Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-09-01 · Heft 9 (September 1931) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 9 (September 1931)
Date
1931-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2571117-2571180-2571187--589-2571934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Lebenserfahrungen Christliche Leser unserer Zeitung schreiben uns Ein Polizeibeamter : Die von Ihnen mir regelmäßig zugesandte Zeitung habe ich jederzeit mit besonderem Interesse gelesen und sage hierfür meinen besten Dank. Als Polizeibeamter soll ich mich zwar in der Politik „neutral" verhalten, vielfach sind mir dadurch die Hände gebunden, meinen berechtigten Empfindungen freien Lauf zu lassen, doch müßte ich mich als „unehrlich" bezeichnen, wenn ich auch hier schweigen würde. Bitte nehmen Sie folgendes zur Kenntnis, für das ich, ohne nur ein unwahres Wörtchen hinzuzusetzen, jederzeit gern einstehen werde. Während ich mich am vergangenen Sonnabend, anläßlich des hier stattfindenden „Nazitages" in Zivil (ich habe diese Woche Urlaub), auf dem Wege zu einem hiesigen Bade befand, liefen vor mir zwei noch jugendlich aussehende Nazis in ihrer Uniform. Aus ihrer ziemlich lauten Unterhaltung merkte ich bald heraus, daß sie die Juden beschimpften und einer von den Burschen sagte: „Diese Schweine, die haben überhaupt feilten Schützengraben zu sehen bekommen!" Mich ekelte dieses rüpelhafte Benehmen an, und ich versuchte nunmehr, die durch ihre Führung irregeleiteten Schäfchen zurechtweisen, da dieses dort fruchtlos war, hole ich hiermit folgendes wahre Erlebnis nach: . . . Kurz vor dem Waffenstillstand lag ich mit einer Abteilung des bayr. Sturmbatl. 15 in der seinerzeit ruhigen Stellung Barbas— Blamont—Verdinal; wir wurden zur Unterstützung, Zwecks Erkundungsdienst, dem Jnf.- Regt. 244 zugeteilt. Als Stoßtruppführer war uns 15 Mann der Vizefeldwebel Maikowsky zugeteilt. Ein Kamerad, der mit uns auch den letzten Nest seines Brotes teilte. Wir wurden um Mitternacht zur Erkundung einer vor unserer Stellung zwischen Blamont—Verdinal liegenden Kiesgrube eingesetzt.' Während ich mit meinem leichten M.-G. und der Abteilung ausgeschwärmt und in gebückter Stellung nach dem bezeichneten Orte zulief, war Maikowsky einige Nieter vor uns. Plötzlich wurden wir durch eine gegnerische Abteilung überrascht, beschossen und zersprengt. Laute Schreie, Hilferufe zeugten davon, daß von unseren Kameraden einige verwundet, wenn nicht gar tot sein mußten. Während ich mit zwei Kameraden in einem mit Wasser gefüllten. Granattrichter zunächst Deckung suchten und verzweifelt die linke Flanke verteidigten, kam Maikowsky herangekrochen, seine linke Hand glich einem Blutpatzen. Schnell und notdürftig würde er verbunden. Ich sah, daß die Binde wenig nützte, sie war gleich wieder vom Blute getränkt. „Geht sichernd Zurück, ich komme nach, ich hole nur noch unseren Hahn-Bäck (einen älteren verheirateten Mann mit Namen Hahn und Bäcker von Beruf), der muß schwer verwundet sein", sagte M. und kroch auf dem Erdboden dahin. Sein schmerzerfülltes Gesicht kann ich nie vergessen. Maikowsky war wieder fort, vereinzelt fielen noch einige Schüsse. Da uns die Rückkehr Maikowskys mit Hahn und den anderen Kameraden Zu lange dauerte, gingen wir drei auf die Suche. Hinter dem Gestrüpp eines Ginstergebüsches lag der tote Hahn. Ueber seiner Brust gebeugt lag Maikowsky, ebenfalls tot. In seiner rechten Hand hielt er noch ein Verbandpäckchen, mit den Zähnen wollte er die Schnur von diesem lösen, da er seine linke Hand nicht mehr verwenden konnte. Obwohl Maikowsky selbst schwer verwundet war, vergaß er sein eigenes „Ich" und wollte den anscheinend erst noch lebenden Hahn verbinden. In dieser Hilfsstellung ist Maikowsky durch einen Kopfschuß gefallen. Er zeigte eine Gesinnung, die man als w a h r e s Christentum zu bezeichnen pflegt, und war ein Führer, wie ich sie ganz selten antraf. Ich weiß, er war ein gläubiger Jude. Mögen seine Gebeine, vielleicht auch sein Hügel schon Zerfallen sein, solange ich lebe, uruß ich an die „beste Tat" meines getreuen Führers Maikowsky denken. Er starb dort für uns. Hätten wir nur mehr Führer gehabt, wie mein guter jüdischer Kamerad Maikowsky, so wäre uns eine bessere Zukunft beschieden. Daß ich es nach diesen: Erlebnis für meine Pflicht halte, mich dem schoflen Judenhaß überall, wo ich ihm begegne, entgegenzustellen, werden Sie verstehen. Ein Studienrat i Schon seit Kriegsende verfolge ich mit tiefer Entrüstung und Beschämung die Entwicklung, die die radikale Politik gegenüber denr Judentum der Vergangenheit und Gegenwart eingenommen hat. Als evangelischer Religionslehrer an der Oberrealschule in Nheinhausen habe ich in Wort und Schrift stets sogenannte C h r i st e n bekämpft, die in ihrer antisemitischen Kampsesweise oft einen kaum überbietbaren Tiefstand aufweisen. Ich weiß, daß viele Juden diese Anpöbelungen rechtsradikaler Kreise als Produkte von Verhetzung und Gehirnlosigkeit ack aeta legen, davon voll überzeugt, daß weder Geistlosigkeit noch brutale Gewalt jemals in der Geschichte etwas erreicht haben und daß vor allen: die Geschichte der Juden beit Beweis bringt, daß Knebelungen jedweder Art nur den inneren Zusammenhalt fördern und vertiefen. Aber ich bin als Protestant Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit und versuche zu belehren und eine Sinnesänderung — wenn auch nur in bescheidenem Nahmen — herbeizusühren. H. A. Wintrath, Rheinhausen (Ndrhn.). Ein Mittelschullehrer: „Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben", so steht eS bekanntlich in den Sprüchen Salomoms, Kapitel 14, Vers 35 geschrieben. Weiten Kreisen des deutschen Volkes scheint aber leider das Gefühl für Gerechtigkeit, die doch der Grundpfeiler eines Volksstaates ist, völlig abhanden gekommen zu sein. Sonst könnte es nicht geschehen, daß im Streite der Meinungen eine Partei an der anderen nur Schändliches und Schädliches erblickt, ivährend man das Gute, das die andere Partei hat, geflissentlich übersieht. Der besonderen Vorliebe der Nationalsozialisten haben sich die Mitbürger jüdischen Glaubens zu erfreuen, in deren Verunglimpfung sich die Presseerzeugnisse dieser Partei gegenseitig zu überbieten versuchen. Betrug, Wucher, Selbstsucht und Hartherzigkeit ist noch das mindeste, was man den Juden nachsagt. Wie es in Wirklichkeit damit steht, das soll das folgende Beispiel aus meinem Leben zeigen: Mein Vater war ein gering bezahlter Unterbeamter. Auf dringendes Zureden meines Lehrers und des Ortspsarrers entschlossen sich meine Eltern, mich für den Lehrerberuf zu bestimmen. Zwei Jahre vor Beendigung meiner Ausbildungszeit aber starb mein Vater und ließ meine Mutter und mich völlig mittellos zurück. Mit dem geringen Arbeitsverdienst meiner guten Mutter, mit Hilfe eines Stipendiums und sehr mäßig bezahlter Privatstunden gelang es mir unter den größten Entbehrungen, mein Studium zu vollenden. Nach bestandener Abschlußprüfung erhielt ich eine Lehrerstelle auf einem vom Seminarort weit entfernten Dorfe. Aber in die Freude darüber mischte sich als bitterer Tropfen meine Armut. Als Lehrer brauchte ich Wüsche und Kleidung, vor allem den damals unerläßlicheii schwarzen Gehrockclnzug. Mit dem wenigen Geld, was wir besaßen, ging meiiie Mutter mit mir zu denr jüdischen Kaufmann G. Als wir unfern Mitteln entsprechend de:r billigsten Stoff ivählten, schüttelte G. den Kops und sagte: „Nein, nein, solch geringen Stoff können Sie nicht tragen." Als rneine Mutter ihm bedeutete, daß für teuerern Stoff die Mittel nicht reichten, legte mir G. die Hand auf die Schulter, sah mich freundlich an und sprach: „Mein lieber junger Freund, ich ivill Ihnen etwas sagen: Als junger Lehrer niüssen Sie sich standesgemäß kleiden, solist haben Sie weder bei den ^Kindern noch bei den Bauern Ihres Dorfes Respekt zu erwarten. Nehnren Sie von mir, ioas Sie an Kleidurig und Wüsche brauchen. Sie können es mir nach und nach abzahlen — wie Sie es haben. Ich werde Sie mit der Bezahlung nicht drängen. Ich kenne Sie und Ihre Mutter als ehrliche Leute und weiß, wie brav Sie sich durchgeschlagen haben. Ich bin darum auch überzeugt, daß Sie mir nichts schuldig bleiben werden." Gerührt über soviel Güte und Vertrauen wollte ich dem braven Manne danken; er aber wehrte ab: „Lassen Sie es gut sein; ich helfe gern, wenn ich weiß, daß ich es mit ehrlichen, anständigen Menschen zu tun habe." Dabei wußte G. ganz genau, daß ich bei der damaligen' miserablen Lehverbesoldung Jahre gebrauchen ivürde, um meine Schuld abzutragen. Und der edle Mann hat sein Wort gealten. Er hat mich nie gemahnt, obgleich ich ei meinem geringen Gehalt von sage und schreibe jährlich 750 Mark! ihm nur recht kleine und noch dazu unregelmäßige Beträge senden konnte, so daß ich viele Jahre bei ihm in der Schuld blieb. Ob mir einer von den christlichen Kaufleuten der Seminarstadt das gleiche Entgegenkommen und Vertrauen und die gleiche lange Geduld gezeigt Hütte, wage ich nicht ohne weiteres zu behaupten. Ich bin nunmehr 60 Jahre alt. Vieles habe ich in dieser langen Zeit erlebt — und wieder vergessen, aber, die Wohltat, die ich von jenem jüdischen Kaufmann erfahren habe, ist mir unvergeßlich geblieben, und ich danke es dem braven Manne noch heute, da ihn längst der grüne Rasen deckt. Und wenn ich höre, daß jemand von dem „unbarmherzigen und betrügerischen Juden" spricht, dann steigt in mir der Unwillen auf, und ich pflege als Gegenbeweis dieses Erlebnis aus meinem Leben zu erzählen. Und warum ich es hier niederschreibe? Ich bin kein „Judenknecht" und stehe nicht „m jüdischem Solde", fühle mich auch gar nicht zum „Schützer des Judentums" berufen. Aber mein Gerechtigkeitsgefühl zwingt mich dazu, den jüdischen Mitbürgern, die ihre staatsbürgerlichen Pflichten so gut wie jeder andere erfüllen. Recht und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und wenn die NSDAP, das gleiche Gerechtigkeitsempfinden hätte, dann würde sie sich ihrer maßlosen Judenhetze schämen und ber sich Einkehr halten. e. W. iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Auf drei Dingen ruht die sittliche Weltordnungs auf dem göttlichen Gesetze, auf der Gottesverehrung und auf der werktätigen Liebe. Aus dem Talmudabschnitt „Sprüche der Vater" 833689695497164956578

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.