Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 11 (November 1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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72 dem Guten und dem Bösen, dem Freund und dorn Feind. Laß int Leidenden stäts mich nur den Menschen sehen. Er ist ein Mensch! Und du schafsst uud erhältst ja auch deu Menschen, den Neichen und den Armen, den Guten und bcn Bösen, den Freund und beit Feind! Erhalte meinen Verstand gesund und schlicht, daß er das Gegenwärtige fasse tutb das Abwesende richtig vermuthe. Laß ihn nicht herunter sinken, daß er nicht das Sichtbare verstehet; auch nicht zu sehr hinüber sich versteige, daß er nicht siehet, was nicht zu sehen. Denn sein und merklich ist hier die Gräuze in der großen Kunst, deiner Geschöpfe Leben und Gesundheit zu warten. Laß meinen Geist immerdar sich selbst sehn. Am Bett des Leidenden müssen keine freinde Dinge seine Acht ihm rauben. Laß alles, was Erfahrung und Nachdenken in ihm niedergezeichnet, ihm gegenwärtig sehn, und nichts ihn in seinen stillen Arbeiten stören: beim groß und heilig sind die stillen Arbeiten, deinen Geschöpfen Leben und Gesundheit zu erhalten. Verleihe meinen Kranken Zutrauen zu mir und zu meiner Kunst, und Folgsamkeit zu meinen Nathgebungen. Verbanne von ihrem Lager alle Afterärzte, und das ganze Heer von rathgebenden Verwandtinnen und überweise Wärterinnen; denn es ist ein grausames Volk, das aus Eitelkeit die besten Werke der großen Kunst vernichtet und oft deinen Geschöpfen den Tod ausdringt. Wenn weisere Künstler mich bessern und zurecht weisen wollen, laß nteinen Geist dankbar und folgsam sehn; denn der Umsang der Kunst ist groß, und keiner sieht, tvas jeder sieht. Aber wenn umveise eingebildete mich tadeln, so laß Kunstliebe ganz ihn stählen, daß er, Nuhin und Alter und Ansehen nicht achtend, aus die gefühlte Wahrheit beharre, denn Nachgeben ist hier Tod uud Krankheit deiner Geschöpfe. Verleihe meinem Geist Sanftmuth und Duldsamkeit, toenu ältere Mitkttnstler, stolz auf Jahreszahl, inich iuunerdar verdrengen uud höhnen und höhnend mich bessern wollen. Laß ihr Gutes mir vortheilen, denn sie wissen mancherleh (uud weise, können sie vieles wissen), was mir noch fremde ist; aber ihren Dünkel laß mich nicht kränken; denn das Alter ist der Leidenschaft nicht ineister xmb ich hoffe auch auf Erden alt zu werden vor die Altgütiger! Schenke mir in allem Genügsamkeit, nur in der großen Kunst, nicht. Laß nie den Gedanken in mir erwachen, du habest des Wissens genug: Sondern verleihe mir Kräfte, Muße und Trieb, meine Kenntnisse immerdar zu berichtigen, und neue mir zu erwerben. Die Kunst ist groß, aber auch des Menschen Verstand ist dem Meuschen nicht unfaßbar. Er dringt immer weiter. In meinem gestrigen Wissen entdeckt er heute der Jrrtümer viel, und mein heutiges findet er wohl morgen voller Fehl! Allgütiger! du hast mich erkohren, über Leben und Tod seiner Geschöpfe zu wachen. Ich schicke mich nun an zu nteinem Berufe. Stehe mir bey in diesem großen Geschäfte, daß es fromme, denn ohne deinen Beystand frommt dem Menschen ja auch das Kleinste nicht! Ueber setzt von M. H. Nationalsozialismus und Frauenbewegung / Dr. Else Ulich-Beil Es kann für den, der die Geschichte kennt, kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Lebendigkeit des Lebens sich in der Gewalt polarer Spannungen sammelt und von dort aus stets zu neuem Ausgleich vorhandener Energien und Kräfte drängt. Aus die klare und nüchterne Verstandesherrschaft der Ausklärungszeit folgt das tolle Treiben der Genieperiode und nach der geistigen und seelischen Formvollendung der klassischen Zeit hebt die dunkle Mystik romantischer Gefühle an. Der großen antithetischen Bewegung geschichtlicher Dynamik verbinden sich die Gegensätze, die durch die natürliche Folge der Generationen bedingt sind, und steigern und verwirren zu gleicher Zeit das Bild. Vernachlässigte und übersehene Kräfte drängen mit der Gewalt unterirdischer Quellbäche an die Oberfläche und gestalten das ihnen erreichbare Erdreich um. Diese Bewegung des Lebens, die ein Stück nationalen und menschheitlichen Seins darstellt, kann man beschreiben, verstehen, deuten, durch sein eignes Leben verwirklichen, bejahen oder verwerfen, man kann aber an diesen Formwandel des Lebens, des nationalen und des menschheitlichen Lebens, unmöglich mit den Maßstäben von Gut und Böse, von Wahr oder Falsch Herangehen und sich unterfangen, sie von dort aus zu messen und zu begrenzen. Hat die Wahrheit der Mystik irgend etwas mit der geschichtlichen Notwendigkeit der Scholastik zu tun? Ist Lessings „Nathan der Weise" etwa schon deshalb anders zu bewerten als Schillers „Räuber", weil das eine Werk in der Ausklärungszeit wurzelt und das andere den Sturm und Drang darstellt? Gibt es nicht ein zeitloses Reich geistiger Werte, das durch alle geschichtlichen und damit zeitbedingten Verbrämungen hindurch mit dem Anspruch unbedingter Gültigkeit vor uns dasteht? — Daß er dies nicht in der kämpferischen Auseinandersetzung — da wäre es zu ertragen —, sondern im Kern seiner Anschauungen nicht wahrhaben will, ist die geistige Ursünde des Nationalsozialismus und macht die Aussprache mit ihm unfruchtbar und schwer. * Auch auf dem Gebiet der Frauenbewegung. Die Frauenbewegung wird in der Dogmatik der nationalsozialistischen Gedankenwelt als ein Kind des verhaßten Individualismus und Liberalismus mit Spott und Verachtung abgetan. Für den Nationalsozialismus ist ja Individualismus jedes Bestreben, das vom einzelnen ausgeht und damit die Ichsucht zum Maßstab des Handelns macht. Indem aber Individualismus mit Ichsucht identifiziert wird, ist kurzerhand die Gleichung Individualismus — Liberalismus — wirtschaftlichem laisser faire — laisser aller fertig. Als die Renaissance den Menschen aus mittelalterlicher Gebundenheit befreite, gab sie der Gesamtheit seiner Kräfte — guten wie bösen — Raum zu ungeahnter Entfaltung. Aber es ist doch einfach Geschichtsklitterung zu behaupten, daß dies nur egoistische Kräfte waren! Am Entwicklungsweg dieses Individualismus steht doch Luther ebenso wie Goethe; steht zwar die Freiheit eines Christenmenscheu, aber doch eben nicht nur die Freiheit, sondern die Freiheit eines an G o t t gebundenen Menschen. Und wenn der junge Faust noch glaubt, daß er sich vom G e - n u ß des Lebens höchsten Ueberschwang versprechen kann, so tveiß der alte Faust, daß dies an keiner Stelle des Wegs möglich war. Erst dann, wenn Land urbar gemacht wird, auf dem Leben ausblüheu und fruchtbar werden kann, dann dürfte mau zum Augenblick sagen: Verweile doch, du bist so schön; es kann der Glanz von meinen Erdentagen nicht in Aeonen untergeh'n. Auf beut Boden dieses Individualismus erwuchs die Frauenbewegung. Nicht aus Ichsucht und Eitelkeit und auch nicht um in einem höchst differenzierten Selbstgenuß ihrer eigenen Persönlichkeit froh.zu werden, gingen die Frauen, die dieser Kulturbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts ihren unatrslöschlichen Stempel aufgedrückt haben, ihren Weg, sondern tveil sie die menschlichen ebenso wie die schöpferischen Kräfte der weiblichen Seele für das Volkstum und die Nation lebendig machen wollten, itm so die Kräfte des Ganzen zu steigern und zu erhöhen. Diese Wechselwirkung zwischen Individuum und Gemeinschaft, die für das Gedeihen des Ganzen ebenso unerläß^ lich ist wie Ein- und Ausatmen für den einzelnen, bedeutet aber für den Nationalsozialismus nichts. Für ihn ist d a 8 Frauenrecht allein die Mutterschaft. Wenn eine Frau diese nicht erlebt, hat ihr Dasein seinen Sinn verloren. (Opserdienst Nr. 23, 1930), denn „Die Frau ist von unserm Herrgott zur Liebe und für den Haushalt geschaffen". In diesem Haushalt soll die Frau „Magd und Dienerin" sein. (Die Flamme Nr. 26, 1930.) Ja, die rein vitalistische Bewertung der Mutterschaft geht so weit, daß Alsred N o s e n b e r g in seinem Buche „Der Mythos des 20. Jahrhunderts" dem germanischen Manne die Erlaubnis gibt, mehrere Frauen zur Mutterschaft zu verhelfen, um so allen weiteren Folgen, die etwa aus dem zahlenmäßigen Frauenüberschuß sich ergeben könnten, aus dem Wege zu gehen. „Ein deutsches Reich der Zukunft wird gerade die kinderlose Frau — gleich, ob verheiratet oder nicht — als ein nicht vollwertiges Glied der Volksgemeinschaft betrachten. Demgemäß darf Ehebruch des Mannes mit Kindessolge nicht als Ehebruch juristisch bewertet werden." Es soll mit der Ablehnung dieser Anschauungen keine billige Polemik verbunden werden. Nur scheint uns diese Auffassung der Geschlechtsbeziehungen und der Familie mehr bolschewistisch und östlich als germanisch und deutsch. . Für die deutsche Frauenbewegung aber ist der Zusammenhang mit dem idealistischen Gut, der deutschen Vergangenheit unlösbar. Sie weiß, daß die Mutterschaft ein höchster Weg der Frau, auch als Leistung für den Staat gesehen, ist. Aber sie läßt sich nicht aus die vitale Seite der Mutterschaft allein zurückverweisen. Sie kennt die Bedeutung der geistig-seelischen Mütterlichkeit für Staat und Gesellschaft und ist entschlossen, sich hier mit allen Kräften zum Einsatz zu bringen. Sie wird aber nicht zulassen, daß mit den Mitteln der Dialektik und Demagogie die eine Welt gegen die andere ausgespielt wird. Für die idealistischen Kräfte im Nationalsozialismus wird die deutsche Frauenbewegung hellhörig sein; denn lange bevor er als Bewegung aufstand, haben ja die Vesten ihrer Führerinnen gerungen mit der doppelten Problematik von national uud sozial. Ebenso hellhörig wird sie aber hoffentlich sein gegen jede Unduldsamkeit und gegen jeden Mangel a n Humanität und dann nach dem Worte von Friedrich Sch lei er macher handeln: „Du sollst die Barbarei der Männer nicht beschönigen, weder mit Worten noch mit Werken."