Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 11 (November 1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Deutscher Mel 1931 Einige grundsätzliche Semerkungen Ä. W. Der deutsche Adel ist in der Deutschen Adelsgenossenschaft znsammengeschlvssen. Ihr. Organ ist das „D e u t s ch e Adelsblat t". Ost wird in diesen: Blatte das Jildentum angegriffen; manchmal in Formen, die dem „H a n: m e rw"- des Theodor Fritsch oder dem „Völkischen Beobachter" des Alfred Rosenberg besser zu Gesichte stehen?) D-abei steht das deutsche Judentum in keinerlei Kampfstellung zum deutschen Adel. Der deutsche Adlige wird für den einsichtigen Deutschen, also auch für den einsichtigen jüdischen Deutschen, je nach seiner Leistung, je nach seinem Charakter Zu bewerten sein. Die tapfere Umstellung mancher Adliger, die früher Offiziere waren, unter schwierigen Verhältnissen auf einen anderen Beruf wird dem gerechten Beobachter nur Hochachtung abnötigen. Kaum einer unter den deutschen Juden wird so töricht und so ungerecht sein, etwa den Adel im allgemeinen zu bekämpfen, weil im deutschen Adel die Vergangenheit hochwertende Kräfte lebendig sind. Gerade wir deutschen Juden, voll Stolz auf unsere Vergangenheit, auf unsere Geschichte, auf unsere Religion, wissen, welcher Segen und welche Erhebung die Pflege einer Tradition bedeuten kann: die Pflege einer Tradition, welche keinesfalls Verständnis und Förderung moderner und gegenwärtiger Kräfte ausschlleßt. ■ Daß Männer von Adel dem deutschen Volke und dem preußischen Staate Großes geleistet haben, kann nur der übersehen., der blind in der Geschichte herumläuft. Hervorragende Militärs, ausgezeichnete Verwaltungsbeamte, verdienstvolle Diplomaten, bekannte Gelehrte und Künstler von Ruf entstammten und entstammen adligen Familien. Daß nicht jeder Adlige an Geistesgaben und Kvrperschönheit hervorragt, daß selbstverständlich auch adlige Tunichtgute vorhanden sind, daß es auch Betrüger mit adligen Namen gibt, beweisen oft Lebenserfahrung und Zeitung. Deshalb wird aber kein vernünftiger Deutscher, also auch kein vernünftiger deutscher Jude, den Aoel im Bausch und Bogen verurteilen oder gar angreifen. Umgekehrt hält es die Melsgenosfenschaft. Ihre Aufgaben sollten gerade in dieser schweren wrrtschastiichen Zeit nicht gering sein. Aber es scheint, der wundervolle, humane und soziale Geist im deutschen Adel, den Theodor Fontane in seinen märkischen Romanen für alle Zeit festgehalten hat, ist wenigstens in der Adels genösse nschast verschwunden. Haben die Sehdlitz und die Ziethen, die Bismarck und die Schti essen, die Möllendorf und die Münchhausen dadurch so hohen Rang und so guten Klang, daß sie für „rein-arisches" Blut im deutschen Adel sorgten? Wir erinnern Uns eines etwas grobschlächtigen Ausspruches des Friedrichsruhers, ob der jüdischen Blutmischung im deutschen Mel. Es ist kennzeichnend für den Mel 1931, daß seine Adelsgenossenschaft einen Zweig ihrer Tätigkeit, den deutschen Adelsthp zu entwickeln, darin sieht, eine „Kartothek der lebenden Nachkommen aus arisch-semitischen Verbindungen adliger Geschlechter" anzulegen und dazu zu schreiben: „Die Kartothek enthält nicht nur Verbindungen mit Juden, sondern auch mit Personen jüdischer Blutmischung. Fortgelassen sind die Ehen ohne Nachkommen, da sie für die Nassenbeurteilung des Adels unmaßgeblich sind. Fehler, die der „Senn-Gotha" enthielt, sind ausgemerzt, neue Fälle bearbeitet worden . . In einer Einleitung dazu heißt es: „Die Tageszeitungen meldeten in jüngstvergangener Zeitwieder drei Verlobungen von Trägern bzw. Trägerinnen ältester deutscher Adelsnamen mit Fremdrassigen. Wenn die Adelsgesamtheit auch hierfür nicht ver- *) „C. V.-Aeitung" Nr. 39, Jahrgang 1929, antwortlich ist, zumal ihr die innere Bindung, welche die D. A. G. anstrebt, noch fehlt, so hat sie doch unter den schädigenden Auswirkungen mitzuleiden. ... So nimmt jeder deutsche Adlige, der die heiligen Gesetze des Blutes verletzt, seinem Stande und seinem Volke gegenüber eine schwere Schuld auf sich, ganz abgesehen davon, daß er seinen etwaigen Nachkommen ein körperliches und zmneist auch seelisches Erbe hinterläßt, unter dem sie auf Generationen hinaus meist schwer zu leiden haben, das sie vielfach gu unglücklichen, innerlich zwiespältigen Menschen macht. Wenn nun der einzelne oft aus Unkenntnis oder Willensschwäche. vielleicht auch aus Gleichgültigkeit und materialistischer Einstellung in solchen Fällen nicht die nötige Widerstandskraft besitzt, so sollten bei organisierten Geschlechtern die Familienverbände durch Belehrung und Warnung ihrer jungen Mitglieder solchen rassischen Verirrungen Vorbeugen^ und bewußt Zuwiderhandelnde durch Ausschluß aus dem Verband strafen." Unterzeichnet sind diese Worte von Freiherrn von H o u w a l d, Leiter der „Buchungshauptstelle (!!) deutschen Adels deutscher Art". Ein jüdisches Mädchen von Geschmack und Verantwortungsgefühl wird sich zu gut dazu sein, nur ein allzu verblaßtes Adelswappen zu „vergolden". Die Art und Weise aber, wie das „Adelsblatt" gegen das Judentum vorzugeheu beliebt, muß es schwer kränken, indem es als minderwertig und für das deutsche Volkstum schädlich schon blutsmäßig hinbestellt wird. Wenn der deutsche Mel folgerichtig Vorgehen will, so möge er alles, was im deutschen Volkstum, in deutscher Kunst, in deutscher Wissenschaft, im deutschen GesckMsleben, überhaupt in der ganzen Summe deutscher Kultur jüdisch ist, von vornherein meiden. Wir können gern mit Rainen und Taten austvarten. Eins nur: der deutsche Mel möge nicht verfehlen, bei der Bibel anzusangen. Er möge in seinen zahlreichen Kirchenpatronaten die Bibel beider Testamente vom Altar entfernen und den Namen des Stifters der christlichen Religion aus Davids Stamm damit verschweigen. Wir glauben allerdings, daß es ihm schwer sein wird, bei der innigen Verflochtenheit deutschen und jüdischen Seins den jüdischen Anteil dabei Herausschneiden zu können. Es ist das gute Recht des „Deutschen Melsblattes", für Deutsche Gesinnung" einzutreten und dafür auch hier und da einmal kräftig vom Leder zu ziehen. Man mag dabei mit allen Schädlingen im deutschen Volke gründlich abrechnech auch mit jüdischen, von denen es sicher eine Anzahl gibt. , Der Central v e r e i n wird dabei, soweit es in seine Aufgaben fällt, gern mittun. Aber für „deutsche Gesinnung" sich einsetzen, bedeutet noch lange nicht, auf das Rassenevangelium eines Dinter schwören, das Judentum als ganzes und in sehr unschönen Formen anfallen, die angebliche jüdische Rasse dem Blute nach als minderwertig anzuprangern. „Deutsche Gesinnung", wie w i r sie auffassen, heißt gegen alles Schlechte, Rohe und Verderbliche im deutschen Volke Wort unfc> Tat setzen. Die über 100 Schändungen jüdischer Friedhöfe hat das „Deutsche Adelsblatt" noch nie erwähnt, geschweige denn bekämpft. Es hat noch nie es über sich gebracht, etwa die rohen und verrohenden Formen des antisemitischen Tageskampfes zu beleuchten. Mit Freude bekommt jeder wirkliche oder vermeintliche Uebeltäter, der Jude ist oder von dem es behauptet wird, in ihn: den „Gelben Fleck" leuchtend angeheftet. Aber wenn Rudolf Borchardt eine dem „AdÄsblatt" genehme Broschüre über die deutsche Literatur schreibt („Adelsblatt" Nr. 36 vom 6. September d. I.), so darf natürlich niemand wissen, daß der Verfasser jüdischen Ursprungs ist. Wir finden, um cs offen heraus zu sageu, diese Kampfesart wenig adlig. Und der Adel darf sich nicht wundern, )wnn sein Ansehen durch solche Vertretung feiner Interessen in weiten Schichten des deutschen Volkes, nicht etwa nur jüdischen, alles andere als gefördert wird. Eöuarö Engel Zu seinem 80. Geburtstage am 12. November „Wer die Gelegenheit findet, Völker und Länder zu beobachten, der wird immer eines erkennen: die Liebe zum Vaterland, die Ehrfurcht vor ihm ist bedingt durch die Ehrfurcht vor seiner Sprache. Die Völker, auf die wir neidvoll sehen, Frankreich, Italien, sind ausgezeichnet durch eine ehrfürchtige Liebe zu ihrer Sprache. Es ist nicht nur Angelegenheit der Sprachkunde, sondern tiefste Angelegenheit des Vaterlandes, ob die Ehrerbietung vor der Sprache im Volke lebendig ist." So sprach nach den Mitteilungen dieser Zeitung kürzlich Rabbiner Dr. Baeck; so könnte auch Professor Eduard E.ngel, der verdienstvolle Vorkämpfer für die Reinheit der deutschen Sprache, gesprochen haben, der am 12. November den 80. Geburtstag begehen konnte. Engels Bücher haben längst den Weg in die breiter: Massen des deutschen Volkes gefunden; erst kürzlich erschien die 31. Auslage seiner „Deutschen Stilkunst"; alle seine Sprachbücher („ D e u t s ch e M e i st e r p r o s a ", „Sprich Deutsch!", „G u t e s Deutsch!" „Deutsche Sprachschöpfer") sind rasch zum Ratgeber für schriftliche und mündliche Musterungen in der Muttersprache geworden, für die er mehr als Liebe, nämlich leidenschaftliche Begeisterung empfindet. So ist es naheliegend, daß ihn der Deutsche Sprachverein zu seinem Ehrenmitglied ernannte. Führer in sprachlichen Dingen kann aber nur jemand sein, der die Stilkunst beherrscht, ein abgewogenes Urteil hat und umfassende Kenntnis der Literatur besitzt, und zwar nicht nur der deutschen Literatur, sondern der Weltliteratur überhaupt. Engels „Geschichte der deutschen Literatur", „Geschichte der englischen Literatur", „Geschichte der französischen Literatur", dann sein „Goethe, der Mann und das Werk", ferner „Frankreichs G e i fl e s f ü h r e r" und viele andere Bücher legen Zeugnis ab für die unglaubliche Belesenheit Engels; sie führten zu dem Werk „Was bleibt?". Dies ist das erste Buch, in dem überzeugend gelehrt und an Proben anschaulich gezeigt wird, wie man sich nach festen Maßstäben auch in der Kunst em Zuverlässiges Urteil bilden kann. In diesem Buche - „Was bleibt?" hat sich Engel, offenbar eingedenk der in seinem jüdischen Elternhaus einst zu Stolp aufgenommenen Eindrücke, auch mrt der Literatur der Hebräer beschäftigt. So schreibt er über das Buch. Hrob : „Wie die im Hiob vor dem Leidenshelden aufsteigende Frage bis zu dieser Stunde die nie zum Schwelgen gebrachte Menschheitsfrage geblieben ist — Warum leidet der Gerechte? fragte Heinrich Heine —, so ist jene althebräische Dichtung in ihrer dramatischen Eigenform eines der unter den bleibenden Werken der Weltliteratur zuhöchst stehenden. Sie wird nicht untergehen, solange größte Kunst bedeutet: größten Inhalt in großer Form. Das Buch Hiob ist bleibender Kunstbesitz und dadurch zugleich bleibender Maßstab für das Erhabene." Es ist wenig bekannt, daß Heinrich Heines Lebenserinnerungen einst von Eduard Engel gesichtet und herausgegeben worden sind; das Buch, 1884, bei Hosfmann und Campe erschienen, ist längst vergriffen; die Herausgabe einer neuen Auflage sei hiermit an- S. Im Besitze Engels ist übrigens das von ig Gassen 1828 gemalte Bild des jungen Dichters, auf das Grunwald in seinem Buche „Hamburgs deutsche Jllden" besonders hinweist.