Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 9 (September 1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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54 10 Kriegsartikel gegen jüdische Zeiertage Der Sund -er Gottlosen in Sowjetrußlanan -er Arbeit ihr widernatürliches System, das nie das System des reinen nordischen Menschen sein kann . . . Höchst skurriles Zeug, das unser Freund da zusarnmenbraut! Unreifes Zeug, keiner ernsthaften Diskussion wert. Aber damit ist hre Arrgelegenhert nicht erledigt. Gerade die törichten, wirklichkeitsfremden und unreifen Gedanken sind die gefährlichster;. Neunundneurrzrg Hundertstel allen Unglücks auf der Welt stammen nicht von vernünftigen, sondern von törichten Gedanken. Und die vernünftigen Gedanken sind nicht nur dazu da, das; man sie privatim denkt, sondern gegen die Ueberzahl der törichter; ins Feld führt. " Auch unser Freund gerät durch seine nordischantisemitische Ideologie nicht nur in geistige Unordnung, sondern in Leberrsgefahr. Er hat 31t wenig Lebenserfahrung, als das; er der Suggestionskrast der antisemitischen Forderung energischen Widerstand entgegenzusehen vermöchte. Er glaubt dem Klang des Ethos, mit dem sie stets auftritt, und sein kritisches Rüstzeug ist nicht stark genug, Wahrheit, Schein, Lüge und Fehlschluß m ihrer Begründung zu unterscheiden. Diese Suggestion erzeugt bei unserem Freund zugleich die andere Suggestion: Ich kam; in der Mathematik nichts leisten. Der Antisemitismus und seine Asfektsuggestion ergreifen nicht rmr einen Teil der Seele, sondern die ganze Seele. Man ist nicht nur in einen; Zipfel seiner Seele leidenschaftlich, haßerfüllt, feindselig, sorrdern „mit ganzer Seele" — zumal der junge Mensch, dessen Trreb und Stolz darauf gerichtet ist, alles, was er tut, als „ganzer Kerl" zu tun. So dringt die nordisch-antisemitische Suggestion auch in seine Selbstdeutung ein — in die. Deutung dessen, was er kann und nicht kann. Und aus dieser Suggestion findet er nicht heraus. Sie bannt ihn. Seine Leistungen in Mathematik werden vollkommen ungenügend. Es ist kein Zweifel mehr, daß er das Ziel der Klasse nicht erreichen wird, daß er also die höhere Schule verlassen muß. Die Mutter verzweifelt. In dem Jungen steigert sich der Grimm gegen die „jüdische Vergewaltigung" der deutschen Schule, allen Bitten der Mutter gegenüber bleibt er dabei' unmöglich. Ich will, aber ich kann nicht.' Die Suggestion hat ihn in der Schlinge. Er kann wirklich nicht. Er sieht, selber ratlos, daß er Schifsbruch leidet, daß er die Schule wird verlasserr müssen, weil „für nordische Art kein Raum auf Deutschlands Schulen ist". Er leidet furchtbar, trotzig, haßerfüllt — und doch verzweifelt. So steht die Sache, als die Mutter mich ins Vertrauen zieht. Sie erinnert sich, daß der Sohn mir gelegentlich literarische Versuche anvertraut hatte, daß ich ihn ein wenig dabei gefördert hatte und so in seinem Herzen einen Platz besaß. Jugend ist immer dankbar für jedes Wort der persönlichen Hilfe und Anerkennung. Ob ich ihm nicht auf den Weg Helsen wollte, fragt die Mutter. Ich lade ihn ein, frage ihn, warum ich so lange nichts von ihm gehört habe. Und nun entlud sich, nicht klagend, sondern trotzig und anklagend, fein Eifer und sein Zorn, girt Haß und dieses in sich widerspruchsvolle angen um ein Rassenerbe, das sich groß und sieghaft nennt — und doch wieder vor jedem wirklichen oder vermeintlichen Arrderssein;n die hysterische Angst gerät, nun werde es zersetzt, aufgelöst, in seiner Lebenskraft tödlich bedroht. Es war klar: Ihm konnte nicht durch oberflächliches Zureden geholfen werden, sonderrr nur dadurch, daß er aus der verhetzenden Suggestion gelöst wurde. Es ist ein Zeichen schlechter Seelenkenntnis, wenn man einen im Affekt befangenen Menschen auf der Stelle, in einem Akt sozusagen, überzeugen will. Man kann Ueberzeugungen nicht gleich zum Zusammenbruch bringen. Mar; kann sie nur erschüttern und muß es den geheimen biopshcknschen Prozessen überlassen, daß sie das Erschütterte zusammenbrechen lassen und so die bedrohten Lebens- und Leistungswerte der Seele wieder zu reiner, klarer, ungehennnter Wirksamkeit bringen. Das Zentralkomitee des Bundes der Gottlosen hat folgende „Zehn Gebote" zur Bekärnpfung der jüdischen Feiertage verkündigt, die in brutaler Weise zeigen, wie „verjudet" das Sowjetrußland von heute in Wirklichkeit ist: 1. In allen Fabriken, kooperativen Artels, Kvllektivfarrnen, Schüler; und Klubs sind Vorträge über die Then;en: „Fttnfjahresplan und Religion", „Antisemitismus und Religion", „Kollektivierung und Religion", „Der Klassencharakter der jüdischen religiösen Feiertage" und „Moderrres Judentum und nationaler Haß" zu haltern 2. Zu Rausch H a s ch 0 n 0 h u n d Io m Kippur sind Exkursionen zu ver - a r; stalten, a n ti r eligiöse F i lin e zu z e i g e rt u n d Th e a t e r st ü ck e antireligiösen Inhalts zur Aufführung zu b r i r; ge n. 3. Ar; Stelle der hohen Feiertage sind „nationale Arbeitstage" zu proklarrrieren, an denen jedermann zur Arbeit im Dienste des Landes aufgesordert werden soll. 4. Es sind besondere antireligiöse Ausstellungen zu verarrstalten. 5. Das Radio soll in den Dienst der antireligiöser; Propaganda gestellt werden. 6. A n l ä ß l i ch der 1 ü d i s ch e r; Feiertage sind b e s 0 rr d e r e Versamml u r; g e r; d e r I u g e n d u n d d e r F r a u e r; e i n z u b e r u f e n. 7. Eine großzügige Werbung von Mitgliedern für den Bund der Gottloser; ist dürchzuführerr. 8. Es ist eine G e l d s a rr; rr; l u n g f ü r der; Vau eirres Kriegsschiffes, das den N a m e r; „M i l i t a n t e r Ap; k 0 ires" träger; soll, e i r; z u l e i t e n. 9. Die jiddischen Publikationen antireli- Sen Inhalts sind zu verrrrehren urrd in onier; und Fabriken zu verbreiten. 10. Jedes in einer Stadt a nsässige jüdische Mitglied des Bun - des der Gottloser; hat sich ar; den jüdischen Feiertagen in die Dörfer zu begeben, um dieB au e r n zur A b l; e f e r u n g der Ernte a r; die Negierung anzueifern. (Ita.) Ich sage unserer;; Freunds daß der Zusammenhang der Mathematik mit dein Charakter, mit berechrrendcrn, intellektualrstischem Wesen dahingestellt sein könne. Werm man aber das Judentum für seine Theorie beispielhaft in Anspruch nimrnt, so kanr; es nur in den; umgekehrten Sinne geschehen, daß das Judenturn gerade das Entgöttlichende der Zahl, gerade das, rvas er als nordisch airsieht, lebendig empfunden und bekannt hat. Da ist die biblische Geschichte von Jonathan, der das ruhige, abwartende Leben nicht aushält rrnd heimlich, nur in Begleitung seines Waffenträgers, zu den Vorposten der Philister aufbricht. Er weiß, daß sie in zweifelloser Uebermacht sind. Aber gerade das ist charakteristisch, daß er die. Zahlen nicht vergleicht: „Komm", sagt er rvörtlich, „laß uns hinübergehen zu der Wache dieser Heiden; vielleicht wird der Herr etwas durch uns arrsrichten; denn es ist den; Herrn nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen!" — Und drei Kapitel weiter kämpft der ungerüstete Knabe David gegen den Niesen Goliath, der arrfs schwerste gerüstet ist. Goliath, der ja nach der; Nassentheoretikern ein „nordischer Riese" gewesen sein soll, verhöhnt ihn, weil er klein und unbewaffnet ist. Er vergleicht. Er rechnet. David nicht. Den;;, er glaubt nicht an die Entscheidung von Maß und Zahl, sondern an die Entscheidung Gottes: „Du kommst zr; mir mit Schwert, Spieß und Schild", ruft er dem gewaltigen Gegner zu, „ich aber komme zu dir in; Namest des Herrn, des Gottes des Heeres Israels, das du gehöhnt hast." Da. ist ferner Davids Volkszählung, wieder ein paar Kapitel weiter. Eben die Zählung wird selbst von seinen kriegsrauhen Osfizieren als Sünde gegen Gott empfunden, und als kurz danach eine Seuche im Volk wütet, wird sie im Volkstum als gerechte Strafe Gottes für die Heereszählung — für das Vertrauen auf die Zahl, das eine Beleidigung Gottes ist, empfunden. Uno schließlich leider; die Söhne dieses Volkes heute noch und seit 2000 Jahren daran, daß sie einst den unmöglichsten Krieg der Weltgeschichte: den gegen Rom, wagten, in dem sie ihren nationalen Raun; verloren. Nicht als Symbole der Zahlengier leben sie unter uns — sondern als wandelnde Büßer für die Zahlenverachtung ihrer Väter, die nicht fragten, wie groß die Macht Roms sei, die nicht ihr winziges Heer mit den römischen Legionen verglichen, sondern aus dem zahlabgewandtesten Gottesglauben, der ihr Gervissen vorbehaltlos füllte und formte, in den heiligen Krieg gingen. Ich weise dann auf den inneren Widerspruch seines Denkens hin. Er hat das Bewußtsein, einer „großen Rasse" anzugehören trotz der Angst, diese Größe könne durch irgendeine kleine Minorität hinfällig gemacht werden. Großfein heißt, von der Theorie auf das wirkliche Leben übertragen: Wagen. Furchtlos sein. Alle fremden Errergierr in den Dienst der eigener; Leistung stellen, um die eigene Leistung zu steigern. Alles schöpferische Leben ist Synthese. Die Geschichte von der Ilrzelle bis zur Mensckrenkultur ist eine einzige ununterbrochene Naturgeschichte der Lebenssynthesen. Wer nicht mehr an diese Synthese glaubt — glaubt der noch an die Gervalt des Lebens? Ist der nicht schon aus der Flucht vor der ungeheurer; Vielgestaltigkeit des Lebens, auf der Flucht zur Isolierung, die die Handschrift der Natur rricht kennt? Glücklich, wer einen großen Glauben hat. Glücklich auch, wer der; Glauben an der; Rasfenwert in sich trägt. Aber es gibt zwei Typen des Glaubens an die große Raffe. Eirren rveiblicher; urrd einen männlicher; Typ. Der weibliche Typ will das Rassische unberührt erhalten, er will sich absondern, er weicht vor den; Leben zrrrück in das Einsam-Isolierte. Der 'männliche Typ will das Rassische erproben, bewähren in; Mitleben mit allen; Lebendigen, in der garrzen Fülle der Menschheit und mit der ganzer; Fülle der Menschheit. Genau wie es in allen Religionen und in aller; Zeiten diese beiden Typen des Glaubens gegeben hat: der; weiblicher;, der vor der Welt zurückwich, Einsiedler, Mönche und Norrrrer; schuf, der Selbstversenkung und dem isoliertmdividuellen Gottschauen lebte — und der; männlichen Typus, den der Glaube gerade den urngekehrten Weg trieb, zu den Menscher;, mit der; Menschen und für die Menscher; eifernd, den Typus, der mit seinen; Glauben und für seinen Gott die Welt erobern will und an der Welt wieder seinen Glauben stärkt und die realen Kräfte besserer Weltordnung, höherer- Kultur, veredelter staatlicher Gemeinschaften aus seiner Glaubenssendung entwickelt. Der Gang der Religionsgeschichte ist zugleich der große Gang der Kulturgeschichte; nicht dank dem weiblichen, sondern dank dem männlichen Typ des Glaubens, der nicht aus der Welt heraus, sondern in die Welt hinein zur großen synthetischen Wirkung sich getrieben fühlte. Mir scheint, daß die überwiegende Mehrheit der literarisch tätigen Menschen mit nordischem Bewußtsein dem weiblicher; Typ angehört, dem scheu und ängstlich zurückweichenden, zur Flucht;n die Isolierung gewandten. Das ist keine gute Prognose. Und nun wäre es an der Zeit, daß er,^Konrad B., sich entscheide, zu welchem Typ er "gehöre. Ich wünsche ihn;, daß er zu dem männlichen gehöre. Aber das kann nran nicht theoretisch ausmachen. Man muß es an; Leben selber sehen. Der männliche Typ ist der lieberwinderthp. Seine Kraft weicht nicht vor der