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Central-Verein-Zeitung · 1931-09-01 · Heft 9 (September 1931) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 9 (September 1931)
Date
1931-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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M ^.\M SM" MB ./Sfit MM . .6t A . . . A . , . . . . In diesen Blättern wird ein künftiger Geschichtsschreiber eine erschütternde Chronik über die politischen Verirrungen unserer Zeit finden. Er wird besonders ans den letzten zwei Jahren schamlose Herausforderungen judenfeindlicher Volksverführer Nachlesen müssen. Er wird die ehrlichen und die hinterhältigen Volksanfwiegler vor sich sehen, die, die mit niederträchtigen Vergleichen zum Mord ausfordern, und die andern, die in plumper Offenheit zum Pogrom anreizeu. Und diesem künftigen Geschichtsschreiber wird bei solcher traurigen Lektüre notwendig die Frage aufsteigen: Wie hat sich diese skrupellose Wühl- und Hetzarbeit entladen, wie ist die künstlich angestachelte Volkswut zum Ausbruch gekommene Daß eines Tages die Gistsaat aufgehen mußte, war nach Art, Anlage und Umfang des Unternehmens unvermeidlich. Die erste schwere ausgesprochene judenfeindliche Entladung ist in Berlin am Abend des 12. September, am ersten Tage Rauschhaschono eittgetreten. In den Abendstunden erschienen plötzlich etwa 1000 Nationalsozialisten, ohne Uniform und Abzeichen und doch jeden: Kundigen als S. A.-Leute sofort erkennbar, rempelten jüdische oder jüdisch aussehende Passanten, die zum Teil aus den Gotteshäusern kamen, an, schlugen harmlose Fußgänger ohne jeden Anlaß nieder und drangen unter judenfeiudlichen Schmäh- und. Kampfrufen in die Konditorei, deren Besitzer Christ ist, in der aber viele jüdische Gäste zu verkehren pflegen, ein, durchschossen die Scheiben und zertrümmerten Marmortische und Geschirr. Die Polizei war mit starken Kräften kurze Zeit nach dem Ueberfall zur Stelle. Sie verhinderte energisch und unter Anwendung des Gummiknüppels die drohende Fortsetzung der Ueberfülle auf Lokale und zerstreute die S. A.-Leute in kleine Gruppen. Daß diese sich dann in Trupps zu dreien und Vieren nach erprobter Taktik unter die Fußgänger der Strecke Gedächtniskirche bis Knesebeckstraße und Nollendorfplatz—Wittenbergplatz mischten, konnte sie nicht immer verhindern. Diese Trupps suchten planmäßig Händel. Ihr Wortschatz für die Einleitung einer gewünschten Keilerei umfaßte alle Wendungen vom überaus „witzigen" „Prost Neujahr!" und „Sarah, pack die Koffer', „Die Synagoge brennt", „Das habt ihr euch nicht träumen lassen, daß wir euch gerade heute besuchen werden!" bis zum üblichen „Juda verrecke!" Wer sich in diesen Stunden zufällig oder beruflich — wie die Syndizi des Centralvereins — unter die Menge mischte, hatte das bittere Gefühl, Menschen gegenüber zu stehen, die zu jeder Roheit fähig sind und die d:ese so feigen Handlungen stolz als eine gute Tat empfiudeu. Keiner: Augenblick st v r t e sie der Gedanke, daß sie sich gegen F r a u e n u n d 1 (inner vergehe::, d i e eines ihrer höchsten religiösen Fe sie feiern. Kerne Sekunde zögerten sie, wehrlose junge Schüler niederzusch lagen, keine Scham fühlten sie darüber, daß sie selbst rn gefahrloser Ueberzahl einzelne an fielen. Mit tiefer Erschütterung hören wir den Bericht eines alten Freundes, der sich vor den Rasenden in ein Auto flüchten mußte, un: in seine Wohnung zu fahren, und so zum erstenmal in seinen: Leben das Religionsgesetz übertrat. Die Oeffentlichkeit fragt mit Recht: W i e war so etwas in einer Weltstadt, in der Haupt st adt des Deutschen Reiches und in einer Hauptverkehrsgegend Berlins möglich? Scharfe Vorwürfe gegen die Polizei werden erhoben. Die Pflicht der gerechten Berichterstattung zwingt zu der Feststellung, daß die Schutzpolizei ihre Aufgaben in: Nahmen des mögl:chen erfüllt hat. Ausstünde in: einzelnen sind zu machen und von uns an der maßgebenden Stelle vorgebracht worden. Von einem „völligen Versagen der Polizei" kann aber nicht die Rede sein. Es ist bedauerlich, wenn selbst in republikanischen Blättern solche Behauptungen verbreitet und dadurch den in diesen gärenden Zeiten bis zum Aeußersten beanspruchten Polizeibeamten zunahegetreten wird. Etwa 60 Fe st nahmen sind erfolgt und annähernd 20 Uebeltäter harren dank des Zugriffs der Polizei der Aburteilung wegen Landfriedensbruchs. Allerdings war die politische Polizei von den: Plan des Ueberfalls nicht unterrichtet. Das spricht dafür, daß die Unternehmung nicht von langer . Hand vorbereitet war. Und tatsächlich ist der Plan, . . . olles wahre Ideale erstorben In manchem Tun und Streben, das uns widersteht oder uns zuwider ist, kann vielleicht doch ein noch so geringer idealer Kern enthalten sein. Wir sollten bemüht bleiben, ihn zu suchen, und, können wir irgend ihn entdecken, ihn anerkennen. Eines wird immer der letzte Erweis sein, ob er, wie verborgen auch immer, vorhanden sei. Wer imstande ist, für das Innerste und Tiefste, für das Heiligtum des anderen ein Empfinden zu bewahren, in dem wohnt doch noch etwas vom Ideal. Ist einer auch dieses Gefühls nicht fähig, versündigt er sich mit rohem Wort und roher Hand gegen das, was dem Mitmenschen die Welt der Ehrfurcht ist, dann ist in ihm alles wahre Ideale erstorben; die Roheit ist ihm zum Ideal geworden. Seinem Beginnen und Trachten den idealen Kern noch zuzusprechen, das würde bedeuten, sich selbst vom Gewissen loskaufen, dem sittlichen Gebote entweichen, das von uns fordert, das Niedrige zu verachten und zu verwerfen. Jede schmerzliche Erfahrung soll aber zuuns und von uns auch sprechen. Sie sollte erneut uns mahnen an Schlichtheit und Echtheit, an das, was zumal am Tage der Ehrfurcht und was auf dem Wege sich ziemt, der vom Hause des Menschen zum Gotteshause führt. Baeck. (Schluss des Artikels „Angriff auf die Seeleu) Gefahr, sondern sie stärkt sich an ihr. Und die Gefahr vor Jbnen, lieber Konrad, ist die Mathematik. Sie sino dabei, zurückzuweichen. Die Frage ist, ob Sie endgültig zurückweichen. Es ist Ihre Lebensfrage. Beantworten können sie nur Sie allein . . . Er geht. Nicht überzeugt. Die alte Suggestion hat zu lange und zu tief gewirkt. Aber er gebt still. Gewiß auch verschlossen. Aber man spürrs am Druck der Hand, oaß etwas in ihm begonnen hat, gegen seine entnervende Suggestion zu arbeiten. Männlicher oder weiblicher Rassentyp — das läßt ihn nicht los. Das erschüttert Nacht um Nacht mehr seine starre Ideologie. Jugend braucht plastische Anschauungen, scharfe Umrisse, scharfe Antrthesen. Männlich uno weiblich, das rst ein Begriffspaar von jener ewigen Plastik, an der auch der erfahrungslose Jugendliche instinktiv seine Gesinnung orientieren und neuordnen wird, wenn dies Begriffspaar in ihm als Forderung zur Entscheidung ausgeklungen ist. -Konrad B. will nicht zum weiblichen Typus gehören.. Er will das Männliche repräsentieren. Es läßt ihm keine Ruhe, daß jemand, der ihm vertraut hat und dem er vertraut hat, dies Männliche seiner rassischen Art bezweifelt. Irgendwie löst sich in dieser Ruhelosigkeit das radikale Dogma von der Mathematik als jüdischem Symptom auf. — Er kommt wieder. Ja, er habe sich entschlossen. Er will versuchen, ob er in die Lage kommt, mit der Mathematik fertig zu werden. Eine harte Arbeitszeit beginnt. Sie reicht nicht, ihm zum Jahresschluß em vollgenügendes Prädikat zu sichern — aber der Mathematiklehrer sieht den Fortschritt, erstaunlichen Fortschritt sogar, er gibt das Urteil ab, daß auf diese Weise für das nächste Schuljahr Konrads Anschluß an die Forderungen des Lehrplanes zweifellos sei. Konrad B. wird versetzt, es geht weiter bergauf er erlangt die wichtigste Fähigkeit, selber d:e mathematischen Probleme zu sehen — er kommt zu einem durchaus normalen Leistungsstand. Sein Selbstvertrauen in seine mathematische Befähigung ist vollkommen wieder hergestellt. Und nun weiß er, weil er es an der eigenen Seele verspürt hat, daß die antisemitische Ideologie ein Angriff gewesen ist, der -- auf seine eigene Seele, ja se:n eigenes Schicksal gerichtet war. Unwillig, und nun aus tiefstem biologischen Instinkt schüttelt er sie ab. wie etwas Altes, Dumpfes, Ueberlebtes — in ihm selber Ueberlebtes. Er hat erkannt, daß sein Antisemitismus eine Art Fluchterscheinung war, eine Affektentzündung, d:e verderblich wirkte, weil sie ihn hinderte, sachlich-kritisch zu sehen, weil sie das Vermögen d'er harten, vorurteilsfreien Selbstkritik abstumpfte. * Wir mußten diesen psychologischen Bericht deshalb so eingehend geben, um ganz klar das Entscheidende sichtbar zu machen: Die Haß-Suggestion der ant:semit:schen Ideologie ist nicht nur ein moralisches Unrecht, sondern eine Verkümmerung der eigenen Seelenenergie. Der Antisemitismus begeht nicht nur Unrecht am Juden, sondern er ist eine biologische Schädigung des Hassenden selbst. Er legt den Grund zu einer pathologischen Geisteshaltung. Je mehr er in das Volk eindringt, um so mehr wird er eine nationale Gefahr — nicht nur in einem sittlichen Sinn, der zuletzt doch subjektiven Deutungen unterworfen ist, sondern im objektiven Sinn, der Zersetzung geistiger Grundenergien des Volkstums. Damit ist aber gezeigt, daß er nicht ein Randproblem der Erziehung ist, ein bisher kaum begriffenes Grundproblem derjenigen Erziehung, die sich verantwortlich weiß für die gerade, ungehemmte, unverzerrte Entwicklung der gesunden seelischen und geistigen Kräfte des jungen Menschen. 3^88906533050440261878

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