Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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67 verfolgte; er wollte vom Segen nichts wißen — so bleibe er ihm selbst fern. Reich und arm hat Gott geschaffen; Gott ehrt, wer barmherzig ist gegen den Schwachen. Er leiht Gott, er wird es ernten mit Zinsen. Die tugendsame Hausfrau gibt mit voller Hand dem Bedürftigen. Sich selber erweist Gutes der Liebreiche; und ans den Kopf des Gegners häuft er Glntkohle. Der Gerechte kennt und erkennt die Seele seines Tieres. Und den Sklaven hat Gott geschaffen Wie seinen Herrn, bekennt Hiob, der sich seiner Humanität mit gutem Gewissen in seinem Unglück rühmen darf: Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Fuß. So bleibt Israels Humanität sein Gottes-- schmuck und seine Winterhilfe. Heinrich Heine, -er -eutjche Dichter „Der Rhein, von dem Sie kommen, ist der Strom der Erinnerung für mich! Mein ganzes Herz hängt an ihm; ich bin nicht nur von Geburt, sondern auqh von Natur ein Rheinländer.** Diese Worte sprach Heinrich Heine int Jahre 1846 zu Levin Schücking, der den deutschen Dichter in Paris aufsuchte. Sie allein widerlegen schon alle die Auffassungell, die sagen, Heine sei kein rechter Deutscher gewesen, er habe deutschem Wesen immer fremd gegenübergestanden, ja, sei sogar ein Teutscheuseind gewesen. . Wie kommt es, daß man Heine so falsch beurteilt, und wo ist die Wahrheit zu finden? War er ein gegen Deutschland eingenommener Franzosenfreund, oder war er ein deutscher Chauvinist, wie ein französischer Biograph behauptet^)? — Alle diese Beurteiler gehen mit einer vorgefaßten Meinung an Heine heran und suchen diese, ihre Ansicht' mit den verschiedensten Stellen zu belegen. Aber gerade bei Heine muß man sich noch mehr als bei jedem anderen Schriftsteller hüten, Schlüsse aus nur einem Worte, einem Absatz zu ziehen, sondern inan muß ihn als Garlzes betrachten und in seine Zeit hineinstellen. Heine war von Geburt und Abstammung deutscher I u d e 2); er wuchs in einem Düsseldorfer jüdischen Hause zu einer Zeit auf, als Napoleon die Herrschaft über die Nhemlande besaß. Die uralten jüdischen Traditionen sowie die überwältigende Persönlichkeit Napoleons, „des großen Kaisers", „jeder Zoll ein Gott", „mit den ewigen Alkgen in dein marmornen Jmperatorengesicht" hatten den Dichtertief beeindruckt. Aber doch war er ein Deutscher, fühlte sich als solcher. Sein Deutschtum lag tief begründet und konnte nie lärmend an die Oberfläche treten. Heine hätte niemals ein Prophet des Deutschtums sein können wie Ernst Moritz Arndt, dessen Werke ebenso wie die Heines verboten wurden, denn über das Teiltschtum hinaus war er Kosmopolit: „Ich liebe Deutschland und die Deutschen, aber ich liebe nicht minder die Bewohner des übrigen Teils der Erde"2 * * *). Woher konunen nun die ablehnenden Stimmen, die nach ernsthafter Auseinandersetzung — denn nur diesen ist zu entgegnen, da auf böslvillige Verleumdungen nicht eingegangen zu werden braucht — ihm das Delltschtum abzustreiten suchen? Sie bringen genug Beweise aus Heines Werken, aber trotzdem ist ihre Meinung irrig, dem: — im Zusammenhang gesehen sagen diese Zitate anderes. Heine war ein scharfer Kritiker am System des damaligen Deutschland. „Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch", heißt es in seinem Weberlied. Als Exponenten dieses alten Deutschland sah er die Könige und Minister, Zensoren und gewissenlose Literaten, Militär und Polizei als ausführende Organe und schließlich den deutschen Bürger, der „gemütlich und brav" den „gesunden Pflanzenschlaf" schlief. Gegen sie richtete sich sein beißender Spott, der oft bis zum Uebermäßigen gesteigert wurde (so besonders gegen „Herrn Ludwig von Vahernland", den „angestammelten König", und gegen den Hoheuzollern, den „neuen Alexander", einen auf- 1) P i e. r r e - G a u t h i e z : „Henri Heine", Paris 1613, Blond u. Cie. 2) Vgl. David Kaufma n n : „Ans Heinrich Heines Ähnenfaal." Breslau 1866. (Das Buch behandelt nur die mütterliche Familie Heines.) *) Briefe aus Berlin, 2. Brief vom 22. März 1822. geklärten Obskuranten"^). Mit allen Mitteln seines Witzes und aller Schärfe, die ihm zu Gebote stand, geißelte er die deutschen Zustände, das Philisterhafte des deutschen Bürgers, der sich nicht gegen seine Bedrücker erhob, und die bürokratisch-militärische Steifheit der Beamten. Wenn man diesen Spott als Teutschfeindlichkeit auffaßt, dann sieht man nicht die Bewegungen der Zeit, die zum Umsturz strebten und ein großes, einiges republikanisches Deutschland herbeisehnten, dann weiß man nichts von der Relegation Ernst Moritz Arndts.und der Ausweisung der „Göttinger Sieben", unter denen sich Gelehrte wie Dahlmann, die Brüder Grimm u. a. befanden. — Dieser scharfen Kritik hatte Heine es zu verdanken, daß auch er ausgewiesen wurde und der Bundestag seine Schriften verbot. Wie viele Deutsche seiner Zeit fand er in Paris eine Zufluchtsstätte und glaubte in dem Lande der Julirevolution das Ideal der Freiheit zu sehen. Trotzdem er dort mit Deutschen zusammen war und die Franzosen ihn achteten2), fühlte er sich im Exil und aus seinem Vaterlande verstoßen. „Mem Geist fühlt sich in Frankreich exiliert und in eine fremde Sprache verbannt", heißt es an einer Stelle, und in „Ludwig Börne" schreibt Heine: „Wer das Exil nicht Hennk, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen färbt, und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken giesst. Dante schrieb seine ,Hölle** im Exil. Nur wer im Exil gelebt hat, iveiss auch, was Vaterlandsliebe ist, Vaterlandsliebe mit all ihren süssen Schrecken und sehnsüchtigen Kümmernissen!** Einige Seiten später sagt er: „Glücklich sind die, welche in den Kerkern der Heimat ruhig hinmodern...; denn diese Kerker sind eine Heimat mit eisernen Stangen, und deutsche Luft weht hindurch, und der Schlüsselmeister, wenn er nicht ganz stumm ist, spricht er die deutsche Sprache!... Es sind heute über sechs Monde, dass kein deutscher Laut an mein Ohr klung, und alles, Was ich dichte und trachte, kleidet sich mühsam in ausländische Redensarten ... Ihr habt vielleicht einen Begriff vom leiblichen Exil, jedoch vom geistigen Exil kann nur ein deutscher Dichter sich eine Vorstellung machen, der sich gezwungen sähe, den ganzenTag französisch zu sprec h en, zu schreiben und sogar des Nachts am Herzen der Geliebten f r an - zö st sch - zu seufzen! A uc h meine .Gedanken sind exiliert, exiliert in eine fremde Sprach e.** Hier spürt man beit Deutschen, der mit Schmerzen fühlt, daß das Vaterland ihn verstoßen hat, der sich nach der Heimat zurücksehnt, bis er 1844 in die Worte ausbricht: „Das deutsche Herz in meiner Brust Ist plötzlich krank geworden, Der einzige Arzt, der es heilen kann, Der wohnt daheim im Norden.** 4) Vgl. auch die erste Fassung der „Schlotzlegende, wie sie zuerst in den „Pariser Horen" erschien und jetzt int „Lyrischen Nach las;" abgedruckt ist. ^Alexander D u tu a s pöre sagte über Heine: „Frankreich wird den groszen Dichter mit Stolz und Freude zu den Seinen zahlen, sobald er den Wunsch äußert; aber leider liebt er Deutschland mehr, als dieses Land es verdient". (Mitgeteilt von Maria Embden - Heine: „Erinnerungen an H. H. und feine Familie".) Die Kraft, die er aus Deutschlaud schöpfte, gab ihm immer wieder neuen Antrieb, ermutigte ihn in feinem Exil; die Berührung mit Deutschland auf den Reisen (1843/44) ließ ihn aushalteu: „Seit ich auf deutsche Erde trat, Durchströmen mich Zaubersäfte — Der Riese hat wieder die Mutter berührt, Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.** Ja, selbst in einem Geheimbericht über die Pariser Deutschen aus dem Jahre 1837 heißt es: „Heine möchte ebenso gerne wie Börne nach Deutschland zurück"2). In seinen Liedern sind überall diese „guten Volksklänge" zu spüren, von denen Ferdinand Grimm an seine Brüder Jakob und Wilhelm Grimm schreibt); und der große dänische Dichter Andersen sagt von seinem Besuch bei Heine in Paris: „Ich hörte nur den Pulsschlag eines deutschen Herzens, welcher ewig in den Liedern vernommen wird, d i e l e b e n müsse n"8). Das Deutschland, das Heine ebenso wie viele ändernder in Paris lebenden Deutschen ersehnte, war größer und schöner als das seiner Zeit. Er träumte von einem Reich der Freiheit und Gerechtigkeit, .in dem die Menschen als Gleiche neben- und miteinander lebten. Im Prospekt zur geplanten „Pariser Zeitung" (1838) schreibt er: „Wir sind auch Patrioten, denn wir glauben an Deutschland, an das grosse heilige Deutschland der Zukunft, an ein schönes, teures Vaterland, das in unseren Herzen hervorblüht**°). Diese starke Betonung des Deutschtums machte es dem Dichter aber zur Pflicht, sich scharf abzugrenzen gegen die U e b e r Patrioten, die Schreier, die in ihrem Deutschsein etwas sehen, das an objektivem Wert über allem anderen steht. Er spottet der „Teutomanen", die altdeutsche Röcke" oder wenigstens „altdeutsch Unterhosen" tragen. Die „Teutomanie" ist ihm leeres Gerede, er will Höheres. „Meine Seele glüht zu sehr für die wahre Freiheit, als dass mich nicht der Unmut ergreifen sollte, Wenn ich unsere winzigen, breiischwatzenden Freiheitshelden kl ihrer aschgrauen Armseligkeit betrachte; in meiner Seele lebt zu sehr Liebe zu Deutschland und Verehrung deutscher Herrlichkeit, als dass ich einsiimmen könnte in das unsinnige Gewäsche jener Pfennigs•< mens eben, die mit dem Deutschtum kokettieren; und zu mancher Zeit regt sich in mir fast krankhaft das Gelüste, mit kühner Hand der alten Lüge den Heiligenschein vom Kopfe zu reissen und den Löwen selbst an der Haut zu zerren, — Weil ich einen Esel darunter vermute*').** Gerade dieses Kokettieren mit dem Deutschtum haßt Heine so, weil es den Anschein e i n e s P a t r i o t i s m u s erwecken will, aber nur dem Eigennutz und der Eitelkeit entspringt. Deutschtum ist ihm Ausgabe: „Denk' ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht.** Er glaubt an das starke Deutschland: „Deutschland hat ewigen Bestand, Es ist ein kerngesundes Land.** und in einem in der letzten Zeit häufiger zitierten Gedichte heißt es: „Ja, du wirst einst wie Siegfried sein Und töten den hässlichen Drachen.** Hier ist Kraft und Glaube, hier ist wahre Vaterlandsliebe in ihrer stärksten Form. Heine, der deutsche Jude, der im Exil zu Paris lebte, sah in seiner deutschen Heimat die Verkörperung seiner Ideale, und er liebte dieses schöne Land „mit seinen Eichen, seinen Linden", das der Hort der Freiheit werden konnte, wenn einst der deutsche Bürger, der „in sanfter Hut von sechs-. 0) Vgl. Karl G l o s s y : „Literarische Geheimberichte aus dem „Vormärtz", Wien 1913. („Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft", Jahrgaug XXI—XXIII, S. 9 ff.) 7) Haus Ehr. Anderse u: „Das Märchen meines Lebens." Deutsche Bibl., Berlin, S. 110.' 8) Siehe „Der Prosa-Nachlaß von H. H.", heraus» gegeben von Erich Loewenthal, Hoffmann u. Lampe, v) Brwfe aus Berlin, 3. Brief vom 3. Juni 1822.