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Central-Verein-Zeitung · 1931-09-01 · Heft 9 (September 1931) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 9 (September 1931)
Date
1931-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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H0 Gesetzbuch im Volke durchzusetzen als Willen urtö Satzung I... es, als Geheiß der Propheten und Priester —hatte Gott kapituliert gegen die Götzen?! Doch die schlimme Morallage, wie sie von Jerusalem nach Babel gemeldet wurde, ergab die Theodizen als Triumph der Gerechtigkeit I... es. In dieser Reizung des sittlichen Verantwortlichkeitsgesühls reinigte sich das Volksgewissen zur Tat. Jerusalem als rostiger Kessel, den das Ausglühen nicht neu werden läßt, wird umgeschmolzen zu neuern Guß. Gottes Verhalten zum Menschen richtet sich nach des Menschen Verhalten zu Gott. Jerusalems Fall (586) macht den Drohpropheten zum Seelsorger seiner aufgerüttelten Gemeinde. Ezechiel als Richter und Ordner steht auf der Grenze zweier Zeitalter. Und als Subjekt der Religion erwacht die religiöse Persönlichkeit. Der Messias der heilvollen Endzeit rst nicht der überlegene Herrscher, vielmehr oergute Hirt, der das Verlorene sucht, dem Verirrten nachgeht, das Verwundete verbindet, das Kranke und Schwache pflegt. Der treue Wächter über das Haus Israel üherwand den religiösen Individualismus Jeremias; Ezechiel organisierte die Gemeinschaft, er cröfsnete das Jahrtausend der Kirche:. Israel durfte in Babyloniennicht aus- und untergehen! Statt der ihnen in der unreinen Fremde fehlenden Opfer im zertrümmerten Tempel sollen sie den S a b b a t h Gottes feiern, den der Seelenpfleger aufrichtet als Zeichen zwischen Gott und Israel, als Grundregel des Judentums. Diese Heiligung bedingt die Keuschheit der Ehe und die Hochachtung der Familie — Israel verdankt diesen seinen kostbaren Schah bis zur Gegenwart . wesentlich seinem babylonischen Propheten Ezechiel. Gotteshilse, Selbsthilfe, Bruderhilfe: N e u j e r u s a - l e m! Dieser ideale Kirchenstaat ist die Theokratie. In der Hütte Gottes wohnt Gerechtigkeit, waltet Liebe. Der wundersam mm rauhen Dienst am „Haus Widerspenstigkeit" berufene Prophet verzehrt buchstäblich symbolisch die göttliche Rolle seiner Volksmission, die nun aus seinem Munde quillt erst als Essig, dann als Honig. Die Verttfungsvision wie die Kirchenverfassüng des Ezechiel entschränken .das lokal fixierte. Gottesbitd zur Allgegenwart, zur Gottesgekehrtheit . aller. Und wenn uns auch mancher Zug an diesem. selbstgefälligen Propheten unsympathisch berührt, umso grandioser wirkt die Vision von der Erweckung -des Totenfeldes durch.- Gottes 'Lebensgeist und das Bild vom Strom unter der Tempelschwelle. „Mögen sie es hören oder mögen sie's lassen, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit": wit solchem resignierenden Trutz wird der Prophet ordiniert. Jerusalem als unnützes Rebholz unter den Waldbäumen — eine zeitlose Zeitpredigt zur Charaktertreue gegen Gott und Menschen. Und das gewaltige Klagelied über den Untergang von Tyrus verbindet sich mit dem beweglich schönen Traumbild von der Wiedervereinigung Israels und Judas unter einem Fürsten David zu sozialem Sendbotendienst an die parteisüchtigen Deutschen: ihr seid Brüder vom gemeinsamen Hause! James Simon 80 Jahre alt Von Dr. Ernst Feder James Simon, der am 17. September, achtzig Jahre alt wird, liebt nicht zurückzublicken. Er lebt heute, wie er immer lebte, der Gegenwart und der Zukunft, lebensfroh, ausgeschlossen jeder neuen Entwicklung in Kunst, Politik und geistigem Leben. Aber wenn er auch vermutlich ungehalten ist, daß man seines Geburtstages überhaupt gedenkt, seinen Freunden muß er gestatten, an den Inhalt solcher acht Jahrzehnte heute zu erinnern — die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf. James 'Simon ist einer der wenigen wirklichen Berliner und weiß von der Reichshauptstadt zu erzählen, wie sie in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aussah. In der Oranienburger Straße ist er geboren, auf dem Weihnachtsmarkt des Schloßplatzes tummelte sich der Junge, in der Königstädtischen Realschule war er der schlechteste Schüler und stritt, wie er lachend bekennt, mit einem Freund um den letzten Platz — meist mit Erfolg. Als er dann ins Gymnasium überging, in das Graue Kloster unter Bellermann, war er bald der Besten einer. Abiturientenexamen — kurze Lehrzeit — und dann fünfzig Jahre Gebrüder Simon, die Großhandlung für Baumwollwaren, die Vater und Onkel gegründet und er zu jenem Haus von Weltruf gemacht, das ein klassisches Beispiel wurde für unbedingte Geschäftssolidität gegenüber Lieferanten und Kunden, für pflichtbewußten sozialen Sinn gegenüber allen Mitarbeitern. Sucht man für den Begriff des ehrbaren Kaufmanns eine Verkörperung — man findet sie in James Simon. ' Der erfolgreiche Kaufmann, in harter Tagesarbeit ganz der Berufspflicht zugetan, war sich der Pflichten gegen die Allgemeinheit gleichermaßen bewußt. Er gehörte nicht zur großen Schar jener, die bald für die eine, bald für die andere Unternehmung oder Veranstaltung ihren Namen hergeben, froh, damit ihrer Pflicht genügt, in der Öffentlichkeit Figur gemacht zu haben. Lieh er fernen Namen, so war er mit der ganzen Persönlichkeit dabei, das gab seinem Eintreten, seiner Unterschrift das besondere Gewicht. Er füllte jedes Amt mit Ernst, mit Hingabe aus, rn der Handelskammer, im Verwaltungsrat der Reichsbank, in den vielen Gremien, die seinen Rat suchten. Ein Gegengewicht zur Tagesbeschäftigung war ihnr das immer stärker, immer intensiver werdende Interesse für die Kunst, die Plastik besonders und die Malerei, das ausging von dem Wunsch, sein Haus zu schmücken und das ihn, in steter Beratung durch Bode und Friedländer, zu einem hervorragenden Kunstkenner und einem der bekanntesten Kunstsammler machte, zugleich zu dem großartig st en Kun st mäzen, den das neuere Deutschland gesehen hat. Seine reiche Sammlung italienischer Renaissancekunst stiftete er 1904 zur Eröffnung des Kaiser- Friedrich-Museums, und als einziger Museumsfreund, dessen Gebefreudigkeit Krieg und Revolution und jede Veränderung der eigenen Lebenslage überdauert hat, machte er im Jahre 1920 seine große Sammlung altdeutscher Kunst dem neuen Deutschen Museum zum Geschenk. Hervorragend beteiligt an Gründung und Führung der D e u t - schen Orientgesellschaft, hat er die Grabungen in Mesopotamien, in Palästina, in Aegypten und Kleinasien möglich gemacht. Die weltberühmten Funde, die jetzt die Berliner Museen zieren, sind sein Geschenk. Königliche Gaben in jedem Sinn: den kostbaren Porträtkopf der Königin Teje dankt das Museum ihm, und eine seiner vornehmsten Spenden ist die „b u n t e Königin", die viel umkämpfte Nofretete. Er war einer der wenigen königlichen Kaufleute in einer Monarchie, die so viele königliche Kommerzienräte kannte, und in einer Republik, in der viele noch nicht begriffen haben, welche besonderen Pflichten der Volksstaat den Führenden auferlegt, ist er ein Vorbild staatsbewußten Bürgertums. Der Kaiser, mit dem er durch seinen Freund Admiral Hollmann bekannt geworden war, suchte seinen Umgang; er wußte, daß James Simon nichts von ihm wollte, auch in diesem Verkehr der Gebende war. Allen äußeren Ehrungen verstand er sich zu entziehen. Wie lachte er, als einmal in Berlin das Gerücht ging, daß er-Wirklicher Geheimer Rat mit dem Titel Exzellenz geworden fet. Orden und Titel wies er zurück, auch die Nobilitierung, die ihm freigestanden hätte; erfreut hat ihn der Ehre nd o k t o r, den dem Kunstkenner und Kunstförderer die Berliner Universität als seltene Auszeichnung verlieh. Was der tätige Menschenfreund an sozialen Leistungen vollbracht hat — man kann nicht daran denken, alles aufzuzählen. Mit Professor Lassar schuf er die ersten Volksbüder in Berlin. Sein Werk ist das Kolberger Kinderheim. Mit dem Berliner Verein für Ferienkolonien ist sein Name dauernd verknüpft. Er gab, seltene Verbindung, mit dem Verstaüd und dem Herzen zugleich. Er half ohne Unterschied der Anschauung und der Konfession. Er war ein großartiger Förderer jüdischer Hilfswerke. Er gründete mit Paul Nathan und Eugen Landau den Hilfs verein der Deutschen Juden. Dieser Organisation der Menschenliebe, an deren Spitze er seit 30 Jahren steht, hat er nicht nur finanzielle Mittel, sondern stete persönliche Arbeit und durch sein werbendes Beispiel immer neue Helfer und Unterstützung zugeführt. Aber das Wesen dieses Mannes kommt nicht in der einzelnen Leistung zum Ausdruck, auch nicht in der Summe aller, sondern in der Persönlichkeit. Sie blieb sich gleich, mochten sich die äußeren Umstände wandeln. Auf der Höhe seiner geschäftlichen Erfolge, in dem großen Gesellschaftsleben, das sein mit erlesenem Geschmack geziertes Haus in der Tiergartenstraße erfüllte, blieb er derselbe einfache, sachlich denkende, keiner Schmeichelei zugängliche Mensch, und er blieb derselbe, als durch Kriegs- und Jnflationsfolgen das Vermögen verloren ging. Er war unabhängig von den äußeren Gütern. Sie rührten nicht an sein Wesen, nicht an das, was ihm das Leben wertvoll machte. „Jedes Leben rst zu führen, wenn man sich nicht selbst vermißt." Die Glückwünsche, die den jugendlichen Achtziger überschütten werden, wollen bezeugen, welch kostbarer und stolzer Besitz ein solcher Mann ist für das Land, oem er angehört, wie für das deutsche Judentum, aus dem er hervorgegängen ist und zu dessen hervorragendsten Repräsentanten er zählt. Wie die Jüdische Telegraphenagentur meldet, sind der Deutschen Orientgesellschaft und dem Deutschen Archäologischen Institut von Verehrern von James Simon die Mittel für eine „James-Simon-Grabung" zur Verfügung gestellt worden. Die Grabung wird bei dem anatvlischen Ort Boghazköi, der Stätte von Haiti, der einstigen Hettiterhauptstadt, vor- - genommen. Direktor Schede, der Leiter der. Stambuler Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, hat sich zur Erössnung der Arbeiten nach Boghazköi begeben. Die Grabung, deren Zweck die' Nachprüfung der Ergebnisse früherer Grabungen ist, wird von. dem schon in Aegypten bewährten Prähistvriker Dr. Bitte! geleitet. Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., Berlin W15, Emser Straße 42. Haupt» - schriftleiter i. V. Dr. Alfred Wiener. Verantwortlich: Dr. Margarete Cdelheim. Beide Berlin W15. — Druck: N u d o l f M o s s e, Berlin.

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