Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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65 Die fthrverr Not Ser Werkstudenten In der Tagespresse liest man in letzter Zeit Artikel über das harte Leben der Merkstndenten. Da findet man romantische Schilderungen, wie ein junger Mann mit Schmissen im Gesicht Straßenarbeiten verrichten muß, um sem <Bin* dium zu ermöglichen, oder ein zweiter in den Ferien als Kellner sein Brot verdient. Und das Publikum liest solche allzu stark auf Essekt- Hascherei Angeschnittenen Darstellungen voll Staunen — aber ohne sich über das wahre Elend, das hinter ihnen steht, klar zu werden. Es ist viel wichtiger, die traurige Lage der Werkstudenten ernsthast zu schildern, denn mlr so kann man bei den Lesern wahres Interesse erwecken und sie dazu anregen, den Werkstudenten Arbeit zu geben. Und das will ich, der ich selbst Werkstudent bin, hier versuchen. Die Wirtschaftskrise trisst den Studenten in vielfacher Beziehung. Die Eltern, die beim Beginn des Studiums ihrer Kinder häufig noch glauben, ihnen eine sorglose Studienzeit gewähren zu können, sehen sich immer mehr dazu außer Stande. Die öffentlichen Unterstützungsquellen sind derart erschöpft, daß den einzelnen Studenten ein kaum nennenswerter Teil aus den zur Verfügung stehenden Mitteln zufällt. Die allgemeine Arbeitslosigkeit schafft eine ungeheure Konkurrenz, der der Werkstudent aus Mangel an praktischer Vorbildung nur selten gewachsen ist. Schließlich hat die Zahl der Werkstudenten selbst so zugenommen, daß die Stellenbeschaffung für die einzelnen Kommilitonen immer schwerer wird. Auf dem akademischen ErwerdsvermUtlungsamt in Berlin fragen täglich 100 bis 150 Studenten und Studentinnen nach Arbeit — dem steht ein Angebot von sechs bis sieben Stellen täglich gegenüber, wobei eingerechnet ist, daß Sonnabends die Stellenvermittlung wegen Mangel an Angeboten häufig ausfällt. Es gibt kaum eine Arbeit, die Werkstudenten nicht übernehmen. Die Zeit, in der sie sich nur mit Nachhilfeunterricht, wissenschaftlicher Hilfsarbeit, Korrekturlesen, Uebersetzungen und ähnlichem ihr Brot verdienten, ist längst vorbei. An der nachstehenden Liste von Arbeitsangeboten mögen die Leser ersehen, daß wir Studenten uns vor keiner Arbeit scheuen und daß der alte Satz, diese oder jene Arbeit könne man einem Akademiker nicht zumuten, längst überwunden ist. Folgende Angebote waren ausgeschrieben und wurden von Studenten ausgeführt. 1. Zwei kräftige Studenten zum Teppichklopsen gesucht. 2. Ein Student für Vormittag zum Fensterputzen gesucht. 3. Studentin, Sportlerin, kinderlieb, zur Beaufsichtigung eines neunjährigen Mädchens. 4. Student oder Studentin, gewandt in Stenographie und Schreibmaschine, für Mietbüro, halbtägig. 6. Drei Studenten für Tanz- und Unterhaltungsmusik, Klavier, Geige, Schlagzeug. 6. Student wird für statistische Arbeiten gesucht. 7.. Zwei Studenten, schlanke Erscheinungen, als Hochzeitsgäste gesucht. 8. Drei Studenten zum Verkauf von Bratkartoffeln in Tüten. 9. Zwei Studenten über 21 Jahre als Trauzeuge:: gesucht. » 10. Fünf Studenten zwei bis drei Stunden täglich zum Zettelverteilen. 11. Ein Student zum Wäscheausfahren dreimal wöchentlich. Nationale Gesinnung. 12. Drei Studenten für Hanswursseudungen. 13. Student, handfertig, zum Ausbessern von .Matratzen gesucht. 14. 76 Studenten zum Halten von Fesselballons auf dem Tempelhofer Felde. 15. Student zum Kohlcntrageu, täglich zwei bis drei Stunden. 16. Student als Plakatträger für Kino gesucht. 17. 20 Studenten für mechanische Büroarbeiten gesucht. Daß auch wir jüdischen Studenten solche Arbeiten übernehmen, ist selbstverständlich, aber allzuoft scheide:: wir von der Bewerbung aus', weil in den Angeboten „nationale Gesinnung" verlangt wird, womit ja die Arbeitgeber oft das gleiche meinen wie mit der deutlicheren Ank:"md:gung: Der Bewerber darf kein Jude sein. Auch diese Bedingung findet sich häufig. Also nicht einmal vor der grauenvollen Not der Zeit macht diese politische Hetze halt. Willy Weinberg, stuck, weck. Deutschland erwache! Viele Kriegsteilnehmer haben, erschüttert, erleben rnüssen, daß furchtbare Ereignisse an der Front, persönliche erschütternde Erlebnisse oder seelische Erschütterungen das Willens-, Verstandes- und Gefühlsleben des Menschen stark beeinflußten: völlige Gefühlslosigkeit, zeitweilige Ausschaltung des Verstandes, gänzliches Irresein. Das unglückliche Ende des Krieges und seine bis in die Gegenwart hineinreichenden Nachwehen haben der Zerstörungsarbeit der Seele und des Verstandes keinen Einhalt gebieten können, im Gegenteil, die Neurosen, wie der Mediziner sagt, sind erschreckend angewachsen. Insbesondere auf politischem und geistigem Gebiete macht sich diese Entwicklung bemerkbar. Zunächst mit tiefem Bedauern und ernster Besorgnis, dann mit wachsender Entrüstung und Beschämung ist der in geistiger Selbstzucht und Selbstprüfung groß gewordene Deutsche Zeuge eines teilweise mehr und mehr anormalen und krankhaften, teils geschäftstüchtigen Antisemitismus geworden, der in Verbindung mit „nationaler" Politik die sogenannte „gebildete" Schicht des deutschen Volkes erfaßt hat. Hemmungslos tobt sich insbesondere bei den ultraradikalen Antisemiten diese „nationale" Leidenschaft aus; kritiklos wird jede Phrase hingenommen und weitergeleiert, gedankenlos läßt man sich nie bewiesene und nie zu beweisende Behauptungen auftischen und auf Kommando brüllt man den Schlachtruf: „Jude verrecke!" Warum diese männermordende Phrase? Nichts ist leichter zu beantworten. „Wer hat den Krieg angezettelt?" „Die Juden!" „Wer hat dem siegreichen deutschen Heere den Dolch in den Nücke:: gerannt und wer ist infolgedessen für den unglücklichen Ausgang des Krieges verantwortlich?" „Die Juden!"~ „Wer hat das Versailler Diktat verschuldet?" „Die Juden!" „Wer hat die Inflation und den wirtschaftlichen Ruin Deutschlands herbeigesührt?" „Die Juden und das internationale Vörseukapital!" „Wer hat die letzte Finauzkrise heraufbeschworen?" „Die von jüdischen Kapitalisten beratene schwarz-rote Negierung!" „Wer zerstört deutsche Kultur, deutsche Sitten, deutsche Kunst usw.?" „Die Juden!" „Wer erstrebt die Weltherrschaft?" „Die Juden!" Wer kam: hierbei noch zweifeln, daß es sich entweder um Irresein oder Verfolgungswahn oder um beides zusammen handelt? Und deshalb, weil es sich offenbar um Kranke handelt, ist es einerseits leider oft erfolglos, ihnen gegenüber darauf hinzuweisen, daß ein solches „minderwertiges" Volk, das, über die ganze Erde verstreut, die Schlüsselstellungen des Weltgeschehens in Händen hat, nicht nur das Necht, sondern die Pflicht hat, getreu dem Grundsatz: den: Tüchtigsten die Welt, von dieser seiner ihn: innewohnende:: geistigen Macht unumschränkten Gebrauch zu machen. Wer könnte nämlich, falls die oben aufgezählten Leistungen wirklich zuträfen, die Juden hindern, eine Weltdiktatur zu gründen? Etlva die kleinen, bedeutungslosen, geistig inferioren Widersacher, die sich, obwohl sie die Sache durchschauen, gefallen lassen müssen, daß. ihnen en plein jour die Felle wegschwimmen, die einer Minderheit solche weltbewegenden Tatsachen zutraueu, während sowohl Edelrassigkeit und potenziertes Herrenbewußtsein bankerott machen? Warum also der Lärm um nichts? Aber.— so sehr man am gesunden Verstände dieser verblendeten Nationalisten und Nassefanatiker zweifeln möchte — auch Kranke sind heilbar und verdienen deshalb unsere besondere Aufmerksamkeit. Und sind. übrigens nicht recht viele der Mitläufer Unglückliche, Verzweifelte, deren Kräfte brachliegen und die mit ihrer Familie von kärglicher Unterstützung leben müssen, oder solche, die, garstig unreif, dorthir: lausen, wo etwas „gemacht" wird und wo „etwas los" ist, oder solche, die gezwungen in den Reihen mitmarschieren müssen, weil sie sonst brotlos werden? Sollen wir angesichts dieser Tatsachen hoffnungslos die Hände in den Schoß legen? Nie und nimmer! Diejenigen, denen es um die geistige Zukunft des deutschen Volkes geht, dürfen nicht erlahmen, irrenden und unreifen und verhetzten und verzweifelnden Menschen durch unermüdliche geistige Beeinflussung zur Klarheit, zur Wahrheit, zu gerechtem Urteil und anständigem Denken zu verhelfen. Dabei wollen wir etwas nicht vergessen: das Judentum bedarf unserer Hilfe nicht. Eine Jahrhunderte alte Geschichte hat bewiesen, daß es einig in seinem Lebenswillen, einig im geistigen Widerstand gegen Verunglimpfung, Verrohung und brutale Gewalt und einig in religiöser Verbundenheit die schwersten Stürme der Zeit überdauert .und siegreich überwunden hat. Seien wir ehrlich und geben wir uns gewissenhaft Antwort: Was wäre aus dem deutschen Volk bei all seiner Begabtheit und Tüchtigkeit geworden, wenn es, von Gewalthabern aus den: Lande der Väter deportiert, ohne Heimat, jahrhundertelang unter fremden Völkern rechtlos, verfolgt und in Pogromen dezimiert wäre? Haben wir den Mut zur Selbsterkenntnis und Selbstbeurteilung! Obwohl also die Juden — wie stets — auf sich selbst gestellt sich am stärksten erweisen werden, ist' es angesichts der ebenso niederträchtigen und feigen wie unberechtigten und sinnlosen Angriffe unmöglich, untätig zu bleiben, weil es nicht allein Meuschenpslicht ist, sondern weil Ehre und Gerechtigkeitssinndazu ausfordern. Wir dürfen es nicht dulden, daß das Christentun: durch solche Vertreter, die „nicht wissen, was sie tun", verunglimpft und seiner Werte entkleidet wird; diejenigen schließen sich selbst aus, die lediglich Namenchristen sind. Wir dürfen ferner nicht zulassen, daß eine Minderheit, die selbstverständlich ein Recht auf nationales Eigenleben hat, genau so wie unsere Landsleute in der Fre:::de, von einer Schicht, die sich ohne jegliche wissenschaftliche Begründung als „edelrassig" bezeichnet, angepöbelt, bedroht und tätlich beleidigt wird; solche Angriffe sind keine Zeichen von nationaler Stärke, sondern von nationaler Schwäche und Un-