Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 9 (September 1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Ein Diener -er Liebe Au Wilhelm Maria Senns Droschürer „Katholizismus un- Nationalsozialismus" Aks Kind lebte ich mehrere Jahre in einem pvsenschen Städtchen. Gegenüber unserem Hause ragte die stattliche katholische Kirche in die Lüfte und unweit davon lag in grünem Garten das Pfarrhaus. Meine katholischen Mitschüler und Spielgefährten fügten dein Pfarrer, ging er über die Strafte, ehrerbietig die Hand, und ich tat desgleichen; nicht etwa tun: aus Nachahmung, sondern weil der Geistliche von Güte und Wohlwollen strahlte. Und „kaut die goldene Herbsteszett", dattn leitete sie gewöhnlich ein rot- und gelbleuchtender Korb mit wundervollem Obste ein, den der katholische Geistliche alljährlich dem jüdischen Kausntann uttd detn handküssenden Jungen spendete. Solches Bild eines edlen katholischen Geistlichen, eines wahren Dieners der Religion und der Liebe, steht manchen von uns int Herzen; nicht nur in der Erinnerung, auch in der Gegenwart. Und viele jüdische Familien und viele, jüdische Rabbiner und Lehrer im Norden und Süden, im Westen und Osten des Reiches wissen zu berichten, welche achtungsvollen, ja herzlichen Beziehungen oft zwischen der katholischen Geistlichkeit und den Vertretern des Judentums, atntlich wie familiär, bestehen. Solche Beziehungen ehrett beide Teile; sie sind ein erhebendes Beisptel, wie man die religiösen und sittlichen Gebote in den Alltag umsetzt. Ist der Priester ein Diener der Religion, eines der höchsten Güter auf dieser Erde, so ist nur der Priester berufen, der für sein heiliges Amt keinen zwischen seinem Erdenleben und zwischen seiner Predigt klaffenden, die Umwelt kränkenden Widerspruch bestehen läßt. Ein Priester, welcher Religion auch immer, der die Kanzel verläßt, in das öffentliche Leben hineingeht, gar die Rednerbühne betritt oder Schriften aus eigener Feder in das Volk schickt, sollte jedes seiner Worte tausendmal wägen und immer wieder und wieder prüfen, ob er nicht verletzt und kränkt, ob er wahrheitsgetreu und gerecht ist, oder ob er nicht durch eine beleidigende, niederziehende Kampsesart seinem Stand und dautit seiner Religionsgemeinschaft Schaden zusügt. Nichts ist aber für den feiner Empfindenden und für den Einsichtigen Peinlicher, als wenn er sehen muß, daß der Priester sein Verhalten, seine Ziele, seine Worte als von Liebe zu Volk und Vaterland eingegeben, als wahrhaftig bis zum letzten und gerecht bis zum äußersten ausgibt, daß er aber auf dem Weg zu diesem Ziele in Wort und Tat das üble Gegenteil beweist. Wäre solche Handlttngsweise bewußt, so könnte man sie Heuchelei nennen. Die Achtung vor dem Priester gebietet, solche Absicht attszuschließen und sie daher nur als Verblendung zu bezeichnen. * Diese Gedanken bewegten mich, als ich die Kampfschrift des katholischen Pfarrers Wilhelm Maria Senn, „Katholizismus und Nationalsozialismus", Abwehr-Verlag, Münster (Westfalen), las. Soweit sich diese Kampfschrift mit dem Zentrum und seiner Politik, mit Zeitungen vom Ansehen des „Badischen Beobachters" und der „Kölnischen Volks^eitung", mit dem Reichsinnenminister Dr. Wrrth, dem Kaplan Fahsel ttnd anderen Fragen und Personen auseinandersetzt, haben wir hier keine Stellung zu nehmen. Das Zentrum und seine Parteigänger sind Manns genug, um das richtige Wort darauf zu finden. Der „Badische Beobachter" hat schon in seinen Nummern vom 22., 23. und 27. August das gesagt, was von einem traditionell katholischen religiösen und politischen Standpunkt zu bemerken war. „Der Führer", das nationalsozialistische Organ Badens, hat sich Senns und seiner Broschüre bemächtigt und veröffentlicht seitenlange Artikel und Auszüge aus der Broschüre, und Angriff über Angriff prasselt darin auf das Zentrum und insbesondere auf den „Badischen Beobachter" nieder. Die Broschüre soll — das ist der Sinn der nationalsozialistischen Agitation — als Sprengbombe vorerst im badischen Zentrum dienen. In einem Rundschreiben an die Ortsgruppenleiter der NSDAP., das dent „Badischen Beobachter" aus beit Tisch geflogen ist, wird anfgefordert, Trupps von Verkättfertt, stellungslosen SA.-Leuten anzustellett, die die Broschüre von .Hans zu Haus tragen sollen, und als Ziel toird angegeben, „eine tnöglichst große Bresche im Zentruut zu erreichen; die schärfste Waffe hierzu haben wir in der Hand". Wir haben hier nur das vorznnehmen, was Pfarrer Settn ausführlich und kämpferisch über die Judenfrage sagt. Wenn er auf Seite 58 feiner Kampfschrift schreibt: „Ist unser Katholizismus verludet? Auf diese Frage antworte ich ohtte irgendtoelche Bedenken mit einem rauten Ja!", so ist man allerdings schon versttcht, einett Schlußpunkt auch unter diese Ausführungen zu setzen. Denn solche Behauptung tst so ungeheuerlich, daß sie nur eines Ludendorffs als fanatischen Gegners der katholischen Kirche und eines Dinier, der jede dritte Zeile von der jüdisch-röntischen Kirche in seinem „Geist- Christentum" schreibt, würdig ist. Der Beweis, den Pfarrer Senn für seine Behauptung durchführt,ist sehr einfach und sehr alt,wird darum aber keinestvegs zutreffend. Die Weltpresse sei verjudet, das internationale Finanzkapital sei verjudet, die Abtreibung sei eine jüdische Angelegenheit, alles moralisch Minderwertige und sexuell Laszive auf der Bühne, in Wort und Schrift, sei Judenmache. Das Meer von Blut, das die Hinrichtungen der Sowjetregierung — an Hand einer willkürlichen Tabelle bewiesen — hat fließen lassen, „klebt fast ausschließlich an jüdischen Händen". Das Warenhaus sei ein jüdisches Machwerk, in der Politik herrsche „das Geschäft", ein Wort mit starkem „jüdischen Beigeschmack", und von allen diesen Nebeln und Schändlichkeiten sei der Katholizismus stark angekränkelt: „Alles ist verjudet, auch der Katholizismus ist weiterhin und in erschreckendem Umfange verjudet". Es lohnt sich wahrhaftig nicht, auf diesen altbackenen Unsinn auch nur einzugehen. Eine derartige Beweisführung ist verzerrt und, man möchte beinahe sagen, so lächerlich, daß sie von einem wirklich ernsthaften Menschen sofort in ihrer Hohlheit und Nichtigkeit erkannt wird. Pfarrer Senn sollte nur weiter so folgerichtig sein: Vielleicht ist der Heilige Vater verjudet, weil er das verjudete Alte Testament als Grundlage der Kirche anerkennt und verehrt; vielleicht ist der Pfarrer Senn verjudet, weil er Beweismethoden gebraucht, die die Judengegner oft, wenn auch falsch, als talmudisch und jüdisch-pharisäisch ansehen. Jtn übrigen hat unser Freund Rabbiner Dr. Felix G o l d m a n n (Leipzig) Pfarrer Senn auf seine Aussätze in der „Schöneren Zukunft" vom Jahre 1928 in der „C. V.-Zeitung" mit der Ueberschrift „Neugermanisches Heidentum" schon das Nötige gründlich, aber vornehm gesagt. Und Pfarrer Senn hat die Angriffe von oamals nur jetzt wiederholt und erweitert*). # Wir verbitten es uns, daß Kritik an uns in solcher Lieblosigkeit und in solcher vielleicht nicht beabsichtigten aber in der Wirkung sicher eintretenden Hetze geschieht, wie hier aus geistlichem Munde. Vor unserer Tür kehren wir allein, kehren wir, wenn nötig, mit eisernem Besen. Wo uns Unrecht geschieht, wehren wir uns. Und wenn wir sehen, wie katholische Christen in Mexiko um ihres Glaubens willen verfolgt werden, so erheben mir nicht minder laut die Stimme für diese unschuldigen Opfer, wie wir unsere Stimme laut und *) Ob die Erweiterung ein Fortschritt ist? Lin Beispiel nur: Pfarrer Senn scheut sich nicht, eine angebliche Aeußerung des Baron Moses Montefiore in Krakau zu zitieren: „Solange wir nicht die Presse der ganzen Welt in der Hand haben, ist alles umsonst, was ihv unternehmt. Wir müssen die Presse der ganzen Welt in die Hand nehmen, um die Völker zu täuschen uttd zu blenden." Diese Aeußerung ist eine Fälschung! Sie stammt nicht von Pfarrer Senn; aber sie ist ein alter antisemitischer Ladenhüter! Wir erbitten Beweis, wer diese Aeußerung getan, wo sie gefallen, wo sie verzeichnet ist! eindringlich erheben, wenn ein Diener der Liebe trns so' schwer verunglimpft, wie es Pfarrer Settn tut. Der badische Geistliche erzählt, er habe nicmals ben einzelnen Inden mit seinen Angriffen gemeint, er stehe mit einzelnen Inden gut, feilt Angriff gelte dent Judentum als solchen. Und bann kämen die bösen Juden, besonders der Centralverein, und griffen ihn an. Ich möchte einmal den Deutschen sehen, der sich int Zaume hielt, meint matt etwa tut Auslände seitt Deutschtum beschintpft oder erklärt, ihn als Deutschen meine man nicht und mit einem Dutzend Deutscher stehe sich der Beleidiger gut. # Ich denke an eilte interessante Begegnung vor eittigett Jahren in München. Dort sprach ich mit einem der so packenden volkstümlichen Redner, einem katholischen Geistlichen,t der mehrere Ehrenämter in katholischen Vereinigungen entnimmt, der fast jeden Sonntag und oft wochentags, bald hier, bald dort, die Rednerbühne betritt uttd überzeugt und überzeugend für die katholische Sache eintritt. Dieser Mann von Format, mit dem ich mich lange über die Judenfrage unterhielt, erhob Vorwürfe und Ausstände. Und warum sollte er nicht in der Studierstube diese jemandem unterbreiten, der um Kritik und offene Stellungnahme gebetett hatte: Als die Angriffe gar nicht enden wollten, da sagte ich: „Eines der Grundgebote der christlichen Religion nicht minder wie der jüdischen ist die Liebe zu den Mitmenschen. Warum, Hochwürden, versuchen Sie es tticht einmal mit der Liebe, warum fast immer mit der Ablehnung, ja dem Haß?" Der vornehme Geistliche schwieg nachdenklich. Pfarrer Senn wird leider ntcht schweigen, wenn er dieses liest. Er wird weiter auf feilte Art kämpfen; aber wir versichern ihm, daß mir ebenfalls nicht Nachlassen werden. Unsere Waffen werden blank und rein sein. Wir wissen in heiliger Ueberzeugung, daß wir in unserem Kampf nicht nur für die gerechte jüdische Sache eintreten, sondern für die Wahrheit und Gerechtigkeit und die politische Anständigkeit im deutschen Vaterlande. vr. Alfred Wiener. Lasst die Gefallenen aus dm Spiel Der Führer des bayerischen Stahlhelm-Landesverbandes, Oberst von Lenz, hat, wie der „Schild" meldet, auf einer großen Stahlhelmkundgebung in Erlangen geäußert, daß „im Krieg nur ganz w e n i g e I u d e n dabei" waren. Daß diese Behauptung falsch ist, sollte der bayerische Landesführer des Stahlhelms wissen. Daß sie auf die jüdischen noch lebenden Kriegsteilnehmer und besonders auf die Angehörigen der Gefallenen verbitternd und verletzend wirkt, sollte jeder-vernünftige Deutsche fühlen'. Wenn ein völkischer Agitator die Lüge von der Drückebergerei der Juden verbreitet, wird man die Achsel zucken/ Alten Soldaten aber ttnd Frontkämpferverbänden sollte es — schon aus Pietät den Gefallenen gegettüber — Ehrensache sein, eine Herabsetzung der Gefallenen und der überlebenden Kämpfer atts dem Spiel zu lassen. Hitler und Fichte. Im August-Heft der „Neuen Rundschau" veröffentlicht Friedrich Franz von Unruh einen bedeutsamen Aussatz über „Fichte und den Nationalsozialismus". Die Aehnlichkeit zwischen Fichte und Hitler ist danach ganz äußerlich. Fichte fordert zwar den „geschlossenen Handelsstaat", aber seine Gedanken haben mit den volkswirtschaftlichen Träuntereien eines Gottfried Feder nichts zu tun. Fichte verteidigt zwar den Krieg, aber der moderne Gaskrieg ist längst nicht mehr der ehrliche Kamps von Mann zu Mann, den Fichte im Befreiungskrieg seinerzeit vor Augen hatte. Darin aber liegt der Grundunterschied: Fichtes Nationalismus verlangt — von Kants Sittenlehre entscheidend beeinflußt — die sittliche Erneuerung des einzelnen, und weiterhin des ganzen Volkes, während Hitler erklärt hat, daß ihm das Privatleben seiner Anhänger itichts angehe. Fichte will letzten Endes Menschlichkeitsentwicklnng, während Hitler das Gegenteil erzielt. Die propagandistische Verwendung Fichtescher Gedankenfetzen durch die Nationalsozialisten widerlegt sich selbst, wenn der große Denker nicht nach herausgerissenen Programmpunkten, sondern aus Grund seiner gesamten Weltanschauung verstanden toird. vr. F. F.