Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 11 (November 1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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70 schaft in den kleinlichen Nahmen einer Nasse oder eines voreingenommen gedachten VollStnms mit einer teils kühl-ablehnenden, teils pöbelhaft-demagogischen Spitze gegen Menschen jüdischer Abstammung preßte, verengte man zugleich den Nationalismus in lärmender Unduldsamkeit zu einer ebenso romantischen wie fanatischen Angelegenheit völkischer Ideologien. Diese Form von Nationalismus wurde im Nationalsozialismus Partei und nahm, durch Zeitumstände und Mangel an schlagkräftigen Gegenbewegungen nationaler Art begünstigt, ihren unerhörten Aufstieg. Und so kam es, das; der Nationalismus so sehr mit völkisch-antisemitischem Gift geimpft wurde, daß dieses heute fast wie ein fester Bestandteil des deutschen Nationalismus erscheint. So schwierig dadurch die Situation gegenüber dem Nationalismus geworden ist, müssen wir uns dennoch darüber klar sein, daß diese völkische Wendung keine notwendige Konsequenz eines jeden Nationalismus ist, daß sie vielmehr eine tragische Verirrung bon, dem Kerngedanken der Volksgemeinschaft darstellt, indem sie den Volksbegriss in einer geradezu atavistisch-primitiven Weise auf eine sehr zweifelhaft gewordene Vlutgemeinschaft gründet. Als ob man mit dieser Urfornr einer Gemeinschaft die reichgegliederten Formen einer jahrtausendalten, schicksalsreichen Kultur, wie sie die deutsche ist, einfangen könnte. Der Nationalismus eines Kulturvolks braucht die Volksgemeinschaft ganz und gar nicht auf so urtümliche Weise zu gründen, denn eine Volksgemeinschaft hoher Kulturvölker (man betrachte den Nationalismus in England und Italien) beruht auf dem höheren Fundament des gemeinsamen Schicksals, des einheitlichen Willens zur Zukunftsgestaltung und in der irrational wurzelnden Vaterlandsliebe. Jeder und auch jeder nationalgesinnte jüdische Deutsche, der das Wesen des Nationalismus in einer von solchem Erleben erfüllten Gemeinschaft sieht, darf sich nicht von der völkischen Verdunkelung des nationalen Gedankens beirren lassen, einer im Endziel als richtig erkannten nationalen Bewegung zu folgen — um Deutschlands willen, das es durch die nationale Läuterung zu reformieren gilt. Denn noch über eines muß sich ein solcher Mensch klar sein: Die nationale Bewegung in Deutschland zieht im Grunde noch immer ihre Kraft aus dem echten Kerngedanken der geeinten Nation, diealleVolks- .genossen in der gemeinsamen Arbeit an Deutschlands Gestaltung umfassen soll, und insofern ist die nationale Bewegung Zutiefst Partei frei, wenn sie auch bisher ihre äußere Organisation immer mehr im Nationalsozialismus fand. Dennoch: die nationale Bewegung ist bisher keineswegs „mit Haut und Haaren" im Nationalsozialismus aufgegangen. Jeder aber, der sich, abgestoßen vom Antisemitismus der Nationalsozialisten, von der nationalen Bewegung überhaupt abwendet, überläßt zugleich den Nationalsozialisten die alleinige Trägerschast der nationalen Bewegung und läßt damit die kompromittierende Verengung des Nationalismus geschehen. In allzu vielen Köpfen vollzieht sich leider ein solcher resignierender Vorgang, der folgenschwerer ist, als es viele sehen. Denn bei der gegenwärtigen Politischen Situation, in der man immer mehr zu radikalen Entscheidmrgen gedrängt wird, wird jeder wirklich starke Neugestaltungswille —- vor allem bei jungen Menschen — mehr oder minder konsequent in die Front des Komnumismus einschwenken, wenn der nationalistische Weg — aus welchen Gründen immer -- abgelehnt wird. Man mag zu diesen Dingen stehen wie man will, man mag im 'Sozialismus oder im Kommunismus den Weg sehen, den Deutschland gehen muß — und wir sagten schon, daß die soziale Bewegung heute in Deutschland so groß ist, daß in ihr zweifellos eine der Znknnftsmöglichkeiten liegt, wie ja auch keine Bewegung in Deutschland den sozialen Gedanken wird außer acht lassen können —, aber anderseits darf man auch nicht den echten, gesunden Kern des Nationalismus verkennen. Wie jede große Idee leidet auch die nationale Idee unter Unverständnis und unter ihrer Verzerrung. Zudem wird sie allzuoft materiellen Interessen vorgespannt und damit schmählich kompromittiert. Es gilt, sich von all diesen Schlacken, durch die sich der Weg einer in sich gesunden Bewegung hindurchläntern nmß, nicht beirren zu lassen und vor allem nicht Wie steht die nationale Front zur Frage der Gleichberechtigung? Von Heinz Cohn Die Allsführungen Dr. Herzfelds sind insofern voll Belang, als sie uns auf die Notwendigkeit Hinweisen, uns als deutsche Illden mit bcu Bestrebungen des sogenannten „Neuen deutscheil Nationalismus" auseinanderzusetzen. Wir sind uns, hoffe ich, mit Dr. Herzseld durchaus einig in der Auffassung, daß der Nationalismus in seiner'heutigen Form und besonders in seiner deutschen Ausprägung es dem deutschen Juden unmöglich lnacht, sich in die sogenannte „Nationale Front" einzureihen; darüber hinaus verliert die nationale Belvegung infolge ihrer einseitigen Begründung des Nationalstaates vom Nassenmäßigen her notwendig an innerer Tiefe wie auch an Werbekraft im besten Sinne. Der in den Traditionen des deutschen Jdealis- Mlls grvßgewordene deutsche Jude wird» sich infolge der oft zutage tretenden idealistischen Grundhaltullg der jnngnationalen Bewegung rein instinktmäßig zu dieser hingezogen fühlen. Er wird sich jedoch keineswegs verhehlen dürfen, daß mit eitler eventuellen A u s s ch a l t u n g d e s völki - s ch e n Prinzips im Lager der nationalen Front das Problem für den Juden durchaus n i> ch t gelöst ist. Zuerst ist es eine Frage, ob es überhaupt möglich ist, die Judenfeindschaft aus dem eisernen Bestand des nationalistischen Programms -auszumerzen. Seien wir uns doch darüber klar, daß diese Judenfeindschaft nach innen ja nur eine notwendige Ergänzung der Anslandsfeindschast nach außen darstellt. Beide Angriffsstellungen entspringen deinselben Beweggrund: der bedingungsl o s e it Able h nung a l l e r Bewegungen, die gewillt sind, die Zukunft der M e ll s ch h e i t a u f der parlamentarischd e m o kr a t i s ch e n G r u n d l a g e d e r G l e i chb e r e ch t i g tl ll g it n b H n m anität a u f z u - b a ll e ll. Welln aber erst diese Grundlage im Dritten Reiche erschüttert ist, wo bleibt da noch eine Möglichkeit, sich für die juristische und moralische Gleichberechtigung der Juden einzusetzen? Nun gibt es tatsächlich innerhalb des deutschen Nationalisnlus auch einzelne Gruppen, die im komtitenbcn Reiche auch für Juden eine Existenzmög- - lichkeit sehen, aber nur für diejenigen, welche selbst die Forderungen des einheitlichen Nationalstaates anerkennen. Verstehen wir uns aber recht, Herr Dr. Herzseld: Erst dann ist die gleichberechtigte Existenz der Judenheit gewährleistet, wenn diese Gleichberechtigung auch jedem Juden, unabhängig von seiner p o l i t i s ch e lt oder kulturellen Einstellung, gewährt wird. Der jullge Nationalismus aber, soweit er nicht von vornherein grundsätzlich antisemitisch ist, ist doch höchstens für die Gleichberechtigung der Inden zll haben, die willens sind, seiner eigenen Fahne All folgen, nicht aber gilt dieses Zugeständnis dem pazifistischen, marxistischen' oder sonst politisch anders eingestellten Juden. Hier scheiden sich die Wege derer, die unter Gleichberechtigung die Garantie für alle Juden verstehen, undderer, die mit ihrer Anerkennung von seiten des Nationalisnllls Unflat selbst ihre andersdenkenden Glaubensgenossen dem Schicksal der Rechtlosigkeit überlassen würden. Wir erfennen in diesem Zusammenhang aber auch, wie wenig die gefaulte Frage ein rein jüdisches Problem ist, wie sehr sie vielmehr von grundsätzlicher Bedeutung für die Gesamtbeurteilung des Nationalismus wird. Die Juden spielen hierbei einzig ulld allein die Rolle des unglücklichen De- Ulvnstrativnsobjekts, an dessen Behandlung die ganze innere Einstellung der nationalistischen Kreise in voller Deutlichkeit zum Ausdruck kommt. Lehen wir also vom Jüdischen ab, so müssen wir allein als Menschen, die^u^fükWches Zusammendiese Schlacken mit dem wirklichen Nationalismus der nationalen Idee zu identifizieren. Der echte Nationalismus hat zutiefst eine erzieherische Ausgabe, er hat seine Forderungen zunächst lveniger an andere als an sich selbst zu stellen, das heißt, er hat zu verlangen, daß jeder zunächst in sich den verantwortungsbewußten, nationalen Deutschen heranbilde, der an seiner Stelle das brauchbare Glied eines zukünftigen Deutschlands sein kann. In seinem Kern ist der Nationalismus eine wirklich positive Bewegung, und'wir sollten um ihrer Zukunfts- Hoffnung ivillen nicht an der nationalen Bewegung Vorbeigehen. arbeiten der Nationen sowie allgemeine Gleichberechtigung eintreten, energisch von jedem Nationalismus abrücken und uns der Front zugesellen, die ohne Einschränkungen und Bedin-' gungen die' elementarsten Forderungen der Menschlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat, ganz gleich, ob die von den Forderungen betroffenen Kreise zu ihnen gehören oder nicht. Um nun nvck) aus die Zukunftshvffnungen einzugehen, die Sie auf den neuen Nationalismus setzen, so möchte ich dazu folgendes sagen: Auch andere Parteien und politische Gruppen als die Kreise des Nationalismus arbeiten heute am Neubau der deutschen Nation. Man mag über den Weg^ den die einzelnen Parteien gehen, verschiedener Meinung sein; eins ist aber sestzustellen: Keine dieser Parteien, mit der alleinigen Ausnahme der „Nationalen Front", hat sich bis jetzt jemals vermessen, dem politischen Gegner rundweg die Zuständigkeit in Fragen der Nation abzusprechen. Diese schäbige, kurzsichtige, man könnte fast sagen: den nationalen Aufbau schädigende Haltung ist den Kreisen Vorbehalten geblieben, die das Wort „national" am häufigsten im Munde führen. Bei aller Beachtung, die wir schon aus politischen Gründen der Entwicklung des jungen deutschen Nationalismus schenken müssen, läßt sich doch das abschließende Urteil nicht vermeiden: Der deutsche Jude, der sein Judentum bewahren und zugleich am Neubau der deutschen Nation Mitarbeiten will, hat im Lager des deutschen Nationalismus von Hitler bis Jünger nichts verloren. Rationalismus und Demokratie Von Dr. Rudolf Wertheimer (Zweibrücken) Als ich den Hans - Herzseld - Aufsatz in Nummer 45 und die Erwiderung von Heinz Cohn in Nummer 46 der „C. D.-Zeitung" las, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, a-ls ob die beiden Bearbeiter aneinander vorbeigeredet hätten. Die größere Schuld an dem Mißverständnis, dem, wie die redaktionelle Anmerkung ersichtlich macht, nicht nur der Verfasser der ersten Erwiderung, sondern offensichtlich eine ganze Reihe von C. V.-Freunden verfallen ist, liegt ohne Zweifel aus seiten Herzfelds, der einen sehr beachtlichen Gedanken zuerst herausgebildet und dann durch eine unerwartete Schlußwendung doch wieder zu sehr vergeheimnist hat. Durch die Wendung des anfangs rein abstrakten Gedankengangs zum Gebiet des Tatsächlichen konnte die Auffassung entstehen, die nicht nur zu abstrakten, sondern zu sehr realen Erwägungen und letzten Endes zu der scharfen Ablehnung, wie die Erwiderung sie bringt, führen mußte. Es war mir daher sehr willkommen, als ich zu einer Stellungnahme aufgefordert wurde, schon deshalb, weil meines Erachtens die Gegenseitigkeit zwischen den beiden Meinungen bei^entsprechender Auslegung gar nicht so groß ist, als es zunächst scheint, oder besser, weil die Auseinandersetzung von einer politischen zu einer rein abstrakt-weltanschaulichen wird. Solche Meinungsverschiedenheiten innerhalb einer Jdeengruppe sind erwünscht, denn nur eine stehenbleibende Bewegung hat keine innerlichen Probleme mehr, die besonders von den jüngeren Kräften (sei es auch in streitiger Verhandlung) erörtert werden können. Politische Meinungsverschiedenheiten von so grundlegender Bedeutung aber, wie sie sich besonders-aus der Erwiderung zu ergeben scheinen, würden eine ernste Gefahr für die Homogenität der