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Central-Verein-Zeitung · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · page 11

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Date
1931-05-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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43 Israels Propheten religiös-soziale Sendboten an die Gegenwart Sibttsche Skizzen von Theodor Nappftekn VI. Jeremias Jeremias, einer der echtesten Propheten Israels und sein genialer Lyriker! Frühe schon erregte den Zartreizsamen der götzendienende Höhenkultus seiner Volksgenossen n"d Judas Zickzackpolitik zwischen Aegypten und Assur. -Baum und Stein rühmen sie als ihren Vater und ihre Mutter; doch im Unglück soll der Bundesgott helfen. Gott pflanzte die Edclrebe, zur Wildrebe entartete sie. Nicht auf Dornen säen; Neubruch gilt's, Herzbeschneidung! DieReligion der Seele des redlichen Menschen ist Jeremias' Erlebnis und Mission. Israels Ahnfrau Nahe! stellt das Klagen ein, ihre Kinder kehren wieder. „Wenn ich Ephraim nenne, Jofuas Liebling, gedenk' ich sein, mein Herz wallt ihm entgegen." Merkzeichen errichte dir und achte des Weges, aus dem du sortgingst. Angst schüttelt den Gottessendling: Unheil von Norden, der Würger der Völker bricht als Löwe aus dem Dickicht — duckt auch vor den Reiterhorden der Skythen! Seine Herzkamrnern beben, er hört das Lärmhorn und den Schrei der Kämpfer, Sturz und Staub. „Jäh sind zerstört meine Hütten, im Nu meine Zelte. Wie lange muß sehen ich die Fahne, muß hören das Horn?" Wohin er blickt, Chaos; das Himmelslicht dunkel, die Bergriesen beben, die Erde ohne Menschen, die Vögel entflogen, das Fruchtland Wüste — der Allherr als Verheerer. Zion kleidet sich in Scharlach mit Goldschmuck, die Augen voll Schminke; kein Aufputz Hilst — Geschrei der Gebärenden, laut keucht die Tochter Zions. Die Mächtigen in Jerusalem bedrängen den arglos Gutherzigen, seine Prophetenlieder voll Unheils einzustellen; er fühlt sich als Lamm, zum Schlachten geschleppt. Gott prüft Herz und Nieren; darf der Baum abdorren im Saft? Man verlacht in der Hauptstadt die windigen Seher: sind sie nicht Gottes Feuer über das Brennholz der Frevler? Ter Priester ruft Friede, da kein Friede ist; des Himmels Zorn fließt. Seelenruhe winkt auf Gottes Pfaden; da sie diesen besten Weg nicht betreten, Helsen auch Weihrauch und Würzrohr des Kultus nichts. Aufwühlend wirkt das Selbstbildnis des Propheten: „Ich setzt', sagt der Gott, in mein Volk dich als Prüfer, goldkundig zu forschen, zu prüfen, wie hoch ihr Feingehalt sei. Sie gehen mit Zinn und Kupfer, mit Eisen alle; versengt sich der Schmelzer am Feuer, nur Blei erhält er. Vergebens sucht er's zu läutern, er scheidet kein Gold aus. Verworfenes Gold benennt marsis, denn Gott verwarf es." Das ist das Volk, verloren ging ihm die Wahrheit. Scher' ab, wirs hin dem -Haupthaar, stimm' an die Klage. Juda und Ephraim: o daß, ruft er, Haupt und Auge mir zu Tranen zerflössen, um Tag und Nacht zu beweinen des Volkes Durchbohrte. Das Wild verschwand, fort flogen die Vögel . . . Die Klageweiber bekommen Arbeit, die Mütter lehren es ihren Töchtern: der Tod stieg uns durchs Fenster. Kind, Jüngling. Mann fallen wie Garben hinter dem Schnitter, die niemand sammelt. Der Witz ging um im Volke: Die Väter haben saure Trauben gegessen, den Söhnen wurden die Zähne stumpf. Als Jeremia den Untergang des heiligen Tempels in Aussicht nahm gleich dem der Gotteslade in Silo, brachte er sich dem Tode nahe. Den Platz der Skythen nahmen dann die Chaldäer ein, nach dem Siege Babels bei Karchemisch über Pharao Necho. Gebt Gott die Ehre, mahnte er, bevor es dunkelt, bevor umdämmerte Berge den Fuß euch brechen. Doch kein Mohr wandelt seine Farbe, lein Pardel die Flecken. Der Prophet zürnt bebend: in den Wüstenwind wird Gott euch blasen, gleich fliegenden Stoppeln. Als König Jojakim die von Jeremias Jünger Baruch verlesene Unheilsrolle im Kohlenbecken des Palastes verbrannte, diktierte der Prophet alle Gottessprüche nochmals, nachdem das öffentliche Wirken ihm abgeschnitten war. Beweglich klagt der einsame Mann: „Weh', daß ich lebe, Mutter, den alle schelten! Bin Gläubiger nicht noch Schuldner, doch flucht mir jeder. Ist eisern mein Arm an der Schulter, von Erz meine Stirn? Du weißt es, Herr, sorgend gedenke mein. Nie saß ich jauchzend in froher Gesellschaft. Vertilge meine Verfolger, nnch laß in Freude deinen Namen tragen, Herrscher der Heere. Doch das Menschenherz ist hinterhältig, heillos, wer kennt es? Heilt Gott, so ist geholfen. So wird das Herz die Heimat der Religion. Schlimmer wurden die Zeiten. Jeremias ist umstellt wie Edelwild. Gott lockte, er ließ sich locken, er ergriff ihn und siegte. Doch gab er das Reden auf> so ward's wie glühend Feuer, ein Brand im Gebein. Er verfluchte den Tag seiner Geburt wie Hiob, die ihn zu Leid und Schmach ans trügende Licht gerufen. Man nahm ihn gefangen, in einer Schlannnzisterne sollte er umkommen. Der schwachmütige König Zedekia versuchte seine Rettung. Jerusalems Schicksal entschied Babylons Sieg. Jeremia und Baruch kamen mit dem Volksrest nach ttnteräghpten. Die Verbannten in Babylonien ermahnte der Gottesmann, auch iin fremden Lande für dessen Wohlfahrt zu wirken. Die Religion weitete sich von der Nationalreligion Weltreligion jedes frommen Menschen: Gott und die Seele. Max Weber urteilt in seiner leider unvollendet gebliebenen Religionssoziologie, die Propheten seien wohl nach der Art ihres Wirkens objektiv politische, vor allenl weltpolitische Demagogen und Publizisten gewesen. Doch subjektiv nicht politische Parteigänger. Jeremia hat auch die realen Machtverhältnisse seiner Zeit vielleicht bewußt richtig ungeschützt. Er entstammte einer landpriesterlichen Sippe der Kleinstadt mit Grundbesitz; er kaufte verarmten Verwandten Land ab. Trotz seiner demokratischeil Herkunft und seiner scharfen Tonart gegen den Hof und die Großen verhielt er sich ebenso scharf gegen die plebejischen Minister der Krone. Selbstverständlich ist ihm, daß kleine Leute nichts von religiösen Pflichten verstehen; doch von den Großen könnte man das verlangen — so wurden sie doppelter Hiebe wert. In seiner letzten Zukunstshoffnung tragen Bauern und Hirten die Frömmigkeit. Für die königliche Armee hat sich auch Jeremia, wie seine prophetischen Kollegen, nicht begeistert. Sein Zukunftsheil ist ein Friedensreich — ohne daß wir ihn etwa einen kleinj'üdischen Pazifisten nennen dürfen. Weltherrschaft — ja, solche Hoffnungen der Volksseele brechen durch; aber sie können nur durch ein Gotteslpunder verwirklicht werden, wie einst in Vätertagen am Schilsinoos, nicht jedoch mit Hilfe der eigenen Militärmacht. Und am letzten durch politische Bündnisse! Hatte der Allgott das Volk seines Bundes, den dieses brach, zur Unterwerfung unter Nebukadnezar bestimmt, so hilft nichts dagegen. Vollstrecken die Großkönige mithin Gottes Willen, so sind Bündnisse wider sie Frevel. Das Gericht der Beamten und Aeltesten der Gemeinde klagte den Jeremia aus den Tod an, weil er dem Tempel den Untergang weissagte; er wurde endlich freigiffprochen. Kein Prophet hat den Tempel geradezu bekämpft. Ter Bund der Heilszukunst pflanzt ein Herz von Fleisch und Blut in die Brust statt des steillernen Herzens; der neue Geist bewirkt, daß sie von sich aus gut sind. Solange die kosmischen Ordnungen bestehen, hören sie nicht aus, Gottes Volk zu sein, da jeder den Herrn erkennt, ohne daß em Bruder den anderen lehrt. Hermann Kutter, der geiststarke religiöse Sozialist als Protestalltischer Pfarrer in Zürich, verkündet in einem originellen Buch (Ehr. Kaiser Verlag in München) die Botschaft Jeremias an unsere Zeit. Jll diesen selbstwüchsigen, an Fichtes Flammenreden von 1806 in dem napoleonischen Berlin gemahnenden Appellen hören lvir: „Wir wollell nicht mehr an einen Gott glauben, der nur dafür da ist, unsere eigenliebige Welt zu schützen und zu hegen, nicht mehr dieses charakterlose Spiel mit einem sogenannten Gott treiben, das ihn zur harmlosen religiösen Frage herabsetzt, während es die Fragen des öffentXtdjcn Lebens der Politik der großen und kleinen Weltmächte überläßt . . Wir begreifen wieder den unerbittlichen religiösen Heroismus eines Jeremia! Jeremia ist eine Schmach, ein Hohn, ein Schauspiel aller Welt gewesen, ist unter Verachtung und Feindschaft im fremden Lande gestorben. Und über sein unbekanntes Grab sind die Jahrtausende hingegangen. Woher komlllt es doch, daß er heute als einer der wenigen Großen der Weltgeschichte dasteht, die Blätter, in die er seine Not mit Zitterndem Griffel eingegraben, eine Lebensquelle geworden sind wie keins der Meisterwerke der Weltliteratur?" Sozialer Prophet Israels: erscheine! z«MsmsKeliiiMAs Grabsteinfunüe zu Worms Dein rührigen und verdienten Geschichtsschreiber der jüdischen Gemeinde Worms verdanken lvir die Kenntnis von einem interessanten Fund, den man als einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Juden in Worms und in Deutschland betrachten kann. In einem unterirdischen Gang unter den: alten jüdischen Friedhof in Worms wurden 26 Grabsteine entdeckt, die bis in das Jahr 1 2 4 8 zurückgehen und im September 1930 geborgen wurden. Fast sämtliche Grabsteine zeigen die guterhaltene Jahreszahl und dazu die Namen, 14 auch die ganze hebräische Inschrift. — Nachstehend geben wir ein Verzeichnis der Steine mit Jahreszahl und Namen, soweit sie zu entziffern waren: Von 1567 Mose Joel, Sohn des Josna. — Von 1645 Cipore Gütlin, Frau des Rabb. Mose Abraham Walch. — Von 1305 Rabb. E l i a s e r, Sohn von Elieser (bedeutender Gelehrter). — Von 1569 Grabstein eines F r o m e t (mit Blumenornament). — Ohne Jahr, Bruchstück, R ö s l, Frau des Süßkind Oppenheim. - - Von 1562 Mose, Sohn des Elieser Blün. — Von 1541 Rebeka Nenchen, Tochter des Mose C o h n. — Von 1556 H a n i c l o r, Sohn eines Mosche. —- Von 1460 Josef Ben Jokl L e v i. — Von 1615 umfangreiche Inschrift. Name zerstört. — Von 1412 Grabstein des Knaben M e i r, Sohr: des Juda (beigesetzt an 2. Pessach 1412). -- Von 1248 Inschrift nicht zu entziffern. — Von 1550 Tochter eines Meir Liebermann. — Von 1595 Rösl, Tochter des Josef Oppenheim. — Von 1333 „ehrsame Frau Jutta", Witwe, Tochter des Rabb.. Moses. — Von 1652 Inschrift nicht zu entziffern. — Von 1596 L e v i t i n, Frau G i m ch e n. — Von 1588 Inschrift nicht zu entziffern. — Von 1605 M i r j a m, Tochter des Rabbi Juda H a l e v i. — Von 1556 Sohn eines Jakob M a n n e m (Mannheim). — Von 1614 Inschrift nicht zu entziffern. — Von 1476 Inschrift nicht zu entziffern. — Bruchstück 1300—1400. finno 330: Negensburg Tie „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in D e u t s ch l a n d" (Philo-Verlag, Berlin W 15), die sich wegen ihrer zahlreichen wertvollen wisferrschastlichen Veröffentlichungen ständig zunehmender Beachtung und Wim

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