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Central-Verein-Zeitung · 1931-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1931) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 7-8 (Juli 1931)
Date
1931-07-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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52 jüdische Kult» unö Kunstöenkmäler am Rhein von Herbert Eulenberg DaS ist ein sehr hübsches Buch geworden, daS soeben Adolf Kober und Elisabeth MoseS, beide mit dem Doktortitel ausgezeichnet, unter dem Schild des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz herauSgebracht haben. Richard Klapheck, der verdienstvolle Kunstgeschichtsschreiber dieses Vereins, zeichnet nur verantwortlich für die Schriftleitung und wohl auch für die vortreffliche Anordnung des Bilderstoffs, der in ausgezeichneten Wiedergaben gut und sorgfältig zum Ausdruck kommt. Aber geschrieben und geistig zusammengetragen haben diese schöne Uebersicht über jüdische Kunstschätze und Kunstdenkmäler am Rhein die obengenannten beiden Doktores. DaS Geschichtliche gibt zunächst Adolf Kober. Man erfährt aus seiner Darstellung ausS neue die LeidenSschicklale der rheinischen Juden. Von Heinrich dem Vierten an, dem unglückseligen Salier und Kanossagänger, der Herz und Verständnis für - die Juden und ihr LoS hatte, bis hinunter in die Gegenwart. Ueber jene beiden blutigen Einschnitte in der Geschichte der rheinischen Juden wird man aufs neue unterrichtet. Ueber die schrecklickjen Judenverfolg, mgen am Rhein zu Beginn der Krcuzzüge, alS die christlichen Horden plündernd und mordend in die rheinischen Städte einbrachen und in Worms achthundert, in Mainz über tausend Juden und in Trier die ganze dortige jüdische Gemeinde unter ihrem Gebrüll: „Gott will es" niedermachten. Eine zweite Zeit de8 Unheils brach dann über die rheinischen Juden unter der Herrschaft KarlS deS Vierten, des derfchwenderischen deutsch-böhmischen Kaisers, ein, der seine jüdischen Untertanen am fernen Rhein wie Vieh verschacherte. Damals wurde in den rheinischen Städten gegen die jüdischen Gemeinden, die sozusagen für vogclsrei erklärt worden waren, nock) schlimmer als zur Kreuzfahrerzeit gehaust. Allein in Mainz fanden sechstausend jüdische Seelen den Tod. In bewundernswertem Heldenmut haben Tausende von Juden sich darnals selbst geopfert, indem sie ihre Häuser anzündeten und darin verbrannten, um der Taufe und der Schande, ihren Glauben ausgeben zu müssen, zu entgehen. Es leuchtet ein, daß in diesen Zeiten der Wirren und der Zerstörung am Rhein die meisten alten Synagogen und Kunstwerke der Juden vernichtet worden sind. Denn gegen diese sichtbaren Zeichen deS Judentums richtete sich die Wut deS aufgewühlten StraßenPölxllS zunächst. Aehnlich wie rasende Roheit sich heute am ehesten an Judenfriedhöfen vergreist. Spätere deutsche Kaiser haben sich der Juden wieder mehr angenommen und sie gegen erneute Angriffe der Bürgerschaft tzeschützt. Aber recht aufatmen konnten die rheinischen Juden erst im 1L. Jahrhundert. Und zwar gegen das Ende dieses Jahrhunderts, als die geistigen Errungenschaften der großen französischen Umwälzung sich auch am Rhein ausbreiteten. Ter Schivarm, oie Begeisterung deS Dichters Heine für den Kaiser Napoleon, die übrigens nach dem Sturz des Korsen eine Zeitlang an der Tagesordnung war, schreibt sich auch daher, weil der Dichter als Kind fortwährend in seinem Kreis den Kaiser als den Vollstrecker der französischen Revolution und als den Befreier der Juden am Rhein preisen hörte. Die meisten der uns heute noch erhaltenen jüdischer, Kunstschähe, die wir zu einen, großen Teil bei der rheinischen Jahrtausendausstellung zu selben bekommen haben, stammen aus diesem achtzehnten Jahrhilndert. Wie zum Beispiel die Thoravorhänge, deren schönster einstmals in der Synagoge zu Deutz hing, die Thorarollen und Schilder nnd die wunderbaren Leuchter. Der herrlichste von ihnen mit neun Oelkännchen, die zum Chanukkafest. dern Fest der Tempelweihe, angesteckt werden, besiiidet sich in der Synagoge zu Goch am Niederrhein. Die oft als lichtscheu verschrienen Juden kannten ja bei einem Fest nichts Schöneres, als Licht z,t verschwenden. Denn „wo Licht ist, da ist Freude", sagt schon ein alteS jüdisches Sprichwort. Darum ist die Auswahl an MenoraS, an silbernen Leuchtern, die unser Knnstbüchlein in guten Abbildungen zeigt, besonders beachtenswert. Aber auch die Becher, die beim Sederfest verwendet wurden, und die Bestomimtürmchen, die kleinen Gewürzbehälter, die noch auf unS gekommen sind, haben etwas sehr Reizvolles und sind teilweise höchst zart und zierlich gearbeitet. Mir wollen am besten die Wiedergaben der Haggada au8 dem Besitz rheinischer Juden gefallen, jener abenteuerlichen Bücher, in denen in Schrift und Bild der Auszug Israels auS Aegypten geschildert wird. Besonders die Haggada der Familie van Geldern mit ihrem kindlichen wie künstlerischen Bilderschmuck hat eS mir angetan. Es ist vermutlich dasselbe bunte Buch, das Heine in seiner Kindheit bei den Sederfeiern gesehen und das er hernach im „Rabbi von Bacharach" so anschaulich beschrieben hat. Denn Heines Mutter, der er neben seiner Dichtergabe auch seine für die damalige Zeit sehr sorgfältige Erziehung zu verdanken gehabt hat, war ja eine geborene van Geldern iind entstammte einem alteingeseffcnen Geschlecht, das m Jülich-Berg unter den Juden eine große Rolle spielte und zu einem gewissen Wohlstand kam, also daß ein van Geldern schon Anno 1712 der Düsseldorfer Gemeinde eine Synagoge erbauen lasten und schenken konnte. Von seiner Mutter also und nicht von dem auS Bückeburg erst eingewanderten Vater ist aus Heiiirich Heine all das Rheinische überkommen. daS sich in seinen Gedichten und Schriften findet. Es sind meistens nicht jüdische, sondern christliche Künstler gewesen, die jene genannten Kunstwerke für die jüdischen Gemeinden, die sie ihnen in Auftrag gegeben hatten, angefertigt haben. Tenn die Juden waren infolge der alten deutschen Zunftordnung bis in die Gegenwart von dem Handwerk auch am Rhein ausgeschlossen und nur aus den Geldhandel als die einzig ihnen ziistehende Beschäftigung angewiesen. Und in den Wistenschasten ließ man sie in der Regel nur als Aerzte gelten. Auch oie Synagogen am Rhein sind fast nur von christlichen Baumeistern erbaut worden. Eine der schönsten war die alte Synagoge in Köln- Deutz mit ihrem merkwürdig gebogenen Walmdach, die leider bei der Erweiterung der Kölner Hohenzollernbrücke niedergerissen werden ist. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie, mit dem Wagen Davids geschmückt, ganz bescheiden die niedrigen Häuser vor ihr ein wenig überragt. Nicht schlecht ist auch der Synagogenbau in der Glockengaste zu Köln, den Ernst Zwirner, der Vollender des Kölner Domes, im maurischen Stil errichtet hat. Es ist das letzte größere Werk dieses Baumeisters gewesen. In der jüngsten Zeit hat der machtvolle Bau der Synagoge zu Esten durch Edmund Körner mit Recht Lob und Anerkennung gefunden. Insbesondere der Aufgang 311 diesem Tempel mit der breit ausladenden, slachstufigen Treppe ist wie die ganze Gestaltung des Vorhofs von einer großen und erhabenen Schönheit. Manches von den Bronzeschätzen, die in jüdischem Besitz waren, ist während des Weltkrieges in die vaterländischen Metallsammlungen abgewandert. Aber das Beste, wie die Menora zu Cleve, ist glücklicherweise noch vorhanden. Der Kunstsinn der Juden, die am Rhein seit der Römerzeit ansässig geworden sind, zeigt sich' in den verschiedensten Gegenständen, die sie für ihren Gottesdienst und ihre Kirchenseiern verwendet habeil. Vielleicht hat die Verbmdung mit den nichtjüdischen Künstlern, denen die Herstellung solcher Kunstwerke anvertraut worden ist, auch mit dazu beigetragen, die Judenfeindschast, die sich im elften wie im vierzehnten Jahrhundert am Rhein so schändlich auSgetobt hat, mit der Zeit immer mehr beizulegen. Spürt man doch heutzutage, so will mir scheinen, bis aus wenige häßliche Ausnahmen, einen Antisemitismus am Rhein weniger und seltener als im übrigen Deutschland, so daß man manchmal vermeinen möchte, . die Worte ReuchlinS, des großen Gelehrten, die er als erster. in daS Deutschland seiner Zeit hinauSzusäen wagte, seien hier am Rhein bereits aufgegangen und Wirklichkeit geworden: „Die Juden sind Glieder und Mitbürger des Deutschen Reiches. Sie sind unsere Nebenmenschen, und wir müssen sie lieben." Cugen Diesel: Die deutsche Wandlung, das Bild eines Volkes. 1v2v. I. IS. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin. Preis 8 Mt. Der Verfaster, ein Sohn des berühmten Konstrukteurs der Dieselmotoren Rudolf Diesel, hat in diesem kleinen Werke, wie er sich ausdrückt, eine Geo-Philosophie gegeben; das heißt, er hat den Begriff „deutsch" nicht von einem Winkel, einer Meinung, einer Politischen, geschichtlichen, staatsphilosophischen, rassischen Idee aus gesehen, sondern Auge und Ohr zu Hufe genommen und gesagt, wie sein Inhalt erscheint, wenn man ihn unbefangen aufuimmt. Er har die -„deutsche Wandlung" geschildert, weil er mit Recht die deutschen Zustünde in besonderem Maße für fließend hält. Seine Schilderung unseres Vaterlandes ist durck>aus originell; er sieht es mit dem Auge eines rein wissenschaftlich denkenden Mannes. Besonders erquickt uns daS Kapitel „Von den Menschen", in denen die Stämme, die Heranwachsende deutsche Jugend, der äußere Lebensstil behandelt wird. Was Diesel vom deutschen Judentum schreibt, ist sicherlich nicht neu, aber cs ist gut zusammengestcllt und bis auf weniges richtig. Diesel führt aus: „Wer etwas vom Schicksal, der Eigenart, Leistung, Tragik des deutschen Judentums erblicken will, der muß das gesamte Deutsche mit seinem kulturellen und Politischen, vor allem aber mit seinem seelischen Inhalt vor Augen haben. Darum sollte das, was hier über die Juden .gesagt ist, auch in dem gespiegelt werden, was an späterer Stelle über die allgemeineren Eigenschaften der Deutschen berichtet wird. Tie Engländer haben in ihrem Lande vielevon der jüdischen Problematik zur Erledigung gebracht. weil sie selbst national und menschlich gefestigt sind und darum das englische Judentum in ihrem Gemeinwesen ohne Schwierigkeit befestigen konnten. Aehnlich steht es in Frankreich. In diesen beiden Ländern gibt es auch eine Art von jüdischer Aristokratie, während in Deutschland die Juden einer selbstgebildeten Gesellschaftsschicht entraten, der sie sich anvertrauen könnten. Besitzen wir also kein deutsch-jüdisches Gleichgewicht, so wirkt zu alledem besonders beunruhigend, daß Deutschland ein heftiges, in sich unausgeglichenes, leidendes, krisenerfülltes Land ist, Wa8 in- Judentum hineinwirkt und eine besondere Stimmung von Wehr und Abwehr hervorruft. Indessen sind doch die Deutschen mid die Juden durch Geist, Begabung, Schicksal merkwürdig verwandt, ja, sie stehen in einem ähnlichen Sinne unter der kritischen Beobachtung der Welt. Zudem ist gerade daS Judentum seit je auf enge Art, beinahe brüderlich, mit dem Deutschtum verbunden. Tie Ostjudcn haben ihr „jiddisch" sogar mi§ dem Deutschen abgeleitet, und viele Juden besitzen eine besondere, fast sentimentale Zuneigung zu Deutschland und Anteilnahme an seinem Geschick. Es hat eigentümliche Annäherungen zwischen Deutschtum und Judentum gegeben, auS denen beides aus eigenartige Weise in Musik, Dichtmtfl, Wissenschaft, Wirtschaft sichtbar wurde. Hierbei jedoch erwies sich, daß die Juden das allgemeine deutsche Schicksal teilen, im einzelnen Tüchtiges 311 leisten, im Ganzen aber ohne tiefe Bindung oder M'rbindung miteinander zu sein. Das unausgeglichene delltsche Judentlim ist zugleich der schwierigen delltschen wie jüdischen Problematik ausgeliefert. Umgekehrt spiegelt sich im Judentunl der deutsche Zustand mit seinen Vorteilen und Nachteilen. Jul Brennglas Europas befinden sich auch die Jud.»: ln einer besonderen Lage. Ebeilsowenig wie cs den Deutschen gibt, gibt eS d e n delltschen Jlldeil. Man erkennt beinahe so viele jüdisch - deutsche wie deutsche Typen." Verlag: Lentralvcrcin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. B., Berlin W 15, Cmser Str. 42. Hauptschriftleiter: Dr. Ludwig Holländer. Verantwortlich Dr. Margarete Edelhei m. Beide Berlin W 15. — Druck: Rudolf Mosse, Berlin SW 100.

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