Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Dem -rutschen Wirtschaftsführer Dr. Carl Melchior (Hamburg) zum 13. Oktober 1931 Wenn die Neichsregiernng ihren Plan, einen wirtschaftlichen Generalstab einzusetzen, verwirklichen sollte' wird zu den Männern, die als , ständige Berater dem Neichskabinett in wirtschaftlichen Angelegenheiten zur Seite stehen weroen, auch Dr. Carl Melchior gehören. Denn von allen deutschen Wirtschaftssührern ist in den letzten Jahren kaum jemand so oft in die vorderste Schlachtlinie in dem Reparationskriege, der. dem blutigen Waffengange folgte, gestellt worden wie Carl Melchior. Daß es jetzt gelungen ist, bei den Verhandlungen der Sachverständigen in Basel mit den ausländischen Gläubigern zu einer erträglichen Verständigung zu kommen, hat Deutschland nicht zuletzt dem bewährten Geschick des großen Hamburger Bankiers zu.verdanken. Carl Joseph Melchior, der am 13. Oktober 1871 in Hamburg geboren wurde, stammt väterlicher- und mütterlicherseits aus jüdischen Familien mit alter Tradition und hohem Vildungsstreben. Sowohl die Familie Melchior wie die Familie Nee, der seine Mutter angehört, sind dänischen Ursprungs. Die Melchiors und die Rees spielten als Industrielle, als Politiker und als Gelehrte in Dänemark und in Hamburg eine große Nolle. Carl Melchior, ursprünglich Jurist und für die Nichterlausbahn bestimmt, verdankt seinen Aufstieg in die Sphäre der Wirtschastssührer seiner im Jahre 1902 erfolgten Berufung zum Syndikus des alten Bankhauses M. M. Warb u r g & C o. in Hamburg. Die internationale Bedeutung dieser Firma ermöglicht es ihm, die verschiedensten Beziehungen anzuknüpfen. Der Jurist wird immer mehr zum Bankier. - Der Bankier zum Unterhändler. Der Unterhändler zum Diplomaten. Erst der Krieg macht Carl Melchior weithin bekannt. Als Oberleutnant der Artillerie rückt er ins Feld. Infolge einer schweren Verwundung kommt er zunächst zur Zentraleinkaufsgesellschaft, für die er in Nnmänien mit der dortigen Negierung schwierige Verhandlungen über die Lieferung von Getreide führt. Zum Hanptmann befördert kehrt er 1916 an die Front zurück. Die Neichsregierung ist inzwischen auf ihn aufmerksam geworden und entsendet ihn 1918 mit dem Grasen Mirbach als Finanzattache nach Moskau. Nach dem Kriege gibt es kaum eine der großen wirtschaftlichen internationalen Konferenzen, an der Melchior nicht teilnimmt. Er gehört zu den sechs Delegierten, die in Versailles das Friedensdiktat entgegennehmen müssen. Seine Warnung, es abzulehnen, wird nicht beachtet. Melchior nimmt dann an den Verhandlungen von Spaa und Brüssel teil. Er wird deutsches Mitglied des Finanzausschusses des Völkerbundes. Er begleitet im Februar 1929 den Neichsbankprüsidenten Schacht zur Vorberatung des Uoung-Planes nach Paris und nimmt auch an den Haager Konferenzen teil. Immer wieder gelingt es Melchior bei diesen Besprechungen, für die er sich in selbstloser Weise zur Verfügung stellt, Schritt für Schritt den gegnerischen Unterhändlern Boden abzugewinnen. Mit Recht hat deshalb der hamburgische Senat bei der Ueberreichung der höchsten hamburgischen Auszeichnung, der Stolten-Medaille, an Dr. Carl Melchior betont, er habe als vorbildlicher Bürger Hamburgs und des deutschen Volksstaates Unvergängliches für sein V o l k g e l e i st e t. K. Z. Sie LMiMTngimg MMii deiiischer Knuenmrtne Vom 8. bis 10. Oktober tagte in Leipzig die Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine, jene größte und repräsentativste Organisation deutscher Frauen-Beruss- und Fachverbände, auf deren Boden sich Frauen aller Religionen und verschiedenster Parteien treffen. Bei den Beratungen über die Berufsnot der Frauen und besonders der stark in die Berufe hineindrängenden Jugend sowie bei der wichtigen Frage, wie die Frauen eine einheitliche Volksmeinung für die Genfer Abrüstungskonferenz in Deutschland schaffen und zum Ausdruck bringen können, zeigte sich bei allen Verschiedenheiten der parteipolitischen Stellung im einzelnen eine Geschlossenheit und Einigkeit, die erschütternd und erhebend war. Die Vorsitzende Emma Ender und der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig.. Dr. Gördeler bezeichneten diese Einigkeit ' der Frauen in einer deutschen Schicksalsfrage mit Recht als beispielhaft und vorbildlich auch für die deutschen Männer und sprachen den Wunsch aus, daß auch diese in solchen Fragen lernen sollten, den Parteihaß zu begraben. . Die Mitarbeit deutscher Jüdinnen in dem Bunde deutscher Frauenvereine ist von jeher ein unantastbares und selbstverständliches Recht gewesen. In den verschiedenen Ansprachen bei Begrüßungen und Empfängen wurde der unvergeßlichen Mitarbeit von Henriette Golds ch m i d t gedacht, der Leipzig das Sozialpädagogische Franenseminar verdankt. Auch Rabbiner Dr. Felix Goldmann, der nach den Vertretern der Behörden und der evangelischen Kirche bei der offiziellen Begrüßung des Bundes das Wort nahm, erinnerte an die Tätigkeit dieser Frau, die, Gattin des damaligen Gemeinderabbiners, Symbol der Verknüpfung bewußten Judentums und deutscher Heimatliebe gewesen ist. Ihr Name lebt fort in Verbindung mit den: Andenken an Luise Otto Peters und Auguste S ch m i d t, deren Ruf zur Gründung eines Frauenvereins und deren Führerschaft gleichfalls von Leipzig aus erging. Aber nicht nur vergangener Mitarbeit jüdischer Frauen wurde gedacht, sondern auch gegenwärtige wurden geehrt. Alice V e n s h e i' m e r ans Mannheim, die 26 Jahre. lang Schriftführerin des Bundes deutscher Frauenvereine war, legte ihr Amt nieder. Emma E n d e r dankte ihr in einer Ansprache, in der sie ihre unschützbare Mitarbeit, ihre einzigartige Bescheidenheit, ihre menschliche Güte und Freundschaft feierte. Frau Vensheimer habe nie davon gesprochen, was sie für den Bund getan habe, sondern immer nur die Leistungen der anderen bewundert. „Ich möchte nicht darall denken", sagte Frau Ender, „lvas aus dem Bunde geworden wäre, wenn Frau Vensheimer nicht in der: schweren Kriegs- und NachlriegSjahren wie ein Turm ullter den Führerinnen gestanden Hütte. Wir d a n k e n i h r für das grohe Geschenk ihrer Treue in jeder Stunde. Es war ihr nichts zu gering, wenn es mit dem Bunde zusammenhing, uni) deshalb ist es eine große Ehre für den Bund, wenn er Sie, verehrte Frau Vensheimer, und ihre Mitarbeit sich auch jetzt noch sichert, nachdeln Sie' von der großen Last des Schristsühreramts befreit sind." Unter minutenlangem. Beifall der galizen Versaminlung wurde Frau Bellsheimer auf den Antrag des Vorstandes hin aus L e b e n s z e i t zum Ehren m i t g l i e d des engeren V u n d e s v o r st a n d e s gewählt. Frau Vensheimer selbst betonte in ihrem Dank an die Mitarbeiterinnen, in welchem Maße ihr die Arbeit im Bunde Herzenssache gewesen sei. Man müsse seinem Leben dadurch einen Wert geben, daß man es für etwas ein* setzt. So habe sie sich für die deutsche Frauenbewegung und den Bund deutscher Frauenvereine eingesetzt, und daß diese Pflichterfüllung so viel Anerkennung gesunden habe, mache sie glücklich. Gleichzeitig mit Alice Vensheimer verläßt die bisherige Bundesvorsitzende Emma Ender ihr Amt. Dafür, daß sie zehn Jahre lang mit Takt und mibeirrbarer Versöhnlichkeit den Bund um die Klippen des Parteihaders herumgeschisst und ihn so als Basis freundschaftlicher, vor- - urteilsloser Zusammenarbeit erhalten hat, sei ihr auch an dieser Stelle gedankt. Die Persönlichkeit ihrer neuerwählten Nachfolgerin Dr. Agnes von Zahn-Ha.rnack, deren tiefe, von Herzen kommende Ablehnung jeden Judenhasses uns bekannt ist, scheint uns die Gewähr dafür zu sein, daß diese Insel der Einigkeit und Eintracht im deutschen Frauenleben auch weiter erhalten bleibt. Dr. M. E. El« mfefitttt Soldat... In „Brandenburg", der lesenswerten Zeitschrift für Heimatkunde und Heimatpslege, veröffentlichte der Herausgeber Rudolf Schmidt (Eberswalde) zwei Kriegsbriefe aus dem Jahre 1866, die heute noch kulturhistorisches Interesse besitzen. Der Schreiber dieser Briefe war der am 14. September 1841 in Eberswalde geborene Sigismund Samuel, der später als Mitinhaber der Berliner Vankfirma I a c q u i e r & Securius eine sehr geachtete Persönlichkeit war. Begabt mit seinem Kunstverständnis und erfüllt von großer Liebe zu Kunst und Literatur, legte er sich eine bedeutende Gemäldegalerie und eine große Sammlung alter Porzellane an. Nach seinem am 2. Februar 1907 erfolgten Tode sollte die Mitwelt erfahren, welch einen edlen, großzügigen Philanthropen sie in Sigismund Samuel besessen hatte. Sein Testament war ein einziges Legatenverzeichnis. Die Porzellansammlung schenkte er dem Kaiser-Friedrich-Museum. Je eine halbe Million Mark bekam die Stadt Berlin zur Unterstützung von Armen jeder Konfession und die Korporation der Berliner Kaufmannschaft zur Unterstützung hilfsbedürftiger Kauflente. Auch an seine Heimatstadt hatte er gedacht und vermachte den Eberswalder Waisenkindern eine Stiftung in Höhe von 200 000 Mark. Die dankbare Vaterstadt ließ an seinem Geburtshause, Junkerstraße 2, eine Gedenktafel anbringen. Es ehrt die Zeitschrift, und es ehrt den verdienstvollen Herausgeber, daß er in einer Zeit der schlimmsten politischen Verhetzung dem Andenken eines guten deutschen Juden den Artikel „Ein märkischer Soldat zieht durch die Mark" in seiner Zeitschrift widmet.