Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 9 (September 1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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59 Sinn und Wert der „Hohen Feiertage" Bon Favius Schach Was das Judentum, philosophisch gedacht, am stärksten charakterisiert, das ist die klar ausgeprägte Verantwortung des Me m schon v o r' G ott, vor seinem Gewissen, vor seiner G e in e i n s ch a s t. Er ist verantwortlich für sein Tun und Lassen, er hat Rechenschaft abzulegen. Sein Leben ist kein Mechanismus, es ist ihm verliehen zu einem höheren Zweck, zum sozial-ethischen Dienst cut ber Menschheit. Der jüdische Mouotheismus hat den ersten gewaltigen Schritt vom Egoismus Zinn Altruismus getan, er hat den Himmel zur Erde gezogen, und dem Leben einen göttlichen Glanz verliehen. Die Griechen habeil ihre Götterwelt versinnlicht, das Judentum hat die Welt durch oie Gottheit entsinnlicht, hat dem Menschenleben Ziel und Tiefe gegeben. Die heidnische Weltanschauung trägt das Zeitliche in die Eivigkeit hinein, die jüdische Weltanschauung saßt alles vom Gesichtspunkt der Ewigkeit an. Die Gottheit ist so dem Menschen nähergerückt. Es gibt keinen Vermittler zwischen Gott und Mensch, der Mensch steht lulmittelbar vor den: Geiste des Weltalls, er trägt die Schwere der Verantwortung allein. Daher müssen Gesinnung und Tat eins sein, es darf kein Widerspruch zwischen ihnen herrschen. Gesinnungist die Leiteriil, Tat die Vollziehung des Gewissens — beide streben nach Harmonie, beide müssen rein, wahrhaftig sein. Beide sind getragen vom Gefühle der Verantwortung. Der reine Gedanke birgt in sich die Kraft des Lebens, ist der Kein: der reifen Frucht. Mit dem Gedanken beginnt der religiöse Mensch, mit der Tat vollzieht sich der sittliche Wille. „Der Lohn der Tugend ist die Tugend, die Strafe der Sünde die Sünde." Denn die Tugend baut, die Sünde zerstört. „Jede gute Tat — so verkündet die katholische Weisheit — erzeugt Engel, jede Sünde böse Geister." Die gute Tat ist ein Vausteill im Werke Gottes, trägt zur Vollendung der sittlichen Welt bei. Die böse Tat verscheucht alle Schönheit, vernichtet die Harmonie der Welt. Es kommt daher nicht so sehr auf den Glauben, als auf das Wirken an. Nicht der Glaube macht selig, sondern das sittliche Leben. Es gibt keine Erbsünde, du büßt nicht die Schuld anderer, du bist rein geboren, hast nach Hoheit zu streben. Dein Wille ist frei, du bist Herr deiner Handlung, du allein trägst die Verantwortung für die Folgen. Dein Gewissen ist das göttliche Element deiner Seele, die Norm der Handlungen. Du bist Glied der menschlichen Gesellschaft, du hast Pflichten gegen sie. Du trägst Göttliches, also Ewiges in dir, denke an die Zukunft. Unsere Hohen Feiertage, in denen sich das Religiöse kristallisiert, stehen im Zeichen dieser Verantwortung. In ihren Gebeten und in ihrer Gestaltung zeigt sich klar das Bewußtsein menschlicher Pflichten gegen Gott und die Gesellschaft. Unser Neujahrsfest bedeutet sittliche Lebenserneuerung, der Versöhnungstag die höchste Stufe auf d e m Wege zu Gott. Das ist nur möglich durch innere Reinheit, die, wie der Talmud sich ausdrückt, zur Heiligkeit führt, durch Sehnsucht ' nach Hohem, durch Gerechtigkeit und Liebe. „Vor Gott sollt ihr rein sein!" ist der kategorische Imperativ oes heiligsten Tages. Es ist bezeichnend, daß in unseren Vußgebeten immer wieder zunr Ausdruck kommt, daß man niemand anklagt als sich selbst, daß man seine Schuld nicht auf andere abwälzt, sondern die "Folgen des Irrens und Fehlens aus sich nimmt. Dalrin bekundet sich der sittliche Mensch, der Mensch der Verantwortung. Merkwürdig ist die geschichtliche Entwicklung dieser Feste. Sie zeigt die Psyche des Judentums, die grandiose ethische Auffassung, die Skala des Ringens nach Gott, des lieberwindens aller Hindernisse. Unser Rosch-Haschanah war ursprünglich ein rein bürgerliches Fest, ems der vier Neiljahrsfeste biblischer Zeit. Erst als der Staat aushörte und sich alles Jüdische ius Innere wandelte, erlangte der Tag seine Tiefe ulld wurde zum Tage ethischer Bilanz. Und die Poesie, die sich int Judentum immer aus Religiöse raufte, baute diesen Tag zunr Tage des höchsten hinunlischen Gerichtes aus, an dem das Schicksal alles Lebenden entschieden wird. Der Jout-Kippilr war Im Altertum der große Tag des Hohenpriesters, das Volk spielte nur eine passive Rolle. Erst als das Priestertiuil aufhörte, wurde jeder sein eigener Priester — „ein Priesterreich" sagt die Bibel —, und an Stelle der Opfer trat das Gebet — das Opfer des Herzens. Erst da wurde dieser Tag zunr wahren Versöhnungstag. Nicht ein Mittler läutert dich von Sünde und Schiild, du selbst mußt dich reinigen durch Sühne und Buße, mußt dich aussöhnen mit beineit Mitmenschen, mit deinem Gewissen, mit Gott, mußt den w a h r e n F r i e d e n s u ch e n. Die Entwicklungsstufen der jüdischen Feste siiid die Etappen des sittlichen Denkens: Vom N a t i o n a l e n 3 u nt Universalen, v 0 in I ii d i v i d u e l l e n 3 vt nt Sozialen. Wer die Psychologie des Judentums keiint, kann die Meilensteine seines Innen- und Aiißenlebens sehen. National im vulgären Sinne war das Judentum nie gewesen, weil hier alles religiös verankert ist. Und int Laufe der Geschichte zeigt sich immer mehr das Streben nach dem Universalen, dein Ideale der Propheten. Seine Lehre und seine Geschichte haben den Juden vor dein brutalen Chauvinismus, vor der fanatischen Ueberhebuug bewahrt. Er hat nie vergessen, daß er Glied der Menschheit ist, und daß mctit nur durch das Menschliche das Göttliche erreichen kann. Er hat seine Eigenart wahren wollen, ohne aber die Eigenart anderer gering zu schätzen. Vom Egoismus rang er sich immer mehr zum Altruismus einpor. Er nursste "chwer nur seine Menschenrechte kämpfen, und eine Lehre zeigte ihm, daß es die Pflichterl ind, die beut Leben Inhalt und Silur geben. Jüdisch s e i n heißt, V e raut w 0 r - t it n cj in f i ch tragen f it r sein Denken u n d H a n d e l n. Eine Kultur ohne Sittlichkeit ist int jüdischen Sinne undenkbar. Das Endziel aller Kultur ist die geläuterte Menschlichkeit. Je höher der Kulturmensch steht, desto höhere Pflichten hat er für die Gemeinschaft, für die Zukunft. Das ist der Sinn der Hohen Feiertage, der Sirrn des Judentums. . Wieviel Leid könnte der Menschheit erspart bleiben, wieviel Häßliches und Trauriges könnte aus der Welt verbannt werden, wenn diese religiös-sittliche Weltanschauung Gemeingut der ganzen Menschheit märe! Wieviel mehr Glück gäbe es, wenn es einen wahren Versöhllungstag aller- Klassen und aller Völker gäbe! Stanunt unser Elend nicht zum großen Teil daher, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Verantwortlichkeit in manchen Kreisen gewichen ist? Man erkennt den Volksgenossen, den Mitmenschen nicht mehr. Man erseht die Menschlichkeit durch altheidnische Konstruktionen, man schafft Widersprüche, wo die Einheit nottnt, man reißt ein, statt zu bauen. Das ist die Tragik unserer Zeit, — viel erschütternder als die wirtschaftliche Not. Und doch feiern nur Juden unsere Feste auch in schwerer Zeit. Wir verzweifeln nicht, weil wir geschichtlich denken, weil wir wissen, daß der Fortschritt kein leerer Wahn ist, daß das sittliche Ideal das Höchste ist und bleibt. Das Judentum ist die Religion des Optimismus, und der Glaube an den Sieg des Guten hat die Judenheit durch alle schwere Zeiten vor Versumpfung bewahrt. Wir wissen, daß das Judentum der Menschheit noch viel zu geben hat, und daß wir uns selbst verteidigen, wenn wir unsere sittlichen Ideale vor dem wilden Ansturm von Haß und Unvernunft verteidigen. Wir beten an unserem Höchsten Feiertage für die ganze Menschheit und" hoffen zuversichtlich auf den Sieg des Friedens, auf die Herrschaft der Liebe. Israels Propheten Soziale Sendboten an öle Gegenwart Siblifche Skizzen von Theodor Rappftein VUL Ezechiel Der geniale kirchliche Organisator im Babylonischen Exil, der Prophet Ezechiel, ist geistreich mit dem Papst Gregor VII. und mit dem Reformator Calvin verglichen worden. Alle drei genialen Kirchenmänner waren eherne Naturen ohne Gefühlsseligkeit, Eisenmänner in ihren gar verschiedenen Wirkungsbezirken in schwerster Krisenzeit, starr und konsequent. Die im Jahre 722 von den Assyrern deportierten Genossen des Zehnstämmereiches Israel sind untergegangen. Anderthalb Jahrhunderte später wanderte auch Juda ins Exil. Sollten die Weggeschleppten, nachdem das Gotteshaus auf dem Zionshügel zerstört war, in Mesopotamien J...e Altäre errichten, am Euphrat etwa einen neuen Tempel schichten? 70 Jahre, so weissagte Jeremia, Ezechiels Vorgänger im Seheramt, herrschte der Chaldäer. , In der furchtbar langen Fremdzeit wandelte sich, betont Carl Heinrich Cornik (ber israelitische Prophetismus, 1896) der Jsraelitismus zum Judentum. In dem gewaltigen Siebe dieser Belastungsprobe wurden Spreu unb Staub durchgeschüttelt, der edle Weizen erhielt sich. Die prophetische Religion Israels und die alte Volksreligwn wurden vom Weltgericht' der Weltgeschichte gegeneinander abgewogen. Juda und Israel'als Staat wurden zur Kirche,-das Volk wurde zur Gemeinde. Dies Juda des Judentums ist der Hohepriester der Weltreligion geworden. Ezechiel, der Theologe, der erste Dogmatiker des Alten Testaments, Priestersohn vom Tempel in Jerusalem, schon 897 nach. Babylon verwiesen, wirkte seit 692 über 20 Jahre als „Prophet. Unbestechlich klar blieb sein scharfes gänzlichen Untergang Gegenwart fehlt, trotz der Parteizerfresfeuheit der überlegene, d.es Tages, des Auge, das Jerusalems schaute. Was unserer den krächzenden Raben rechts und links, ist selbstl 0 se D e u t e r heute gewesenen Tages. Gott als heilige Majestät in schlechthin überweltlicher Erhabenheit beugt den Menschen, ihm unermeßlich fern, in den Staub der Demut. Auch der Prophet, das „Menschenkind", wie der Erdensohn stetig heißt, wird bei der schreckhaften Thronvision des Allherrn entsühnt und zunr' Dienst gestärkt. Ezechiel rechtfertigt das Gottesgericht der Volkskatastrophe Judas und Israels. Denn allgemein lief, das Urteil um, den Söhnen seien die Zähne stumpf geworden von den sauren Trauben, die ihre Väter aßen. König Josia war in frommen! Eifer redlich bemüht gewesen, das im Tempel ausgefundene (deuteronomische)