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Central-Verein-Zeitung · 1931-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1931) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 7-8 (Juli 1931)
Date
1931-07-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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4$ fchen, die in täglich steigenden: Mähe die Wohlfahrtsunterstützung in Anspruch nehmen müssen, gehen mir verloren. Sie müssen den WohlfahrtSarzt aussuchen, jedenfalls überall bis auf die Vororte, und ein solch hauptamtlich angestellter WohlfahrtSarzt hat einen riesigen Stadtbezirk zu betreuen. Die Arbeitslosigkeit kostet unS also unsere Patienten, trotzdem sie weiter Anspruch auf Krankenhilfe haben, den sie aber nicht bei unS anmelden dürfen.- „Haben Sie als jüdischer Arzt besondere wirtschaftliche Schwierigkeiten?' „Da8 Vertrauensverhältnis zwischen mir und meinen Patienten hat die nationalsozialistische Hetze noch nicht zerstören können. Don anderen Kollegen höre im allerdings des öfteren von Boykottfäucn. die sehr bedenklich sind.' * Eine Viertelstunde später lasse ich mich vom Bürovorsteher einem Anwalt in einer großen Durchgangsstraße melden. Der Ausweis der „C. V.-Zeitung' öffnet mir die Türen und Herzen gleich einem „Sesam, öffne dich.- An dieser Stätte der Sachlichkeit darf ich sogleich in Medias res gehen. ,Ln welchem Umfang beeinflußt die allgemeine Krise Ihre Privatprax:8?' „Jn hohem Maße! Nach meiner Schätzung nehmen heute mehr als die Hälfte der Mandanten da8 Armenrecht in Anspruch.' „Verzeihung, daß ich unterbreche . . , Armenrechtsgebühren sind doch staatlich garantierte, sichere Einnahmen . . .?' „Gewiß, doch sind diese Gebühren im Dezember vergangenen Jahres derart gesenkt worden, Ratz viele Anwälte heute nicht einmal mehr ein Monatseinkommen von 200 Mark haben. Selbstredend trägt auch der starke Zustrom neuer Kräfte zum Dilemma bei. ES gibt gewiß noch eine größere Anzahl von gesuchten und daher stark beschäftigten Kollegen, deren Namen in aller Munde sind und die tatsächlich erhebliche Einkommen haben. Ter großen Maffe der Anwälte geht es sehr schlecht. Eine große Anzahl Berufskollegen sind dem jüdischen Wohlfahrtsamt nicht sremd.- * Tann geht's noch hinaus zu den Hallen der Funkausstellung, um einen jüdischen Reklamekünstler zu hören. Hoch oben unter der Kuppel deS Riesenraumes treffe ich ihn an, wie er mit sicheren Strichen den Farbpinsel führt. „Hat das vermehrte Reklamebedürfnis der Industrie Vorteile für Sie?' „Nein, diese Vorteile sind heute ganz illusorisch. Wir müsien Entwürfe über Entwürfe einreichen, an denen viel Mühe und Schweiß klebt, ohne in den meisten Fällen auch nur mit der Annahme und Bezahlung rechnen zu können. Jeder spart heute in erster Linie an der Reklame. Auch sonst gibt es Schwierigkeiten genug. Ich habe kürzlich einem großen Werk eine Zeichnung geliefert, die als brauchbar befunden wurde. Der betreffende Abteilungsleiter bat mich, nur ja nicht mit meinem jüdischen Namen zu signieren, da das an leitender Stelle unangenehm auffallen könnte." 3n der Werkstatt des selbstöndlgen Sandwetters Beim Goldschmied, der gerade sorgsam an seinem Schmelztiegel beschäftigt ist. „Haben die einschneidenden Bestimmungen der Regierung Ihr Gewerbe noch über die Nöte der Zeit hinaus belastet?' „Aber in höchstem Maße. In den ersten Krisenlagen war überhaupt kein Gold,'also das Hauptmaterial unserer Arbeit, zu bekommen. Wir waren vollkonunen lahmgelegt. In den nächste!: Tagen gab e8 Gold nur gramuuveise, obwohl wir gerade in dieser Zeit hätten mehr Geschäfte tätigen können. DaS Publikum verlangte von mir z. B. 60 Gramm schwere Gvldketten, um sich in Sachwerte zu flüchten. Ich habe alle Geschäfte, die mich mit den Gesetzen in Konflikt bringen konnten, von vornherein abgelehnt.' „Befanden sich unter den Jnteresienten für Sachwerte viel Juden?' „Im Gegenteil, fast gar nicht! Niemals ist mir die Verarmung des jüdischen Mittelstandes mehr zum Bewußtsein gekommen als in diesen Tagen. Es scheinen tatsächlich keine Barmittel vorhanden gewesen zu sein, mit denen man sich „in die Sachwerte flüchten' konnte. Außerdem ruiniert d:e Unmöglichkeit der Eheschließung in allen Kreisen, besonders aber in meinem jüdischen Kundenkreis unser Hauptgeschäft von einst, die Herstellung von Trauringen und Geschenken.' Im Export- und Galanteriewarenviertel suche ich anschließend einen jüdischen Bauglasermeister auf. „Wie stehen die Dinge bei Ihnen?' „Insbesondere ist es die Kredit not, die uns zu schaffen macht. Außerdem kommt noch hinzu, daß im Urteil des nichtjüdischen Auftraggebers eiu jüdischer Handwerksineister in dem Verdacht steht, nicht genügend vorgebildet zu sein. Nur allererstklassige Ausführung kann uns die Kundschaft erhalten.' „Bestehen keine jüdischen Kredithilfe- Institutionen?- „Es besteht die jüdische Darlehnskasie. Wenn jedoch diese Einrichtung schon aus ihren beschränkten Mitteln helfen möchte, so stehen dem Kreditsnchendcn infolge Snbftanzverluftes keine ausreichenden Sicherheiten und keine zahlungsfähigen Bürgen mehr zur Verfügung." „Wie steht es mit den jüdischen Gesellen?' „Es gibt genügend davon, jedoch können angesichts der traurigen Lage weniger denn je untergebracht werden.' Fm Sesvröch mit Angestellten und Arbeitern In einem Klub, in dem allwöchentlich jüdische Berufstätige zu sozial-gefellitzem Beisammensein sich vereinigen, ist es sehr leicht, das arbeitende jüdische Berlin, soweit es sich um Angestellte und Beamte handelt, von nächster Nähe auS, lebenswahr kennenzulernen. Gut bezahlte Sekretärinnen, einigermaßen entlohnte Schreibmaschinistinnen, Jndustriebeamte, Buchhalter, technische Hilfsarbeiter mit einem notdürftigen Auskommen. Daneben, wie mir der Vorsitzende mitteilt, eine rößere Anzahl arbeitswilliger, aber a r b e i t 8oser Menschen, von denen so mancher seit vielen Monaten ohne Stellung ist. * Ter Weg führt mich über den lärmenden und tosenden Riesenplatz der Innenstadt, einem großen Warenhaus entgegen. Lärm umfängt den Eintretenden im Lichthof, es wird nach Kräften auf deu Ausstelltischen „gewühlt', und das Arbeitstempo scheint vom Saisonausverkauf scharf diktiert zu werden. Da muß man schon vorsichtig sein, um einige Worte mit dem jüdischen Verkäufer wechseln zu können. „Darf ich erfahren, wie alt Sie sind und was Sie verdienen?' „Ich bin 28 Jahre alt, aus der Arbeitslosennot hier herein als Aushilfsverkäuser gekommen. Zwei Brüder sind arbeitslos.' ,^Ü)as verdienen Sie?' ,Lch erhalte 5.20 Mark den Tag, Sonn- und Feiertage werden nicht bezahlt.' Dann gehen die Abzüge ab.' V Ta ziehe ich mir doch den Arbeitsplatz des jungen Bauschlossers vor, den ich auf einen: Träger in schwindelnder Höhe interviewe!: muß, nachdeu: der Meister die Erlaubnis erteilt hat. Mar: ist beim Nieten eines Stahlträgers. „Sie sind gelernter Schlosser?' „Jawohl. Ich bin heute 19 Jahre und seit einen: Jahr Geselle. Hier bei uns gibt es wohl Nazizellen mster den Lehrlingen; die vernünftige Kollegenschaft beurteilt mich jedoch wie jeden anderen jüdischen Kollegen nur nach der Leistung. Und die muß erstklastig sein." „Wie sind die Ans sichten?' „Nach meiner Meinung bekommt ein wirklich guter Bauschloster bestimmt eher Arbeit als eine geistige Leuchte, die in fünf Sprachen korrespondieren kann." „Wollen Sie mir etwas über Ihre Familienverhültnisse erzählen?' „Mein Vater ist Kausnumn. Eine Schwester ist Verkäuferin in einen: großen Warenhaus; eiue zweite Sch!vester bereitet sich aus der: Beruf der Tekorateurin vor. Hoffentlich bekommt sie dann Stellung.' * In einer Wirtschaft geradeüber treffe ich einen lang aufgeschossenen Monteur, der in einem säurezerfrcsicnen Kittel an der Decke „Strippen' zieht. „Wie ist die Wirtschaftslage?' „Im Sommer war ich schon zweimal vier Monate arbeitslos. Wir verdienen auch jetzt wenig, denn das Gehalt ist klein und die Trinkgelder sind spärlich. Wir haben uns mit einem 63^prozentigen Lohnabbau einverstanden erklären nlüsien, um diesen Sonrmer durchgehalten zu werden.' Noch an: Abend besteht für mich Gelegenheit, als letzten jüdischen Arbeiter einen Zeitungsverkäufer zu befragen. In einer großen Politischen Versammlung in den Tagen des Bolksentscheid-Kampfes. Stimmengewirr und dicker Qualm lagern über dem Saal, die Rufe der Zeitungsverkäufer gellen daraus hervor. Mir bietet ein intelligent aussehender junger Mann eine Kampfschrift an, und während das Referat beginnt, z:ehen wir uns in den Vorraun: zurück. „Waren Sie immer ZeitungsverkSuser?' „Nein, ich stamme aus einer proletarisierten Kaufmannsfamilie. Als wir unser Geschäft aufgeben mußten, war ich nacheinander alS Erdarbeiter, als Hausdiener nnd Träger in einem Krankenhaus tätig nnd jetzt bin ich ZeitnngSvertänfer. Ich habe zahlreiche jüdische Kollegen in diesem Beruf.' „Was verdienen Sie und wie sind Ihre Familienverhältniffe?' „Ich habe, nachden: die Tätigkeit im Krankenhans zu Ende :var, für zwei Wochen 17 Mark Unterstützung erhalten. Ich wohne in einer Stube bei meinen Eltern, wir sind in zwei Zimmern fünf Personen nnd ein Kind. Der Zeitungshandel kann mich nur vor dem Aergsten bewahren, wenn politische Entscheidungen das Geschäft beleben; denn feste Stellungen gibt es in diesem Berus so gut wie gar nicht mehr.' K. St. In einer zweiten Reportage werden wir uns demuächst mit dem sozialen Elend der durch die Wirtschnftsnot ausgebooteten Berliner Juden beschäjtigen.

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