Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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H2 so daß dem Hofprediger nichts geschah. Nicht etwa weil Bismarck gegen btc Entfernung Stöckers etwas einzuwenden hatte, sondern weit er der: Sturz Stöckers durch den liberalen Kaiser als ein Provisorium nnsah, das mit der Wiedereinsetzung des Gestürzten durch beit Thronnachfolger geführt hätte. Aber doch hat Kaiser Friedrich durch einige Handlungen seiner kurzer: Negieruugszeit ein charaktenstisches Gepräge gegeben. Nach langem Widerstreben Unterzeichnete er zwar das preußische Gesetz über ' die Verlängerung der Legislaturperiode, das er mißbilligte, weil er in ihn: eine Beeinträchtigung der Wähler rechte sah. Aber er sandte zugleich dem reaktionären Jnuenminlster Puttkamer ein Handschreiben, das die behördlichen Wahlbeeinslussungen tadelte. Als Puttkamer sich zu rechtfertigen suchte, wurde der Tadel in einem zweiten kaiserlichen Handschreiben, acht Tage vor Friedrichs Tod, wiederholt. Das zwang den Minister zum Rücktritt. All dieser Entwicklung war LudwigVam - b e r g e r beteiligt. Bamberger war, was bisher nicht bekanilt geloorden ist, während der 99 Tage politischer Ratgeber des Kaiserpaars. Er hat niemals während dieser Zeit den Kaiser oder die Kaiserin gesprochen. Tie Verbindung wurde durch eine Freundin der Kaiserin, die Barvuill von Stock mar, hergestellt. Sie wohnte in der Viktoriastraße, Bamberger in der Margaretenstraße. So ging der Briefwechsel, in dem Namen sorgfältig vermieden wurden, unter der Anrede „Lieber Nachbar" und „Liebe Nachbarin." hin und her. Zu allen politischen Fragen, die auftauchten, dem Battenberger Heiratsprojekt, der Frage der Ordensauszeichnungell, der Affäre Puttkamer, hat Bamberger in vornehmer Zurückhaltung kluge, wohlerwogene, zur Verständigung mahnende, die Gesamtinteressen berücksichtigende Ratschläge erteilt. Wenn die Tagebuchaufzeichnungell, die Bamberger lunterlassen hat, veröffentlicht werden, wirb das Märchen von der „deutsch-freisinnigen Kamarilla", die den „willenlosen Kaiser" für ihre Parteizwecke „mißbrauchen" wollte, gründlich zerstört werden. Am 15. Juni senkte sich die Kaiserfahne über dem Mittelportal des Neuen Palais. Ter Trarun vom liberalen Kaisertum war ausgeträumt. Husarenpiketts sprengten im Karriere heran. Alle Ausgänge und Tore wurden militärisch besetzt. Das Schloß glich einem Heerlager. Der neue Herr nahm seine Rechte in Besitz. Kaiser Friedrich stand da wie e r n Schatten. Was ihn auszeichnete, war vor allen: das Rechtsgefühl, die oft ausgesprochene Ueberzeugung, daß gleiches Recht füralle zu gelten habe. Es ist verständlich, daß diese Grundanschauung den Fürsten zu einer scharfen Able h'n ung des Antisemitismus führen mußte. Als der Kronprinz Ende 1879 von längerem Aufenthalt in Italien zurückkehrte, sagte er in einer Sitzung der Viktoria-Jnvaliden-Stiftung zu Stadtrat Magnus, dem Vorsitzenden der jüdischen Korporation von Berlin: „Die antisemitische Agitation ist eine Schrrmch für Deutschland. Ich habe mich im Ansland den Ansländern gegenüber dieser Agitation geschämt." Die Agitation ging damals weiter. In der Neujahrsnacht kam es zu gewalttätigen Exzessen. Eine organisierte Bande von 60 Personen drang unter Hochrufen auf Stöcker und Treitschke und mit dem Rufe „Juden raus!" in das Cafe Bauer, Unter den Linden. Der Kroilprinz nahm zu der antisemitischen Bewegung noch einmal das Wort, wiederum zu Stadtrat Magnus. Er erklärte: „Was sein Gefühl dabei am meisten verletzte, sei die Hineintragnng dieser Tendenzen in die Schalen nnd Hörsäle. In die Pflanzstätten des Edlen nnd Gnten sei dieses böse Samenkorn hineingeworfen worden. Hoffentlich werde es nicht znr Reife gelangen. Er vermöge es nicht zn fassen, wie Männer, die ans geistiger Höhe stehen oder ihrem Ruf nach stehen sollten, sich zum Träger nnd Hilfsmittel einer in ihren Voraussetzungen nnd Zielen gleichmäßig verwerflichen Agitation hergeben könnten." Fürst Eulenburg, der die 99 Tage miterlebt hat.und sie eineu Hexeukessel ttennt, in dein alle menschlichen Begehrlichkeitelt siedeten, der bann den Glanz ititb Abstieg der Kaiserzeit Wilhelnrs Il/aus nächster Nähe beobachtet Hat, sagt in einer rückschallenden Betrachtllng, daß mit der Grablegung Kaiser Friedrichs die Konzession an die Zeit z u G r a b e g e t r a g e n lvurde, die Ueberleitung der deutschen Politik ill zeitgemäße Formen, daß sich tmmit das Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist im Lause der geschichtlichen Entwicklung in der verschiedensten Weise aufgefaßt worden. Von Descartes, der die Tiere als bloße Maschillell, ohne Willell itttb ohne Intelligenz, ansieht, bis zu denen, die zwischen Mensch und Tier mir einen Unterschied des Grades annehmen, kalln mall alle'möglichen Abstufungen beobachten. Nach der Auffassung der Wesenheit des Tieres richtet sich aber auch in weitgehendem Maße das Verhältnis der Menschen zll den Tierell. Die allzu weitgehende Vergrößerung des Abstaildes zwischen Mensch und Tier kann leicht zu einer Verkennung der Pflichten des Menschen, zu einer Gleichgültigkeit gegen das Recht der Tiere führen; aber ebenso kann das entgegengesetzte Extrem eine GesillNllng erzeilgen, bei der man geneigt ist, das Recht des Menschen zu schmälern ititb seiner Sonderstellung die gebührende Achtullg zll versagen. Ein Beispiel dafür bietet der Buddhismus, der, lvie ein Historiker sagt, in seineräußersten Konsequenz dazu führen muß, daß die Menschheit von wilden Tieren aufgefressen oder von Ungeziefer verzehrt wird. Die Bibel zeigt hier die rechte Mitte. Sie geht von dem Gedanken aus, daß alle Wesen Geschöpfe Gottes sind. Freilich ist der Mensch „im Ebenbild Gottes" geschaffen. Ihm ist also eine besondere Stelluilg in der Welt eingerüumt. Dafür trägt er auch für seine Handlungen die sittliche Berantlvortlichkeit. Aber das Alte Testament kennt noch nicht jene spiritualistische Gegensätzlichkeit gegen die Körperwelt, wie ihn das Christentum gelehrt hat. Wir sehen deshalb dort ein viel intinleres Verhältnis zwischen Mensch ltnb Tier. Im Schöpfungsbericht der Bibel wird auch erzählt, daß am Anfang alle Wesen nur Pflanzenkost genießen sollten. Gott sagt zu den Menschen: „Hier gebe ich euch alles Kraut, das Salnell sät auf der ganzen Erde und jeglichen Baum mit samensäender Baumsrucht. Euch sei es zur Speise, wie allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels, allem, was auf Erden sich regt, darin lebendes Wesen ist, alles Grülle der Kräuter zur Speise (Gen. I 29, 30)." Es i st also de m M e nsche n n i ch t g e - st a t t e t, ein Tier zu töten. Die jüdischen Bibelerklärer sind aber auch der Meinung, daß die gegenseitige Feindschaft der Tiere, daß die Raubtierinstinkte nichts Ursprüngliches waren, und daß and) die Tiere int Anfang nur Pflanzenfressergewesen sind. Erst durch den Sündenfall des Menschen wurde in der ganzen Natur eine Veränderung, ein Herabsinken von der früheren Stufe bewirkt. Und so treten auch bei den Tieren andere, verderbliche Eigenschaften in die Erscheinung. Nach der Sintflut erst wird dem Menschell gestattet, Tiere zu feiner Ernährung zu töten. „Alles Rege, das lebt, euch sei es zur Speise. Wie das grüne Krallt gebe ich ellch alles (Gen. IX, 3)." Hier lvird aber hinzugefügt, daß das Töten voll Menschen Strafe nach sich zieht. „Wer Blut des Atellscheu vergießt, durch Menschen werde vergossen sein Blut." Es wird also die Scheu vor der höheren Natur des Menschen eingeschärft. Es ist aber charakteristisch für die Schicksal Deutschlands vollzog. Gelviß .ist es müßig zit fragen, was geloorden wäl-e, wenn Kaiser Friedrich eine normale Regierungszeit beschicken gelveseil lväre. Daß aber gerade der eiuzige liberale Hohenzvlter in der mehrhundertjährigen Geschichte seiiles Geschlechts so vorzeitig allsgelöscht wurde, ist ein nicht nur weil schlich ergreifendes, sondern and; politisch tragisches Geschick, tutb wir haben alle dafür gebüßt. jüdische Auffassung, daß die Hinzltfügung „doch Fleisch in seinem Leben und Blut sollt ihr nicht genießen" im Sinne einer Bestimmung des Tierschutzes-gedeutet wird. Daß also hier, wo das Recht des Menschen auf das Leben des Tieres festgestellt ist, dieses Recht zugleich in dem Sinne eingeschränkt Wird, daß er Grausamkeiten unb Quälereien vermeiden muß, Die jüdische Ueberlieferung leitet nämlich von hier das Verbot ab, ein Glied zu genießen, das von einem noch lebenden Tiere abgetrennt wurde. Und diese Tendenz hat auch eine weitere Ausprägung gefunden in den zahlreichen Vorschriften, die den Schutz des Tieres und die Verhinderung voll Tierquälereien zum Zweck haben. Es wird also das Vorrecht des Menschen anerkannt, aber es wird auch dem Tiere sein Recht zuteil, und dieses wird' um so sicherer begründet, als es in die Form des Religiösen gegossen lvird. Der Mensch ist für sein Verhalten gegenüber dem Tiere vor Gott verantwortlich; nicht Gefühl und Sentimentalität schreiben ihm ein humanes Verhalten vor, sondern der kategorische Imperativ des göttlichen Gebots. Trotz der Anerkennung der Herrschaft des Menschen tritt in dem alten jüdischen Schrifttum überall das Gefühl zutage, daß die Verfolgung der Tiere durch den Menschen, ebenso aber auch die Feindschaft der Tiere untereinander, die ja das unendliche Leiden der Tiere zur Folge hat, nicht die gottgewollte Norm ist, daß sie vielmehr einen Abfall von der ursprünglich höherelt Stufe bedeutet und daß die Entwicklung wieder zu dieser höheren Stufe hinführen soll. Dieses Gefühl findet seinen erhabensten Ausdruck in der Prophezeiung des Propheten Jesaia vom ewigen Frieden. Da schildert er die Zeit, wo alle Gewaltherrschaft von der Erde verschwinden, wo der Messias auf dem Grund der Wahrheit ulld des Rechts ein Reich des Friedens -errichten wird. Und erfährt dann fort: „Dann weilt der Wolf bei dem Lamm, der Pardel lagert bei dem Böcklein, Kalb, Junglen und Mastochse vereint, ein kleiner Knabe treibt sie einher; Kuh und Bärin sind Weidgenossen, ihre Jungen lagern mitsammen, der Löwe frißt Stroh lvie ein Rind (Jesaia XI, 6, 7)." Der paradiesische Zustand, der das Aufhören der Feindschaft unter den Menschelt, die Herrschaft des Rechts und der Gerechtigkeit zur Voraussetzung hat, er schließt auch den Friedeit unter den Tieren in sich. Die Weltordnung kann im Bewußtsein des Propheten nur dann als eilte vollkommene bezeichnet werden, wenn nicht nur Krieg und Gewalt in der Menschenwelt beseitigt werden, wenn vielmehr auch das Leid, das die Tiere den Meltschen unb das sie sich gegenseitig zusügen, ein Ende nilnmt. So verbreitet die Sonne der Gotteserkenntnis, die über diesem mefstanischen Reiche aufgeht, ihre Strahlen über die gesamte Schöpfung. Mensch und Tier leben gemeinsam in einer Welt, die, nicht mehrzerrissen voll Leidenschaften und Gegensätzen, ihren Bewohnern eine friedliche und ungestörte Heimstätte gewährt. Rabbiner Dr. J. Unna (Mannheim). Zum MlbTierschliktllg (4. Oktober ism Mensch und Tier in biblischerAuffaffung