sich gerade die Juden in den. wirtschaftlich, politisch und kulturell bedrängten Gebieten, es sei nur an Oberschlesien erinnert, als die treuesten Diener des Vaterlandes erwiesen. Deshalb wäre'es auch für das Deutschtum ein unersetzbarer Verlust, wenn es nicht gelänge, den Niedergang dieser Juden im deutschen Osten aüfzuhalten. . Dr. Eugen Roth (Stettin). Die Probe aufs Exempel Reiseerlebnisse aus öem hohen Norüen von % Israels, Weener i.GstfkieslanS Meine Neise führt mich während meines Aufenthaltes auf den Lofoten nach Harstad, einem Reinen, nichtsdestoweniger ' lebhaften Fischereihafen auf diesen einsamen Inseln. Harstad besitzt eine Reparaturwerkstatt. Ich schlendere durch den Ort, in welchem alles auf den Fang und die Verarbeitung von Fisch und Fischprodukten eingestellt ist, mein Weg führt mich an der Werft vorbei. Mechanisch gehe ich, der ich für alles Seemännische,^ insoesondere alles Seemännischtechnische interessiert bin, auf den Werftplatz, auf em Mittelding zwischen Slip und Dock, zu, an welchem, ein kleiner, aber moderner Fischdampfer auflregt. Fch freue mich, als ich neben dem Erkennungszeichen und der Nummer den Heimathafen „Geestemünde" erkenne. Auf Deck sitzt ein etwa 40jähriger kleiner, dunkelhaariger Seemann, in welchem ich auf den ersten Blick den Binnenländer aus Sachsen oder Schlesien, mit der Sehnsucht nach der See — erkenne. Erlauben Sie mir als Nebenbemerkung festzustellen, daß neben den Söhnen der Wasserkante diese mitteldeutschen Bevölkerungsschichten einen wesentlichen und wahrlich nicht den chlechtesten Bestandteil unserer ehemaligen kaierlichen Marine darstellten; mancher Maschinitenmaat, Feuerwerker und Geschützführer war mit Pleiße-, Saale- oder Neckarwasser getauft. So bekomme ich denn auf meine Frage nach ostfriesischen Landsleuten an Bord, auch prompt in remem Sächsisch die Antwort: Ostfriesen, eh jaa, der ärschte Steiermann kommt doch irgendwo dahär, ich wär'n kleich holen! Schon verschwindet er im Logis und Pollm a n n aus Ostrhauderfehn, zehn Kilometer Luftlinie von meinem Heimatort, 1,90 groß, 2% Zentner schwer, kommt an Deck. Handchlag, er kennt meinen Namen von meinem vertorbenen Vater her, sofort plattdeutsch, ehrliche Freude beiderseits, ein Gespräch über viele gegenseitige Bekannte. Einladung ins Logis, eine offene, ehrliche, etwas zu Herzen gehende gerührte Freude. Ich weiß bestimmt, er hat sich auch gefreut. Wir unterhalten uns, wir, Pollmann, der Sachse, der zweite Maschinist, . ein paar Matrosen, noch recht lange und freuen uns miteinander. Einige Wochen später in Bergen. Ein regnerischer Abend, ich spaziere am Kai und warte auf meinen Dämpfer, auf einer großen Freitreppe eine der wie in Norwegen so oft gesehenen abendlichen „Heilsarmeeversammlungen". Neben mir stehen, unverkennbar Touristen, zwei juriHe Leute; davon der eine kleinere, dunkle mit Brille bestimmt ein Jude. Es interessiert mich, ihn kennenzulernen, weil er klug und sein aussieht. Im Anschluß an meine Bitte um Feuer für meine Zigarette, frage ich ihn spontan auf deutsch: „Sind Sie Jude." Er versteht, bejaht meine Frage, ich stelle mich deutlich und korrekt vor, und da ich ja I s r a e l s heiße, bleibt mein Gegenüber über meine Religion auch nicht länger im Zweifel. Wir unterhalten uns Englisch über Zweck und Ziel unserer Norwegen-Reise. Er stellt mir seinen blonden, schlanken, angelsächsischen Freund vor, der Freund ist auch Jude, Kaufmann, der kleine, intelligente ist Journalist. Beide sind sehr interessiert, als ich ihnen voll Bergen, der historischen, hanseatischen Entwicklung dieser Staot erzählen kann, beide horchen gespannt auf, als ich ihnen von den Judengesetzen in Norwegen erzähle. Und dailn spreche ich von mir. Ja, ich war viereinhalb Jahre Soldat, ja — das ist dann die zweite Frage bei allen Ausländern, auch verwulldet, schwer verwundet, zweimal, ich bin heute Kriegsinvalide. Nein, ich bin nicht aus Berlin, ich wohne in einer kleinen Stadt an der Westgrenze, in welcher meine Familie schon seit langen, langen Generationsfolgen ansässig ist! Ja, die Verhältnisse sind schlecht in Deutschland, aber Deutschland wird wleder hoch kommen. Hier fühle ich es wieder, kann ich eine Lallze für Deutschland brechen, wie in so vielen Fälleil in den letzten Wochen in Tromsö mit englischen Touristen, ebenso wie mir auf' dem Schiff zwischen Nordkap und Finnland im: Gespräch mit 'dem chilenischen Kaprtän;— aus Santiago wegen Rebellion, geflohen — die Möst-; lichkeit gegeben war, 'von Mund zu Mund, em nicht von gehässigen, bezahlten Zeitungsschreibern entstelltes Bild von Deutschlandzu entwickeln. Von unserem Deutschland, mit einer Bevölkerung, die durch die schwere Nachkriegszeit gegangen ist, einer Bevölkerung, die trotz schwerster Enttäuschung auch jetzt noch hofft, auch jetzt noch systematisch zu retten sucht, was noch von dem kärglichen Nest einstiger Weltgeltung und Größe zu retten ist, von einer Bevölkerung z. B. in den rheinischen Industriezentren, die auch jetzt noch nicht verzweifelt ausschreit, nicht revoltiert und verstandesmäßig sich zurückhält,, um das Letzte nicht zu zerstören. Ich werde warm beim Erzählen von meiner großen Liebe zu diesem Volk und zu diesem Land. . Und dann kommt der kalte Strahl für mich. , Der Engländer fragt mich: Wie ist es denn mit Hitler; der sagte ja, ihr . seid keine Deutschen!! Die Zeit drängt, in zirka zehn Minuten geht mein Schiff! Ich habe mich durch den kalten Wasserstrahl nicht abkühlen lassen. Ich glühe noch in Liebe zu meinem Vaterland, dem Land, dessen Boden mich gezeugt, dessen Erde meine Väter birgt, dessen Sprache ich spreche, dessen Kultur ich genieße, das Land,'in dem meine Kinder geboren sind, das Land, dessen Luft ich atme, das heilige Land, für welches ich als junger' kriegsfreiwilliger Student mein'Blut verspritzt habe. Diese Liebe kann uns und mir keine Verleumdung, keine nationalsozialistische These von Minderwertigkeit des Juden, keine gesellschaftliche Aechtung, kein Versammlungsterror, keine Lüge vom „internationalen Judentum" schmälern oder gar nehmen!!! Und nun die Probe aufs Exempel. Wie könnte ich einen besseren Bweis für die Aufrichtigkeit, meiner Gefühle anführen, als die Zusammenstellung der beiden in diesem Bericht aufgeführten Ereignisse: die Begegnung und plattdeutsche Unterhaltung in Harstad mit Steuer-, mann Pollmann, und die Unterhaltung am Kai in Bergen mit den beiden englischen Juden! Mit wem fühlst du dich innerlich verwandter, mit dem Landsmann aus dem Fehn, der deine Sprache spricht, weit draußen in den Lofoten, deine Sprache, in der dein Vater zm dir gesprochen hat, die deine Kinder sprechen, oder; fühlst du, vielleicht, außer der Tatsache, daß es eben auch Juden sind, die auch einmal, in, eine Synagoge gehen, wie du es auch einige Male im Jahre tust, allein wegen der Tatsache, datz die beiden Engländer Juden sind, dich mit diesen beiden durch ein völkisch-nationales Band verbunden.. Nach Hitler müßte es ja eigentlich so sein! Ich muß bei dieser Gegenüberstellung laut lachen, nein, Landsmann Pollmann, hier meine .Hand, deine Chancen stehen bei mir 100:1, wobei die eins lediglich auf das Konto reine Sympathie wie zu jedem anständigen Menschen zu setzen ist. ' Der Abschied von den beiden Engländern war kurz und rasch, und es machte mich stolz, ein Deutscher zu fein, als mir beim Mschied der eine der beiden Herren wörtlich sagte: I wish, I was as good an English as you an German. (Ich wünschte, ein ebenso guter Engländer zu sein, wie Sie ein Deutscher sind!) usmag: aemrau>ercm deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., Berlin W 15, Emfer Str. 42. Tel - Adr.: „Centralglauben Berlin". Postscheck: Berlin 30472. Hauptschrifteiter i. V.: Dr. Alfred Wiener. Verantwortlich: Dr. Margarete Edelheim. Beide »Berlin W15. — Druck: Rudolf Müsse, Berlin.