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Central-Verein-Zeitung · 1931-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1931) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 7-8 (Juli 1931)
Date
1931-07-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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hier unerörtert bleiben) hebräisch beten, eine Sprache, die nur dem Orientalisten vertraut ist. Freilich gibt es hier — wie beim mißverstandenen und mißbrauchten Talmud — gute Uebersetzungen. aber — man ist durch irreführende Lektüre mißtrauisch geworden. In Wirklichkeit stehen vre jüdischen Gebete, von ihrer Poesie ganz abgesehen, aus einem hohen ethischen Niveau. Sw sind die Inbrunst armer Herzen, die nach Gott lechzen; sie sind in Wortsorm gegossene tiese, geläuterte Religio- Versuchen wir nun, die charakteristischen Merkmale der jüdischen Gebete zu erfaßen: I. Äie sind kindlich naiv. Da8 betende Ich hat asses Aeußere abgestreist. Man ist wieder Kind und steht vor dem gütigen Vater, dem man alles schlicht vorträgt, von dem man alles erwartet. Alle Hüllen der Konvention, alle Formen der Zivilisation sind geschwunden, — man steht entblößt da, man offenbart sich in seiner ganzen Natur. Daher mutet manches Gebet vulgär an. Es ist eben die Sprache des KindeS, manchmal unsicher, tastend, hüpfend, — aber dem Vater verständlich. II. Sie streben nach Reinheit von Sünden. In fast allen Gebeten klingt der Wunsch nach Befreiung von den Fesseln der Niedrigkeit, von Begierden der Sinnlichkeit als Grundton. Der Kampf ums tägliche Brot, um Hilfe in großer Not kommt erst in zweiter Lime. Es gibt keine Determination, keine Gebundenheit an angeborene Leidenschaften, es gibt nur eine Kette von Ursache und Wirkung. Man weiß, daß man selbst für sein Tun und Lassen verantwortlich ist. Man lst sich bewußt, daß Sünde und Fehl böse Früchte tragen — für sich und für andere — und man sehnt sich nach Reinheit der Seele, die allein die Grundlage wahren Glückes ist. III. Sie sind sozial-ethisch. Man weiß, daß Gesinnung allein nicht viel bedeutet, wenn sie sich nicht in lebendigen Taten auswirkt. Die religiöse Ethik soll täglich geübt werden durch Symbole und Formen, die mit dem religiösen Inhalt zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. Das ganze Leben ist gebunden durch die Religion, es gibt nur Gebote und Verbote, und Hand in Hand damit gehen die sozialen Pflichten. Man rveiß, daß alle Religion Menschlichkeit an strebt, daß der Weg zu Gott über die Gerechtigkeit führt. Man weiß, daß man „Kind Gottes" ist und gegenüber allen, die Menschenantlitz trageil, heilige Pflichten hat. Die Zedakka steht im Mittelpunkt des religiösen Empfindens neben den beiden Schwestern Buße und Einkehr. Zedakka aber, die wir heute mit Wohltat übersetzen, bedeutet ursprünglich Gerechtigkeit. Barmherzigkeit und Hilfe sind Pflichten der religiösen Gerechtigkeit, des sozialen Ausgleichs. fDlnit ist nur Verwalter seines Vermögens, nicht Besitzer, man hat Rechenschaft über seine Verwendung abzulegen. IV. Sie sind universalistisch. Man ist sich bewußt, daß die engere Gemeinschaft nur ein Teil der großen Gemeinschaft, nur ein Atom der großen Menschheit ist. und daß wahrer sozialer ethischer Fortschritt nur möglich ist, wenn alle Menschen ihre Niedrigkeit überwinden und das Göttliche reinen Herzens anbeten. Man betet daher in den höchsten Stunden f ü r die ganze Menschheit, und auch da, wo nur von Israel die Rede ist, ist Israel als Träger der göttlichen Idee, als Verkünder ewiger Wahrheit gedacht. Wir wollen hier aus dem täglichen jüdischen Gebetbuch einige Gebete in freier Uebersetzung zitieren: 1. „Mein Gott! Die Seele, die Du mir verliehen, ist rein. Du hast sie geschaffen. Tu hast sie gebildet. Du hütest"sie in mir und Du wirst sie mir dereinst als Dein Teil wieder nehmen. Solange die Seele in mir ist, will ich Dir danken, der Du Herr aller Geschöpfe, Hüter aller Seelen bist." 2. „Herr aller Welten! Nicht wegen unserer Gerechtigkeit flehen wir zu Dir, sondern wegen Deiner unendlichen Barmherzigkeit. Was sind wir? Was ist unser Leben? WaS ist unser Tun? Was ist unsere Kraft, was unser Heldentum? Was sollen wir Dir verkünden? Sind doch alle Helden wie nichts vor Dir, und alle Berühmten, als wären sie nicht, und die Weisen ohne Wissen, und die Gelehrten ohne Einsicht." 3. „Mein Gott! Hüte meine Seele vor Bösem und meine Lippe vor Falschem. Denen gegenüber, die mir fluchen, soll meine Seele schweigen. Wie die Erde verstumme mein Herz. Führe mich Deiner Lehre zu, auf daß ich Deinem Willen diene! Zerstöre die Absichten derer, die Böses planen! Tue es, o Herr, wegen Deines Namens, Deiner Hilfe, Deiner Heiligkeit." Und nun das Schlußgebet aller Andachten: 4. „Wir knien nieder, beugen uns, bekennen uns zum König aller Könige. Er hat den Himmel ausgebreitet und die Erde gegründet. Seine Herrliästeit ist im Himmel oben und aus Erden unten. Er ist unser Gott, keiner neben ihm. Daher hassen wir in froher Zuversicht, bald zu schauen die Pracht Deiner Größe, daß aller Aberglaube und alle Unreinheit aus der Erde schwinde und die Welt begründet werde im Reiche Gottes, daß alle Menschen Deinen Namen anrufen und alle Bösen sich Dir zuwenden. Oh, daß doch alle Einwohner der Welt erkennen, daß nur Du groß bist und sich Deinem Willen unterordnen l" ¥ Aus all diesen Gebeten, die hier aufs Geratewohl aus der reichen Sammlung herausgegriffen sind, spricht die Demut vor Gott, offenbart sich die schlichte Menschlichkeit, das nach Versöhnung mit dem All sich sehnende Individuum, der friedensuchende Mensch. Der Jude betet in einer anderen Sprache, aber — die Sprache des wahren Gebetes ist überall und immer dieselbe: die Sprache des Herzens. Zur Heimatsgesthichte öer -eutfthe« Iuüen Legenöe von Lee Abstammung -er mittelrheinischen 0vöe« Von den rheinischen Gemeinden steht es nur für Köln fest, daß schon im ersten Viertel des 4. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde dort bestand. Im Kodex Theodosanius XVI. wird überliefert, daß Kaiser Konstantin im Jahre 321 n. Ehr. den Gemeindemitgliedern das Recht gewährte, zu Mitgliedern der Kurie berufen zu werden. Bald daraus, im Jahre 331, wurden abermals Gesetze für die Kölner Juden erlaßen. Für die drei „heiligen" Gemeinden am Mittelrhein, Mainz, Worms und Speyer, find urkundliche Beweise erst au3 erheblich späterer Zeit, etwa um 900 herum, vorhanden. Trotzdem betrachteten sich diese Gemeinden als die ältesten in Deutschland und begründeten diesen Anspruch durch eine sonderbare sagenhafte Ueberlieferung. Fm Buch der Richter wird der Kampf der Beniaminiten mit den übrigen Stämmen Israels erwähnt, und eine haggadische Tradition läßt als Folge dieses Kampfes tausend benjaminitische Männer in das Land Romania ausaewandert fein. Während einige Erzähler glauben darunter Rumänien verstehen zu müssen, wird von anderer Seite Romania mit Deutschland identifiziert und nach Menache m Man, dem Verfasser des historischen Werks „Scheerit Israel", war als Stätte der Auswanderung auÄrrücklich „eine Stadt mit Namen Gormesa — dieselbige heißt itzund W ö r m e s n (Worms)" erwähnt. Bon diesen Benjaminiten also behaupteten die mittelrheinischen Siedler abzustammen. Sie gaben ferner an, daß einmal zu Zeiten Esras von ihren palästinensischen Brüdern die Aufforderung an sie ergangen sei, sich an der Neubesiedlung der alten Heimat zu beteiligen, jedoch hätten sie geantwortet, sie fühlten sich in ihrer neuen Heimat wohl und wollten auch dort bleiben. Bon der nichtjüdischen Bevölkerung wurden diese Inden auch die „guten Juden" genannt, da ihre Ahnen ja lange vor der christlichen Aera ausgewandert und somit am Tode des Stifters der christlichen Religion unschuldig seien. Wie ist nun diese seltsame Abstanunungssage entstanden? In den Jahrbüchern für jüdische Geschichte und Literatur von Brüll wird diese Frage in einem Aufsatz behandelt, und es erscheint hiernach höchst wahrscheinlich, daß die Sage von den Juden selbst absichtlich verbreitet worden ist, um eine andere Tradition, die sich von altersher unter ihnen erhalten hatte, die ihnen aber unangenehm war, zu überdecken. Es existiert eine alte Wormser Urkunde, vermutlich aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammend, unb von einem Mönch in lateinischer Sprache verfaßt (Chronicon Wormatiense), in der folgendes mitgeteilt wird: Tie Vangionen, ein germanischer Volksstamm, der in der Wormser Gegend saß, und nach dem diese Stadt auch Civitas Vangionum genannt wurde, hatten Hilsstruppen zum Heere des Titus gestellt, das Jerusalem eroberte. Nach der Einnahme der Stadt war ihnen als Beuteanteil eine Anzahl Frauen und Mädchen zugeteilt worden, die sie in ihre rheinische Heimat Mitnahmen. Dje mit diesen Frauen gezeugten Kinder wurden von ihren Müttern, da sich die Väter wenig um sie kümmerten, in jüdischer Religion und Ueberlieferung erzogen. „Siehe, das find unsere Juden", ruft der Chronist aus, „welche in dieser Hinsicht eher Nachkommen von Vangionen als von Judäern sind, obzwar sie das nicht haben hören wollen und auch jetzt nicht wollen." Diese Ueberlieferung klingt durchaus glaubhaft. Germanen waren im römischen Heere schon seit Casars Zeiten vorhanden, dem ein germanisches Reiterkorps wertvolle Dienste leistete; wir finden sie später unter den Haustruppen der Cäsaren und bei den Provinzialarmeen als geschloffene Auxiliarkohorten und Schwadronen, so daß die Anwesenheit von solchen im Heere des Titus nichts Auffälliges hätte. Auch die Ueberlaßung gefangener Frauen an die Soldaten entsprach dem damaligen Kriegsbrauch. Uebrigens rankt sich auch um diese augenscheinlich historische Ueberlieferung noch eine Familiensage, die sich auf das Geschlecht der Talbergs bezieht. Diese uralte, vornehme Familie hatte in Worms, wo sie Kämmerer waren, das Judengericht mit der Verbindlichkeit, die Juden zu schützen, vom Bischose zu Lehen. Ttzr Lehnsbrief enthielt immer die Klausel: ,L?as Judengericht und die Juden zu fchirrwu, als das Herkommen ist." Hieran anknüpsend, berichtet die Volkssage, daß schon zur Zeit des zweiten Tempels ein Talberg auf einer Wallfahrt nach Judäa gekommen und dort in Not geraten fei. Von Juden fei er freundlich ausgenommen worden und habe diesen eine freundliche Gesinnung bewahrt und auf seine Nachkommen vererbt. Von diesen habe nun einer als Centurio im römischen Heer<yedient und mit seiner Beute an Gefangenen auch ein wunderschönes Judenmädchen in seine Heimat mitgebracht. Ein anderer römischer Offizier aus Mainz habe sich in dieses Mädchen verliebt und sie entführt, um sie für sich zu gewinnen. Als sein Werben vergeblich war. habe er versucht, dem Mädchen Gewalt anzutun, da sei ein glühender Stein vom Himmel gefallen und habe ihn erschlagen. Das Mädchen habe auf dem Stein den Namen Gottes leuchtend erblickt und sei von dieser Erscheimmg erblindet. Ter Stein sei später im Gewölbe der Synagoge von Worms vermauert worden. Der Kern dieser Sage weift auf denselben historischen Vorgang hin wie die alte Mömhschronik. Es war also diese den Juden so wenig genehme Ueberlieferung trotz des Versuches, sie durch die Benjaminitensage zu überdecken, fest bei ihnen hasten geblieben, so daß man wohl annehmen kann, daß sie gut begründet war. und so muffen wir wohl glauben. daß in den Adern dieser ältesten Siedler am Mttelrhein sich germanisches Blut mit jüdischem mischte. Dr. Kurt Oppenheim.

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