Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Smr durch bas arbkttmdt slibiW Brrlin ' - In den nationalsozialistischen Zeitungen und Versammlungen kehrt auch in der allerletzten Zeit die Anklage immer wieder, daS ganze deutsche Volk habe unter der Wirtschaftsnot entsetzlich gelitten — nur die Juden nicht. Eine Reportage, die wir nachstehend veröffentlichen, soll lebendige Eindrücke von einer Kreuz- und Quersahrt durch dag arbeitende jüdische Berlin wiedergeben und notwendiger AnschauungSunterricht für Freund und Gegner sein. Die Schriftleitung. Durch industrielle und kaufmännische Betriebe Im Fabrikgelände deS NordostenS suchb ich einen Metallindustriellen auf, einen der wenigen, die ihr Werk noch erhalten konnten. Die rasenden Transmissionen, die rotierenden Scheiben erzeugen zunächst den Eindruck höchster Beschäftigung, bis ich durch die bereitwilligst erteilten Informationen des Fabrikanten einen Blick hinter die Kulissen tun darf. „Herr M., mir erscheint zunächst die Frage wichtig, wie die Einstellung der Großindustrie bei Ordererteilung an jüdische Fabrikanten ist?" '„Die Einstellung der Großindustrie verursacht eine Benachteiligung jüdischer Industrieller wohl weniger, da die Orders ja von den angestellten Einkäufern vergeben werden. Allerdings machen drese Herren, die zum großen Teil aus dem OfsizierSstand kommen, immer noch in dieser Richtung bedauerliche Unterschiede und ziehen^ es teilweise vor, bei nichtjüdischen Häusern zu bestellen." „Haben Sie die Krise vorausgesehen?" „Nein, die Krise kam für die Industrie ganz überraschend. Die Kundenfirmen hatten es sich angewöhnt, Sechsmonatsakzepte zu geben, die infolgedessen zum allergrößten Teil zu Protest gingen, als die Wirren einfetzten. Anderseits aber drängen große Jndustrie-Rohstossirmen heute unter Anrechnung von sage, und schreibe 18 Prozent VerzuMinsen auf pünktliche Regulierung, so daß tatsächlich die Führung eines Betriebes nicht zu den Gottergeschenken dieser Welt gehört." Ich kann dann noch einen Blick in die Arbeitssäle tun und darf mit Genugtuung feststellen, bah eine ganze Anzahl jüdischer Gesellen und Lehrlinge an der Drehbank und an den Stanzmaschinen ihr Brot verdient. * Weiter treibt mich der Strom der Riesenstadt bis in die große Ausfallstraße, die ein rein proletarisches Viertel mit dem Arbeitervorort L i ch t e n b e r g verbindet. In dem einzigen Schaufenster seines kleinen Ladens ist ein jüdischer Einzelhändler mit dem Lackschreiben kleiner Preisschildchen beschäftigt. Es kostet keinerlei Mühe, den offenbar sehr bedrückten Mann zum Reden zu veranlassen. „Glauben Sie bitte nicht kritiklos, was die Zeitungen über den großen Erfolg der Ausverkäufe berichten. Ich bin hier auf eine persönliche Bekanntschaft mit der Kundschaft angewiesen, die, wenn sie überhaupt noch als Käufer hereinkommt, auch zu 80 Prozent arbeitslos ist. Kam so ein Kunde früher alle 4 bis 6 Wochen, so dauert es heute ein halbes Jahr, bis man etwas anschafft. Früher wurden 50 Mark angelegt, heute im Höchstfall 10 Mark für ein Stück. Wo soll das hin?" „Trägt die hohe Ladenmiete zu Ihren . Schwierigkeiten bei?" „In meinem Falle weniger, bitte sehen Sie^. . ." Die Tür zur Wohnstube wird mir geöffnet, und ich kann mich davon überzeugen, daß hier Eltern und zwei Kinder in einer Stnbe und Küche wohnen. Ein kleiner Junge sieht besonders angegriffen aus. Aus meinen fragenden Blick erfahre ich, daß zwar der Arzt dringend empfohlen habe, den Jungen allein schlafen zu lasten; eS ist den Leuten unter den obwaltenden Verhältnisten aber nicht möglich, den kleinen Laden mit einem anderen zu vertauschen, um vielleicht einen Raum mehr zu haben. Heute schongeht daS Gespenst des Schließenmüstens um, trotzdem jeder Handgriff im Laden allein getan wird. * Von den Nöten des jüdischen T extilkaufmanne» überzeuge ich mich dann bei einer großen Konsektionssirma am Hausvogteiplatz. Reihenweise hängen die Kleider und Mäntel an den Ständern, ohne ihrer Bestimmung zugeführt werden zu können. „Bringt der Export einen gewisten Ausgleich für das Versagen des Jnlandgeschäftes?" „Nein, keineswegs. Die Firmen, die heute noch nennenswerte Posten nach dem Ausland verkaufen, sind mit der Lupe zu suchen. Die Lage des Engros-Konsektiensgeschästes ist als geradezu katastrophal zu bezeichnen. Jede Woche bringt einen nenen Freitod; vorige Woche waren eS sogar zwei Inhaber großer und geachteter Häuser, die ihrem Leben ein Ziel setzten. Davon schreibt die Hitler-Preste leider nichts, wenn sie von Zusammenbrüchen landwirtschaftlicher Unternehmen berichtet oder die Selbstmorde arbeitsloser Menschen judenhetzerisch ausschlachtet. In einer Zeit, in der der letzte Pfennig für Lebensmittel hergegeben werden muß, wird eben in erster Linie an der Kleidung gespart." * Und nun hinein in das kleine Cafs, den Tresspunkt der Agenten. Sie alle, die bei einer bescheidenen Taste Kaffee meist unfreiwillig Pause machen, könnte man fragen: .Lohnt es sich überhaupt noch zu verkaufen?" Nein, es weiß kein Mensch mehr, von wem er audf) tatsächlich die beorderte Ware bezahlt erhalten wird. Die großen Werke machen sich überdies um die Provisionsauszahlung keine Sorgen, der Vertreter ist weitab vom Schuß. DaS Proletariat des nichtjüdischen Handarbeiters findet sein wahres und krasses Ebenbild in dem des jüdischen Agenten. Nur mit dem Unterschied, daß der jüdische Proletarier nicht stempeln gehen kann, da oie weitaus größte Anzahl keine festen Gehälter, sondern nur problematische Provisionen bezieht, die außerdem nicht gezahlt iverden, wenn der Kunde falliert. Wenn dieses jüdische Proletarierleben doch einmal von judengegnerischer Seite objektiv gewürdigt werden möchte! Bei den freien Berufen Mein Weg führt mich in einer kleinbürgerlichen Straße des Berliner Südens bei einem^ Apotheker vorbei. Diesmal nicht als Patient, sondern al- Konsulent. Ich werde freundlich empfangen und durch ein Gewirr von Retorten, Phiolen und dickbauchigen Flaschen in3 Kontor geleitet: „Inwiefern, Herr Doktor, leiden Sie besonders unter der heutigen Wirtschaftskrise V „Das kann leicht mit Zahlen erklärt werden. Seit der Einführung der 50-Pfennig-Rezeptgebühr ist der Kastenumfatz um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen, der Privatumsatz um mindestens 50 Prozent. Obwohl die Kaffen heute bereits hohe Rabatte erhalten, ist ein weiterer Abbau des Spezialitätenzuschlages in Aussicht genommen. Unter dem Jubenhatz haben weniger die Apotheker als die Angestellten zn leide«. Die gegnerische Einstellung der Apotheker führt dazu, daß in der pharmazeutischen Zeitung vorwiegend christliche Angestellte gesucht werden. Diese Maßnahme versuchen die Apotheker mit dem Druck zu entschuldigen, der von den antisemitischen Aerzten (besonders auf dem Lande) ausginge. Ich muh anerkennen, daß die Arbeit des C. D. hier und da Wandel zum Besseren geschassen hat. In der Frage der KonzestionHerteilung läßt die Regierung Gerechtigkeit walten." # Dankend verabschiede ich mich, um sogleich einen Zahnarzt an einem belebten Platz der City zu interviewen. Nach freundlicher Aufforderung, meine Wißbegier zu befriedigen und mich einmal unter den zahlreichen Instrumenten furchtlos zu bewegen, gehen wir auf die allgemeine Lage ein. „Ein großer Teil der >Lozialverficherten vernachlässigt seine Zähne, um die Arztscheinkosten zu sparen." „Schafft Ihnen die Privatpraxis einen gewisten Ausgleich?" „Im Gegenteil, die Zahlungsunfähigkeit deS Privatpublikums ist eklatant. In diesem Falle erwachsen uns noch besondere Schwierigkeiten dadurch, daß wir wertvolles Material, wie Gold usw. auslegen müffen, ohne den Gegenwert dafür hereinbekommen zu können. Außerdem haben wir unter den monatelangen Differenzen mit den kaufmännischen Ersatzkaffen, selbstverständlich jüdische wie nichtjüdische Kollegen, schwer gelitten." In unser Gespräch hinein schrillt das Läuten eines schmerzgeplagten Patienten und wie gern gibt man sich in diesem Falle die Klinke in die Hand. * Gin anderes Bild. An der Tür einer Mietkaserne Neuköllns zieht das Schild eines jüdischen Arztes mit dem charakteristischen kleinen Schildchen „T" und „Freie Arztwahl" meine Augen aus sich Ich suche den Herrn auf und werde Vorgelaffen; ein älterer Arbeiter verabschiedet sich gerade mit den Worten: „Also schönen Tank, Herr Doktor, ich kam heute zum letztenmal. Sie wisten ja. die Krise ist nun auch alle . . .* „Was meinte der Patient damit. Herr Doktor?" „Sehen Sie, das ist heute schon der dritte Patient, der ausgesteuert ist und nunmehr der Wohlfahrt überwiesen ist. Alle diese Men-