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Central-Verein-Zeitung · 1931-11-01 · Heft 11 (November 1931) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 11 (November 1931)
Date
1931-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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71 IM WMKWk Wt M WlW SlM. Die „Acirztlichen Miltteilungen" vom 7. November berichteten über die Mannheimer Hauptversammlung des Hartmann-Dun.des nn>d die Zersctzungoabsichten dev nationalsozialistischen Aerzteschaft, die sich bet dieser Vcranstaltnmg zum erstenmal deutliä) zeigten. Dev Schriftleiter der „Aerztlichen Mitteilungen", dev srithere deutschn'ationale Neichstagaabgeordnete Dr. med. Haedenkamp, nimmt in diesem Bericht in erfreulich objektiver, sachlicher Weise zu den Vorgängen Stellung. Er schreibt: „Ein erheblicher Widerstand aus den Reihen der Mitglieder des Verbandes mutzte überwunden werden ... er kam vor allen Dingen aber von parteipolitischen Strömungen, die sich mit fast zerstörender Wucht bemerkbar machten. Der Nationalsozialistische Deutsche Aerztebund hatte mehrere hundert seiner Mitglieder aus dem ganzen Reiche ausgeboten, um die Entscheidungen in der Hauptversammlung zu beeinflussen und das Abkommen zu zerschlagen. Er machte den Versuch, die politischen Leidenschaften an die Stelle klarer und besonnener Ueberlegung zu setzen. Die Zahl der zu diesem Zwecke Erschienenen war um ein Vielfaches grötzer als die Zahl der Delegierten, in deren Händen die Entscheidung lag. Die erste Hälfte des Tages war angefüllt von den Kämpfen, die sich aus dem Eindrängen parteipolitischer Tendenzen in die berusspolitische Arbeit ergeben mutzte. . „ . . . Eine neue schwere Gefahr droht aber dem ärztlichen Stande aus den Versuchendurch parteipolitische Bestrebungen einen Keil in unsere Geschlossenheit zu treiben. Die Anhänger des Nationalsozialistischen Deutschen Aerztebundes bekannten sich aus der Hauptversammlung in aller Offenheit zu der Absicht, die Aerzteschaft bewutzt zu politisieren. Wären nicht die Anhänger anderer politischer Anschauungen so besonnen gewesen, die nationalsozialistischen Kollegen in diesen Bemühungen zu isolieren und die gemeinsame Sache des Standes gegen den Ansturm politischer Leidenschaften zu verteidigen, so wäre es vielleicht schon auf der Hauptversammlung zu einer Zerstörung der organisierten Einheit gekommen. Politisch^ Auseinandersetzungen gehören nicht auf das Forum der Berufsarbeit. Setzen die nationalsozialistischen Aerzte ihr Zerstörungswerk im Hartmann-Vunde fort, so trifft sie die volle Verantwortung für die unheilvollen Wirkungen eines solchen unseligen Beginnens. Je elender und je grausamer die wirtschaftlichen Verhältnisse unseres Volkes werden, um so mehr bedürfen die um ihr nacktes Dasein ringenden Menschen des Arztes und seiner Hilfe. Als Staatsbürger mag der Arzt seine weltanschaulichen und politischen Ideale verwirklichen, wo und wie er kann. Mit der Erfüllung seiner beruflichen Aufgaben hat er sich an die Gebote der Verufspflichten zu halten . . .* Tägliches Gebet eines Arztes, bevor er seine Kranken besucht Aus der hebräischen Handschrift eines berühmten jüdischen Arztes zu Aegypten im _ "7 Jahrhundert Allgütiger! Du hast des Menschen Leib voller Weisheit gebildet. Zehn tausend mahl zehn tausend Werkzeuge hast du in ihm vereint, die unablässig thätig sind, um das schöne Ganze, die Hülle der Unsterblichen zu erhalten und zu ernähren. Immerdar sind sie still beschäftiget, voller Ordnung, Uebereinstimmung und Eintracht. Aber wenn die Gebrechlichkeit des Stoffes oder die Zügellosigkeit der Leidenschaften diese Ordnung, diese Eintracht unterbricht, so gerathen die Kräfte in einen Widerstreit, und der Leib zerfällt in seinen Urstaub. Du sendest dann dem Menschen die wohlthätigen Boten, die Krankheiten, die ihm die nahende Gefahr verkünden und ihn treiben, sie in Zeit abzuwenden. Deine Erde, deine Ströme, deine Berge hast du mit heilsamen Stoffen gesckjwängert, die deiner Geschöpfe Leiden zu mildern, und ihren Untergang abzuhelfen vermögen. Und dem Menschen hast du Weisheit ertheilet, des Menschen Leib zu lösen und sein Gewerk in Ordnung und Unordnung zu erkennen; auch jene Stoffe aus ihren Behältnissen hervor zu arbeiten, ihre Tugenden zu erforschen und einem jedem Uebel gemäß sie zuzubereiten und anzuwenden. Auch mich hat deine ewige Vorsicht erkohren, über Leben und Gesundheit deiner Geschöpfe zu wachen. Ich schicke mich nun an zu meinem Berufe. Stehe mir bey. Allgütiger, in diesem großen Geschäfte, daß es fromme, denn ohne deinen Beystand frommt ja dem Menschen auch das Kleinste nicht! Latz Liebe zur Kunst und deinen Geschöpfen mich ganz beseelen. Gieb es nicht zu, daß Durst nach Gewinn, Ruhm oder Ansehen sich in mein Betrieb mische! denn diese sind der Wahrheit und der Menschenliebe feind, und sie können mich irre leiten in dem großen Geschäfte, deinen Geschöpfen Wohl zu thun! Erhalte die Kräfte meines Körpers und meiner Seele aufrecht, daß unverdroßen sie immerdar bereit sehn, dem Neichen und dem Armen, C. V.-Gemeinschaft bedeuten. Um so erfreulicher ist die Erkenntnis, daß dieser Fall, aus den der Schlußsatz der Erwiderung hinzudeuten scheint, hier nicht gegeben ist. Der Nationalismus ist — und das auszusprechen hat Herzseld versäumt — eine n i ch t eindeutige Erscheinung. Es wird zu unterscheiden sein zwischen der empirischen und der metaphysischen Gegebenheit. Empirisch ist uns der Nationalismus, auch soweit er von antisemitischen Gedanken frei ist,' als undemokratische und unliberale Erscheinung bekannt. Die Erwiderung geht also insoweit berechtigt gegen die Herzseldschen Ausführungen vor, als der E. V.- Gedanke unvereinbar mit jeder auch nicht völkisch. aber doch exklusiv gehaltenen Staatsidee erscheint. Eine Ablehnung der demokratischliberalen Staatsgrundlage um den Preis der Aufnahme der Juden in den Kreis des „Nationalvolkes" würde unseren Kampf zu einer reinen Opportunitätssache stempeln und nur hätten jedes Recht verloren, auch Außenstehende an unseren Zielen teilnehmen zu lassen oder autzerjüdische Gedanken unserer Stellungnahme zugrunde zu legen. Anders der metaphysische Nationalismus. Hätte Herzfeld statt Nationalismus den Ausdruck Neonationalismus gebraucht, dann wäre klar gewesen. daß es sich hier nicht um die Tatsache, sondern um die Idee des Nationalismus handelt. Und die ist — das zu verneinen ist der grundlegende Fehler der Erwiderung — von den ihr unterschobenen Grundsätzen frei. Wenn die Erwiderung schon die völkische Staatsidee nicht als notwendigen Bestandteil des ..Nationalismus an sich" betrachtet, so ist es unerklärlich, warum nicht der weitere Schritt getan werden kann, diese Staatsgrundauffassung auch grundsätzlich frei von undemokratischen Bestandteilen zu denken. Dann aber vereinfacht sich dies auf die allgemeine Fragestellung Nationalismus — Internationalismus, also zu einem akademisch sehr lehrreichen, aber gegenwärtig höchst unwichtigen Jdeenstreit. „Nationalismus an sich." Dieser Begriff ist nicht zu klären, wenn nicht wenigstens oberflächlich die Staatsidee erörtert wird. Der Staat ist nach allgemeiner Erklärung ein Gemeinschaftskörper, gekennzeichnet durch eigenes Staatsgebiet, eigene Staatsgewalt und eigenes Staatsvolk. Während die beiden ersten Punkte den Staat mehr oder minder als Organisationsaebilde ausfassen lassen könnten, ergibt das dritte Kriterium, daß es sich darüber hinaus um ein doch organisches, in sich selbst beruhendes Gebilde handeln muß. So hat auch die moderne Staatsrechtslehre, vielleicht unbewußt anknüpfend an die fast verschollenen Gedankengänge E h r l i ch s, immer mehr den Gedanken in den Vordergrund geschoben, daß hier nicht nur ein juristisches, sondern darüber hinaus, vielleicht unerklärbar, aber erkennbar lebendiges und aus sich getragenes Sozialwesen vorliege. Ob dafür eine neue Begriffsbestimmung geschaffen wird, wie S m e n d es will, oder die allgemeine soziologische Gegebenheit als solche hingenommen wird, wie Ehrlich es tut, ist völlig gleichgültig. Vor Jahren hörte ich bei Heinsheimer in Heidelberg Bank- und Börsenrecht. Heinsheimer besprach den Begriff der Bank, erklärte die einzelnen Aufgaben, den üblichen Geschäftsbetrieb usw. und gab endlich eine sehr kunstvolle Erklärung des Begriffes. Und als wir die wirklich wunderschöne Erklärung mit dem gewohnten Veifallsgetrampel quittierten, sagte der große Rechtslehrer lächelnd: Eigentlich ist das Ganze, was ich Ihnen sagte, Unsinn. Man kann einfach nicht Lebenserscheinungen restlos in Begriffe unterbringen. Streichen Sie innerlich das eben Gehörte durch und nehmen Sie die folgende Definition: Eine Bank ist eben eine Bank! So geht es hier. Es gibt nun einmal Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir mit unserer Schulweisheit nicht restlos ein'ordnen können. Und wer „von Gott, der Welt und was sich drin bewegt" Erklärungen gibt, wird sich oft bei ehrlicher Betrachtung sagen müssen, daß der davon „soviel wie von Herrn Schwerdtleins Tod" gewußt hat. Aber die Unmöglichkeit einer klaren Zergliederung nimmt nicht die Möglichkeit einer rein visuellen Erkenntnis. Der Staat ist eben doch ein mehr als organisatorisches Gebilde, und das Volkstum (Staatsvolk) ist ein Gesamtkörper, mag er auch seinen Genealogen noch so viel Rätsel aufgeben. Und wenn wir die dem heutigen „Nationalismus" zugrunde liegende biologische Wurzel als unecht abgetan haben und uns nur mit der irgendwie begründeten, aber unbestreitbar lebendigen sozialen Erscheinung befassen, dann sehen wir plötzlich, daß da ein Volks(Nations-)begriff erwächst, der mit den undemokratischen Erscheinungsformen des Nationalismus nichts zu tun hat. Hier münden aber die Ideen Herzfelds. Jeder Organismus hat Kräfte, sonst muß er zerfallen. Das Volkstum (die Nation) hat sicherlich Krästequellen in sich aufgespeichert, deren ideelle Nutzbarmachung jedem Gutwollenden angelegen sein mutz. Man mag sich darüber streiten, ob es nicht richtiger ist, in künftigen Jahrzehnten und Jahrhunderten diesen Sozialkörper in einen noch größeren und umfassenderen überzuleiten. Vorläufig haben wir mit ihm zu rechnen, und wir alle müßten es aus tiefstem Herzen begrüßen, wenn die im Grunde urdemokratische. Idee Herzfelds sich durchsetzen könnte. Eine Gemeinschaft all derer, die diesem soziologischen Begriff zugehören, eine „geeinte Nation, die alle Volksgenossen umfassen soll", gerade dahin geht ja her Ruf der deutschen Jugend und nicht zuletzt der jüdis ch e n. Und wenn es möglich wäre, einen Nationalismus dieser Art zu errichten, wir C. V.er müßten die ersten an der Baustelle sein. Wir brauchen uns aber um diese Frage nicht in der kommenden Nummer der „C. V.-Zeitung" anzugreifen, lieber Heinz Cohn! Denn diese Form des Nationalismus liegt, wie leider so viel Schönes, im Land Utopien. Soweit noch weltanschauliche Streitpunkte zu klären sind, haben sie wenig Anspruch auf Aktualität. Mir war es wesentlich darzulegen, daß die Unruhe, die der Herzfeldsche Artikel in vielen unserer Besten erweckt hat, einem Mißverständnis entwachsen ist. Für tue Jetztzeit aber gilt das Wort der Erwiderung. daß kein Jude mit dem deutschen Nationalismus liebäugeln darf, solange er nicht nur Träger der völkischen Idee, sondern auch Bannerführer des unoemokratischen und unliberalen Staatsbegriffes bleibt.

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