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Central-Verein-Zeitung · 1931-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1931) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 7-8 (Juli 1931)
Date
1931-07-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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50 Israels Propheten religiös-soztale Senöboten an öle Gegenwart Sibllfche Skizzen von TheoÜor Rappstein Vll. Der jüngere Jesaja (veuterojesüis.) AuS der Gemeinde der Verbannten, die ihre Heimat einbüßten mit ihrer nationalen Freiheit und die als Zwangskolonisten deS Welt-Babylonien trauernd in ihrem Unglück wie Hiob der Tage gedachten, da daS Geheimnis GotteS über ihrer Hütte war und er als Freund mit seinem Bundesvolke umging; deren Frauen an den Wassern zu Babel saßen und weinten, wenn sie an Zion gedachten, ihre Harfen in die Weiden hängten und nicht singen wollten auf daS spöttische Geheiß derer, gegen die sie den Krieg verloren hatten — zugunsten dieser Israeliten in den Jahrzehnten ihrer Verbannung ist ein unS sonst unbekannter großer Prophet ausgcstanden, dem wir in unserem Jesajabuch in der Bibel die Kapitel vierzig bis sechsundsechzig verdanken. Wir nennen ihn »vistenschastlich v6uteroj68aia, also den Jesaja ll. Man hat dies Stück wegen manchen gleichartigen Inhalts und wegen der meisterlichen poetischen Form bei der Zusammenstellung der heiligen Schriften Israels mit Jesaja Kapitel eins bis neununddreißig zu einem einheitlichen Jesajabuch zusammengefügt. Doch da rund zweihundert Jahre geschichtlicher Zeitraum zwischen dem ersten und dem sogenannten „zweiten" Jesaja liegen, so stammen die beiden Schriftdenkmäler höchsten Ranges natürlich von zwei verschiedenen Verfassern. Die Kirchen und ihre Diener haben in alter und jüngerer Zeit die Propheten ihre Bedeutung offenbaren lasten in der Vorhersagung oder Weissagung der noch verhüllten Zukunft. Doch sie sind Propheten, weil jeder von ihnen — was lein Priester vermag — seine Gegenwart in ihrem Wert und Unwert richtig einschätzte als die Wahrheit, die in ihm loderte und die er aussprechen mußte, auch wenn es sein Leben kostete. Wer unserer Zeit und.unserem Volk in ferner gegenwärtigen Verwirrung und Zerrissenheit in Staat und Kirche und Gesellschaft diesen Dienst leisten könnte, der wäre ein Prophet; er würde mit allen seinen Kollegen durch die Zeiten und Zonen die Palmenzweige und die Steinwürfe teilen, den Heilruf und den Todesbalken dem noch kein Prophet in seinem Vaterlande entgangen ist. Der jüdische Seher zur Zeit von Babylons Exil schaut den Fall Babels durch Cyrus und die gesicherte Heimkehr der Juden ins Land ihrer Väter. Darüber hinaus hat ein religiöses Genie die kost, barsten Perlcn aus dem wogenden Ozean seines gottersüllten GemütS an den Strcnd geworfen. Alles Vergängliche wirkte sich dieser Mann zum Gleichnis, zum Symbol des Ewigen. „Tröstet, tröstet mein Volk! Redet Jerusalem zu Herzen: vollendet ist ihr Kriegsdienst! Horch, einer ruft: In der Wüste säubert den Weg, ebnet in der Steppe eine Bahn für Gott! Jegliches Tal muß sich heben, jeglicher Hügel sich senken, daß offenbar werde Gottes Herrlichkeit. Horch. einer sagt: Ruse! Was soll ich rufen? Auf hohem Berg, du Freudenbotin Jerusalem, erhebe deine Stimme und sage den Städten Judas an: Gott naht als Starker, sein Arm übt die Herrschaft. Sein Lohn ist mit ihm und seine Arbeit vor ihm. Wie ein Hirt wird er seine Herde weiden, in seinen Arm die Lämmer fasien und die Säugenden sanft leiten. Jünglinge ermatten und Jung- Volk strauchelt; die auf Gott harren, fahren auf Flügeln wie die Adler und werden nicht müde." Auch dieser jiurgere israelitische Prophet Jesaja II. zur Zeit des Exils in Babel ist ein sozialer Sendbote an unsere Gegenwart. Nicht ist er ein Prophet wie AmoS. Hosea, Jeremia, gar wie der ältere Jesaja, die in öffentlicher Rede die DolkSgemeirioe zmn sittlichen Handeln entflammen oder von verderblichem Handel»: abfchrecken konnte»», soziale Mißstü»»de geißeln und schlechte Elemente a»»8»nerzen. Der jüngere Jesaja ist ein Poet mit leichtentzündlicher Phantaste, der die Feder führt und besten idealistischer Hochfchwung mehr aufS Ziel schaut als auf den Weg blickt. D»e Geschichte der Menschheit lockt ihn. er zieht die Summe der Prophetie und begeistert seine Zeitgenosten für die Vollendung der Religion. Der Dichter als Mund Gottes, irn Mantel deS Geschichtsphilosophen. Dem zerschmetterten Volk in seiner trostlosen Vernichtung, dem auch Unheilspropheten den Ja»nmer »»»ehrten, sagt er glaubenskühn an, daß Gott die Völkerwelt richten »verde und Israel herrlich aufblühen. Wunderbar »vird die Rückkehr der Verbannten erfolgen, ein Heils»veg quer durch die Wüste von Babel nach Palästina; Libanonbäume sprießen« und Wasterquellen rauschen. Statt Dornen »vachsen die Zypreste»», statt Nesteln die Myrte. El, der Geist, der Gottes»ville, spottet jeder Ohnmacht und jedem Widerstand der Menschlein. Sein Wort sein Werk! Auch der Kriegsheld deS Ostens, der siegreiche CyruS, dem unser Poet sechs Gedichte »vidmet, ist GotteS Gesalbter, Hirt, Freund, Stoßvogel. Der rornantische Idealismus des zweiten Jesaja will die wahre Gottesverehrung in der ganzen Welt zu»n Siege führen. Daran hängt sein Herz. Wer hofft, wird imrnor stärker, läßt Schwingen »vachsen »vie Adler! Neuerbaut »v»rd Jerusalem, Zion muß die Zeltstricke weit machen zur Ausnahme aller seiner hem»- kehrenden Kinder. Aber das wirkliche Jerusalem entsprach wenig dem Bilde von der Gottesstadt, die er malte. Die ganze Welt sieht dieser Visionär im Religiösen als den Klienten des Jahve- Volkes, von dem daS Heil ausgehen »vird. Denn Religion ist Geschichte. Unser Seher kämpft mit geistigen Waffen; nicht mit den Völkern, sondern mit ihren Göttern, er streitet für die Anerkennung Gottes, er ficht für den Monotheismus. Wer der Geschichte deS Tages und der Zeiten ihren bleibenden, ewigen Sinn zu geben weiß, der wächst empor zum sozialen Retter inS Ewige. Der Fanatiker In den „Dresdner Nachrichten" lesen »virr Der Fanatisnlus, der früher auf religiösem Gebiet so furchtbar gewütet hat, bedeutet heute eine größere Gefahr in unsere»»» politischen Leben, das durch ihn sch»ver erschüttert »vird. Das betont S a n i t ä t 8 r a t Müller de la Fuente in einen» Aussatz der „Deutschen Medizinischen Woche n s ch r i s t", in der er den Fa»»atis»»»us als „ein Symptom der Minderwertigkeit" bezeich»»et. Die Vielseitigkeit ist stets ein Zeichen hervorrage»»der Begabung; jede Ei»»seitigkeit aber zeigt eine Erstarrung des Geisteslebens, und diese Minderwertigkeit bietet den besten Boden für die Entstehung des Fanatis»»»»»s. „Auf irgendeinem Gebiet, an» häufigsten »vohl aus religiösem, neuerdings mehr aus Politischern, aber auch aus anderen", schreibt der Verfasser. „hat sich eine besti»»»n»te Auffassung in das Seelenleben deS Fanatikers festgesetzt: sei es durch Beeinflussung, solange er noch beeinflußbar »var, sei es durch einen »»»ehr oder »veniger falsch gedeuteten Zufall oder durch sonst einen, für den kritischen Beobachter nicht selten recht Tcltfnmcu Umstand. Diese Auffassung, diese Idee beherrscht nunn»ehr das Denken des Mensche»». Infolge seiner geringe»» Geistesgabcn gibt es daneben und darüber nichts »veiter. Alles andere außerhalb seiner Idee ist entiveder gleichgültig oder verkehrt." Aber »»icht nur sein Denken »vird durch diese Idee bestimmt, so»»dern auch sein Handeln. Weil er el>en als Minderwertiger keine Logik »»»ehr besitzt, kann er sich auch nicht »»»ehr vorstellen, daß andere andexs denken. Die Handl»u»ge»» des »ninderlvertigen Fanatikers si»»d in»u»er triebhaft u»»d von keinerlei logischen Erwägungen gehe»nn»t. Der Grad der Hen»»»»ungslvsigkeit hangt jedoch von zrver Umständen ab: von de»»» Grad seiner Minoer- »vertigkeit u»»d von dem Grad seiner Erzieh»»ng und Bildung. — Allen gemeinsarn ist die völlige Unn»öglichke»t, sich in die Gedankenwelt der Andersdenkenden hineinzuversetzen und diese als gleichberechtigt — »venn auch »rrig — anzuerkennen. Diese Eigenschaft, m»t der geistigen Starrheit und Unregsumkeit des Minderwertigcn »verbunden, »nacht den Kamyf gegen die Fanatiker so ungeheuer schwer, »veil sie Gcgengründen nicht zugänglich sind. Diese Eigenschaften finden sich alle, »»»eist »n verstärktem Maße, auch bei ausgesprochenen Geisteskranken. Nun ist jedoch der minderwertige Fanatiker scharf von dem E»»tdecker oder Forscher zu untere scheiden, der seine neuen Ideen mit einer gewisten „Besessenheit" verfolgt. Die Zähigkeit des Genies unterscheidet sich von der Verbohrtheit des Fanatikers dadurch, daß der eine durch sein Handeln die »viderwillige Menschheit überzeugt, »vähre»»d der andere durch Zwang und Gewalt ihr seine Meinung aufzudrängen sucht. Was die Luden beten Vorbemerkung. Der modern sein »vollende Judenhaß von heute macht, trotz aller Rastetheorien, a»lch vor der Religion nicht halt. Und — was einen Menschen von religiöser Kultur am »neisten traurig stimmt — er mißbraucht die Religion für niedrige politische Zwecke und verdächtigt alles Jüdisch-Religiöse als unethisch. Ter Antisemitisruus kehrt so zu seinem mittelalterlichen Geist und zu den primitivsten Formen des Fanatismus zurück. Es kann daher eine Apologie der Wahrheit ohne Einführung in die religiöse Psyche des Judentums kaum geben. Es scheint daher auch in» politischen Kampfe »vichtig, einen von Lcide»»schast ungetrübten Einblick ins innere Judentum zu ge»vinnen. Das Gebet als Seelcnausdruck in Freud und Leid, als Sehns»»cht nach Verschmelzung mit de»»» Göttlichen zur höchsten Harrnonie, ist in hohen» Grade charakteristisch nicht »»ur sür das einzelne Individuum, sondern auch sür eine religiös geschlossene Gemeinschaft. Tenn jede Religionsgemeinschaft hat ihre eige»»en Gebete, und eS ruht darin nicht nur Ueberlieferung, sondern auck) ein Teil ihres Wesens, ihrer Auf- / Von Fabius Schach sassung von Gott, von» Lebenssinn und Wert, von den menschlichen Pflichten und Aufgabe»». Man darf »vohl sagen: »vie eine Gemeinschaft betet, so ist sie. Denn das Gebet »st ja nichts anderes als der Erguß des Herzens, als das n»enschliche Wort an Gott gerichtet. Was beten nun die J»»den? Hört man unsere „gelehrten" Antiserniten, dann beten die Juden nur »»»»» den Untergang Deutschlands, — in dein sie doch innerlich u»»d äußerlich leben. Ter sa»»atische Judenhaß hat ja seine eige»»e Logik. Aber auch nicht natwnalsozialistisch eingestellte Män»»er »vähnen in den »üdischcn Gebeten Mysterien und Aufsasstlngen, die mit der modernen Ethik nicht in Einklang zu bringen sind. Die jüdische Psyche ist ja vielen »»»»verstündlick^ — »veil »nan sich häufig gar keine Mühe gibt, sie z»» verstehen. Man kennt den handelnder», geschäftlichen, aber nicht den fühlenden. seelisch ringenden J»»den. Bei»n Gebet ist dieses Ur»verstä»»dnis »im so begreiflicher, »veil die Juden (der Grund dafür soll

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