Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 9 (September 1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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56 M-Hossun- ~ Ain Sonntag, den 9. Angnst 1931, umvbcit nuf dem jüdischen Friedhöfe in Waldrnoyr (Sanrpfalz) zahlreiche Grabsteine zerstört nnd Inschrift platten van Grabdenkmälern entfernt. Mehrere Gräber waren mit Hakenkreuzen verunziert. Von den Tätern hat man bis jetzt noch feine Spur. Ans ihre Ergreifung hat die jüdische Gemeinde 50 Mark Belohnung ausgesetzt. * Am Berfassnngstag haben in der Stadt herinnrandalierende Rechtsradikale ein Fenster der Synagoge in Buchen (Baden) cingeworfen. Der Täter, W i t t e m n it n , der seit langem als Nationalsozialist gilt, wurde zu vier Atonalen Gefängnis verurteilt. Der Oberstaatsanwalt hat wegen des ihm nicht ausreichend erscheinenden Strafmaßes gegen das Urteil Berufung eingelegt. Auf dein jüdischen Friedhof in Ofsenbach a. M. wurden in der Nacht vorn 16. zum 17. August dieses Jahres zwei Grabsteine von ihren Sockeln gestürzt. Anhaltendes Regenwetter hatte jede Spur verrutscht, die Täter konnten noch nicht ermittelt werden. v Der jüdische Friedhof in N e u nt a gen a tt d e r Mosel wurde von bisher unbekanrrten Tätern heimgesucht. Zehn Grabsteine wurden umgeworfen und vier stark beschädigt. Der Schaden ist repariert nnd der Friedhof vor neuen Verwüstungen gesichert worden. 192*—1931 Eine authentische Liste sämtlicher in Deutschland in den Jahren 1923 bis 1931 erfolgten Friedhossschändnngen hat der C. V. soeben heralisgegeben. Das betrübliche Verzeichnis enthält nicht weniger als 104 derartige Schändungen. Die erste nachweisbare Schändung wurde in der Nacht vom 27. zum 28. Januar 1923 in Schneidemühl, die letzte wurde kürzlich in Neumagen a. d. Mosel festgestellt. Die Schändungen verteilen sich auch alle Teile des Reiches. Am seltensten ist die Provinz Brandenburg in der Liste gn finden. Unter den ausgezeichneten Fällen sind sieben, in denen unzweifelhaft nachgewiesen werden konnte, daß die Täter rechtsradikalen bzw. nationalsozialistischen Kreisen angehören. Bei dieser Liste sind alle die Fälle von Fricdhofsverwüftungen ausgeschieden, in denen es sich tun Unfug von spielenden Kindernunr Unwetterschäden oder ähnliche Ursachen handeln könnte. Gerade Anhänger rechtsstehender Parteien werden aus ihr erschüttert entnehmen, zu welchen schändlichen Untaten der zügellose Judenhaß in Deutschland führt. Die Liste kann vom Büro des Centralvereins, Berlin IV 15, Emser Straße 42, gegen 30 Pfennig in Briefmarken portofrei bezogen werden. nach dem Kurfürstendamm zu ziehen, von den Drahtziehern der Aktion erst int letzten Augenblick den S. A.-Abteilungen bekanntgegeben worden. Es war zunächst ein Marsch in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag nach Teltow in Aussicht genommen worden. Als die S. A.- Leute marschfertig in den Lokalen erschienen, wurde ihnen ntitgeteilt, daß der Nachtmarsch aussiele und daß sich alle sofort nach dein Knrsürstendamnt zu begeben hätten. So erklärt sich das überraschende Anstreten der Sturmabteilungen am Knrfürstendnmm. Die revolutionäre Erregung, die unser Volk dnrchzittert, entlädt sich in blutigen Zusammenstößen politischer Gegner, Versammlungssprengungen, Morden an Polizeibeanüen, und während eben die Presse noch über die Ausschreitungen ant Kurfürstendamm berichtet, verdrängt im nächsten Augenblick die Meldung über schwere Zusammenstöße zwischen beit Anhängern der sozialistischen Parteien im Berliner Sportpalast das Interesse an , der „Vorübung zum Pogrom" vom Rausch- Haschono-Tage. . . üann hätte es anöers geklappt!" In der Fachgruppe der NSDAP, für das Gastwirtsgewerbe sprach am Montag, den 14. September d. I., ein Redner namens Keller in einer schwach besuchten Versammlung über das Thema „Gewerkschaften und Ständeparlament im Dritten Reich"; er ging auch auf die Ausschreitungen am Kursürstendarnrn ein und machte dazu folgende Ausführungen, die die Verdrehungskunst eines nationalsozialistischen Redners im Hellen Lichte zeigen. Die Drohungen an die Adresse des Berliner Polizeipräsidenten und der Vergleich mit dem Hinweis auf die Mörder der beiden Polizeiosfiziere ist für die Einstellung und die Gewissenlosigkeit bestimmter nationalsozialistischer Agitatoren außerordentlich bezeichnend: „. . . Wir müssen daher auch notgedrungen Stellung zum Judentum nehmen. Wir wollen nicht hetzen, wir wollen auch keine Pogrome . . . Meisterhaft hat es die freche jüdische Journaille verstanden, das Volk zu betrügen, zu verleumden und die wirklichen Volkssührer mit Dreck zu überschütten. Dann kann sie sich auch nicht wundern, wenn einmal den jungen, heißblütigen, wahrhaft nationalistischen Kreisen die Galle überläuft und sich in Szenen wie am letzten Sonnabend am Kurfürstendamm Luft macht. Hier liegt wirkliche Notwehr vor. Wenn die jüdische Lügenpresse weiter so sortsährt, uns und unsere Führer zu beschimpfen, dann kann es dahin kommen, daß wir, ebenso wie es damals nach der Ermordung der Polizeioffiziere die Kommunisten taten, dem Berliner Polizeipräsidenten sagen müssen, wir haben die Masse unserer Anhänger aus unserer Führung verloren, wir können für sie keine Garantie mehr übernehmen. Wnt> jetzt schwindelt dieses freche Jndengestndel noch, Dr. Goebbels sei der Anführer dieser Massen ant Knrfttrstendamnt gewesen. Die Inden sollen sich nnr nicht täuschen, hätten wir die Sache organisiert, dann hätte sie ganz anders geklappt. Den Inden wird ja ihr Neujahrsfest etwas unangenehm verlaufen sein ♦. " Acht Angehörige des jüdischen Turn- und Sportvereins „Bar Kochba" in Königsberg i. Pr., säst ausschließlich Schüler, wurden in der Kaiserstraße in Königsberg von Nationalsozialisten, die aus einer Versannnlung kamen, in der Dunkecheit überfallen. Die Täter konnten noch nicht festgestellt werden. MHHliMt M f» MW Am 15. Mai, abends, saß der Elbinger Nationalsozialist I a k o b u s mit Hakenkreuzfreunden im Nathauscafs in Elbing und hänselte sich mit einem Nebentisch, an dem auch einige Juden saßen. Langsam wurde die Stimmung „gemütlich", und am Ende waren die Gemüter so erhitzt, daß Jakobus einem der Hinallsgehenden ein Vierglas nachwarf und einen Hofbesitzer aus der Urngegend Elbings erheblich verletzte. Die Beteiligten mußten zur Polizei. Der Kaufmann Alfred S i m o n s o h n, der auch im Cafe gewesen war, und allein einen Zusammenstoß mit Jakobus gehabt hatte, verabschiedete sich von seinen Begleitern und ging allein in der Richtung seiner Wohnung den Mühlendamm herunter. In der Nähe des Gerichts überholte er eine Gruppe von fünf Leuten, unter denen Jakobus, der bekannte SA.-Führer S ch w o l o w und der Nationalsozialist Nogalski waren. Im Vorbeigehen schlug nun Jakobtts dem Zeugen Simousohn mit einem Stock derart ins Gesicht, datz das Nasenbein zertrümmert wurde und der Geschlagene mehrere Tage laug bei hohem Fieber und der Gefahr einer Hirnharttentzündung zwischen Tod und Leben schwebte. Die Knochen der Nase waren zum Teil herausgesplittert, und die Nase ist jetzt völlig verunstaltet. Der Angeklagte behauptet, in Notwehr gehandelt zu haben. Simonsohn habe ihn im Vorbeigehen mit einem Stock. ans Bein geschlagen, und in der Abwehr habe er, Jakobus, dann den unglücklichen Schlag geführt. Aber Simonsohn, der gleichzeitig als Nebenkläger zugelassen war, betonte nachdrücklich, daß er natürlich gar nicht daran gedacht habe, Jakoblls, der mit zwei anderen Leuten zusanünenging, zu schlagen. Ter Staatsanwalt sah den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung als erwiesen an und beantragte ein Jahr Gefängnis. Der Vertreter des Nebenklägers, Rechtsanwalt Lewinski, ging auf die antisemitischen Motive ein, die den Handlungen des Jakoblls zweifellos zugrunde liegen, und prangerte in wirkungsvoller Weise die nationalsozialistischen Methoden an, die Unfrieden auch nach Elbing getragen haben. Das Gericht verurteilte I a k o b u s zll fünf Monaten Gefängnis und den Kosten des Verfahrens. ms ln Alk In L h ck hat sich in der letzten Zeit die judenfeindliche Bewegung in erschreckendem Matze ausgewirkt. Als kürzlich dort ein jüdischer Kaufmann, der aus Nahrungssorgen seinem Leben ein Ende gemacht hatte, beigesetzt wurde, wagten es antisemitische Preise, in unmittelbarer Nähe des Trauerzuges eine Tafel mit der Inschrift aufzustellen: „So Wirdes Euch allen ergehen!" Tie nationalsozialistische Ortsgruppe rückte allerdings in der mit ihr shmpathiesierenden „Lhcker Z e it u n g" von den Tätern ab und verdächtigte Anhänger des Tannenberg-Bundes der Tat. Ter Oberstaatsallwalt in Lyck hat Strafverfahren eingeleitet. Die „Lhcker Zeitung" wurde kürzlich wegen Beschimpfung der Neichsregierung auf Grund der Pressenotverordnung durch den Oberpräsidenten der Provinz Ostpreutzen auf die Dauer von vier Wochen verboten. Nach ihrem Wiedererscheinen brachte sie eine Reihe judenseindlicher Artikel, trotzdem sie sich bisher nie gescheut hat, die gutbezahlten Inserate jüdischer Firmen aufzunehmen. Mit diesen Aussätzen stärkte sie die judenseindliche Agitation der Nationalsozialisten. Als der Bürgermeister nun kürzlich eine öffentliche Kundgebung der Nationalsozialisten im letzten Augeilblick verbot und dadurch Gewalttätigkeiten der Nationalsozialisten gegen die Lhcker Polizei entstanden, benutzte die „Lhcker Zeitung" diesen Beschluß zu der Behauptung, die Juden hätten die Polizei 3 it nt Verbot der V e r a n st a l t u n g und 3 ti m gewaltsamen Vorgehen gegen die Nationalsozialisten veranlaßt, denn — man habe den Leiter der Aktion, beit Polizeimeister Müller, am Tage vorher mit Juden sprechen sehen! In Lhck wurde gegen die jüdischen Geschäftsinhaber in stärkster Weise Boykott propagiert; Zettelverteiler stellten sich an den Markttagen vor den jüdischen Geschäften aus, und als verantwortliche Herausgeber waren aus den Boykottzetteln die überhaupt nicht bestehenden Organisationen „Teutscher Volksdienst" und „Deutsche Ausklärungsgemeinde" angegeben. Ter Regierungspräsident, in Allenstein verbot diese Zettel auf Grund der Pressenotverordnung, nachdem die Polizeiverwaltung ihrerseits ein Verbot abgelehnt hatte. Wie sich herausstellte, haben die nichtjüdischen Geschäftsleute lediglich aus K 0 n k u r r e n 3 g r ü n d e n diese Bohkottagitation finanziert. Es ist gegen sie Strafanzeige wegen unlauteren Wettbewerbs erstattet worden. Der Regierungspräsident in Allenstein hat sich auf Grund all dieser Vorgänge veranlaßt gesehen, einen Sonderkommissar zur Untersuchung nach Lhck zu entsenden. K. 8.