Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Hb Israels Propheten soziale Sendboten an die Gegenwart Siblifche Skizzen von TheoSor Rappstein stcherheit. Wir besudeln also unsere nativnale Ehre, wenn wir uns zuchtlos erweisen Und einer Minderheit gegenüber „dentscyeL Heldentum" an den Tag legen. Wir sind es uns weuer als Förderer deutscher Kultur schuldig, die Juden, deren kulturelle Bedeutung wissenschaftlich längst erwiesen ist, als geistlg ebenbürtige Mitarbeiter zu betrachten. „Der jüdische Geist", so urteilt der Münchener Rassehygiemker Professor Lenz, „ist neben dem germanischen die hauptsächlichste treibende Kraft der modernen abendländischen Kultur." Und schließlich — last not least — wollen wir Frontkämpfer das Andenken der 12 000 gefallenen jüoi,chen Soldateil ehren, die Schulter an Schulter mit uns einer Welt von Feinden standhielten, und nicht vergessen, daß auch sie im Dienste für deutsches Land und deutsches Volk ihr Leben ließen uild damit uns schicksalsverbunden waren und sind. Die B e k ä m p f u n g des A n t i s e m i - tismus ist demnach gesellschaftliche, menschliche, christliche, nationale u n d k u l t u r e l l e Pflicht, und d a r u m : Deutschland e r w a ch e! H. A. Wintratto (Rheinhausen, Ndrh.). Jzoulet und seine wirre Schrift Der Professor Jean Jzoulet hat eine verblüffende Eingebung gehabt. Die drei großen Weltreligionen, Christentum, Judentum und Islam, erscheinen ihm als eines Geistes Kind — ein Gedanke, der nicht neu ist und, soviel wir wissen, in jener nicht unbekannten Parabel von den drei Ringen im „Nathan der Weise" eine gewisse Nolle spielt. Da es nun so sei, meint Jzoulet) wäre nichts gegebener, als sie wieder zu „einer neuen geistigen Macht" zusammenzuschließen, die dann „das Heilmittel für das Nebel" sein würde. Dieser Zusammenschluß soll in der Schaffung einer „höchsten Weltuniversität zur Offenbarung der Weltseele" gipfeln, wofür Jerusalem als Ort und das Judentum als Führer ausersehen sind. Punktum. Der verblüffende Plan des französischen Professors hat nur einen einzigen Fehler: Jzoulet meint den g e i st i g e n Stein der Weisen gefunden zu haben — aber den gibt es (leider!) so wenig wie den anderen, der alle Krankheiten des Körpers heilen soll. Der Plan hat darum auch seit seinem Bekanntwerden vor etlichen Jahren keine Beachtung gefunden, und sein Schöpfer erfreut sich, wie uns aus Paris gemeldet wird, keinerlei Autorität. Er gilt als das, was man sofort weiß, sobald man auch nur einen Blick ins Inhaltsverzeichnis geworfen hat: als ein P h a n t a st un,b e i n W i r r k o p f. Das mit Recht vergessene Buch ist nun wieder ausgegraben worden und in die deutsche Sprache übersetzt. Es ist bei Th. Weicher, Leipzig 1931, unter dem Titel „Paris, Hauptstadt der Religionen oder Die Mission Israels" erschienen. Es ist unserer Redaktion zur Rezension zugegangen, nicht ohne Hinweis, daß, wenn ein Verfasser ein Buch „in einer Verherrlichung eines einzigen kleinen Volksstammes auf Kosten aller anderen Völker der Erde ausklingen läßt", es „von diesen, und bestimmt auch von dem betroffenen Günstling selbst nicht unwiderlegt bleiben" könne. Und in der Tat meldet sich die antisemitische Presse schon zum Wort, so daß wir uns veranlaßt sehen, diese Zeilen der Warnung vor der wirren Schrift zu veröffentlichen. Zunächst wird — in einem fünf Seiten langen Aufsatz im „Weltkamps" unter der Ueberschrift „Paris rüstet zum Einzuge Jehovas" — der Verdacht ausgesprochen, daß Jzoulet Jude sei. Wir haben an Ort und Stelle nachgeforscht und stellen fest, daß er weder Jude , n o ä) jüdischer A bstammung i st. Dann .kommt eine (sehr berechtigte) Kritik an der Wissenschaftlichkeit der Schrift, was aber den Verfasser nicht hindert, sie als Beweis dafür anzusehen, „daß das internationale Judentum und sein Exponent, das Freimaurertum, den Augenblick nahe herangekommen glauben, der die Verwirklichung des hebräischen Weltkönigtraumes bringen soll". Diese vollkommen konfuse Schrift eines aufgeregten nichtjüdischen Franzosen kann zwar kein Beweis werden, aber wieder, wie fdjon so oft, versuchen die Judenfeinde, sie als Masse in ihrem antisemitischen Rüstzeug auszubeuten — das ist ihre Gefahr. Torheit oder richtiger Bosheit ist es aber, das Judentum nun auch schon für Schriften von Nichtjuden haftpflichtig zu machen. Ka. Bevor wir in unserer chronologischen Charakteristik der sozialen Gegenwartsbedeutung der Propheten Israels weiterschreiten, sei unserer Betrachtung ein Haltepunkt gewährt. Wie auf Bergeshöhe nach redlichem Anstieg machen wir Station und gönnen uns weite Umschau nach allen Seiten. Wir wollen die verstreuten Züge vonHuman i tä talsSozi algesinn un g zum Bilde zusammenfügen, wie es sich aus den heiligen Schriften des Bundesvolkes I . . 8 ergibt, unter der Losung des Nichtisraeliten Bileam, des Sohnes Beors, die er einst über Israel aussprach: „Vom Felsengipsel seh' ich ihn, von Bergeshöhe schau' ich ihn — das ist ein Volk für sich allein und nicht wie andere zu achten!" Jremdwörtlich und dennoch verständlich hat jemand geprägt: „Humanität ohne Divinität wird zur Bestialität", d. h. ethische Kultur ohne religiösen. Kultus sinkt ins Untermenschliche. Sagen wir für Kultus: Gottgeborgenheit, griechisch gleich Enthusiaslnus, das Sein in Gott, Lessings Nathan-Lehrgedicht bringt die bündigste Formel für die dem Nömerlatein entstammende „Hunmnitüt": Es sei uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen als Lebensart („Hamburger Dramaturgie") — begreifst du aber, wie viel andächtig schwärmen leichter als g u t h a n - deln ist? — Karl Heinrich Cornill weist zu unserem Thema mit Recht hin (1895) auf die fundamentalen Grundworte des ersten Mose-Vuches (Genesis 1, 27): Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde; der Münchener Kulturhistoriker W. H. Riehl hat den Satz erweitert: und der Mensch gibt den Dank zurück und erschafft den Gott im Ebenbild des Menschen. Goethe mit bitterer Menschenkenntnis: „Wie einer ist, so ist sein Gott, darum ward Gott so oft zu Spott." Die Höhe der Humanität ist erreicht, wo jeder Mensch, wie wir selber, rm Bilde Gottes angelegt, als sein Abbild empfunden wird. Wer seinen Bruder nicht achtet, den er sieht, wie wird er den Gott ächten, den er nicht sieht?! Und dazu die denkwürdige Völkertafel, Gen. 10: die Menschen allesamt Nachkommen der drei Söhne Noahs: Sem, Ham, Japhet, 70 Völkernamen, wie geschrieben vom Finger des Vaters aller seiner. Menschenkinder: sie alle sind Brüder! Einen Fremdling sollt ihr nicht bedrücken, mahnt die Thora; denn ihr wisset, wie einem Fremdling zumute ist, da ihr Fremdlinge gewesen seid in Aegypten. Das gilt den Schutzlosen, den Witwen imb Waisen, den Armen. Wie ein Eingeborener, von euch selbst soll der Fremdling gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst! Wenn die Unterdrückten schreien zu Gott, so brennt sein Zorn zur Vergeltung. Niemals soll, schärft besonders 6. Mose (Teuteronom) ein, der Israelit sich freuen im Genuß seines Gutes, ohne daß er die Freudlosen beteiligt. Gastfreundschaft, Mildtätigkeit, Vruderhilfe! Nicht Nachlese nach der Ernte halten; die vergessenen Garben und die zerstreuten Beeren aus dem Felde und im Weinberg gehören dem Dürftigen, damit Gott segne in allem Tun deine Hände! Und wenn du deine Oliven abklopfst und die Zweige absuchst — fafr ehm® dran! Der Armenzehnte tritt jedes dritte Jahr ein; der Levit (der ohne Erbteil unter den Stämmen blieb), der Fremdling, die Waise, die Witwe kommen zum Stadttor und finden den Zehnten vom vollen Jahresertrag, und sie essen sich satt. Der Vollertrag des Landbaues. (Feld, Weinberg, Oelgarten) ward in jedem siebenten Jahr zum Gemeindegut erklärt. Trauben darf der Hungernde sich Pflücken im Weinberg des Nächsten, nur mitnehmen darf er sie nicht; Aehren darf er mit der Hand raufen, doch die Sichel im Acker ist ihm nicht erlaubt. Ist das, statt über Feldfrevel zu zetern, nicht herrlich und brüderlich human? Der verdiente Lohn des Arbeiters soll nicht bis zum nächsten Morgen beim Arbeitgeber bleiben — ihr Damen mit eurer Schneiderin, ihr Hausfrauen mit dem Kaufmann ihr Behörden mit eurem Gehaltsstottern, ihr Männer mit euren Rechnungen und mit euren Angestellten — welche Winterhilfe allein schon durch das israelitische Vorbild .der sozialen Menschenpflicht des baren Ausgleichs! „Auf den Tag sollst du ihm seinen Lohn geben und nicht die Sonne darüber untergehen lassen; denn er braucht es herzlich nötig." Das ist human. Auch das Nehmen eines Pfandes als Sicherheit für das Darlehen regelte Israel in Humanität. Du sollst der Witwe nicht ihr Kleid abpfänden, auch nicht die zum Leben nötige Handmühle. Nicht wuchern und Prachern, aber ganz und willig helfen. Im Erlaßjahre — jedem siebenten Jahre — sollten alle Verbindlichkeiten, Schulden und Darlehen erlöschen. Ferner blieb der Neuvermählte, sehr human, ein Jahr lang frei vom Dienst mit der Waffe, auch schon der Verlobte. (Die Verlobung schließt die Ehe ein.) Auch wer ein neues Haus baute oder einen Weinberg pflanzte, sollte seine Gründung selber einweihen. Bei Belagerungen durften Fruchtbäume geschont bleiben; ,ckind die Bäume Menschen, daß du mit ihnenKrieg führst?" Wohin ist diese menschenhafte Kriegführung in späteren christlichen Zeitaltern entschwunden? Ebenso atmet die altisraelitische Hausdisziplin und Kriminaljustiz den Geist der Humanität. Von moderner Humanitätsseligkeit, sowohl dem streng unter der Rute und dem Rohrstock gehaltenen Jungen und Mädel wie dem öffentlichen Missetäter gegenüber, hielt sich Israel ebenso fern. Die Sklaven wurden vom Gesetz durchaus geschützt. Es durfte nicht einmal der entlaufene Sklave seinem großmächtigen Herrn ausgeliefert werden. Uebrrgens hat auch nicht das Christentum die Sklaverei beseitigt. Israels Humanität umfaßt die Kreatur mit dem Menschen zugleich: Du sollst dem dreschenden Rind keinen Maulkorb anlegen! Du sollst das Vöcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch! Ein Rind oder ein Schaf und sein Junges sollst du nicht auf einen Tag schlachten. Aus dem Vogelnest soll man sich die Eier und die Jungen aneignen dürfen, doch die Mutter muß man fliegen lassen — na ja . . . Aber rührend zartgefühlt klingt die Feindesethik: „Den Aegypter sollst du nicht verabscheuen, denn du bist Gast gewesen in seinem Lande. Seine Kinder mögen in der dritten Generation eintreten in die Gemeinde des Herrn . . ." Wie hat der Aegypter die Israeliten bis aufs Blut gequält; edle Rache! Ist das gottgefälliges Fasten, fordern die Propheten, den Kopf.hängen lassen, wie eine Leiche oder in Sack nud Asche sich betten? Aber dem Hungrigen das Brot brechen. Verirrte ins Haus führen, den Nackten kleiden, jegliches Joch sprengen! Und klassisch bei Micha: „Es ward dir gesagt, Mensch, was gut ist. und was Gott von dir fordert, nämlich Recht tun und Liebe üben und in Demut wandeln vor deinem Gott." Das ist der Humanität Krone. Aehnlich der Prophet Sacharja: „Uebt Redlichkeit im Rechtsprechen und erweiset einander Liebe und Barmherzigkeit!" Auf den gleichen Ton stimmen sich die Psalmen und die Sprüche. Wer sich die Geringeren angelegen sein läßt, den wird Gott am Unglückstag erhalten. Der Gerechte gibt gern. Verwünscht wird, der nicht daran dachte, Liebe zu üben und den Armen